(de) Anarchistisches Kollektiv Glitzerkatapult: Redebeitrag auf der "Lockdown Capitalism" - Demonstration

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Do Feb 18 10:27:18 CET 2021


Auf der "Lockdown Capitalism"-Demonstration am 23.01. haben wir auf der 
Auftaktveranstaltung eine Rede gehalten, die hier nochmal zum nachlesen zu finden 
ist: ---- Es ist 2021 und seit bald einem Jahr bestimmt die Corona-Krise unseren 
Alltag. Einige Regierungen verabschieden teilweise willkürliche Maßnahmen, um die 
Corona Pandemie einzudämmen. Der autoritäre Kurs, der schon vor dem Ausbruch von 
CoVid-19 sichtbar wurde, wird also fortgesetzt. ---- In vielen Ländern werden 
Proteste mit dem Hinweis auf Corona-Maßnahmen unterdrückt oder die Pandemie von 
Regierungschef:innen nicht ernst genommen. Hauptsache die Wirtschaft läuft wie 
bisher. In Deutschland müssen wir vor allem private Einschränkungen hinnehmen und 
dürfen nicht mehr selbst entscheiden. Uns wird von der Regierung abgesprochen, 
das wir verantwortungsvoll handeln können. Wir denken jedoch dass Menschen genau 
dies können, wenn sie dazu ermutigt und ihnen diese Entscheidungen nicht 
vorenthalten würden. Natürlich brauchen wir hierfür Änderungen in der 
Gesellschaft. Eine Verantwortungsübernahme füreinander braucht Erfahrungen und 
einen gemeinsamen Lernprozess. Die Menschen in unserer Gesellschaft sind durch 
Lohnarbeit und kapitalistische Marktwirtschaft Rücksichtslosigkeit gewöhnt. Unser 
alltägliches Zusammenleben wird durch Gesetze und staatliche Regelungen bestimmt. 
Wir sind also gewohnt, dass uns vorgegeben wird, wie wir uns "richtig" zu 
verhalten haben. Das lässt sich natürlich nicht von heute auf morgen ablegen. Wir 
denken aber, dass die aktuelle Krise auch die Chance bietet, dass Menschen mehr 
Verantwortung füreinander übernehmen. In kleinen Netzwerken, wie in 
Nachbar:innenschaftshilfen geschieht dies ja auch während der Pandemie vermehrt. 
Auf diesen Erfahrungen können wir versuchen auf zu bauen, um auch nach der 
Pandemie solidarische Netzwerke zu erhalten. Wir können gemeinsam lernen, wie wir 
uns in einer befreiten Gesellschaft organisieren können und wie wir mit solchen 
besonderen Krisensituationen umgehen wollen. Denn Maßnahmen, die von Menschen 
gemeinsam beschlossen werden, würden sicher auf mehr Akzeptanz stoßen und eher 
umgesetzt werden.

Wir dürfen jedoch nicht vergessen , dass wir auch dann Expertise zu wichtigen 
Problemen aufbauen müssen und diese in unsere Beratungen und gemeinsamen 
Entscheidungen einfließen lassen sollten. Auch in einer befreiten Gesellschaft 
sollte es die Möglichkeit geben, dass Menschen in ihrem Interessensgebiet 
Expert:innen werden können. Wir sollten nicht anfangen, wie die 
Pandemieleugner:innen, jegliche Idee von Expert:innen als eigene Vorteilsnahme zu 
deuten. Wir wollen Expert:innen nicht einfach folgen, aber anerkennen, dass sie 
uns mit ihrem Wissen begleiten und beraten können. Sie sollen als 
gleichberechtigte Gefährt:innen angehört und Ernst genommen werden.

Das Virus selbst entspringt einer krisenhaften Gesellschaft und den bestehenden 
Herrschaftsverhältnissen. Es entspringt der Ideologie, dass nicht-menschliches 
Leben keinen Wert hat. Wir wissen: Wir können ohne intakte Ökosysteme nicht 
existieren. Tierisches Leben jenseits des Menschseins ist Teil unserer 
Herrschaftsanalyse. Die Mensch-Tier-Grenze ist ein menschliches Konstrukt. Dieses 
Herrschaftsverhältnis ist kein Nebenwiderspruch, und verschwindet auch nicht mit 
dem Kapitalismus. Der Raubbau an Ökosystemen, die massive Vernichtung von 
Lebensraum oder die Tierindustrie sind Keimzellen für Pandemien. Entweder dringen 
Menschen in den Lebensraum von Viren ein oder sie züchten sich Virusmutationen in 
der Massentierhaltung - seien es sogenannte Pelzfarmen oder hiesige Tierfabriken. 
Wir sind insbesondere der Meinung, dass wir den Fokus unserer Kämpfe gegen die 
autoritären Coronamaßnahmen daher auch gegen die zerstörerische Tierindustrie 
richten sollten. Nicht nur weil dort lohnarbeitende Menschen ausgebeutet werden, 
sondern auch weil dort fühlende Lebewesen ermordet, die Natur massiv zerstört 
wird und durch Ausbeutung und Tötung von Lebewesen Pandemien immer 
wahrscheinlicher werden. Aktuell haben Expert:innen erforscht, dass Millionen von 
Viren in der Tierwelt schlummern und in vielen Fällen auch auf den Menschen 
übertragbar sind. Wir wollen Tiere zwar nicht um unser Selbstwillen vor 
Ausbeutung schützen, denn eine befreite Gesellschaft geht nicht ohne 
Tierbefreiung. Vielleicht aber rütteln wir die eine oder andere Person da draußen 
damit auf, sich ebenso gegen Tier- und Naturausbeutung zu stellen.

Die Corona-Krise rückt also wieder Verteilungsfragen in den Mittelpunkt. Als 
antiautoritäre Bewegung müssen wir Verteilungsfragen aber intersektional denken. 
Auch wirtschaftliche Benachteiligung trifft verschiedene soziale Gruppen 
unterschiedlich. Wir müssen weiterhin Kämpfe verbinden.

Für Selbstorganisierung in einer befreiten Gesellschaft. Für die Anarchie!

https://glitzerkatapult.noblogs.org/post/2021/02/10/redebeitrag-auf-der-lockdown-capitalism-demonstration/


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