(de) FAU, direkte aktion: UND WIEDER ANDERE WEGE GEHEN… Ein Nachruf auf die anarchistische Zeitschrift Gai Dào. Von: Jonathan Eibisch

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So Sep 26 11:21:16 CEST 2021


Die Zeitschrift Gai Dào war mehr als nur das Presseorgan der Anarchistischen 
Föderation. In den 10 Jahren ihres Bestehens gab sie vielen Anarchist*innen und 
am Anarchismus Interessierten Einblicke in Theorie und Praxis, vermittelte Wissen 
über laufende Kampagnen und spannende Aktionen und ermöglichte 115 Ausgaben lang 
den Austausch unterschiedlichster Menschen und Projekte. Die Gai Dào war nicht 
nur ein Medium, das zum lustvollen Konsumieren einlud (und im Online-Archiv 
weiter einlädt). Sie bot Aktivist*innen auch die Möglichkeit, die Zeitung selbst 
mitzugestalten, sich durch Berichte, Analysen und subjektiv geprägte Beiträge in 
Debatten einzubringen und die eigenen Sichtweisen mitzuteilen. Über die Bedeutung 
und Reichweite von Gai Dào sowie über seine persönlichen Erfahrungen und 
Reflexionen über die eigene Sicht auf die anarchistische Szene schreibt für die 
Graswurzelrevolution Jonathan Eibisch. (GWR-Red.)

Mit der 115. Ausgabe im Juli 2021 wird die Zeitschrift der Föderation 
deutschsprachiger Anarchist*innen (FdA) nun nach zehn Jahren ihres Bestehens 
eingestellt. Dies ist eine Gelegenheit, einige persönliche Gedanken zu 
formulieren, um die Publikation und die damit verbundene Herangehensweise zu 
würdigen. Immerhin gibt es kaum anarchistische Zeitschriften, in denen 
überregionale Beiträge erscheinen und Artikel unkompliziert eingereicht werden 
können. Ich selbst habe die Gai Dào seit 5 Jahren meist mit gemischten Gefühlen 
gelesen und will mir nicht anmaßen, über das Projekt insgesamt zu urteilen. Wer 
noch nie etwas von der Gai Dào gehört hat und sich selbst einen Eindruck 
verschaffen möchte, der*dem empfehle ich das technisch sehr gut umgesetzte 
Archiv, in welchem alle Ausgaben digital und kostenlos heruntergeladen werden 
können.[1]
IN DEN FUSSSTAPFEN DER ANTI-AUTORITÄRE
Es muss um das Jahr 2012 herum gewesen sein, als mir ein Genosse in spe die Gai 
Dào auf einem grauen, hässlichen Platz in die Hand drückte. Es war die 
Lebensphase, in der ich mich selbst gezielter A-sozialisierte und begann, meine 
antiautoritären Reflexe, meinen spontaneistischen Aktionismus, meinen 
eigenwilligen Undogmatismus wie auch mein Interesse für theoretisches Denken mit 
Begriffen zu erfassen. Der Anarchismus, das sind die Freikirchen im 
Sozialismus... Ich blätterte also in der Gai Dào und erfuhr so vom 9. Kongress 
der IFA, der Internationale der anarchistischen Föderationen, der an dem 
traditionsreichen Schweizer Ort Saint-Imier stattfand. Dieses Treffen inspirierte 
zu dieser Zeit - wie ich vom Hörensagen später mitbekam - eine ganze Anzahl von 
Menschen. 140 Jahre zuvor wurde dort unter anderem unter der Federführung von 
Michail Bakunin und James Guillaume die Antiautoritäre Internationale gegründet, 
welche im Unterschied zur zentralisierten und auf Linie gebrachten 
Internationalen Arbeiterassoziation an den Prinzipien des Föderalismus, der 
Autonomie seiner Sektionen und einem libertären Sozialismus mit der Zerschlagung 
aller Herrschaftsstrukturen festhalten wollte.

