(de) Wiener ArbeiterInnen-Syndikat: Lohnraub im Kindergarten erfolgreich abgewendet

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
So Feb 28 08:26:54 CET 2021


Zuerst unhaltbare Arbeitsbedingungen, dann auch noch über‘n Tisch ziehen bei der 
Endabrechnung ---- Am 7. Februar 2021 konnte das WAS einen Konflikt in einem 
Wiener Kindergarten erfolgreich beenden. Der Chef, der ein unglaublich 
patriarchales und selbstherrliches Verhalten an den Tag legt, konnte mit 
lediglich einem Brief, einem Telefonat und einem nachfolgenden Mail erfolgreich 
dazu gebracht werden, den fehlenden Lohnanteil zu überweisen. Und das innerhalb 
der von uns gesetzten Frist. Das WAS betrachtet den Ausgang dieses 
Arbeitskonfliktes als positiv und Zeichen unserer - mittlerweile auch von 
FirmenbesitzerInnen wahrgenommenen - Schlagkraft. Der vorangegangene 
Organisierungsversuch im Betrieb ist jedoch prototypisch für diese Gesellschaft 
und geprägt davon, daß sich ArbeiterInnen viel zu viel gefallen lassen. Daß der 
Chef, der sich in Corona- und Lockdown-Zeiten durch Entlassung oder Kündigung der 
allermeisten ArbeiterInnen - so auch unseres Genossen - abertausende Euros 
gespart hat, nun in seine Schranken gewiesen werden konnte, ist ein schöner 
erster Erfolg in Bezug auf diesen Betrieb. Die komplette und sehr ausführliche 
Geschichte könnt ihr hier nun nachlesen. Damit die ArbeiterInnen in anderen 
vollkommen wahnsinnigen Arbeitsverhältnissen sehen, daß die Sache System hat und 
nicht an einem einzelnen und individuell durchgeknallten Chef liegt, ...

Hier nun, was unser Genosse in nur drei Monaten erlebt hat - holt euch einen Tee.

Schon das AMS hat mich auf einen Job vermitteln wollen, den ich nicht machen 
darf, ...

Über das AMS bekam ich ein "Stellenangebot": Der Kindergarten im 10 Bezirk in 
Wien suchte "1 Elementarpädagoge/-pädagogin oder Kindergartenpädagog(e)in". "Wir 
bezahlen über dem Mindestlohn", stand in der Anzeige. Leider verstand das AMS 
nicht, dass ich kein ausgebildeter Elementar- bzw. Kindergartenpädagoge bin, 
obwohl ich sie mehrmals darauf hingewiesen hatte. Trotzdem rief ich beim 
Kindergarten an, fragte nach, ob sie auch Assistenten brauchen und ob ich mit 
einem Praktikum beginnen könnte, da mir noch eines für meine Ausbildung fehlte. 
Ich wurde zum Bewerbungsgespräch in einen Kindergarten im 11. Bezirk eingeladen. 
So erfuhr ich, dass der Verein zwei Kindergärten betreibt: Einen im 10. und einen 
im 11. Bezirk. Anscheinend wurden für beide Kindergärten nach PädagogInnen 
gesucht. Später erfuhr ich, dass der Vereinsobmann und Chef nebenbei noch ein 
Taxiunternehmen besitzt.

Los ging‘s mit einem unbezahlten Praktikum

Nach meinem Bewerbungsgespräch arbeitete ich zwei Wochen lang als unbezahlter 
Praktikant, hinterher bekam ich einen Dienstvertrag als Assistent. Nachdem das 
Gehalt nicht angeführt war und ich hier ein leeres Feld fand, fragte ich meinen 
Chef. Der sagte mir, ich solle "Bezahlung laut KV" schreiben. Also keine 
Bezahlung über dem Mindestlohn! Dieses Privileg hatten, wie ich herausfand, noch 
nicht einmal die Pädagoginnen, obwohl es in jeder Jobausschreibung stand.

