(de) FAU, direkte aktion: DIE BEFREITE GESELLSCHAFT -- Ein Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis. Hintergrund Von: Karl Bachlaut

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Sa Feb 27 09:24:18 CET 2021


Im letzten Jahr hat die Corona-Pandemie bereits bestehende gesellschaftliche 
Verwerfungen intensiviert, beschleunigt und für uns alle sichtbarer gemacht. 
Systemrelevante Branchen wie beispielsweise die (Kranken-)Pflege oder der 
(Einzel-)Handel klagen seit langem über Unterbezahlung und Überlastung. Die 
ökonomischen Bedingungen sind relevant für die Frage, wie eine Gesellschaft 
funktionieren soll. Es ist nicht neu, dass die herrschenden 
Produktionsbedingungen nicht im Stande sind, die dringlichsten Menschheitsfragen 
zu beantworten, wie eine schleppende Kehrtwende im Kampf gegen den 
menschengemachten Klimawandel verdeutlicht. Gesellschaftliche Privilegien, ob 
ökonomisch oder sozial, bilden ein Spannungsfeld, das sich in einem 
kontinuierlich fortlaufenden Transformationsprozess befindet.

KEIN GRUND ZYNISCH ZU WERDEN,...
denn es ist nicht einfach, sich eine befreite Gesellschaft vorzustellen und 
vielmehr noch diese praktisch umzusetzen. Beispielsweise ist es notwendig, die 
Lohnarbeit als Teil der Gesellschaftsordnung grundsätzlich in Frage zu stellen 
und bestenfalls abzuschaffen. Gesellschaftliche Respektabilität wird in unserer 
Gesellschaft noch immer über Lohnarbeit definiert. Genoss:innen, die sich noch an 
die FAU-Kampagne "Leiharbeit abschaffen" erinnern und/oder konkret an die 
Deregulierung des Arbeitsmarktes im Zuge der Agenda 2010, wissen, was hiermit 
gemeint ist. Als die DGB-Gewerkschaften alles brav nach Hartz abgewunken haben, 
vertrat die FAU eine konsequente Gegenposition. Die radikale Vorstellung, nicht 
mehr für Lohn arbeiten zu müssen, um überleben zu können, wirkt trotz allem auch 
Jahre später für eine breite Mehrheit, gelinde gesagt, eher beunruhigend. Ein 
Argument, was von Verfechter:innen neoliberaler Wirtschaftspolitik gerne 
aufgegriffen wird: wenn der Druck Lohnarbeiten zu müssen wegfiele, würde die 
Gesellschaft kollabieren.

DIE ÖKONOMISCHE GRUNDORDNUNG UNSERER ZEIT IST KEIN NATURGESETZ,...
denn die Transformationsprozesse am Arbeitsmarkt (Industrie 4.0) sind unabhängig 
von ideologischen Ansichten in vollem Gange. Die Vorstellung, täglich nicht mehr 
acht Stunden oder mehr arbeiten zu müssen, um ein glückliches Leben führen zu 
können, sollte eigentlich eine paradiesische sein. Dabei muss zwischen 
Lohnarbeit, welche einer Verwertungslogik unterliegt und Arbeit als produktiver 
Vorgang der Tätigkeit differenziert werden. Statt dem Hamsterrad Lohnabhängigkeit 
könnte Mensch die entstandene freie Zeit für die persönliche und 
gesellschaftliche Weiterentwicklung und einer Stärkung des Gemeinwesens nutzen. 
In einer befreiten Gesellschaft können Menschen nicht über ihre Lohnarbeit 
definiert werden. Das ist einer der Punkte, die uns die Coronakrise 
unmissverständlich aufgezeigt hat. Eine kritische Analyse der 
Produktionsbedingungen kann nur unter Teilhabe der jeweiligen Akteure und auch 
der Konsumenten erfolgen. Eine befreite Gesellschaft baut auf gesellschaftlicher 
Teilhabe und Teilnahme auf und arbeitet kontinuierlich daran, 
Herrschaftsstrukturen zu analysieren und aufzuheben.

