(de) la banda vaga: Online-Workshop "Thesen zum Islamismus"

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Di Jan 26 08:44:13 CET 2021


Zum ersten Mal live in diesem Internet: Unser Vortrag zum Islamismus. ---- Am 
nächsten Donnerstag, 28.01. um 19:30 Uhr auf Einladung der Falken Weimar. 
Aktuelle Infos zur Veranstaltung gibt es hier. ---- Und hier zum Nachlesen: 
Thesen zum Islamismus bei Kosmoprolet.org. ---- Thesen zum Islamismus ---- 01. 
Oktober 2018 ---- Von  ---- LA BANDA VAGA ---- Seit den Terroranschlägen von 
Al-Qaida am 11. September 2001 und der Schreckensherrschaft des Islamischen 
Staats (IS) im Irak und in Syrien ist der Islamismus auch im Westen zu einem 
Dauerthema der politischen Auseinandersetzung geworden. Längst hat der bärtige 
Islamist den bösen Russen als zentrales Feindbild im Hollywood-Kino abgelöst, und 
kaum ein Abend vergeht, an dem nicht in einer Talkshow über die weltpolitische 
Bedrohung durch den islamistischen Terror diskutiert wird. Die journalistische 
und wissenschaftliche Flut an Interpretationen und Theorien ist kaum noch zu 
überschauen, lediglich brauchbare materialistische Analysen tauchen wenn 
überhaupt nur vereinzelt auf. Darum erscheint es uns dringend notwendig eine 
linke Debatte über das Wesen des Islamismus und den Umgang damit in Gang zu setzen.

Die folgenden Thesen stellen unseren vorläufigen Diskussionsstand zum Thema 
Islamismus dar. Sie verstehen sich als historisch-materialistische Analyse, die 
den Islamismus durch einen Blick auf seine Geschichte und seine sozialen, 
politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu verstehen versucht. Dieser 
Ansatz führt unseren Blick nicht nur, aber in starkem Maß, auf den Iran. Mit 
dessen "islamischer Revolution" bzw. korrekterweise Konterrevolution betrat der 
Islamismus im Jahr 1979 zum ersten Mal als eigenständige Macht die Weltbühne. Als 
einflussreiches "Erfolgsmodell" des Islamismus bildet er trotz aller (nicht 
zuletzt konfessionellen) Differenzen auch eine Wurzel für den gegenwärtigen 
Terror und die Staatsbildungsversuche des IS. Die islamische Konterrevolution im 
Iran ist darüber hinaus auch Beispiel der Verwandlung des bewegungsförmigen 
Dschihadismus in ein islamistisches Staatsprojekt. Diese Fokussierung auf den 
Iran soll jedoch nicht über die Bedeutung von mit dem Westen verbündeten Regimen 
hinwegtäuschen. Gerade Saudi-Arabien - einer der wichtigsten Partner der 
Bundesrepublik und der USA im Nahen-Osten - war und ist ein zentraler Akteur bei 
der Finanzierung islamistischer Organisationen weltweit.1

Eine Bewegung ist dementsprechend erst dann islamistisch, wenn sie den Anspruch 
hat eine alternative Wirklichkeit zu den bestehenden Verhältnissen zu schaffen, 
die sozialen Strukturen, kulturellen Normen und ökonomische Basis der 
Gesellschaft weitgehend entsprechend islamistischen Doktrinen umzugestalten.

Dabei verstehen wir den Islamismus nicht einfach als eine besonders rigide oder 
gewaltsame Lesart des Islam. Schon gar nicht ist der Islamismus ein archaisches 
Überbleibsel, ein Rückgriff auf das Mittelalter. Ganz im Gegenteil sehen wir im 
Islamismus vielmehr ein modernes Phänomen, das versucht auf reale und scheinbare 
Fehlentwicklungen des kapitalistischen Weltsystems zu reagieren. Eine Bewegung 
ist dementsprechend erst dann islamistisch, wenn sie den Anspruch hat eine 
alternative Wirklichkeit zu den bestehenden Verhältnissen zu schaffen, die 
sozialen Strukturen, kulturellen Normen und ökonomische Basis der Gesellschaft 
weitgehend entsprechend islamistischen Doktrinen umzugestalten. In diesem Sinne 
muss der Islamismus als Antwort auf die allumfassenden Wandlungserscheinungen der 
kapitalistischen Entwicklung selbst totalitär sein. Ein aktuelles Beispiel eines 
solchen idealtypischen Islamismus ist der IS. Viele Bewegungen und Parteien sind 
jedoch Mischformen zwischen islamistischen und autoritär-islamischen Elementen. 
So lassen sich bei der türkischen AKP sicherlich islamistische Tendenzen 
beobachten, allerdings spielt der Islam dabei nur die Rolle einer ideologischen 
Säule neben anderen und steht nicht kategorisch über allen anderen Interessen. 
Anders als bespielsweise im Iran, wo auch die Judikative den islamistischen 
Rechtsgelehrten - den Mullahs - untersteht. Diese Beschreibung des Islamismus als 
moderne Bewegung, welche die Verhältnisse in ihrer Totalität umzustürzen 
versucht, meint jedoch nicht, dass wir in ihn irgendeine revolutionäre Hoffnung 
setzten. Der Islamismus ist, als menschenverachtende, reaktionäre Antwort auf die 
Verhältnisse, die Inkarnation der Konterrevolution. Das wollen wir im Folgenden 
mit unseren Thesen belegen:

