(de) berlin die plattform: Die Solidarität der herrschenden Klasse
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Do Feb 25 07:45:57 CET 2021
Der Staat als Teil der herrschenden Klasse ---- Die Solidarität ist eine sehr oft
beschworene Formel in der Corona-Pandemie. Würde man die Solidartät, wie sie von
Unternehmen oder Regierung verkündet wird, mit unserer Vorstellung von
Solidarität gleichstellen, dann müsste man meinen, dass eine fruchtbare Zeit für
linke Ideen angebrochen wäre. Schließlich gründen sich die vielen Bewegungen für
eine befreite Gesellschaft eben auf Solidarität und gegenseitiger Hilfe. Da wir
uns täglich in dieser Gesellschaft bewegen können wir anhand unserer Erfahrungen
über die "Solidarität der herrschenden Klasse" urteilen. ---- Vor allem während
des ersten Lockdowns konnten wir eine Vielzahl an Maßnahmen beobachten, die
sicherlich beim Bekämpfen der Pandemie geholfen haben. Selbst wenn man kein
besonderes Wissen über Viren hat, scheinen die Einschränkungen des Flugverkehrs,
Homeoffice und die Absage von großen Veranstaltungen ziemlich sinnvoll zu sein.
Gut, wer die Pandemie schon in der Anfangszeit aufmerksam verfolgt hat und ernst
genommen hat, wird sowieso schon vor dem ersten Lockdown schweren Herzens seine
sozialen Kontakte stark eingeschränkt haben. Auffällig bleibt hingegen, dass bei
all diesen Maßnahmen die Staaten bis jetzt weltweit wenig zusammen gearbeitet
haben. Das Verhindern einer weltumfassenden Pandemie durch Maßnahmen im eigenen
Land war schon anfangs die am ehesten gewählte Krisenstrategie. Diese war nicht
unbedingt im Sinne der Wissenschaft, denn Viren halten sich ja bekanntlich nicht
an Staatsgrenzen!
Auch sonst scheinen viele der Maßnahmen nicht wirklich auf die Bekämpfung der
Pandemie ausgerichtet gewesen zu sein. Während die deutsche Fussball Bundesliga
bereits Ende März wieder trainierte, tat die Feuerwehr dies lange noch nicht.
Einen aufgebrachten Anhänger von Eisern Union veranlasste dies zu dem Satz, "Wenn
es bei mir brennt, kommt dann Gogia (Fussballprofi des 1. FC Union) mein Haus
löschen?". Die Fussball Branche zeigte sich für eine kurze Zeit ungeahnt
selbstkritisch. Das auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtete
Hochrisikofinanzgeschäft mit Milliardensummen stand nach wenigen Wochen im
Lockdown schon vor dem Niedergang. Hierauf sollten dann nun ein Gehaltsverzicht,
Gehaltsobergrenzen und eine Rückkehr zu einem Sport für die Fans folgen. Dies
sind alles Dinge, von denen vorher niemand etwas wissen wollte, nun wurde aber
auf einmal wieder über das alles geredet! Im Nachhinein, als man dann finanziell
wieder abgesichert war, wurde zwar verkündet, das wären zwar alles tolle Ideen
gewesen, der weitere Spielbetrieb sei jetzt aber erst einmal das Wichtigste.
Selbstkritik ist Show! Schließlich hat der Fall Robert Enke keine Veränderung am
Leistungsdruck verursacht und Corona wird die Risikofinanzgeflechte jetzt auch
nicht beenden!
Die Rettung des Clubs FC Schalke 04 durch das Land NRW erinnert dabei sogar an
die Rettung von hochverschuldeten Banken in der Finanzkrise von 2008. Wer "too
big to fail" - zu groß, zum scheitern - ist, kann selbst in einer Pandemie auf
die "Solidarität der herrschenden Klasse" hoffen! Ganz egal, wie bescheuert man
sich vorher verhalten hat!
Dieser Industriezweig kann dabei als Vorbild für die gesamte Wirtschaft gelten:
Wer wegen Corona in der Krise steckt, fordert Kredite ein. Als größeres
Unternehmen, muss man dafür lediglich in Aussicht stellen, dass man die eigenen
Handlungen zukünftig etwas mehr auf das Wohl "aller" abstimmt. Wer dabei hingegen
in der Pandemie eine besonders "wichtige" Leistung erbringt, kann sich gegen
Einmischungen von außen verwahren, fährt dabei aber still die besonders hohen
Gewinne ein.