Es schadet nicht, an diese und andere Geschichten zu erinnern und sich selbst 
womöglich in dieser Tradition zu verorten, denn nur wer die eigene Geschichte 
kennt, kann sich auf die Zukunft hin orientieren, im Hier und Jetzt handeln und 
andere Wege gehen, als sie uns Staat, Kapitalismus, Patriarchat, weiße 
Vorherrschaft und Naturbeherrschung nahelegen. Neben der regelmäßigen Lektüre von 
Indymedia erhielt ich damit also einen Einblick in eine überregional, ja 
international vernetzte Szene. Ich bekam einen Vorgeschmack darauf, dass es in 
vielen Städten der BRD und sogar weltweit Menschen geben musste, die meine 
(anti)politischen Vorstellungen, meine Herangehensweise an Organisationen und 
meine ethischen Werte teilten. Was sehr banal klingt, ist deswegen ein paar 
Zeilen wert, weil mir später immer bewusster wurde, wie wenig selbstverständlich 
derartige Zugänge sind, wie notwendig es ist, dass wir unsere Überzeugungen 
vermitteln, mit ganz unterschiedlichen Menschen ins Gespräch kommen und 
Schnittpunkte zwischen uns suchen.

In diesem Sinne ist die Gai Dào als ein ideologisch-weltanschauliches Projekt 
einer "Ideenorganisation" zu verstehen, zu der sich Anarch at -Syndikalist*innen 
bekanntermaßen gerne mit dem strategischen Argument abgrenzen, Gläubige könnten 
nicht an den realen Lebensverhältnissen ausgebeuteter und unterdrückter Gruppen 
andocken und sie nicht anhand ihrer eigenen Interessen organisieren, wie es der 
Anspruch autonomer Gewerkschaften ist. Dies ist verständlich, aber umgekehrt kein 
Argument gegen die Vermittlung von Grundlagenwissen über den Anarchismus, gegen 
das Abdrucken von Aufrufen, Berichten, mehr oder weniger ausgereiften eigenen 
antiautoritären Überlegungen oder Buchbesprechungen. Denn es gab und gibt sie, 
die diffuse ominöse anarchistische Szene, welche bald hier, bald dort in großen 
und kleinen Städten, bisweilen auch in ländlichen Gegenden auftaucht, einige 
Jahre ihre Wirkung entfaltet und dann einschläft, weiterzieht oder einfach wieder 
stiller wird. Die Gai Dào sollte das Medium der FdA sein und wurde diesem 
Anspruch in den ersten Jahren ihrer Existenz gerecht. Dass sie nun eingestellt 
wurde - zumindest bis sich ein eventuelles Nachfolgeprojekt gründet, welches 
jedoch sicherlich einen anderen Charakter aufweist -, sagt eher etwas über den 
Zustand und die Struktur der FdA aus als über ihre Zeitschrift. Auch wenn sie 
größtenteils als ein von ihr autonomes Projekt funktionierte.

AUF DER SUCHE NACH DEM MODERNISIERTEN ANARCHISMUS
Im Editorial der ersten Ausgabe wurde der Anspruch formuliert: "Mit diesem 
Zeitungsprojekt versuchen wir einen weiteren Schritt zu einer anarchistischen 
Föderation zu gehen. Darüber hinaus hoffen wir neben Zeitungen wie der 
Graswurzelrevolution und der Direkte Aktion und Internetportalen wie 
Syndikalismus.tk weiterführende Informationen zur aktuellen anarchistischen 
Bewegung geben zu können. Dabei bemühen wir uns über den Tellerrand des 
deutschsprachigen Raumes hinaus zu sehen - ob und wie uns das gelingen wird, 
hängt auch von eurer Mitarbeit ab. Gleichzeitig wollen wir perspektivisch auch 
Platz für theoretische Auseinandersetzungen bieten, denn immerhin sind viele 
unserer Gedanken schon mehr als 150 Jahre alt. Es gilt also sie an unserer 
alltäglichen Praxis zu prüfen und zu sehen ob sie noch Zeitgemäß sind und wie 
ggf. ein modernisierter Anarchismus im dritten Jahrtausend (nach unserer 
Zeitrechnung) aussehen könnte."[2]
In einiger Hinsicht erfüllte die Gai Dào meiner Ansicht nach diesen Anspruch und 
mauserte sich von einem Kleinprojekt zu einer immerhin in einer gewissen Szene 
bekannten Zeitschrift. Tatsächlich wurden erstaunlich viele Beiträge zur 
Situation der anarchistischen Szenen in anderen Ländern veröffentlicht. 
Regelmäßig gab es Berichte von Treffen und aus Gruppen, Informationen zu 
Kampagnen und Analysen von reaktionären Tendenzen. Insbesondere die Offenheit der 
Redaktion ermöglichte es zahlreichen Einzelpersonen, ihre anarchisierenden 
Gedanken zu formulieren und sich möglicherweise zum ersten Mal zu trauen, sie - 
meist unter Pseudonym - einem größeren, wenn auch ihnen unbekannten, Publikum 
vorzustellen. Gelegentlich gab es daraufhin Reaktionen, die jedoch nie die Form 
einer strukturierten Debatte annahmen. So etwas wäre allerdings sinnvoll gewesen, 
um dem Anspruch auf eine ernstzunehmende theoretische Auseinandersetzung 
gerechtzuwerden. Mehrere Beiträge zur anarchistischen Theorie, die unter anderem 
ich selbst in den letzten Jahren beisteuerte, mögen zwar informativ und ganz nett 
sein. Zu wirklichen produktiven Auseinandersetzungen, die eine tatsächliche 
Weiterentwicklung des anarchistischen Denkens ermöglicht hätten, kam es in der 
Gai Dào allerdings kaum.