Spannende Zustände

Es gibt drei Gruppen in dem Kindergarten: Eine Krippe (0! bis 3 Jahre), eine 
Kindergruppe (3 bis 6 Jahre) und eine gemischte Familiengruppe (0! bis 6 Jahre), 
wobei ich als Springer in allen drei Gruppen eingesetzt wurde. Rechtlich ist es 
verpflichtend, dass es in jeder Gruppe mindestens eine(n) Pädagog(e)In gibt. Nach 
kurzer Zeit verließ uns jedoch die Pädagogin aus der Familiengruppe, da sie sich 
den unhaltbaren Zuständen nicht länger aussetzen wollte und daher selber 
gekündigt hat. B. war eine der letzten beiden Pädagoginnen. Sie musste jetzt zwei 
Gruppen auf einmal führen, nebenbei hatte sie die Aufgabe der (verpflichtend 
notwendigen) Pädagogischen Leitung inne, was viele zusätzliche Bürotätigkeiten 
bedeutet. Der Chef wälzte auch viele seiner eigenen Aufgaben auf sie ab. Er 
selber war nicht permanent im Haus, kam und ging "wie er wollte", manchmal musste 
er in seinen anderen Kindergarten, manchmal in sein Taxiunternehmen. Auch die 
Assistentinnen erzählten mir, dass sie die nächst beste Gelegenheit zur Kündigung 
nutzen wollten. Also eine permanente Fluktuation, was die Belegschaft angeht. 
Aufgrund dieses Personalmangels stand ich sogar als unbezahlter Praktikant oft 
alleine in der Familiengruppe, genau wie die Assistentin in der Krippe, was 
beides ein rechtliches No Go ist. Dabei ist ein Kindergarten schon unter 
"normalen Bedingungen" eine reine Katastrophe, was das Verhältnis von 
ausgebildeten Fachkräften zur Anzahl der Kindern angeht. Sie können in ihrer 
Entwicklung nicht ausreichend gefördert werden; das wahnsinnige Wettrennen der 
KapitalistInnen nach Profiten ist in unserer Gesellschaft wichtiger als die 
Bedürfnisse unserer Kinder.

Fahrlässig unterbesetzt

In diesem Kindergarten war diese Ressourcenknappheit jedoch besonders gravierend:

Wir hatten Kinder von teils sozial sehr benachteiligten, armen Eltern mit 
ungefähr zwölf Fremdsprachen in der Gruppe, von denen viele erst wenige Worte 
Deutsch sprachen, während bei uns Arbeiterinnen nur wenig Fremdsprachenkenntnisse 
vorhanden waren. Manchmal mussten die Kinder zwischen ihren Eltern und uns 
übersetzen. Es gab auch in jeder Gruppe mindestens ein verhaltensauffälliges 
Kind, das eigentlich die Betreuung einer speziell ausgebildeten Fachkraft 
gebraucht hätte.

Es gab keine Reinigungskräfte und obwohl AssistentInnen rein rechtlich nur für 
ihre Gruppe zuständig sind, mussten sie alle Reinigungsarbeiten übernehmen, die 
außerhalb ihrer Gruppe anfielen: Sie putzten die Gänge, die Garderobe, den 
Personalraum, das Personalklo, die Fenster und das Büro des Chefs. Die Küche 
wurde von der Köchin übernommen. Manchmal wurden wir sogar für komplett externe 
Aufgaben eingeteilt. Eine Assistentin erzählte mir z.B., dass sie auch schon 
Unkraut auf dem Gehsteig vorm Haus jäten sollte.

Kündigung als individuelle Exit-Strategie

Zu einer Verbesserung kam es, als eine neue Pädagogin für die Familiengruppe ihre 
Arbeit antrat. Wie sich später herausstellte, nur für kurze Zeit, denn sie hielt 
die Zustände bei uns nicht aus und reichte schon bald ihre Kündigung ein. Zuvor 
kündigte jedoch die Pädagogin B., welche kurz vorm Burnout stand, weil die 
Doppelbesetzung Gruppe plus Pädagische Leitung unbewältigbar war. Deshalb bekam 
sie Angst, sie könnte für ungemachte Arbeit zur Verantwortung gezogen werden. Als 
Ausweg sah sie, entweder ihren Chef anzuzeigen oder zu kündigen. Sie entschied 
sich für die Kündigung ... In den drei Monaten, die ich in dem Kindergarten 
arbeitete, hatte der Kindergarten nach kurzer Zeit rechtlich eine Pädagogin zu 
wenig, dann eine Pädagogin und eine pädagogische Leitung zu wenig und am Ende 
sogar zwei Pädagoginnen und eine pädagogische Leitung zu wenig, was der Chef 
durch unbezahlte PraktikantInnen, eine Assistentin und eine geringfügig 
beschäftigte Teilzeit-Assistentin zu kaschieren versuchte. In der Krippe übernahm 
eine Assistentin die Arbeit der Pädagogin, wurde jedoch nicht mit dem wesentlich 
höheren Pädagoginnen-Gehalt bezahlt, von dem ihr - auch ohne Ausbildung - 
rechtlich mindestens 80% zugestanden hätten. Sie bekam auch nicht die für 
PädagogInnen vorgesehenen zwei bis vier Vorbereitungsstunden pro Woche.