DAVON SIND WIR WEIT ENTFERNT...
Den Maschinensturm haben schon die Weber praktiziert - aus Angst, ihr Brot zu 
verlieren. Verständlich, denn wenn Mensch außer der eigenen Arbeitskraft auf dem 
Arbeitsmarkt nichts an Kapital zur Verfügung hat, kann der Verlust der Lohnarbeit 
samt einhergehendem gesellschaftlichem Respektabilitätsverlustes 
desillusionierend wirken. Die Geschichte hat gezeigt, dass abstiegsbedrohte Teile 
der Gesellschaft auch anfälliger für autoritär geprägte Vorstellungen einer 
Gesellschaftsordnung sein können. Spaltungstendenzen aufgrund reaktionärer 
Ideologien können seit jeher in der Arbeiter:innenbewegung beobachtet werden. Ein 
entscheidender Unterschied zu rechten politischen Strömungen, die in jedem Aspekt 
ihrer Ideologie destruktiv handeln, ist die Fähigkeit emanzipatorischer 
Bewegungen, kreativ, also "schaffend", zu sein. Autoritäre Gesellschaftsordnungen 
bauen auf einem ideologischen Endpunkt auf, in dem das konstruierte "andere" als 
Bedrohung empfunden wird und zu beseitigen ist.

DIE HERAUSFORDERUNG IST UND BLEIBT DIE PRAXIS
Eine Gesellschaftsordnung, die auf Teilhabe und gegenseitiger Hilfe basiert, die 
ökologisch, nachhaltig und fair ist, müsste doch allen gefallen. Das dem nicht so 
ist und sie vermutlich mittelfristig auch nur zäh realisierbar ist, stellt kein 
Geheimnis dar. Menschen definieren sich über das, was sie tun, ob es nun gut oder 
schlecht ist. Interessanterweise zeigt es sich auch während der Coronakrise, dass 
Menschen durchaus in schwierigen Zeiten auch ihre besten Seiten an den Tag legen 
können. Die Frage, wie und was produziert wird, unterliegt nicht automatisch 
einem Markt, sondern vielmehr Bedürfnissen. Der Mangel an Schutzmasken zu Beginn 
der Coronakrise und die Initiative engagierter Menschen, dieses staatliche 
Versagen durch Produktion selbstgenähter Masken zu kompensieren, ist dabei nur 
ein Beispiel.

Produktionsketten in ihrer jeweiligen Komplexität müssen organisiert und gepflegt 
werden. Viele Produkte, die wir selbstverständlich konsumieren, erfordern 
mitunter immensen Aufwand oder sind nicht nachhaltig. Die Ursachen für die 
Probleme unserer Zeit sind zudem historisch gewachsen und verdeutlichen, was es 
bedeutet, wenn eine bestehende Gesellschaftsordnung ins Wanken gerät. Rudolf 
Rocker bezeichnet Nationalismus treffend als "politische Religion", welche zum 
Ziel hat, den Staat als "gottgleich" zu verehren. Staat und Kultur stehen sich 
antagonistisch gegenüber. Diese hegelianische Auffassung vom Staat und dessen 
Einfluss auf die intellektuelle Klasse sind laut Rocker ein gemeinsames 
Kennzeichen und gleichzeitig ein Manko der liberalen, autoritären und 
demokratischen Strömungen dieser Zeit. Rocker greift nicht zuletzt die totalitäre 
Auffassung von staatlich organisierter Gesellschaftsordnung als solches an. 
Faschismus ist laut Rocker die Konsequenz einer politischen Religion: Nationalismus.

Die absolutistische Vorstellung nach Hegel, dass sich gesellschaftliche Ordnung 
nur mittels eines Staates realisieren lässt, ist ideologisch konstruiert und 
somit nicht unüberwindbar. In "Nationalismus und Kultur" geht Rocker noch weiter, 
wenn er schreibt, dass

"die sogenannte Staatsauffassung des Faschismus erst in Erscheinung[tritt]nachdem 
der Duce zur Macht gelangt war. Bis dahin schillerte die faschistische Bewegung 
in allen Farben des Regenbogens, wie in seiner ersten Phase in Deutschland der 
Nationalsozialismus. Sie hatte überhaupt kein einheitliches Gepräge. Ihre 
Ideologie war ein buntes Gemisch geistiger Bestandteile aus allen möglichen 
Ideenrichtungen. Was ihr Gehalt gab, war die Brutalität ihrer Methoden, ihr 
rücksichtsloses Draufgängertum, das schon deshalb keine andere Meinung achtete, 
weil es selber keine zu vertreten hatte. Was dem Staate zum vollendeten Zuchthaus 
bisher noch gefehlt hatte, das hat ihm die faschistische Diktatur bis zum 
Überfluss gegeben."