1. Der Islamismus ist ein Phänomen der kapitalistischen Krise. So fällt der 
Aufstieg des Islamismus in den Kontext der Weltwirtschaftskrise von 1929. Die 
erste bekannte und bis heute relevante islamistische Bewegung, die 
Muslimbruderschaft, gründete sich zwar schon 1928, gewann aber erst im 
Zusammenhang mit der Krise an Bedeutung. Auch die spätere Renaissance des 
Islamismus mit dem Höhepunkt der "Islamischen Revolution" im Iran 1979 findet in 
den siebziger Jahren parallel mit dem erneuten weltweiten Kriseneinbruch statt. 
Und auch heute, nach der erneuten Zuspitzung der Krise seit 2007, expandiert der 
Islamismus als reaktionäre Antwort auf diese Krise und richtet sich gegen die 
Moderne, die Aufklärung und alle linken Ideen als vermeintliche Ursachen der Krise.
Eng verknüpft ist dies mit antisemitischer Propaganda. Der grassierende 
Antisemitismus in Frankreich infolge der Dreyfuss-Affäre erreichte schon Ende des 
19. Jahrhunderts auch die Kolonien, wo vor allem arabische Christen Übersetzungen 
antisemitischer Texte ins Arabische verfassten und publizierten2. Das europäische 
Exportgut des modernen Antisemitismus wurde mit antijudaistischen Ideen der 
Koranauslegung verknüpft und so zu einem wichtigen Bezugspunkt für die 
Muslimbruderschaft und alle weiteren islamistischen Gruppen. Der Hass auf Juden 
war so auch vor der Gründung des Staats Israel wichtiger Bestandteil 
islamistischer Gruppen. Schuld an allem Elend seien demnach nicht die 
Produktionsverhältnisse, so der Tenor, sondern verborgene Strippenzieher der 
westlichen Moderne, die man mit Jüdinnen und Juden, Linken und allen progressiven 
Kräften identifizierte. Die islamistischen Organisationen können mit diesen 
personalisierten Krisenerklärungen gerade dann Zulauf gewinnen, wenn die 
Verelendung im Zuge der kapitalistischen Modernisierung zunimmt.
Da die aktuelle kapitalistische Krise jedoch weder nur ein vorübergehendes noch 
ein zu begrenzendes Phänomen, sondern systemischen Ursprungs ist, lässt sich 
nicht davon ausgehen, dass der Islamismus als reaktionäre 
"Krisenlösungsstrategie" wieder an Attraktivität verliert. Es muss also nicht nur 
der Islamismus, sondern es müssen auch die Ursachen der Krise bekämpft werden, um 
gegen die islamistische Gefahr erfolgreich sein zu können.

2. Der Islamismus ist ein Phänomen des Scheiterns der sogenannten nachholenden 
kapitalistischen Entwicklung. Er ist also ein genuin modernes Phänomen, das in 
reaktionärer Weise auf die destruktiven Pathologien des kapitalistischen 
Weltsystems antwortet. Hierauf verweisen auch die Entwicklungen im Iran. Dieser 
erlebte in den 1950er bis 1960er Jahren eine rasante Kapitalisierung, die 
letztlich jedoch nur einer kleinen Oberschicht um den Schah zu Reichtum verhalf. 
Der Schah schaffte es nicht die breite Masse der Bevölkerung über eine 
Integration in das System zu befrieden und hielt seine Herrschaft mit westlicher 
Unterstützung fast gänzlich mit Hilfe eines Gewaltapparats aufrecht. Im Iran 
wurde durch die Kapitalisierung der Gesellschaft zwar tendenziell "alles 
Ständische und Stehende verdampft", jedoch erfüllte sich das Versprechen der 
hochindustrialisierten Nationen des Nordens, die "Welt nach ihrem eigenen Bilde" 
zu formen, dort nicht. Das heißt nicht, dass die Modernisierung im Sinne des 
kapitalistischen Weltsystems scheiterte - der Iran funktionierte als 
Rohstoff-Lieferant und Absatzmarkt durchaus - vielmehr sind die damit 
einhergehenden integrativen Versprechungen des Kapitalismus nicht erfüllt worden. 
In ähnlicher Weise verhielt es sich mit den arabischen staatssozialistischen 
Regimes in Syrien, Libyen, Ägypten und Algerien: Allesamt scheiterten sie daran 
einen Prozess der Hochindustrialisierung in Gang zu setzen. Eine "Entwicklung" im 
Sinne einer Integration der dortigen Bevölkerung über die Verheißungen des 
Konsums ist in Zeiten permanenter kapitalistischer Krise deshalb auch langfristig 
nur schwer vorstellbar. Die sogenannte Unterentwicklung großer Regionen des 
politischen Südens ist genauso Teil des kapitalistischen Weltsystems wie der 
relative Wohlstand in den Zentren. Nicht zuletzt angesichts dieser strukturellen 
Desintegration entdeckten viele Staaten des Nahen Ostens den Islam als 
integrative Kraft, um die gesellschaftlichen Probleme wenn schon nicht zu lösen, 
so doch ideologisch zu überdecken.