Ich rief anonym beim Magistrat an und wurde mit dem Arbeitsinspektorat verbunden. 
Rechtlich sei die Situation ein absolutes No Go hieß es, der Kindergarten könne 
eventuell seine Förderungen verlieren oder sogar zurückzahlen müssen. Im 
schlimmsten Fall könne die Schließung drohen. Die genauen Folgen hätte ich aber 
nur erfahren, wenn ich den Namen des Kindergarten genannt hätte. Zu diesem 
Zeitpunkt wollte ich aber meinen Arbeitsplatz nicht gefährden.

Corona, Überstunden und mehr

Die COVID-19-Vorschriften der Regierung verschärften den Arbeitsdruck noch. Jede 
Woche und zum Teil auch mitten in der Woche bekamen wir eine neue Ampelfarbe. 
Dabei handelte es sich um eine eigene Ampel für Schulen und Kindergärten, nicht 
um die offizielle Corona-Ampel auf Bundesland- und Bezirksebenen. Stand diese 
"Corona-Ampel" auf orange, so fielen jeden Tag drei Stunden Arbeitszeit weg, da 
die Kinder nicht mehr in Sammelgruppen zusammengelegt werden durften: Eine Stunde 
in der Früh, weil wir in der Früh immer wenig Kinder und nur eine Sammelgruppe 
hatten, aber die Gruppen durch Corona-Auflagen eben streng getrennt werden 
mussten. Zwei Stunden am Nachmittag, weil die Eltern ihre Kinder früher abholen 
mussten. Obwohl drei Stunden Arbeitszeit wegfielen, bekamen wir zusätzliche 
Aufgaben: Wir mussten drei mal am Tag die gesamte Gruppe desinfizieren (alle 
Lichtschalter, Kästen, Regale, Tische, Sessel, Türklinken, ...), mussten die 
Hände der Kinder beim Ankommen desinfizieren (Händewaschen wäre für die Haut der 
Kinder gesünder gewesen, aber dafür hatten wir keine Zeit), mussten die Kinder an 
der Eingangstür entgegennehmen und abgeben, mit ihnen einzeln in die Garderobe 
gehen und ihnen beim Umziehen helfen. Die Eltern durften die Räume nicht 
betreten. Ständig wurden wir aus einer Arbeit herausgerissen, weil wieder eine 
Mama oder ein Papa an der Tür klingelte. Zusammen mit einer erfahrenen 
Assistentin übernahm ich die Aufgabe der "Corona-Verantwortlichen", also die 
Kommunikation über Corona-Regeln an ArbeiterInnen und Eltern.

Mit dieser Situation ließ uns der Chef größtenteils allein. Teilweise wälzte er 
sogar seine eigenen Leitungsaufgaben auf die "corona-verantwortliche" Assistentin 
ab, indem sie während ihrer regulären Dienstzeit, in welcher sie eigentlich 
Kinder betreuen sollte, die Eltern anrufen und Listen erstellen und die neue 
Ampelfarbe der Regierung in Erfahrung bringen sollte. Unser Dienstplan änderte 
sich ständig, oftmals von einem Tag auf den anderen. Auch damit ließ uns der Chef 
allein. Von einer Assistentin erfuhr ich, dass sie immer wieder selber den Chef 
am Sonntag Abend anrufen musste, um zu erfahren, wann und ob sie am Montag 
arbeitet. Arbeitsrechtlich vorgeschrieben wäre eine Ankündigung von 
Dienstplanänderungen drei Wochen im Vorhinein. Zwei Wochen lang arbeiteten wir 
nach der orangenen Ampelfarbe (also zu verschärften Arbeitsbedingungen, unter 
höherer Arbeitszeitverdichtung), obwohl es eine gelbe Ampel von der Regierung 
gab. Es hieß, der Chef wolle auf Nummer sicher gehen. Ich vermute, er wollte sich 
die Kommunikationsarbeit in Bezug auf zwischenzeitliche Änderungen gegenüber den 
Eltern sparen und obendrein Kosten sparen, weil wir ja drei Stunden weniger 
arbeiteten. Ich selber häufte jedoch Überstunden an, weil ich mit den 
Reinigungsaufgaben in meiner zu kurzen Arbeitszeit nicht mehr fertig wurde, denn 
auch in dieser Situation wurde keine Reinigungskraft angestellt.