Rocker verweist zuvor auf Mussolinis (vermeintliche) frühe Ablehnung gegenüber 
dem Staat, welche zeitlich vor dem "Marsch auf Rom" zu verordnen ist 
(veröffentlicht 1920 in "Popolo d‘Italia") und fährt fort:

"In der Tat hatte Mussolini aus der Freiheit ein Vorrecht für sich gemacht und 
gelangte damit zur brutalsten Unterdrückung aller anderen; denn eine Freiheit, 
welche die Verantwortung des Menschen seinen Mitmenschen gegenüber durch ein 
geistloses Machtgebot zu ersetzen trachtet, ist schnöde Willkür, Verleugnung 
jeder Gerechtigkeit und allen Menschentums. Aber auch der Despotismus verlangt 
eine Rechtfertigung dem Volke gegenüber, das er vergewaltigt. Aus dieser 
Notwendigkeit wurde der neue Staatsbegriff des Faschismus geboren."

Seine Ausführungen über Mussolini und den Faschismus wirken erschreckend aktuell.

AUFSTAND DER UNANSTÄNDIGEN - ODER WARUM DIE CORONA-PANDEMIE DIE MASKEN FALLEN 
LÄSST...
Gesellschaftliche Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten hin zu einer 
gleichberechtigten Gesellschaftsform werden bekanntermaßen zur Zeit begleitet von 
einer schrillen, pseudo-rebellischen Minderheit. Ein geschätzter Genosse bemerkte 
erst treffend, dass diese selbsternannten "querdenkenden Bewegungen" 
Zerfallserscheinungen des Gestrigen und dessen letztes Aufgebot sind. In anderen 
Worten ein vergeblicher Versuch, bereits etablierte gesellschaftliche Normen der 
Emanzipation umzukehren. Dieser diffuse Rebellionsprozess verwirrter 
Kleinbürger:innen ist als ein Symptom des Niedergangs, der nicht mehr aufzuhalten 
ist, zu bewerten. Das infantile Verhalten dieser Wutbürger:innen ist letztlich 
ein Zeichen ihrer Sozialisation. Einer Sozialisation im Zeichen der 60er bis 00er 
Jahre. Wo die Welt angeblich noch in Ordnung war und jeder alles erreichen 
konnte, wenn er nur hart genug dafür arbeitet.

Dieses Klientel, welches sich nie ernsthaft für soziale Gerechtigkeit 
interessiert hat, probt nun den Aufstand. Es ist Gratismut und kein Widerstand 
gegen herrschende Unterdrückungsverhältnisse. Es ist das diffuse Angstgefühl der 
Abstiegsbedrohten zu kurz zu kommen. Wirklich benachteiligte Menschen, wie 
beispielsweise von Diskriminierung Betroffene, interessieren diese Generation 
nicht wirklich, sondern nur der eigene Opfermythos. Auch wenn das schrille 
Krakeelen der Impfgegner:innen und anderer Verschwörungsdemagog:innen und 
Konsorten in keinster Weise ernstzunehmen ist, können wir uns keineswegs 
zurücklehnen, was deren Verrohungspotential betrifft. Insbesondere was die 
anhaltende Situation der Exekutiven mit Gewaltmonopol angeht, besteht ebenfalls 
keineswegs Entwarnung. Die Durchseuchung der "Sicherheitsorgane" ist dabei die 
größte Gefahr für eine offene Gesellschaft, wie die steigende Zahl von enthüllten 
rechtsterroristischen Netzwerken wie "Nordkreuz" oder "Gruppe Werner S." belegen.

EIN ANTIFASCHISTISCHER GRUNDKONSENS MUSS OBLIGATORISCH WERDEN
Es stellt sich uns nun die Frage: Welche Gesellschaftsform im Stande wäre, die 
Widersprüche unserer Zeit aufzulösen. Im Angesicht des historisch beispiellosen 
Zivilisationsbruchs, der Shoah, schwingt in Rockers Werk eine gewisse 
Ernüchterung über das zu revolutionierende Subjekt der Werktätigen mit. Weite 
Teile der Werktätigen hatten sich autoritären Ideologien verschrieben und neben 
den Kleinbürger:innen und Kapitalist:innen dem Faschismus den Weg bereitet.