3. Der Islamismus ist ein Phänomen der Ausweitung der "Überschuss-Bevölkerung"3. 
Die Klassenstruktur der meisten islamistischen Bewegungen wird durch das 
klassenübergreifende Bündnis aus einzelnen Protagonisten des Kapitals, Teilen der 
Mittelschicht und einer großen Anzahl an (städtischen) Armen gekennzeichnet. 
Hierbei treten erstere meist als Geldgeber*innen und nur selten als 
Aktivist*innen  in Erscheinung.  Die Kader und besonders fanatischen Mitglieder 
entstammen dahingegen oft der Mittelschicht, während die große Masse der Bewegung 
aus den zum Teil nur temporär mobilisierbaren  verarmten Massen besteht.

Als die staatssozialistischen Entwicklungskonzepten unter Mohammed Mossadegh im 
Iran 1953 durch einen von der CIA unterstützten Putsch beendet wurden, kam es 
unter dem nun erneut an die Macht gelangten prowestlichen Schah-Regime zu einer 
brutal durchgeführten Modernisierung inklusive antifeudaler Agrarreform. Dies 
führte in den 1960er und 70er Jahren zur Freisetzung großer Teile der 
Landbevölkerung, welche jedoch nur zu einem kleinen Teil Arbeit in den neu 
entstandenen Fabriken fanden4. Es entstand eine urbane Massenarmut in Slums. 
Diese meist jungen, städtischen Armen sollten später eine der zentralen Stützen 
des islamistischen Umsturzes werden5. Das Fußvolk der Islamist*innen rekrutiert 
sich aus dem riesigen Heer der für das Kapital Überflüssigen. Für weite Teile der 
Bevölkerung gibt es keine Perspektive in einer Region, in der jegliche 
kapitalistische Entwicklung mit einem gewissen Wohlstandsniveau gescheitert ist. 
Der vermeintlich westliche Kapitalismus hat nichts mehr zu bieten, genauso wenig 
wie die etatistische Linke; somit bleiben als Hoffnung und Utopie oft nur die 
islamistischen Versprechen. Beim Sturz des Schahs im Iran waren es zwar die 
Geistlichen und ein Teil der Mittelschicht, welche die islamische Elite stellten, 
gleichzeitig waren es aber vor allem die Massen der Abgehängten?? aus den Slums, 
welche die islamistische Konterrevolution unter großem Blutzoll letztendlich 
durchsetzten.

Das Zustandekommen dieses Klassenbündnisses aus Mittelschicht, Intellektuellen 
und Geistlichen einerseits, sowie der großen Zahl aus städtischen Armen, kann 
auch durch die gezielte karitative Ausrichtung der islamistischen Bewegungen 
verstanden werden. Oftmals stellen die von Islamist*innen betriebenen 
Suppenküchen und Nahrungsmittelausgaben  die einzige Möglichkeit für die verarmte 
urbane Bevölkerung dar ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Vor allem in Ägypten 
füllt die Muslimbrüderschaft gerade jene Lücke, die der Staat mangels Sozialhilfe 
offen lässt. Auch im Bildungssektor, der von staatlicher Seite in vielen 
muslimischen Staaten sehr selektiv vor allem Kindern der Mittel- und Oberschicht 
zugänglich ist, schaffen es islamistische Bewegungen über Koranschulen Kinder der 
Unterschicht für ihre Sache zu gewinnen - denn diese Koranschulen stellen häufig 
die einzigen Institutionen dar, in denen Kinder des Surplus-Proletariats lesen 
und schreiben lernen können. Schließlich fungieren Moscheen in vielen 
diktatorischen Systemen, wie dem Irak Saddam Husseins, dem Iran unter dem Schah 
oder dem syrischen Assad-Regime, als einziger Ort, an dem Kritik an den 
Machthabern geäußert werden konnte und kann. Gerade hier in den Moscheen 
schafften es radikal-islamistische Geistliche die Kritik an den Regimen in die 
Bahnen eines Dschihad zu lenken und die Gläubigen zu radikalisieren. Insofern 
stellen viele Moscheen, neben den Koranschulen und karitativen Projekten, die 
Brücken dar, über welche das islamistische Klassenbündnis errichtet wird6.

Der Islamismus ist ein Phänomen der Niederlage der Linken.

Dieses Klassenbündnis zeichnet auch die Strukturen des IS aus, der sich als 
Projekt der solidarischen Religionsgemeinschaft versteht. Dass prozentual 
gesehen, die meisten ausländischen Rekruten lange Zeit aus dem krisengebeutelten 
Tunesien kamen, überrascht nicht. Bei ihnen handelte es sich um junge arbeitslose 
Männer, welche sich im Kontext des politischen Aufstiegs und Fall der 
Ennahda-Bewegung radikalisierten und nun nach einem direkten Betätigungsumfeld 
suchen. Die offizielle Jugendarbeitslosigkeit lag bei über 40% (2016) und gerade 
bei den männlichen Jugendlichen scheint sich vermehrt das zynische Bild 
durchgesetzt zu haben, man habe lediglich zwischen einer Flucht nach Europa oder 
dem IS zu wählen. Indem der IS seinen Rekruten regelmäßige gesicherte 
Monatsgehälter versprach, stellte er für viele junge Tunesier einen realen Ausweg 
aus der Perspektivlosigkeit dar. Im Gegensatz zu dem eher elitären wie exklusiven 
terroristischen Netzwerk al-Qaida adressiert der IS als Bewegung und junges 
Staatsprojekt ''alle'' Sunnit_innen und überdies gezielt jene, welche aufgrund 
von Perspektivlosigkeit, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung neuen Halt suchen. 
Zugleich bietet er, anders als al-Qaida, ein konkretes Handlungsfeld an: der 
direkte Kampf und Staatsaufbau in Syrien und im Irak7.