In Bezug auf Überstunden erzählten mir Kolleginnen, sie hätten vor dem ersten 
Lockdown über 100 Überstunden angesammelt. Diese mussten sie dann im Lockdown 
abbauen, während der Kindergartenbesitzer auch wollte, dass sie Urlaubstage im 
Lockdown aufbrauchen (was rechtlich jedoch nicht möglich ist). Den ArbeiterInnen 
wurden außerdem die Fenstertage gestrichen.

... und desolate Infrastruktur

Auch materiell gesehen herrschte Ressourcenknappheit im Kindergarten. Oft fehlten 
so essentielle Dinge wie Papiertücher (die gerade in Corona-Zeiten wichtig sind) 
oder Plastik-Sackerl. Wir wurden ständig zum Sparen angehalten. Viele Spielzeuge 
und Materialien, Lätzchen, Bettzeug usw. waren alt und kaputt oder fehlten. Auf 
dem Personalklo tropfte es zeitweise von der Decke, wofür eigentlich die 
Hausverwaltung zuständig war, aber der Chef kümmerte sich lange Zeit nicht drum. 
Dann war dort das Licht kaputt, während auf dem Gang eine Lampe flackerte, was 
Kindern beim Vorbeigehen Angst machte. Wenn Pädagoginnen neue Materialien 
forderten, fehlte es angeblich immer an Geld. Auf der anderen Seite wurden vom 
Chef ohne Rücksprache teure Dinge angeschafft, die von den Pädagoginnen in den 
Gruppen als unnütz, unpraktisch usw. bewertet wurden: Ein neues Trampolin stand 
meist abgesperrt in einer Ecke, weil die Pädagogin für die Sicherheit der Kinder 
aufgrund des Personalmangels die meiste Zeit über nicht garantieren konnte. Viele 
Spielzeuge und Materialien verstaubten auf dem Gang oder im Keller. Es gab auch 
keine Zeit, sie mal durchzuschauen und auszusortieren. In einer Gruppe wurden so 
lange Vorhänge angeschafft, dass die Kinder immer wieder damit zu spielen 
begannen und in zwei Gruppen gab es einen teuren Parkettboden, von dem es hieß, 
dass wir beim Reinigen vorsichtig sein sollten, um ihn nicht zu beschädigen und 
der für die Kinder gerade im gewischten Zustand eine Rutschgefahr darstellte. 
Meine Ex-Kollegin B. hat in ihrer Freizeit sogar Fahrten zum Ikea für den Chef 
übernommen, um Möbel für den Kindergarten zu kaufen.

Unpackbar, ... aber es kommt noch heftiger!

Wer bis hierhin gelesen hat, fragt sich bestimmt, ob es keine Kommunikation 
zwischen Chef und ArbeiterInnen gab. Die gab es aber in der Regel immer nur in 
Einzelgesprächen. Wenn es um Geldfragen ging, war der Chef meistens geizig und 
ließ nicht mit sich reden. Und auch bei anderen Dingen stellte er seine Meinung 
über die Erfahrung seiner Arbeiterinnen. Manchmal wurde er cholerisch und schrie 
eine Arbeiterin an. Vom Wiener Arbeiter*innen Syndikat, in dem ich seit mehr als 
drei Jahren Mitglied bin, erfuhr ich, dass man in so einem Fall sofort also 
"fristlos" aus dem Dienstverhältnis hätte austreten können und für die Zeit der 
Kündigungsfrist dienstfrei bei vollem Gehaltsbezug gehabt hätte (ein sogenannter 
"berechtigter und begründeter vorzeitiger fristloser Austritt"). Einige 
Arbeiterinnen fanden das Verhalten des Chefs ihnen gegenüber als unangenehm, in 
einem Fall sogar als leicht übergriffig. Ich erfuhr, dass eine Arbeiterin in 
ihrem Bewerbungsgespräch gefragt wurde, ob sie vorhat, Kinder zu bekommen. Dies 
ist rechtlich verboten und auch ansonsten ein klarer Grenzübertritt. Bei einem 
Gespräch mit einer Assistentin hörte ich den Chef antisemitische Äußerungen 
machen, was die Assistentin von ihm laut ihrer Aussage schon gewohnt sei. Soweit 
zur Art und Weiser der Kommunikation mit unserem Kindergartenleiter.