Rudolf Rocker beschreibt den Faschismus nicht zuletzt deswegen auch als finale 
Konsequenz ausgehend von einer Nationalideologie, einer politischen Religion. Im 
Gegensatz dazu beschreibt Rocker den Weg zur befreiten Gesellschaft, Anarchismus 
respektive Anarchosyndikalismus, nie als absolut oder einem ideologischen 
Endpunkt einer endgültigen Entwicklungsstufe, wie es in staatsphilosophischen 
Denkmustern gepredigt wird. Anarchismus ist das Gegenteil von Religion und 
Esoterik - es ist die wissenschaftliche Analyse und vor allem die Praxis zur 
Befreiung von Herrschaftsmechanismen, die sich historisch 
herausgebildet/entwickelt haben. Letztlich sind Ideologien konstruiert und keine 
Naturgesetze. Wir Menschen könn(t)en es schaffen uns hin zu einer 
gleichberechtigten Gesellschaft zu entwickeln. Es steht nicht in Stein gemeißelt, 
dass unser aller Schicksal voller Neid, Ausbeutung und Hass sein müsse. Genauso 
wenig wie der Kapitalist Recht hätte, dass der Markt alles reguliert und dass das 
unumstößlich sei, oder ein Chauvinist davon ausgeht, er/sie könne sich über 
andere stellen und das Leben wäre nur ein Kampf ums Dasein.

Anarchosyndikalismus basiert auf der Idee der Gleichheit des Menschen, welche 
ihren Ausgangspunkt in der historischen Idee der französischen Revolution hat. 
Bei genauerer Betrachtungsweise sind sehr viele Forderungen bereits tatsächlich 
weiterentwickelt und umgesetzt worden - beispielsweise das allgemeine Wahlrecht, 
die Gleichberechtigung der Frau. In vielen Ländern würde beispielsweise ein 
Frauenwahlrecht (momentan) nicht mehr in Frage gestellt werden. 
Anarchismus/Anarchosyndikalismus ist nicht als Regierungsform gedacht, was 
oftmals nicht verstanden wird. Es geht darum, den Menschen einen Weg zu zeigen, 
nicht über andere zu herrschen und sich nicht beherrschen zu lassen und 
gleichzeitig Verantwortung füreinander übernehmen zu können. Autoritäre 
Gesellschaftsstrukturen ersticken jegliche Verantwortungsbereitschaft. Deren 
Jünger eines wie auch immer gearteten Nationalismus legen nicht zuletzt ihre 
individuelle Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft in die Hände eines wie auch 
immer gearteten Anführers. Die darauf folgenden Unmenschlichkeiten ausgehend von 
politischer Religiosität, sollte eigentlich mittlerweile allen bekannt sein.

Rockers Werk ist entstanden im Zeichen nach der Ernüchterung über den 
beispiellosen Zivilisationsbruch, wo die Kollektivbarbarei die Menschheit fast in 
den Abgrund geführt hat. Wir Menschen täten gut daran, uns explizit von 
Religionen jeglicher Art zu distanzieren, auch und vor allem, wenn sie politisch 
motiviert sind. Es geht nicht darum, möglichst schnell eine möglichst große 
Massenbewegung zu werden. Es dreht sich nicht darum, für ein bisschen 
Umverteilung zu sorgen und somit zu glauben, dass die Widersprüche der jeweiligen 
Zeit aufgehoben werden können. Es ist Fakt, dass sobald eine regierende Gruppe 
durch die andere abgelöst wird, sich neue Hierarchien und somit neue 
Unmenschlichkeiten herausbilden werden. Das fängt auch schon im Kleinen an und 
sei es auch nur ein alternatives Projekt, wo auch informelle Hierarchien präsent 
sind. Wir müssen die Idee einer Gesellschaftsform, die auf Gleichheit des 
Menschen basiert, als dynamisch und sich entwickelnd verstehen und niemals locker 
lassen, wenn es um Mitmenschlichkeit geht.

Doch nun zum Punkt: Rockers in Worte gefasste Desillusion und Analyse zum 
Scheitern der Moderne folgte die bis heute anhaltende Epoche der Postmoderne. Es 
ist eine Phase, die nun zu Ende geht, weil sie nicht die Antworten liefert, die 
dringender denn je sind. Es ist nichts Neues, dass die industrialisierten 
post-kolonialen Mächte weiterhin große Teile der Erde ausbeuten. Eine dezentrale, 
nachhaltige Produktionsweise, die sich an einer bedürfnisorientierten Ressourcen- 
und Konsumgüterverteilung messen könnte, würde enorme Veränderungen unseres 
Alltags in Anspruch nehmen. Chancengleichheit und menschenwürdige 
Lebensbedingungen für alle sind Ziele, für die zu jeder Zeit gekämpft werden 
muss, auch in der Zukunft. Wenn wir den Blick nun auf die Industriestaaten 
lenken, die angesichts einer Katastrophe wie der gegenwärtigen Pandemie an die 
Grenzen ihrer Möglichkeiten stoßen und damit die Spaltung der Gesellschaft 
einhergeht, ist das Aufkeimen von chauvinistischen Einstellungen symptomatisch. 
Das ist ein Widerspruch unserer Zeit: diejenigen, die für das Klimachaos 
verantwortlich sind (im Alter zwischen 30 und 60 Jahren), politische Mehrheiten 
generiert. Diese Generationen setzen das Glücksversprechen, alles erreichen zu 
können, wenn Mensch nur fleißig genug ist, als unumstößlich gesetzte Wahrheit 
über den tatsächlichen Zustand der Gesellschaft. Nun erleben diese Generationen, 
dass ihre bisherigen Lebensgewohnheiten nicht mehr zeitgemäß sind (Tempolimit, 
schlimm schlimm...). Die Frustration über die Erkenntnis, dass das eigene Ego 
nicht der Nabel der Welt ist, kann schwerwiegende psychologische Folgen für diese 
Personen und ihr Umfeld haben.