SPIEGELBILD DER ANARCHISTISCHEN SZENE
Hierbei geht es nicht um die abstrakten Theoriebeiträge, in welchen sich viele 
orthodoxe Marx-Exeget*innen verlieren. Regelmäßige Beiträge dazu, wie bestimmte 
Ereignisse und Entwicklungen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aus 
anarchistischer Perspektive interpretiert und eingeschätzt werden - und somit 
eine gute Vermittlung zwischen Theorie und Praxis -, gab es ebenfalls selten. In 
diesem Zusammenhang hätte die Gai Dào eine Funktion einnehmen und eine Leerstelle 
füllen können, die in selbstorganisierten, antiautoritären Kreisen leider oftmals 
vorhanden ist. Bei vielen Genoss*innen scheint neben der nicht immer berechtigten 
Angst, den staatlichen Behörden unnötig Informationen zukommen zu lassen, zu 
gelten: Warum sollte ich (mit)teilen, was ich selbst erlebt habe? Doch diese 
Denkweise ist problematisch - zumindest wenn Menschen denken können und die Zeit 
zum Formulieren hätten. Denn anarchistische Perspektiven auf alle Bereiche und 
Fragen in der Gesellschaft zu entwerfen, ist eine Aufgabe, welcher sich 
Anarchist*innen widmen müssen, wenn sie eine gewisse Relevanz erhalten wollen.

Neben den begrenzten Kapazitäten der Redaktion besteht also auch ein Unwille 
vieler Anarchist*innen, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und zur Debatte zu 
stellen. Darüber hinaus führte allerdings auch ein krampfhaft aufrechterhaltener 
Undogmatismus dazu, dass die Gai Dào immer ein Flickenteppich verschiedenster 
Beiträge blieb. Persönlich fand ich das lange Zeit sehr sympathisch. Strategisch 
ist es so aber unmöglich, ein handelndes Subjekt zu konstituieren, es zu 
motivieren, zu seiner Bewusstseinsbildung beizutragen, über soziale Kämpfe 
systematisch zu reflektieren und damit auch Außenstehenden ein verständlicheres 
Bild davon zu vermitteln, worum es im Anarchismus geht. Doch dies ist meine 
übergroße Vorstellung davon, wie eine anarchistische Bewegung sein müsste und zu 
funktionieren hätte, mein nach wie vor vorhandenes Drängen nach Veränderungen, 
auch wenn es im Laufe der Jahre seine Ausdrucksformen verändert hat. Immer wieder 
begegnete ich Leuten, die viel Kritik anbringen konnten, die ich manchmal völlig 
daneben und manchmal absolut berechtigt und zutreffend fand. Gelegentlich sind 
mir Dinge peinlich, die einige Anarchist*innen tun. Dann schäme ich mich fremd, 
denn ich gehöre ja zu ihnen - auch wenn ich mir das nicht ausgesucht habe. Doch 
hier beißt sich die schwarze Katze in den Schwanz, denn wer Kritik übt, soll sich 
auch einbringen, etwas anpacken, etwas verändern wollen. Die Gai Dào bot dazu 
immerhin die Möglichkeit - genutzt wurde sie nur von wenigen. Und damit ist sie 
in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild der anarchistischen Szene selbst.