... und jetzt zu strukturellen Kommunikationsproblemen

Wichtig ist es auch zu wissen, dass es im Kindergarten weder Teamsitzungen mit 
noch ohne Chef gab, obwohl diese vorgeschrieben sind. Ich habe eine einzige 
Krisensitzung erlebt, welche die AssistentInnen inmitten von spielenden Kindern 
und während ihrer regulären Arbeitszeit in einer Gruppe geführt haben. Laut 
Aussage meiner Kolleginnen lag die letzte Teamsitzung ein halbes Jahr zurück, es 
ging um den ersten Lockdown und die Arbeiterinnen mussten die Teamsitzung 
gegenüber ihrem Chef einfordern. Der Gesprächsbedarf war jedoch enorm. In ihrer 
Freizeit hatten meine Kolleginnen nie Zeit sich zu treffen, weil fast alle junge 
Kinder hatten, während wir fast alle unterschiedliche Arbeitszeiten hatten. Im 
Wiener Arbeiter*innen Syndikat gab es die Idee, eine Betriebsversammlung 
einzuberufen. Da es bei uns keinen Betriebsrat gab, hätte das praktisch jede 
Arbeiterin machen können. Der Chef hätte uns dann die Räume zur Verfügung stellen 
und gewährleisten müssen, dass wir uns während unserer Arbeitszeit ohne Kinder 
versammeln können. Außerdem hätte er selber der Versammlung fernbleiben müssen. 
Wenn wir in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht mit allen Punkten 
durchgekommen wären, hätten wir die Versammlung unterbrechen und an einem anderen 
Tag weiter fortsetzen können (theoretisch ohne Limit!). Meine Kolleginnen waren 
diesbezüglich unerfahren und trauten sich nicht, die Idee umzusetzen.

Wir führen auch Listen!

Stattdessen sammelte ich mit Unterstützung der KollegInnen eine lange Liste an 
Mißständen und Lösungsansätzen. Die Idee war, die Liste von anderen 
WAS-Mitgliedern, die nichts mit dem Betrieb zu tun haben, übergeben zu lassen, in 
Begleitung eines arabischsprachigen Übersetzers (die Muttersprache vom 
Kindergarten-Boss). Dazu hatten wir bereits die Unterstützungszusage von 
kurdischen GenossInnen, die in Raqqa aufgewachsen sind und perfekt Deutsch und 
Arabisch sprechen. Zu diesem Plan gab es auch viel Zustimmung von Kolleginnen, 
nur konnten wir uns auf keine Druckmittel einigen. Aus meiner Sicht brauchte es 
solche, falls nicht auf unsere Lösungsideen eingegangen werden sollte. Viele 
Kolleginnen hatten Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Im WAS überlegten wir 
uns einen Warnstreik von ein bis zwei Stunden am Morgen als sinnvolle Methode, da 
diese Kampfmaßnahme der Einschätzung nach den größtmöglichen Druck bei 
geringstmöglichem Verdienstentgang bedeutet hätte. Die Kinder hätten den ganzen 
Tag nicht im Kindergarten sein können, da sie in der Früh ja niemand übernommen 
hätte. Für uns ArbeiterInnen wären das aber nur ein bis zwei Stunden 
Einkommensverlust gewesen.