Die "Solidarität der herrschenden Klasse" ist durch und durch kapitalistisch. Sie
dient nur der herrschenden Klasse und wird von all jenen unterstützt, die an den
Kapitalismus glauben, wie die Propheten an den Messias. Diese "Solidarität" hat
dabei nichts mit gegenseitiger Hilfe zu tun, jedenfalls nicht so, wie wir sie
verstehen! Sie orientiert sich hingegen viel mehr am Wettbeweb und am Profit.
Wenn man Solidarität so vesteht, dann sollte einem vollkommen klar werden, dass
die von Staat und Wirtschaft beschlossenen Maßnahmen sich nicht widersprechen
stattdessen zementieren sie die aktuellen Verhältnisse nur. Wer hier Fehler
aufdecken will, verkennt die Lage!
Auch hier zeigt der Profifussball wie es geht. Zuerst wird das eigene
vorbildliche kapitalistische Verhalten infrage gestellt. Es folgen
Sonderregelungen zum Schutz der Industrie, statt den Bedürfnissen der
Beschäftigten oder Fans Platz zu geben. Um die vorher in Aussicht gestellten
strukturellen Änderungen ist es ab diesem Zeitpunkt still geworden. Wenn
Schlachthöfe nacheinander viele Coronakranke verzeichnen, ohne dass der angeblich
schützende Staat eingreift, geschweige denn die Chefs selbst tätig werden, ist
das normal. Diese Normalität sollten wir auch deswegen aufzeigen, weil wir sie
alle erleben. Natürlich war die Unterdrückung der lohnabhängigen Klasse schon vor
Corona da. Wenn die Bosse zu Hause oder in ihren großen Büroräumen mit
Luftfiltern und Desinfektionsmittel sitzen, die Arbeiter:innen aber in den
Fabriken keine Maßnahmen zum Schutz genießen, zeigt sich auf einmal wie viel
"Wert" jetzt welches Menschenleben besitzt!
Wenn Menschen nach einer überstandenen Corona Infektion mit den Nachwirkungen der
Krankheit zu kämpfen haben und von der Chefin den Vorwurf bekommen dies nur zu
spielen, dann wissen wir, wie verantwortungsvoll unsere Vorgesetzten in einer
Pandemie wirklich sein können. Geschützt wird nur, wo durch Arbeitsschutz die
Gewinne weiterhin zufriedenstellend ausfallen. Das menschenfeindliche Problem des
Kapitalismus zeigt sich jeden Tag im Leben von uns allen! Hierzu braucht es
gegenseitiges Zuhören und eine gemeinsame Analyse. Doch dürfen wir bei dieser
Analyse alleine nicht stehen bleiben!
Den stockenden Motor reparieren
Entgegen vieler anderer Texte, wollen wir nicht in die oft doch recht
vernichtende Kritik gegenüber der Handlungsweise der antiautoritären Linken
einstimmen. Zu Beginn der Pandemie waren wir positiv überrascht, wie schnell sich
der erste Protest formiert hat. Es wurde auf die Verdrängten und Ausgestoßenen
aufmerksam gemacht, welche sich aufgrund staatlicher oder gesellschaftlicher
Diskriminierung nicht gut selbst schützen konnten - man denke nur an die Menschen
in Moria! Der Ausbau der technischen Infrastruktur in dieser Zeit durch Systemli,
Riseup und Co hat es vielen von uns ermöglicht, unsere politische Arbeit
fortzuführen. Auch wenn wir vermutlich nach der Pandemie erstmal die Schnauze
voll von Telefon- und Videokonferenzen haben werden. Zur gleichen Zeit konnten
sich faschistische Kräfte nicht entscheiden, ob sie für oder gegen einen
autoritäreren Staat sein wollen. Während die faschistische Rechte zum Beginn von
Corona somit sichtlich mit den neuen Voraussetzungen ringen musste, war die Linke
schneller.
Was folgte war jedoch leider viel zu wenig. Die Netzwerke der gegenseitigen Hilfe
vom Pandemiebeginn sind größtenteils eingeschlafen. Während des Sommers und den
folgenden Lockerungen rückte Corona in den Hintergrund. Anstatt die Proteste der
Anfangszeiten auszuweiten und gesamtgesellschaftliche Veränderungen
voranzubringen, folgte eine neue rechte Massenbewegung. Auch auf die
Coronaleugner:innen wurde kaum eine Antwort gefunden. Ein weiterer Versuch der
antiautoritären Linken in Form des "Wer hat der Gibt" Bündnisses auf die Pandemie
zu reagieren, war enttäuschend. Es besteht ein Unterschied zwischen gewollter
Massentauglichkeit und Forderungen, welche vielen Menschen aus der Seele
sprechen. Eine art Reichensteuer während der Coronapandemie könnte ebenso von der
Sozialdemokratie stammen. Eine dauerhafte Verbesserung der Zustände wird erst gar
nicht mehr gefordert. Anstatt aus den Kämpfen der lohnabhängigen Klasse
Forderungen abzuleiten entscheiden linke Bündnisse aus Gruppen, die sonst kaum
miteinander reden würden, was denn wohl massentauglich genug für die nächste
Kampagne ist. Letztendlich rückte selbst dieser Minimalkonsens aus dem Blickfeld.