BEDEUTUNG UND REICHWEITE DER ZEITSCHRIFT
Interessant ist übrigens, dass nie klar war, wer und wie viele Personen die Gai 
Dào wirklich gelesen haben. Abgesehen von den für anarchistische Umtriebe 
zuständigen Verfassungsschutz-Beamt*innen, die sich mit ihr bilden, nie jedoch 
strafrechtlich relevante Dinge in Erfahrung bringen konnten. (Noch so ein heikles 
Thema, innerhalb wie außerhalb der Szene: Wenn sich Menschen öffentlich als 
Anarchist*innen zu erkennen geben und dazu stehen...) Auf der Homepage der Gai 
Dào ist zwar ein Zähler eingebaut, welcher die Printausgaben und die 
Online-Abrufe auflistet. Bei der 48. Ausgabe im Dezember 2014 erreichte dieser 
beispielsweise den höchsten Wert von 4.916 Downloads. Doch funktioniert der 
Zähler offensichtlich nicht richtig, weswegen sich über die Printausgaben hinaus 
keine Aussagen über die tatsächliche Anzahl der Leser*innen treffen lassen. Doch 
warum spekuliere ich an dieser Stelle über die Leser*innenschaft der Gai Dào? 
Macht es Gedanken oder Überzeugungen richtiger oder falscher, wenn sie zahlreiche 
Menschen oder nur ganz wenige lesen? Sicherlich streichelt es das Ego von 
Redakteur*innen und Autor*innen, wenn ersichtlich wird, dass ein größeres 
Interesse an der eigenen Arbeit und Leidenschaft besteht - doch ist dies nicht 
das wesentliche Antriebsmoment, ein derartiges Projekt zu verfolgen.

Klar ist, dass anarchistische Medien - im Rahmen, den sie aktuell ausschöpfen 
können - in Zukunft kontinuierlich, zuverlässig und mit anderen Medien verknüpft 
erscheinen müssen, wenn sie eine signifikante Reichweite und relevante Effekte 
erzielen wollen. Und in dieser Hinsicht verkörperte die Gai Dào den 
funktionierenden Versuch eines hybriden Projektes von Print- und Online-Format. 
Sofern Informationsaustausch, das Bedürfnis, abgehackte Pseudo-Debatten zu führen 
und einfach mal vor oft unbekannten Leuten aus ihrem*seinem Privatleben zu 
plaudern, durch die Möglichkeiten der sozialen Medien abgedeckt wird, scheint es 
logisch, dass ein zukünftiges anarchistisches Zeitschriftenprojekt hier einen 
anderen Weg gehen muss. Es wird sich an Personen richten, die sich bewusst mehr 
Zeit nehmen wollen - und daher zurecht auch mehr Tiefgang und Qualität erwarten. 
Die Erwartungen und Vorstellungen von Anarchist*innen und Sym-pathisant*innen aus 
verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Lebensphasen und Erfahrungen in der 
(Anti)Politik zu bedienen, bleibt dabei ein Spagat. Und dieser wird noch mal 
größer, wenn ein Synthese-Ansatz verfolgt wird, in dem sich verschiedene 
Strömungen und Gruppen wiederfinden können - was keineswegs bedeutet, dass sie 
alles hundertprozentig teilen müssen, aber dass sie bereit dazu sind, sich andere 
Positionen anzuhören und in die Debatte einzutreten, die erforderlich ist, um 
unser Denken und Handeln weiter zu entwickeln. Sicherlich ist dies ein großer 
Anspruch. Aber es waren und sind nie unsere großen Ansprüche, die "falsch" und 
"unrealistisch" sind und an denen wir scheitern - sondern die Weisen, wie wir mit 
ihnen umgehen.

Dieser Text erschien zuerst in der Graswurzelrevolution Ausgabe 461 von September 
2021, bestellbar hier. 
https://www.graswurzel.net/gwr/category/ausgaben/461-september-2021/

https://direkteaktion.org/und-wieder-andere-wege-gehen/


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