Die Krux mit der Selbstorganisation

Ich gab Kolleginnen Flyer des Wiener Arbeiter*innen Syndikats und lud sie auf 
Treffen ein, aber es gab keine Kollegin, die sich außerhalb ihrer Arbeitszeit 
Zeit nehmen wollte bzw. konnte. Dabei gab es sehr viel Unterstützung und Angebote 
vom Wiener Arbeiter*innen-Syndikat: Die Zusage von ca. 500 € Geld für eine 
spontane Streikkasse, die Organisierung von Streikposten, das Schreiben eines 
Flyers und die Übersetzung in sämtliche (!) Sprachen, die von den Eltern der 
Kinder gesprochen wurden. Es gab extra Treffen zum Arbeitskampf im Kindergarten, 
Kontaktvermittlungen, eine Firmenrecherche, Beratungen, Rechtsrecherche und 
-informationen. Leider hielt sich die Motivation meiner Kolleginnen in Grenzen 
und es kam das Gefühl auf, dass ich sie bei einem Streik oder ähnlichen 
Kampfmaßnahmen bestenfalls hinter - aber nicht neben mir hätte. Es kamen auch 
keine Alternativvorschläge, bei denen alle Kolleginnen mitgezogen hätten. Ich war 
anscheinend in mehrfacher Hinsicht privilegiert, was meine zeitlichen Ressourcen 
anging und musste auch nicht so sehr um den Verlust des Jobs fürchten wie 
Kolleginnen, auf die sich eine Situation der Arbeitslosigkeit viel schmerzhafter 
ausgewirkt hätte. Aufgrund des fehlenden gemeinsamen Willens der gesamten 
Belegschaft blieb jedoch jede Kampfmaßnahme, jeder Druck auf den Arbeitgeber und 
jede Kommunikation bezüglich Mißstände und Lösungsideen aus. Wir blieben somit 
leider handlungsunfähig, sodass sich die Situation ein weiteres Mal verschärfen 
konnte:

Der zweite harte Lockdown

Am 16. November wurden fünf von neun KollegInnen von einem Tag auf den anderen zu 
einvernehmlichen Dienstvertragsauflösungen gedrängt oder gekündigt. Ich war einer 
von ihnen. Aufgrund des Lockdowns gab es nur noch eine handvoll Kinder, die in 
den Kindergarten kamen. Zwei von drei Gruppen waren komplett leer und alle Kinder 
wurden in einer Gruppe zusammengelegt (was eigentlich gegen die Corona-Regeln 
verstößt). Eine Assistentin übernahm das Kochen für die Kinder, da auch die 
Köchin fristlos entlassen worden war. An diesem Tag wurden wir einzeln - getreu 
dem Motto "teile und herrsche" - zum Chef gerufen, um über unsere Kündigung zu 
verhandeln. Ich konnte mich vor meinem Gespräch mit Kolleginnen austauschen und 
erfuhr, dass alle unter Druck gesetzt wurden: Sie sollten sich sofort beim AMS 
melden und damit auf sämtliche Rechte (Kündigungsfrist, Urlaub usw.) verzichten. 
Eine Kollegin zeigte mir einen handschriftlich geschriebenen Wisch, auf dem ihre 
Wiedereinstellung zugesagt wurde, wenn es Bedarf gibt, jedoch ohne fixes 
Wiedereinstellungsdatum.

Meine "Kündigungsverhandlung"

Ich ging zum Chef und forderte einen neuen Dienstvertrag für die Zeit nach dem 
Lockdown oder die Weiterarbeit in Kurzarbeit. Zur Kurzarbeit versuchte ihn auch 
die anwesende pägagogische Leitung M. vom anderen Kindergarten (der übrigens 
genauso von "Kündigungen" betroffen war) zu bewegen. Er ließ aber nicht mit sich 
sprechen, erwartete sich vermutlich Steuervorteile beim Verzicht auf Kurzarbeit. 
Auch einen neuen Dienstvertrag wollte er mir nicht geben. Er versuchte mich dazu 
zu drängen, den Dienstvertrag einvernehmlich zu lösen und auf alle Rechte zu 
verzichten. Nur in diesem Fall würde er mir "versprechen" mich wieder 
einzustellen, was er mir aber nicht schriftlich geben wollte. Ich wies ihn darauf 
hin, dass ich bei einer Kollegin gesehen hab, dass sie eine schriftliche 
Wiedereinstellungsgarantie bekommen hat. An dieser Stelle belog er mich einfach 
und behauptete, das sei nicht der Fall gewesen. Als eine andere Kollegin den Raum 
betrat und mitteilte, dass sie das AMS nicht erreiche, eskalierte die Situation, 
weil ich zur Kollegin rief, sie solle nicht auf ihre Rechte verzichten. Der Chef 
schrie mich an, ich solle mich da raus halten, das sei nicht meine Sache.