4. Der Islamismus ist ein Phänomen der Niederlage der Linken. Damit ist zweierlei 
gemeint: Erstens, dass der Aufstieg des Islamismus seit den 1970er Jahren nur 
vonstatten gehen konnte, weil es gleichzeitig zu einer globalen Schwächung linker 
oder sich als links verstehender Bewegungen kam. Schon zu Zeiten des Sturzes des 
Schahs im Iran hatten die noch ein Jahrzehnt davor so virulenten sozialistischen 
Vorstellungen aus verschiedenen Gründen an Ausstrahlungskraft verloren. Piran 
Azad etwa, der an der iranischen Revolution beteiligt war, antwortete in einem 
Interview mit der ak auf die Frage, warum die Islamist*innen so einflussreich 
werden konnten: "Außerdem war die sozialistische Perspektive durch die Politik 
der Sowjetunion und der Volksrepublik China, die nationalistische Strömung durch 
die korrupten Staaten im Nahen Osten diskreditiert."8 In das Vakuum, das die 
Linke seit den 1970er Jahren weltweit hinterlassen hat, stieß der Islamismus 
hinein, weil er sich als vermeintliche einzige kämpferische Alternative zum 
Kapitalismus ausgeben konnte.

Zweitens ist auch regional zu beobachten, dass auf den Niedergang linker 
Bewegungen im arabischen Raum oft islamistische Bewegungen folgten. Ein Beispiel 
dafür ist die zumindest nominell "sozialistische" PLO in Palästina, die seit 
Mitte der 1960er Jahre über zwanzig Jahre lang einen Alleinvertretungsanspruch 
für die Palästinenser*innen aufrechterhalten konnte. Ab Ende der 1980er Jahre 
hingegen musste die PLO ihren Einfluss mehr und mehr an die islamistische Hamas 
abtreten, wodurch es parallel zu einer "Islamisierung" der 
Palästinenser*innenfrage kam.

Zugleich dominiert in vielen Teilen der islamistischen Bewegungen die bis dato 
"linke" Rhetorik des antikolonialen/antiimperialistischen Kampfes. So wurde der 
IS in seiner hauseigenen Publikation ''Dabiq'' nicht müde zu betonen,  dass er 
sich selbst als vermeintlicher erfolgreicher Gegner westlicher 
Militärinterventionen und der in dessen Zuge ausgelösten humanitären Katastrophen 
begreift. Indem dort die westlichen Staaten durchweg als Kreuzritter (crusaders) 
angesprochen werden, zeichnet der IS ein Bild des Clash of Culture oder eines 
Religionskrieges. Der IS versteht sich daher unter anderem als Reaktion auf die 
sogenannte Tyrannei der "Ungläubigen", des imperialistischen Westens,  und daher 
als Kämpfer für die Belange der Unterdrückten und geknechteten Muslime: "??Any 
disbeliever standing in the way of the Islamic State will be killed, without pity 
or remorse, until Muslims suffer no harm and governance is entirely for Allah."9 
Die Anschläge nehmen aus dieser Binnenperspektive den Charakter eines 
"Befreiungskampfes" an, einer Selbstermächtigung, eines Empowerments gegen die 
kapitalistische Moderne, welcher bisher vor allem eine "linke" Position darstellte.

Auch wenn wir den Islamismus für die wesentlich schlimmere Alternative halten, 
geht es uns mit dieser These nicht darum, die "antiimperialistischen" Bewegungen 
der 1970er Jahre  nachträglich zu glorifizieren. Viele dieser Bewegungen waren 
nationalistische Entwicklungsdiktaturen oder wären es geworden, sobald sie an die 
Macht gelangt wären, und trugen auch in anderer Hinsicht reaktionäre Züge. 
Dennoch ging vom Versprechen einer sozialistischen Zukunft in diesen Ländern eine 
emanzipatorische Hoffnung aus, deren Verschwinden heute ein politisches Vakuum 
hinterlässt, das durch den vollends reaktionären Islamismus "ausgefüllt" wird.

Wo islamistische Kräfte an Einfluss gewinnen, werden Frauenrechte, wenn 
vorhanden, untergraben und durch eine patriarchale Gesellschaftsordnung ersetzt

5. Der Islamismus ist ein patriarchales Projekt.
Sowohl ideologisch als auch funktional repräsentiert der Islamismus eine 
reaktionäre Geschlechterideologie. Ideologisch verspricht er autoritären 
Charakteren psychische Stabilität durch die freiwillige und lustvolle 
Unterordnung unter ein rigides System patriarchaler Werte.

