(de) anarchosyndikalismus - Murray Bookchins Erbe: Eine syndikalistische Kritik
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Mi Apr 28 07:31:28 CEST 2021
Am 15.01.2021 jährte sich zum 100. Mal der Geburtstag von Murray Bookchin und
vielleicht ist sein Beitrag zu radikaler Politik eine nähere Betrachtung wert:
---- Bookchin hatte sich in den 1930ern der kommunistischen Jugendbewegung
angeschlossen, später jedoch die offiziellen marxistischen Organisationen
verlassen und sich dem freiheitlichen Sozialismus zugewendet. Ein zentraler Punkt
seiner Politik seit den Sechzigern Jahren bis an sein Lebensende[2006]war die
Gegnerschaft zur Ausrichtung auf den Arbeiter*kampf, welcher im Syndikalismus und
bei vielen Anarchist*innen - aber auch bei Marxist*innen - im späten 19. Jh. und
frühen 20. Jh. im Mittelpunkt stand.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Generalstreiks und heftigen Straßenkämpfe
von Arbeiter*innen nur noch verblasste Erinnerungen. In den Nachkriegsjahren
festigte sich in den Gewerkschaften eine konservative Bürokratie. In der
amerikanischen Arbeiter*klasse gab es in den 1960ern keine "kämpferische
Minderheit" mehr aus radikalen Arbeiter*innen, welche seit Anfang des
Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Betriebe
geprägt hatte. Dies führte dazu, dass einige Radikale sich auf die Suche nach
einem neuen "Subjekt" des revolutionären Wandels machten. Und Bookchin stand
beispielhaft für diese Denkweise:
"Im Gegensatz zu den Erwartungen von Marx schwindet die industrielle
Arbeiterklasse zahlenmäßig und verliert dabei immer mehr ihre traditionelle
Klassenidentität.[...]Die heutige Kultur[und]Produktionsweisen haben das
Proletariat in eine weitgehend kleinbürgerliche Schicht verwandelt.[...]Das
Proletariat[...]wird vollständig durch automatisierte und sogar verkleinerte
Produktionsmittel ersetzt werden.[...]Die Klassenkategorien sind nun durchsetzt
mit hierarchischen Kategorien auf Grundlage von Rassismus, Geschlecht, sexueller
Orientierung und vor allem nationalen oder regionalen Unterschieden."
Dieses Zitat stammt aus Bookchins letztem Buch "Die nächste Revolution.
Libertärer Kommunalismus und die Zukunft der Linken"[The Next Revolution: Popular
Assemblies and the Promise of Direct Democracy]. Es zeigt einen gewissen Mangel
an Verständnis davon, wie Syndikalist*innen - und andere Sozialist*innen - die
Arbeiter*klasse betrachten. Die Grundlage des revolutionären Potenzials der
Arbeiter*klasse ergibt sich sowohl aus ihrer Stellung als Bevölkerungsmehrheit,
wie auch aus ihrer offensichtlich unterdrückten und ausgebeuteten Lage.
Arbeiter*innen besitzen keine eigenen Mittel, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.
Daher sind wir gezwungen uns Jobs bei Arbeitgeber*innen zu suchen, um Löhne zu
verdienen, die wir zum Leben benötigen. Und diese Vereinbarung zwingt
Arbeiter*innen dazu, sich der autokratischen Herrschaft des Managements
unterzuordnen, durch welche den Arbeiter*innen eine Kontrolle über jene
Entscheidungen vorenthalten werden, welche sie im täglichen Betriebsablauf und
bei der Gestaltung der Arbeitsplätze direkt betreffen. Die Arbeitgeber*innen
besitzen die Produkte unserer Arbeit und benutzen sie, um Gewinne zu kassieren -
also eine grundsätzlich ausbeuterische Situation.
Die Arbeiter*klasse ist vielfältig und besteht aus verschiedenen Schichten. Im
Zentrum der Arbeiter*klasse stehen die Handarbeiter*innen, welche sich der
Kontrolle durch eine Arbeitsverwaltung unterwerfen müssen und die selbst kein
Teil des sie kontrollierenden Managements sind. Laut "The Working Class Majority"
von Michael Zweig betrifft das etwa 60 Prozent der Bevölkerung (wenn man alle
Angehörigen und die Rentner*innen aus früheren Arbeiter*klasse-Jobs mitzählt).
