(de) anarcho syndikalismus: Marokko: Solidarität mit der Besetzung der Mine in Touissit / IAA

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So Jan 3 08:55:16 CET 2021


Das Wiener Arbeiter*innen-Syndikat (https://wiensyndikat.wordpress.com) hat den 
folgenden Aufruf übersetzt und auf seinem Blog veröffentlicht: ---- Solidarität 
mit den Bergarbeitern in Touissit/Marokko, die ihre Mine besetzen! ---- Schickt 
Emails an den Geschäftsführer, um die BergarbeiterInnen in ihren Forderungen zu 
unterstützen. ---- Für Respekt und Würde ergreifen die Bergarbeiter von Touissit 
Direkte Aktionen und besetzen ihre Mine: Solidarität! ---- Über unsere 
französische Schwestergewerkschaft CNT-AIT besteht ein Kontakt zu den kämpfenden 
KollegInnen in Marokko, welche vor Ort von FreundInnen der CNT-AIT unterstützt 
werden. Es handelt sich um normale HacklerInnen[= Malocher*innen, Anm. ASN], die 
bis zum 21. Dezember ihre Mine besetzt haben und von der dortigen 
Systemgewerkschaft im Stich gelassen, sogar verarscht, werden. Daher brauchen sie 
unser aller Solidarität, um ihre Interessen (Forderungen) der Firmenleitung 
gegenüber durchsetzen zu können.

Dem Minister für Energie, Bergbau und Umwelt Aziz Rebbah zufolge, ist "der 
Bergbausektor eine Säule der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des 
Landes". Mit der wirtschaftlichen Entwicklung hat er vielleicht recht, mit der 
sozialen sicher nicht. Die Arbeitsbedingungen in den Minen sind oft primitiv - ob 
in Bezug auf Löhne, Gesundheit oder Sicherheit.

Ein Beispiel dafür ist die Mine Mont Aouâm (Jbel Aouâm) in Mrirt, der zweiten 
Gemeinde in der Provinz Khenifra, im marokkanischen Mittleren Atlas. Sie gehört 
zur Bergbaugesellschaft Compagnie Miniere de Touissit (CMT), der marokkanischen 
Marktführerin in der Produktion von Silber-Blei-Konzentraten. Es ist an der Börse 
von Casablanca notiert, zu ihren Hauptaktionären gehört das Unternehmen OSEAD 
MAROC MINING, selbst eine Tochtergesellschaft des OSEAD FUND, sowie der CIMR 
(Pensionsfond für Privatangestellte). Man könnte also erwarten, dass ein 
Unternehmen mit einem Aktionär, der aus einem Pensionsfonds besteht, seine 
ArbeiterInnen gut behandeln würde. Aber weit gefehlt!

Bereits 2019 mussten die BergarbeiterInnen dieser Mine eine Protestbewegung 
aufgrund grundlegender Ansprüche starten: die Verbesserung der Arbeitsbedingungen 
und ihrer sozialen Situation sowie die Gewährleistung der für die Arbeit in den 
Minen unerlässlichen Sicherheitsmaßnahmen. Die Gewerkschaften hatten sich beeilt, 
die Bewegung zu begleiten, und hatten mit der Geschäftsführung ausgehandelt, dass 
zumindest endlich die Arbeitsbedingungen und Gesundheit der minderjährigen 
BergarbeiterInnen berücksichtigt werden sollen.

Um die Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit dieser Vereinbarung zu betonen, reiste 
sogar ein Vertreter des Bergbauministers an, um die Unterschrift zu beglaubigen 
und damit zu signalisieren, dass der Minister, welcher auch Mitglied der PJD 
(Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, Islamistisch) ist, auf die Umsetzung 
achten würde. Im Gegenzug mussten sich die ArbeiterInnen - natürlich - dazu 
verpflichten ihre Produktivität zu steigern und höhere Produktionsziele zu 
erreichen. ArbeitgeberInnen geben nie etwas umsonst her und versuchen immer, 
ihren Profit und damit unsere Ausbeutung zu steigern ...

Ein Jahr nach der Vereinbarung zwischen Gewerkschaft und Chef haben die 
ArbeiterInnen folgende Bilanz gezogen: Sie haben ihr Wort gehalten und trotz 
eines schweren Jahres aufgrund der Covid-Krise 98% der im Protokoll festgelegten 
Produktionsziele erreicht. Die Bilanz des Chefs sieht dagegen mager aus. Er hat 
keine seiner Versprechen umgesetzt ...