Insbesondere jungen Männern, die zu traditionellen Ernährern erzogen wurden und 
in der Realität deklassiert und perspektivlos einer Entwertung ihrer 
Lebensentwürfe entgegenblicken, bietet der Islamismus ein Gefüge, das ihnen das 
Gefühl des Scheiterns durch das des Triumphs zu ersetzen verspricht. In seinen 
Bewegungsphasen bedient der Islamismus das Bedürfnis autoritärer Persönlichkeiten 
nach einer konformistischen Rebellion. Die "unsislamische" Herrschaft der 
"verwestlichten" Regierungen soll durch eine "göttliche Ordnung" ersetzt werden, 
der sich die Islamist_innen lustvoll unterwerfen können. In islamistischen 
Regimen, wie im Iran, exitiert dieses rigide-gesellschaftliche System bereits. 
Dieses verspricht seinen Anhänger_innen Sicherheit in einer als verunsichernd 
empfundenen Welt. Dem sadomasochistischen Charakter (Fromm) wird dort Rechnung 
getragen, in dem die Einzelnen sich dort einerseits einer strikten Hierarchie 
unterwerfen können und andererseit gegen Menschen vorgehen dürfen, die sich 
"unislamische" verhalten, indem sie etwa das Kopftuch nicht korrekt tragen. So 
kann sich der Islamismus als radikale Alternative zur kapitalistisch-liberalen 
Moderne präsentieren, indem er "fundamentalistisch" auf die Verunsicherungen 
reagiert, die mit gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen einhergehen.

Der Islamische Staat im Irak und in Syrien ist heute die äußerste Form dieser 
Politik gewordenen "??Männerphantasie" (Theweleit): Dort werden junge Männer 
durch die Erwartung rauschhafter Gewaltorgien im Kampf gegen die "Ungläubigen" 
ebenso angelockt wie gar durch die Aussicht auf ungestrafte Vergewaltigungen oder 
Versklavungen von Frauen. Mag es sich dabei um ein Maß an Hass und Zerstörungswut 
handeln, das nicht alle islamistischen Bewegungen anpreisen oder überhaupt 
offiziell gutheißen, so ist es doch eine mögliche Folge einer autoritären 
Triebunterdrückung und Negierung der eigenen Lust, die allen patriarchalisch 
auftretenden Bewegungen gemein ist.

Obwohl Frauen im Islamismus in noch größerem Maße zur Selbstkontrolle gezwungen 
sind, kommt ihnen kein ähnliches Versprechen zu. Frauen haben in diesem System 
also eigentlich nichts zu gewinnen. Sie beteiligen sich mitunter aber trotzdem 
daran, weil sie zumindest psychisch vom Ordnungsversprechen des Islamismus 
profitieren, das ihnen einen festen Platz in der Weltordnung zuweist und dadurch 
Orientierung bietet. So machen Frauen laut BKA immerhin ein Fünftel der aus dem 
Westen Rekrutierten aus.

Wie viel sie dabei zu verlieren haben, zeigt gleichwohl ein Blick auf die 
geschlechterpolitischen Maßnahmen im Einflussbereich islamistischer Kräfte. Die 
frauenverachtende Praxis des Islamischen Staats mit Vergewaltigung und Sklaverei 
bedarf hier keiner weiteren Ausführung. Im Iran, der in dieser Hinsicht 
angesichts der großen Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben noch oft als 
besonders fortschrittlich angeführt wird, wurden nach der Revolution Maßnahmen 
zur Geschlechtertrennung eingeführt, insbesondere die allgemeine Kopftuchpflicht. 
Islamistisch motivierte Säureattacken auf unverschleierte Frauen wurden zuvor 
stark in der Öffentlichkeit thematisiert, um die Bereitschaft zur freiwilligen 
Unterordnung durch Angst zu fördern und finden noch heute regelmäßig statt, ohne 
scharf geahndet zu werden. Während das Kopftuch vor und während der Revolution 
auch von nichtmuslimischen Frauen freiwillig als Widerstandssymbol getragen 
wurde, machte es der neue Iran zur erdrückenden Pflicht. Dass Frauen im Iran in 
vielen gesellschaftlichen Sphären aufsteigen können, sollte nicht darüber 
hinwegtäuschen, dass dies im Rahmen des Wohlgefallens des Revolutionsführers 
geschieht und jederzeit zurückgenommen werden kann. Wo sich Frauen im Iran nicht 
an die Kleiderordnung und die Benimmregeln der islamistischen Führung halten, da 
können sie sich so wenig in der Öffentlichkeit bewegen wie in Saudi-Arabien oder 
anderswo.

Wo islamistische Kräfte an Einfluss gewinnen, werden Frauenrechte, wenn 
vorhanden, untergraben und durch eine patriarchale Gesellschaftsordnung ersetzt. 
Die Männerphantasien der Islamisten auf der einen Seite und die Entrechtung der 
Frauen auf der anderen gehören unauflöslich zusammen.

6. Der Islamismus wurde durch das Scheitern des arabischen Frühlings gestärkt. 
Zunächst waren die Proteste des sog. "Arabischen Frühlings" nicht islamistisch 
geprägt, sondern hatte eine explizit säkulare, bzw. soziale Stoßrichtung. In 
Ägypten haben die Muslimbrüder ihren Mitgliedern anfangs sogar verboten an den 
Protesten gegen das Mubarak-Regime teilzunehmen, erst als ihre Jugendorganisation 
das Verbot ignorierte und das gesellschaftliche Ausmaß der Proteste klar wurde, 
beteiligten sich auch die Muslimbrüder. Nach dem Sturz des Diktators kamen ihnen 
ihre unter Mubarak etablierten Strukturen zugute und ebenso die Fokussierung auf 
Wahlen, so dass sie den Schwung der Bewegung nutzen konnten um an die Macht zu 
gelangen. Die ursprüngliche Protestbewegung und deren Inhalte wurden dagegen von 
ihnen bekämpft. So gab es etwa massive organisierte Übergriffe gegen Frauen auf 
dem Tahrir-Platz, als Reaktion auf die in der Revolte erkämpften Freiheiten. Die 
ägyptischen Islamist*innen sind Konterrevolutionäre, die aber die revolutionäre 
Stimmung gegen die Mubarak-Diktatur ausnutzen konnten. Ähnliches gelang auch den 
Islamist*innen in anderen arabischen Ländern, wie in Syrien und auch schon in der 
Vergangenheit, etwa bei den im Zuge der IWF-Strukturprogrammen ausgebrochenen 
Food-Riots 1988 in Algerien.