AUF EINMAL BRICHT DAS KARTENHAUS LEBENSLÜGE EIN...
Greise, die, Yogamatten schwingend, Disko fordern und hedonistische Lebensweisen 
propagieren und auf der Gegenseite junge engagierte Menschen, die Verantwortung 
übernehmen wollen und können, aber nicht dürfen, weil der Gesetzgeber es ihnen 
aufgrund ihres Alters verbietet. Der große Widerspruch unserer Zeit: Menschen, 
die nicht begreifen wollen, dass wir an einem Wendepunkt der 
Menschheitsgeschichte stehen, entscheiden in kurzfristig gedachten, emotional 
aufgeladenen und ja, durchaus egoistisch motivierten Impulsen über die Zukunft 
der nachfolgenden Generation, während diejenigen, die in der Zukunft leben 
müssen, nicht entscheiden dürfen. Junge Menschen übernehmen immer mehr 
Verantwortung und reflektieren sich und ihre Welt. Deswegen stehen auch die 
Zeichen der Zeit für eine befreite Gesellschaft günstig. Die junge Generation 
zeigt, dass die Zeit reif ist für eine emanzipierte Gesellschaft und 
Anarchismus/Anarchosyndikalismus kann ein Vehikel in so eine Zukunft sein/als 
Katalysator wirken. Als ein positives Beispiel, ist auch die DIY-Kultur der 
Punkszene zu verstehen, die sich zum Ziel gemacht hat, Fähigkeiten anzueignen, um 
sich zu befreien anstatt zu resignieren. Nicht zuletzt waren anarchistische 
Strömungen damals maßgeblich daran beteiligt, die Partizipation der Entrechteten 
und Benachteiligten auf der Grundlage der Selbstorganisation zu forcieren. Seien 
es gewerkschaftliche Methoden oder soziale Bewegungen wie z.B. feministische 
Bestrebungen. Auch wenn die ewig Gestrigen die Wahlen noch so stark beeinflussen 
und der Fortschritt verlangsamt wird: sie können ihn nicht mehr aufhalten.

Anarchismus/Anarchosyndikalismus definiert sich nicht über den Button an einer 
zerfledderten Jacke (kann Mensch gerne tragen, Geschmäcker sind halt 
verschieden), es definiert sich nicht über ein diffuses Stereotyp des frechen 
Rebellen (Ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt) gegenüber jemanden und auch 
nicht über das Chaos, was mancher Mensch Privatleben nennt - es definiert sich 
darüber, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das beinhaltet auch, 
gesellschaftliche Institutionen mitzugestalten, die für uns alle von Belang sind 
(dazu gehören alle Bereiche der Gesellschaft). Die Institutionen, die die 
Gesellschaft tragen, sind divers und diese Diversität muss sich auch im 
anarchosyndikalistischen Aktivismus widerspiegeln. Sich basisgewerkschaftlich 
organisieren, Genossenschaften gründen, eine Infrastruktur zur partizipativen 
Ökonomie etablieren, letztlich Teilhabe für alle Menschen ermöglichen, 
gegenseitige Hilfe nicht nur propagieren sondern auch institutionalisieren und 
bestehende Institutionen sensibilisieren.

Anarchosyndikalismus ist ein Prinzip der Bodenständigkeit, welches von der Basis 
getragen wird, von Menschen, die bereit sind, Verantwortung für ihr Handeln zu 
übernehmen, wo das Glück der anderen Menschen genauso bedeutend ist wie das 
eigene. Anarchismus ist letztlich ein dynamisches Werkzeug hin zu einer befreiten 
Gesellschaft und nicht auf der Suche nach einem neuen, perfekten Menschen.

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