Am 10. Dezember 2020 haben die Bergarbeiter genug gehabt und eine Direkte Aktion 
gestartet. Sie haben die Produktionsmittel besetzt, um Druck auf den Chef 
auszuüben: 100 streikende BergarbeiterInnen haben die Mine gehalten, 700 Meter 
unter der Erde. 200 andere blieben an der Oberfläche und wechselten zwischen 
Demonstrationen und Solidaritäts-Sitzblockaden, um den Streik öffentlich zu 
machen und die Logistik sowie Versorgung der Besetzer zu organisieren. Die 
Sturheit und Tyrannei der Verwaltung ging nämlich so weit, dass den Streikenden 
in der Mine die Versorgung mit Lebensmitteln untersagt wurde.

Diese Situation war für die Gewerkschaften nicht tragbar: Die Nichteinhaltung der 
Vereinbarung durch den Chef - während der Produktivitätssteigerung der 
ArbeiterInnen -zeigt deutlich die Nutzlosigkeit (und sogar Verderbtheit) der 
Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Chef. Die Tatsache, dass sich die 
ArbeiterInnen für eine Direkte Aktion entschlossen haben, um Druck auf den Chef 
auszuüben, könnte einen Einfluss auf andere ArbeiterInnen haben, falls ihr Kampf 
erfolgreich ist, und ihnen die Vorteile von Selbstorganisation gegenüber 
reformistischen Gewerkschaften zeigen ... die UMT (Marokkanische Gewerkschaft) 
und ihre internationale Organisation (Industriall Global Union) haben sich daher 
dringend an den Premierminister gewandt, um ihn auf die Gefahr der Situation 
hinzuweisen und sie durch die Aufnahme weiterer Verhandlungen zu entschärfen.

Die Botschaft fruchtete und Miloudi Moukharik, der Generalsekretär der UMT, kam 
persönlich für ein Gespräch mit dem Direktor der Mine ... Natürlich war das 
erste, was die Gewerkschaft von den Streikenden vor der Aufnahme von 
Verhandlungen verlangte, ihren Sitzstreik zu beenden. Sie haben daher am 21. 
Dezember, nach zehn schwierigen Tagen der Besetzung, das Bergwerk verlassen.

Der Vorsitzende der Industriall Global Union hat daraufhin der UMT und den 
ArbeiterInnen seine Glückwünsche zu "den erzielten Fortschritten" gesendet: "Wir 
begrüßen die wichtigen Schritte zur Aufnahme von Verhandlungen. Wir fordern das 
Unternehmen auf, die Gelegenheit zu nutzen, um einen echten Dialog mit der 
Gewerkschaft für eine nachhaltige Produktion und die Achtung der legitimen Rechte 
der Arbeiter zu führen.". Er fordert das Unternehmen also auf, die Gelegenheit 
für einen Dialog zu nutzen. Mit anderen Worten: Die Gewerkschaft fleht den Chef 
um ein Gespräch an, ohne jedoch bis jetzt etwas bekommen zu haben.

Es wird erwartet, dass am 24. Dezember ein neues Treffen zur Wiederaufnahme der 
Verhandlungen stattfinden wird, bei dem die Forderungen nach Lohnerhöhungen, 
verbesserten Arbeitsbedingungen in der Mine, die Frage der Leih- und Zeitarbeiter 
sowie die Zusage der Geschäftsführung, das Recht der freien Vereinigung zu 
respektieren und die Streikenden nicht zu entlassen, diskutiert werden sollen.

Die BergarbeiterInnen haben beispielhaften Mut und Stärke bewiesen, indem sie 
ihre Mine 700 Meter unter der Erde besetzt haben - unter Bedingungen, die für 
ihre Gesundheit gefährlich sind. Hoffentlich werden sie bei den Verhandlungen 
nicht erneut von den Gewerkschaften verraten.

In der Zwischenzeit sollten wir ihnen so viel Unterstützung wie möglich geben. 
Zum Beispiel, indem wir E-Mails an die CMT-Geschäftsführung mit folgenden 
Forderungen schicken:

Respekt und Würde für die BergarbeiterInnen, welche die alleinigen SchöpferInnen 
des Wohlstands in der CMT sind.
Angemessene Löhne, die allen ArbeiterInnen - unabhängig von ihrem Status - einen 
Lebensunterhalt ermöglichen.
Würdige Arbeitsbedingungen, unter Einhaltung internationaler Standards für 
Arbeitssicherheit und Umwelt.
Respekt für das Vereinigungs- sowie das Streikrecht und die Meinungsfreiheit.
Zur Kontaktaufnahme mit der Geschäftsführung des Unternehmens:

Fax Generaldirektion: + 212 5 22 78 68 71
E-Mail: siege.cmt at cmt.ma
Telefon: +212 6 61 31 32 95 / +212 5 22 78 68 61

Quelle:
https://wiensyndikat.wordpress.com/2020/12/29/solidaritaet-mit-den-bergarbeitern-in-touissit-marokko-die-ihre-mine-besetzen/

https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2020/12/29/632/#more-632


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