Gerade der große Zustrom desillusionierter und radikalisierter junger Männer zum 
IS kann ohne das Scheitern des arabischen Frühlings nicht ausreichend erklärt 
werden. So bedeutete einerseits die Zuspitzung der Proteste in Syrien zum 
Bürgerkrieg ein neues Betätigungsfeld für den IS und zugleich vermochte er die 
diskriminierten sunnitischen Bevölkerungsteile für seinen anti-schiitischen Kampf 
zu gewinnen. Überdies schuf das Scheitern der Proteste und die damit verbundene 
Desillusionierung weiteren Nährboden für die fortschreitende Expansion des IS ab 
2013 im Irak wie in Ägypten, Tunesien und Libyen. In Hinblick auf letzteres zeigt 
sich gegenwärtig, dass die an NATO-Offensiven beteiligten Staaten nicht etwa 
Verantwortung für das hinterlassene Machtvakuum übernehmen und die, nicht zuletzt 
dadurch zur Flucht gezwungenen, Menschen aufnehmen. Im Gegenteil entblödet sich 
beispielsweise die BRD nicht, auch noch "Grenzdeals" mit autoritär geführten 
Staaten abzuschließen, aus deren Flüchtlingslagern von Folterungen und übelsten 
Bedingungen berichtet wird.

7. Der Islamismus ist ein Mittel imperialistischer Machtpolitik. Die 
Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran etwa benutzen ihre Auslegung des Islams 
(Sunna vs. Schia) immer auch als Mittel zur geostrategischen Hegemoniebildung in 
der Region. Dabei stellen beide Konkurrenten ihre Koranauslegung als die einzig 
wahre dar und bezichtigen ihren Gegenspieler der Abweichung. Dies führt zu 
ständigen Konflikten, von der jährlichen Wallfahrt nach Mekka bis hin zu 
kriegerischen Auseinandersetzungen wie derzeit in Syrien und im Jemen, wo die vom 
Iran finanzierten schiitischen Huthi-Rebellen gegen die sunnitische Regierung, 
unterstützt durch eine von Saudi-Arabien geführte Koalition, kämpfen.
Nach der Festigung des islamistischen Regimes im Iran begann dessen Führung, sich 
außenpolitisch gegen den Irak und Saudi-Arabien zu richten - der "Heilige Krieg" 
diente in diesem Konflikt als Begründung und Legitimierung dieser 
geostrategischen Interessen. So wurde etwa der irakische Machthaber Saddam 
Hussein in der feindlichen Propaganda als "Ungläubiger" diskreditiert und 
reagierte darauf seinerseits mit einer ideologischen "Islamisierung" seiner 
Herrschaft. Beispielhaft dafür ist die Veränderung der irakischen Staatsflagge: 
seit dem zweiten Golfkrieg steht im Mittelstreifen der Flagge "Allahu Akbar" 
geschrieben, anscheinend in der Handschrift Saddam Husseins persönlich - so die 
offizielle Staatspropaganda unter Hussein. Ein anderes Muster der "Islamisierung" 
politischer Konflikte ließ sich am Vorabend des syrischen Bürgerkriegs 
beobachten: Dort versuchte der syrische Machthaber Assad, regierungsfeindliche 
Organisationen gezielt von außen zu "islamisieren" (etwa durch General-Amnestien 
für Islamist*innen), um sie anschließend umso besser als islamistische und damit 
terroristische Organisationen bekämpfen zu können. Auch die Unterstützung des IS 
und anderer islamistischer Organisationen durch die Türkei stellt eine 
geostrategische Politik der regionalen Machtausweitung durch gezielte 
Instrumentalisierung des Islamismus dar. All diese Beispiele verdeutlichen, dass 
islamistische Bewegungen trotz ihrer Eigendynamik immer auch in imperialistische 
Politik und die Dynamiken der Staatenkonkurrenz eingebettet sind.