Schließlich findet es die antiautoritäre Linke schon seit einiger Zeit einfacher
vor allem gegen faschistische Gruppen zu agieren. Wer gegen Faschisten antritt,
kann gut von der eigenen Inhaltsleere ablenken. Somit war auch "Wer hat der gibt"
am Ende mehr eine Mobilisierungsform gegen Coronaleugner:innen, als eine
eigenständige Bewegung. Wir sehen in dem Scheitern dieser Kampagne einen weiteren
Beweis dafür, dass breite linke Bündnisse zumeist zu einer Verwässerung der
Forderungen führen und dass ihre Massentauglichkeit kaum Spuren bei den
mobilisierten Menschen hinterlässt.
Die letzten Entwicklungen in der antiautoritären Linken geben uns hingegen
durchaus Anlass zur Hoffnung. Es ist wie zum Beginn der Pandemie wieder etwas
Bewegung spürbar. Hier muss anerkennend erwähnt werden, dass die Kampagne
ZeroCovid eine längst überfällige Debatte innerhalb der radikalen Linken entfacht
hat. Auch wenn wir staatlichen autoritären Pandemieschutz für eine ebenso gute
Idee, wie Kommunismus durch Parteiendiktatur halten, kam dieser Impuls zur
rechten Zeit! Wir glauben allerdings, dass ein solcher europäischer Lockdown wohl
nur nach chinesischem Modell möglich ist. Desweiteren ist es eher
unwahrscheinlich, dass sich die europäischen Regierungen nach dem Start der
europaweiten Impfkampagne zu einem gemeinsamen Lockdown drängen lassen.
Unsere Perspektive ist es hingegen der herrschenden Klasse Stück für Stück den
Boden zu entziehen. Wir müssen dabei, wenn wir wissen wollen was den Menschen in
der Zeit der Pandemie besonders wichtig ist, nur inne halten und die Erfahrungen
unserer Bekannten und Freunde bewerten. Lasst uns den Schutz der Kranken und
Alten in der Gesellschaft fordern.
Es gibt viele Menschen, die im hohen Alter arbeiten müssen oder solche, die
kranke Angehörige daheim haben. Jeden Tag sind sie von der Angst ergriffen für
den Tod ihrer Liebsten mitverantwortlich zu sein. Eine solidarische Gesellschaft
hätte die Aufgabe diese Menschen von dieser Angst so gut es möglich ist zu
befreien. Viele von uns haben erlebt, wie unsere Bosse unseren Arbeitsschutz für
ihre Profite hinauszögern und verweigern. Organisiert euch in solidarischen
Basisgewerkschaften wie der FAU und lasst uns den Protest vor Tönnies und Co
tragen. Der Arbeitsschutz ist ihnen vollkommen egal. Für ihre Ignoranz bekommen
sie Hilfspaket und können ihren Aktionären die Geldbeutel füllen. Auch sollten
wir dem immer autoritärer agierenden Staat nicht freie Hand lassen, denn wer
Jogger nachts wegen Missachtung der Ausgangssperre verhaftet, ignoriert die
Wissenschaft genauso wie Coronaleugner:innen. Der Staat schützt uns nicht,
sondern sich selbst und die anderen Teile der herrschenden Klasse. Oder warum
gibt es ein Patent auf einen Impfstoff während einer weltweiten Pandemie? Ein
Patent ist das Gegenteil von Solidarität, es bedeutet Vorteil in der
Weltmarktkonkurrenz. Nicht das menschliche Leben an sich hat oberste Priorität,
sondern nach wie vor der Profit des nationalen Kapitals. Solange der Kapitalismus
existiert, wird es immer einen Staat als Teil der herrschenden Klasse geben.
Lasst uns dem Staat jeden Meter abtrotzen, den wir bekommen können, damit wir ihn
und den Kapitalismus irgendwann vollkommen zu Fall bringen können!
https://berlin.dieplattform.org/2021/02/13/der-staat-als-teil-der-herrschenden-klasse/
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