(de) AND: Gesundheitswirtschaft

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Di Feb 9 07:11:40 CET 2021


Unser vergleichsweise fortschrittliches Gesundheitssystem organisiert sich nach 4 
Prinzipien: Versicherungspflicht, Beitragsfinanzierung, Solidaritätsprinzip, 
Selbstverwaltungsprinzip. ---- Schauen wir uns diese Prinzipien in ihrer 
Ausgestaltung genauer an, wird die Fortschrittlichkeit jedoch schnell fragwürdig. 
---- In unserer neoliberalen Gesellschaft ist der Marktdruck und die Sortierung 
von Menschen in Klassen natürlich auch in der Gesundheitsversorgung angekommen. 
Dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit folgend, gibt es verschiedene 
Versicherungsarten (gesetzlich oder privat). Sie beeinflussen, wie viel Geld 
Ärzt*innen für eine geleistete Maßnahme erhalten, ob und wie schnell Termine 
vergeben werden, welche Maßnahmen ausgewählt werden und ob das Personal Zeit hat, 
auf die Bedürfnisse der Patienten*innen einzugehen oder nicht. Weiterhin werden 
bestimmte Personengruppen ausgeschlossen, wenn sie der Versicherungspflicht nicht 
nachkommen (z. B. wohnungslose Menschen).
Solidarität kommt nach dem oben genannten Prinzip eben nur jenen zu, die dafür 
bezahlen.Die Finanzierung von Maßnahmen richtet sich nicht selten nach 
Marktanreizen (siehe Homöopathie) und lässt präventive und partizipative 
Maßnahmen unterfinanziert, schlecht koordiniert oder schlecht zugänglich.
In unserer Gesellschaft stellt der Neoliberalismus per se ein ständig latentes 
Gesundheitsrisiko dar.
Schlechte Arbeitsbedingungen, finanzielle Unsicherheiten, Leistungsdruck, 
vernachlässigendes Gesundheitsverhalten, ständige Diskriminierung nach 
gesellschaftlichem Status seien hier als Beispiele genannt, die den Menschen in 
einer ständigen Stresssituation halten. Und Stress beeinträchtigt die Gesundheit 
enorm.
Während der derzeitigen Corona-Pandemie kommt unserem Gesundheitssystem erhöhte 
Aufmerksamkeit zu. Wir können ja so toll klatschen...
In der Diskussion wird vor allem die Situation in den Krankenhäusern immer wieder 
erwähnt und vor einer möglichen Überlastung gewarnt. Dabei vergessen wird, dass 
unsere seit 2003 über Fallpauschalen stattfindende Krankenhausfinanzierung genau 
zu dieser Überlastungsgefahr beiträgt.
Dieses Finanzierungsmodell gibt jeder Erkrankung einen fixen Preis und bringt 
eine Gewinnmaximierung mit sich, für jene, die möglichst schnell und mit 
geringstem Aufwand Patienten*innen behandeln. Die Erlöse aus Patient*innenfällen 
werden zur Finanzierung der gesamten Krankenhausinfrastruktur genutzt, was zur 
Selektion von Patienten*innen führt, nach denen, wo die Bilanz stimmt und sich 
"lohnt". Außerdem wird Versorgung vereinfacht oder ganze Stationen abgebaut, weil 
sie keine Vorteile bringen.
Die seitdem fortschreitende Ökonomisierung und Kommerzialisierung der 
Krankenhäuser nimmt so absurde Züge an, dass inzwischen Wirtschaftsberater*innen 
prüfen, ob Vorgänge nicht mit noch weniger Personal bewältigt werden können.
Daher sollte eigentlich der Begriff Gesundheitsversorgung mit 
Gesundheitswirtschaft ersetzt werden. Das wäre wenigstens ehrlicher.
Schlussendlich führten die genannten Prozesse zur Rationalisierung und einem 
Abbau von Überkapazitäten, da diese ohne Krise nicht nutzbar und daher nicht 
gewinnbringend waren. Und genau diese Überkapazitäten wären in einer 
Pandemie-Situation ja jetzt irgendwie nützlich...
In der jetzigen Situation müssen Krankenhäuser Kapazitäten wieder frei machen und 
planbare Eingriffe verschieben. Dies bringt ein wirtschaftliches Risiko für das 
Krankenhaus mit sich, da unklar ist, wann und wie viele Coronafälle eintreffen, 
um damit Geld zu erwirtschaften und die Erlösausfälle wieder auszugleichen. Der 
Anreiz daher, keine Coronafälle aufzunehmen, um Gewinneinbußen zu verhindern, ist 
neben den fehlenden "Vorratsbetten" ein echtes Problem. Es entsteht Wettbewerb in 
der Versorgung von erkrankten Menschen.
Außerdem entsteht auch eine politische Hierarchisierung von Erkrankungen nach 
Wichtigkeit und Dringlichkeit. COVID-19 Erkrankungen erhalten vor anderen, 
vermeintlich weniger dringlichen Erkrankungen, Vorrang. Das hohe Risiko einer 
COVID-19 Erkrankung soll hier nicht herunter gespielt werden, aber es darf nicht 
dazu führen, dass Menschen mit ihrem Leid und ihrer Krankheit in die Waagschale 
geworfen und gegeneinander ausgespielt werden. Nicht mitgedacht werden neben 
anderen Erkrankungen z.B. die hohen Zahlen an Depressionen, die durch Isolation 
und Einsamkeit verstärkt werden und die im Falle schwerer Ausprägung auch 
lebensbedrohlich sein können. Die gesundheitlichen Folgen, die aus dieser Politik 
folgen werden, sind momentan noch nicht abschätzbar.

Weiterhin führte das Wirtschaftlichkeitsprinzip der letzten Jahre zu vorhandenem 
Personalmangel in vielen Bereichen und schlechter Ausstattung. Die hohe Belastung 
des Personals bei schlechter Bezahlung und eigenem extrem hohen Erkrankungsrisiko 
führt dazu, dass vor allem in der Pflege akuter Mangel herrscht. Die seit einigen 
Jahren stattfindenden Schließungen von Krankenhäusern werden auch 2020 während 
der Pandemie weiter diskutiert und durchgeführt. Die gleichzeitigen Warnungen 
wegen fehlenden Plätzen für COVID-19 Patient*innen führt die Debatte vollkommen 
ad absurdum.*
Das Klatschen und Lobpreisen während der letzten Monate, verursacht vor diesem 
Hintergrund Übelkeit.
Gesundheitsversorgung darf nicht Marktanreizen folgen (müssen)!!

* vgl.
https://www.aerzteblatt.de/archiv/170954/Krankenhausreform-Welche-Haeuser-muessen-schliessen
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/116857/Diskussion-um-Krankenhausschliessungen-wird-lauter
https://www.wsws.org/de/articles/2020/04/01/kran-a01.html

https://and.notraces.net/2021/02/03/gesundheitswirtschaft/#more-3559


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