Die Verhandlung dauerte irgendetwas zwischen zwei bis drei Stunden, unterbrochen 
durch Rauchpausen des Chefs und andere Dinge. Am Ende bot er mir sogar einen 
Dienstvertrag an, wenn ich auf meinen Urlaub verzichten würde. Das habe ich 
natürlich abgelehnt, obwohl ich nur vier Urlaubstage angesammelt hatte. Ich sagte 
ihm, dass sicher noch mehr Arbeiterinnen gehen würden, wenn ich gehen würde. Er 
sagte zu mir, ich solle gehen und alle anderen mitnehmen. Danach war mit ihm 
nicht mehr zu reden. Er zog trotzig sein "Angebot" zurück und es blieb nur noch 
die Dienstgeberkündigung, welche ich mir perfider Weise selber schreiben musste. 
Er behauptete zu diesem Zeitpunkt, ich müsse meinen Urlaub in der Zeit meiner 
Kündigungsfrist aufbrauchen und wusste auch nicht, dass ich durch die 
Kündigungsfrist einen Urlaubstag zusätzlich gewann. Ich klärte ihn jedoch in 
allen Punkten auf und die Kollegin M., welche noch immer mit im Raum saß, 
bestätigte mich dabei. Ich bot an, dass ich während meiner Kündigungsfrist auch 
weiter arbeiten könnte, aber der Chef meinte, er brauche mich nicht. Kollegin M. 
verbalisierte, worum es sich hier rechtlich handelte: Um eine Dienstfreistellung 
bei vollem Lohnbezug. Den Urlaub sollte ich laut Kündigungsschreiben dann 
ausbezahlt bekommen.
Ich war also dienstfrei gestellt und hatte nur noch wenig Kontakt zu meinen 
Kolleginnen. U.a. erfuhr ich, dass sie bis Weihnachten zu viert arbeiten mussten 
und für die Kinder kochen oder Essen bestellen mussten, da die Köchin ja 
entlassen war. Schon am zweiten Tag des Lockdowns kamen mehr und mehr Kinder in 
den Kindergarten zurück, anscheinend weil die Situation für ihre Eltern nicht 
tragbar war. Es kam nach kurzer Zeit also wieder zu einem Arbeitskräftemangel.

Zum Abschluß ein Lohnraubversuch

Als ich mein letztes Gehalt bekam, bemerkte ich, dass bei dem Gesamtbetrag etwas 
fehlte. Zunächst dachte ich, der Chef hätte die Corona-Gefahrenzulage nicht 
gezahlt. Das war der Klassiker in vielen Kindergärten, viele Chefs und Chefinnen 
behielten das Geld von der Regierung, welches für die ArbeiterInnen gedacht war, 
einfach ein. Auch in diesem Betrieb erhielten nicht alle die Corona-Zulage. Ich 
mußte sogar meine letzte Lohnabrechnung einfordern. Als ich die bekam, erkannte 
ich sofort, dass die letzten fünf Tage meiner Kündigungsfrist kein Lohn gezahlt 
wurde. Es war sogar das Dienstende mit 23. November eingetragen. Dies deckte sich 
auch mit dem Versicherungsdatenauszug, den ich mir sicherheitshalber von der 
Krankenkassa besorgte. Der Chef hat mich also dreister Weise einfach eine Woche 
zu früh abgemeldet. Ich schrieb ihm ein Mail und wies auf das fehlende Geld hin. 
Obwohl ich wusste, dass mein Ex-Chef sich hinterrücks verhält, ging ich im 
Schreiben von einem Fehler aus, der hier unterlaufen sein muss. Daraufhin bekam 
ich einen Anruf von ihm. Er diskutierte sehr lange mit mir rum und es wurde 
wieder sehr emotional. Er behauptete einerseits, ich hätte ja noch den Urlaub 
gehabt. Hier wies ich ihn darauf hin, dass ich den laut Kündigungsschreiben 
ausgezahlt bekommen sollte und er mir den nicht von der Kündigungsfrist abziehen 
darf. Dann behauptete er, ich sei in den letzten zwei Wochen ja nicht zum 
Arbeiten gekommen - "keine Arbeit, kein Geld!". Ich wies darauf hin, dass er mich 
kein einziges Mal kontaktiert hat, er hätte ja fragen können, wenn er Arbeit 
gebraucht hätte. Außerdem stellte ich klar, dass er mir gesagt hat, er hätte 
keine Arbeit für mich, dass das eine Dienstfreistellung war und dass M. als 
neutrale Zeugin im Raum war und dies für uns verbalisiert hat. Er fiel mir immer 
wieder in‘s Wort, hörte mir nicht richtig zu und log eiskalt, indem er 
behauptete, er hätte mich nicht dienstfrei gestellt. Ich drohte mit dem 
Einschalten meiner "Rechtsberatung", er drohte und sagte, ein Anwalt würde ihn 
keinen Cent kosten. Dann versuchte er mich zu besänftigen, lud mich zu einem 
Gespräch nach den Weihnachtsferien ein und behauptete sogar, er hätte ja auch 
noch einmal nachgedacht, ob er mich nicht wieder einstellen sollte. Er versuchte 
also, mich zu kaufen. Wir beendeten das Gespräch damit, dass wir uns in Neuen 
Jahr wieder hören werden.