8. Der Islamismus wurde und wird durch das Vorgehen des Westens gestärkt. Eine 
der Hauptlegitimationen und Attraktionen des Islamismus ist dessen "Widerstand 
gegen den Westen". Dies geschieht sowohl auf ideologischer Basis (Kampf gegen die 
"westliche Dekadenz"), als auch ganz praktisch im Kampf gegen westliche 
Besatzung, wie im Irak oder Afghanistan oder durch westliche Militärpräsenz, wie 
etwa in Saudi-Arabien. Diese Militärpräsenz nahe der "heiligen Städte" spielte 
ideologisch für die Entstehung Al Quaidas eine sehr bedeutende Rolle. Der 
islamistische Widerstand wurde und wird allerdings auch durch das Vorgehen der 
westlichen Staaten selbst befördert. Dabei ist es noch nicht einmal nötig bis auf 
die Geschichte des Kolonialismus zurückzugehen, in der sich natürlich auch 
zahlreiche Beispiele finden lassen, es genügt ein Blick in die letzten 
Jahrzehnte. Die brutalen Kriege im Mittleren Osten unter Beteiligung westliche 
Militärallianzen haben zu großer Verbitterung innerhalb der Bevölkerung geführt. 
Von grausamen Folterzentren, wie in Abu Ghuraib über das skrupellose Vorgehen 
privater "Sicherheitsfirmen" bis zur einseitigen Unterstützung korrupter 
Kriegsherren hat sich der Westen dort nicht mit Ruhm bekleckert. Das Ergebnis der 
kriegerischen Auseinandersetzungen sind verwüstete Regionen und sog. failed 
states, wie Libyen, Somalia und Teile des Iraks und Afghanistans, in denen die 
Islamisten ihre Gegenherrschaft etablieren können. Doch auch eine direkte 
Unterstützung islamistischer Gruppen, wenn es in das strategische Konzept passte, 
wurde von westlichen Staaten gewährt. Das bekannteste Beispiel in diesem 
Zusammenhang ist natürlich die Förderung der Mujaheddin in Afghanistan im Kampf 
gegen die Sowjetunion. Aus diesen Strukturen entstand dann nach dem Abzug der 
Roten Armee das Terrornetzwerk Al Quaida. Wer deshalb seine Hoffnung im Kampf 
gegen den Islamismus auf den aufgeklärten Westen setzt, scheint zumindest unter 
historischer Kurzsichtigkeit zu leiden.

9. Der Islamismus ist eine reaktionäre Bewegung, die sich explizit gegen alle 
Ideen einer emanzipatorischen Politik richtet. Jedwedes Bündnis mit 
islamistischen Kräften, und sei es noch so strategisch, verbietet sich damit für 
eine emanzipatorische Linke. In der iranischen Revolution verbündete sich die 
iranische Linke im Zuge einer Art "Volksfront" mit der islamistischen Bewegung, 
um mit ihr gemeinsam gegen den Schah zu kämpfen. Kaum war dieser gestürzt, wurden 
sie selbst zu Opfern der Islamist_innen, von denen sie nicht nur politisch, 
sondern auch physisch niedergeschlagen wurden: So wurde nicht 1979, das Jahr des 
Sturzes des Schah-Regimes, sondern 1982 das blutigste Jahr der Revolution, als 
die Islamist_innen ihre linken ehemaligen Verbündeten massenhaft ermordeten. Eine 
Verharmlosung des Islamismus aus Angst, die antimuslimischen Rassismus im Westen 
zu stärken und zu befördern, ist vor diesem Hintergrund ebenso fehl am Platz wie 
die "antiimperialistische" Verklärung des Islamismus zu einer 
antikapitalistischen Bewegung, wie sie zumindest in Teilen der Linken bis heute 
anzutreffen ist. Einschätzungen, die im Iran den "Schiiten-Sozialismus der 
Khomeinisten" erblickten (so etwa die Redaktion der Zeitschrift "Autonomie"), 
mögen, aufgrund der schlechten Informationslage, zumindest im Jahr 1979 noch 
halbwegs erklärbar gewesen sein; wer aber auch im Jahr 2016 noch zum 
"(kritischen) Dialog mit Islamisten" aufruft, weil "moderate islamistische 
Akteure und Linke gerade in Fragen sozialer Gerechtigkeit durchaus gemeinsame 
Werte" hätten (wie es im Klappentext einer Publikation der Rosa-Luxemburg 
Stiftung unter dem Titel "Dialog mit dem Islam II" heißt), kann sich beim besten 
Willen nicht mehr auf Unkenntnis berufen, wenn er oder sie den Islamismus zu 
einer Bewegung für soziale Gerechtigkeit umdeutet. Auch wenn die Befürwortung 
einer direkten Zusammenarbeit mit islamistischen Organisationen in der 
deutschsprachigen Linken eher eine Ausnahme darstellt, kommt es sehr häufig zu 
einer Relativierung des Islamismus. Solche Positionen - ob aus falsch 
verstandenem Antirassismus oder eines Antiimperialismus, der bei aller Kritik den 
Islamismus doch als legitime Abwehr gegen den westlichen Imperialismus versteht - 
führen dazu, dass die Kritik am und die Analysen des Islamismus meist 
bürgerlichen oder reaktionären Fraktionen vorbehalten bleibt.

10. Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Islamismus schweigen.
Im gleichen Maße, wie wir uns gegen ein Bündnis mit islamistischen Akteuren oder 
die Verharmlosung des reaktionären Gehalts des Islamismus richten, halten wir 
eine Politik des  kleineren Übels für falsch. Darunter verstehen wir eine von 
Teilen der Linken betriebene Taktik einer "Volksfront gegen den Islamismus", also 
die Zusammenarbeit mit bürgerlichen, staatlichen oder "moderat" islamischen 
Organisationen, Verbänden und Institutionen. Auch wenn die Anpassung oft nicht 
bewusst vollzogen wird, führt diese Taktik letztlich zu einer Aufgabe der eigenen 
Positionen. Sicherlich: der Genozid des Islamischen Staats an den Jesid*innen im 
Irak, die massenhafte Ermordung, Vergewaltigung und Versklavung von Menschen, 
aber auch die brutalen Terrorangriffe auf der ganzen Welt sind Verbrechen, die 
sich unter keinen Umständen wiederholen oder fortsetzen dürfen. Wo der Islamismus 
gewalttätig auftritt, kann ihm deshalb nicht ohne Gegengewalt begegnet werden. 
Doch wenn man den Islamismus als Phänomen der kapitalistischen Moderne sieht, so 
kann eine emanzipatorische Antwort darauf nicht sein, den Status Quo, unter 
welcher Bezeichnung auch immer, zu verteidigen. Natürlich erscheint es bei der 
heutigen Schwäche der Linken illusorisch, dem Islamismus einen emanzipatorischen 
Kommunismus gegenüberstellen zu wollen; mindestens genauso utopisch ist jedoch 
die Vorstellung es gäbe die realistische Chance "unsere" Verhältnisse auf die 
ganze Welt zu übertragen: Eine solche Politik verkennt, dass die bürgerliche 
Gesellschaft in den Metropolen hierzulande einen historischen Sonderfall 
darstellt. Die, wie es im bürgerlichen Jargon heißt, Unterentwicklung großer 
Regionen der Welt ist eben genauso Teil der herrschenden Verhältnisse, wie die 
bürgerliche Demokratie in der Bundesrepublik. Der Kapitalismus hatte über 100 
Jahre Zeit Regionen wie Syrien zu "entwickeln" und hat dies nicht geschafft. - 
Warum sollte es ihm nun in Zeiten einer permanenten Krise gelingen? Eine Linke, 
die so viel Kreide frisst, bis sich ihre Flugblätter wie etwas akademischere 
Texte der Bundeszentrale für Politische Bildung lesen, ist im Endeffekt nicht 
besonders realistisch und damit vermeintlich relevant, sondern verteidigt nur die 
Ursachen der Barbarei. Einer Linken, die Relevanz für sich beansprucht, hat es 
nie gut zu Gesicht gestanden ihre emanzipatorischen Inhalte hinter dem Bündnis 
mit der bürgerlichen Demokratie zu verbergen. Schlussendlich heißt die Frage auch 
beim Islamismus "Kommunismus oder Barbarei".

1.Gilles Kepel, Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des 
Islamismus. Übers. Bertold Galli. Vorwort des Autors zur dt. Ausgabe. Piper, 
München 2002.
2.Bernard Lewis, Semites and Anti-Semites. An Inquiry into Conflict and 
Prejudice. W.W. Norton, New York 1986, S. 132f.
3.Durch den Zuwachs an Produktivität und dem daraus folgenden Überfluss an Gütern 
fallen die Profitraten für die Kapitalisten, die deshalb dazu gezwungen sind 
durch technische Innovationen den Anteil der menschlichen Arbeit im 
Produktionsprozess zu verringern. Somit wächst die Zahl der Arbeitslosen, die 
folglich für das Kapital "überflüssig" geworden sind und die deswegen hier als 
"Überschuss-Bevölkerung" bezeichnet werden. Ausführlicher wird das in "Elend und 
Schulden: Zur Logik und Geschichte von Überschussbevölkerungen und überschüssigem 
Kapital" in der 4. Ausgabe des kosmoprolet beschrieben: 
http://kosmoprolet.org/de/kosmoprolet-4.
4.Siehe dazu das Interview mit Piran Azad zu "Von der Massenautonomie zum 
islamischen Staat. Ein Interview über die Revolution von 1979 und ihre Folgen im 
Iran", Zeitschrift Analyse & Kritik (541): hxxp://www.akweb.de/ak_s/ak541/20.htm.
5.Vgl. Lafif Lakhdar: Warum der Rückfall in den islamistischen Archaismus; 
abrufbar unter Kosmoprolet.org
6.Vgl. Chris Harman: The Prophet and the Proletariat. The Class Base of Islamism; 
abrufbar unter: marxists.de/religion/harman/pt02.htm
7.Ausführlicher beschreiben wir die Entstehung des IS in "Kehrseite der 
kapitalistischen Moderne. Der Islamische Staat - eine materialistische Analyse", 
Zeitschrift Analyse & Kritik (623): 
hxxp://wurst.labandavaga.org/images/b/b4/Der_Islamische_Staat_-_eine_materialistische_Analyse.pdf.
8.Siehe Piran Azad, vgl. Fußnote 4
9.Dabiq 14, S.4.
Dieser Artikel bezieht sich auf:

ANTIFA-CAFÉ: 10 THESEN ZUM ISLAMISMUS
VERANSTALTUNG UND TAGESSEMINAR: ISLAMISMUS ALS KRISENREAKTION
VORTRAG AUF DEM ACTION, MOND & STERNE: THESEN ZUM ISLAMISMUS
VORTRAG UND WORKSHOP MIT DEN FALKEN JENA ZU "THESEN ZUM ISLAMISMUS"
VORTRAG VON LA BANDA VAGA ZU "THESEN ZUM ISLAMISMUS"
WORKSHOPS AUF DEM AMS*: ISLAMISMUS, IDENTITÄTSPOLITIK UND WELTCOMMUNE

https://kosmoprolet.org/de/thesen-zum-islamismus


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