Eine Gewerkschaft bringt‘s voll

In der Zwischenzeit trafen wir vom Wiener Arbeiter*innen Syndikat uns wieder. 
Eine Genossin sagte mir zu, einen Brief an den Chef im Namen des WAS zu 
schreiben. Dieser Brief wurde per Einschreiben am 23. Januar abgeschickt. Dem 
Ex-Chef wurde eine Frist von zwei Wochen gesetzt, um mir den fehlenden Lohnanteil 
noch auszuzahlen. Eine Woche später rief der Ex-Chef beim WAS an. Er diskutierte 
20 Minuten mit einem Genossen herum, mit der selben Litanei wie schon zuvor, 
versuchte sogar, den fehlenden Betrag auf die Hälfte herunterzuhandeln. Meinem 
Ex-Boss wurde aber klar gemacht, dass es hier um die reine Einhaltung von 
Arbeitsrecht geht, was nicht verhandelbar ist und er somit das Geld zu zahlen 
hat. In einem kurzen E-Mail machten wir diese Aussage ein weiteres Mal deutlich 
und wiesen noch einmal auf das Ende der Frist hin. Am letzten Tag habe ich das 
Geld letztendlich doch noch kommentarlos überwiesen bekommen. Gut für ihn, denn 
wir hatten schon gewerkschaftliche Aktionen wie Demonstrationen direkt vor seinem 
Kindergarten und Taxiunternehmen vorbereitet, inklusive mehrsprachiger 
Information für die Eltern. In Anbetracht der vielen Mißstände hätte dieser 
Betrieb sich das nicht leisten können. Leider gibt es Diese im Kindergarten noch 
immer.

Mißstände sind systembedingt

Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass die Situation in fast 
jedem privaten oder staatlichen Kindergarten katastrophal ist. Das Geld fließt 
größtenteils in die Überproduktion von Waren und Dienstleitungen, die sich besser 
zur Kapitalakkumulation eignen. Der Bildungs- und Sozialbereich wird tot gespart. 
Darunter leiden nicht nur die ArbeiterInnen sondern vor allem auch die Kinder und 
somit unsere Zukunft! Dinge nachhaltig zu verbessern heißt, sich branchenweit 
zusammenzuschießen und gemeinsam für eine Verbesserung der 
gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen! Es geht um nicht weniger 
als die Zukunft unserer Kinder, um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit 
und ihrer Umwelt! Diese Zukunft wird hier und jetzt und jederzeit geschaffen, wir 
können uns in jedem Moment dazu entscheiden, sie durch unsere Kämpfe zu 
verbessern oder ihr weiter beim Sterben zuzusehen!

Veröffentlicht auf dem WAS-Blog am 17. 02. 2021, Kopieren mit Quellenverweis 
möglich. Alle Fotos auf dieser Seite CC0.

https://wiensyndikat.wordpress.com/2021/02/17/lohnraub-im-kindergarten-erfolgreich-abgewendet/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de