Darüber hinaus sind weitere 15 Prozent aller Werktätigen als einfache
"Facharbeiter*innen" angestellt, welche ebenso dem Management unterstellt sind:
Lehrer*innen, Schreibkräfte, Bibliothekar*innen, Programmierer*innen, usw. Diese
Schicht hat höhere Bildungsabschlüsse und wird oftmals besser bezahlt als
Handarbeiter*innen, aber gründet oftmals Gewerkschaften und ist ein potenzieller
Bestandteil von Bündnissen der Arbeiter*klasse. Die Klasse der Arbeitenden
verschwindet also nicht, sondern ist die Mehrheit der Bevölkerung.
Das "Industrieproletariat" besteht aus Arbeiter*innen der "Schlüsselindustrien" -
nicht nur Produktion, sondern auch Transport, Betriebsmittel, Bauwesen und
Rohstoffabbau (Steinbrüche, Öl und Erdgas, Forstwirtschaft). Die Arbeiter*innen
in der hochindustrialisierten US-Landwirtschaft sollten hier ebenfalls mitgezählt
werden, denn diese produziert die Grundnahrungsmittel. In den unterschiedlichen
Bereichen der "Schlüsselindustrie" arbeiten etwa 25 Prozent aller Berufstätigen
in den USA.
Arbeitsplätze in der Produktion werden meist deshalb abgebaut, weil die
Kapitalist*innen immer neue Technologien und wechselnde Arbeitsweisen einsetzen,
um die Zahl von Arbeiter*innen pro Stunde je Outputeinheit zu verringern. Das ist
keineswegs neu, denn es hat spätestens in den 1920er Jahren angefangen. Methoden
zur Steigerung der Arbeitsleistung durch "schlanke Produktion", welche als eine
Form der Beschleunigung in den letzten 40 Jahren eingesetzt wurden, sind der
anhaltende Trend. Dabei produzieren die USA weiterhin rund 17 Prozent der
weltweiten Fertigung, obwohl nur 12 Prozent der Arbeiter*innen in diesem Bereich
tätig sind.
Aber die Jobs in anderen "Schlüsselindustrien", wie Transport und Bau, sind nicht
in gleichem Maß zurückgegangen. Und diese Branchen sind für die US-Wirtschaft
weiterhin bedeutend, denn sie machen etwa die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts
aus. Daher würde das Entstehen einer kämpferischen Arbeiter*bewegung in diesem
Wirtschaftsbereich eine große Schlagkraft hervorbringen.
Der Syndikalismus ist auf die Entwicklung einer Gewerkschaftsbewegung
ausgerichtet, welche von den Arbeiter*innen kontrolliert wird und massiv
eingreifen kann, um beispielsweise durch Streiks das Abfließen der Gewinne zur
besitzenden Klasse zum Stillstand bringen kann. Durch das zunehmend globalisierte
und verstreute Produktionssystem haben Logistik bzw. Transport und Lagersysteme
zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Daher haben Arbeiter*innen in Großbetrieben, z.B. in Produktion, Zulieferung und
Transport, eine potenzielle Macht. Diese könnte dazu genutzt werden, die
Interessen der Arbeiter*klasse durch die Entwicklung eines höheren Grades an
Klassensolidarität voranzubringen. Darüber hinaus verfügt die Arbeiter*schaft
über die Macht, die Kapitalist*innen von der Kontrolle über das System der
gesellschaftlichen Produktion zu vertreiben. Sie könnten die Arbeitsplätze
übernehmen und die Produktion in diesen Branchen auf Grundlage der
Arbeiter*selbstverwaltung neu organisieren.
Diese Begründung der syndikalistischen Ausrichtung auf Arbeitskämpfe und
betriebliche Selbstorgansiation wurde von Bookchin komplett ignoriert. Wenn die
arbeitende Klasse die kollektive Verwaltung der Produktion übernehmen soll, muss
es eine Arbeiter*bewegung in diesen Branchen geben, die das umzusetzen kann. Wie
sollen sie sich denn sonst von der Unterdrückung durch das kapitalistische
Arbeitsregime befreien?
Obwohl Syndikalist*innen die Bedeutung der "Schlüsselindustrien" aus den
genannten Gründen anerkennen, beschränken sie die Arbeiter*klasse nicht auf "das
Industrieproletariat". Oft geht es auch um Organisierung in anderen Branchen, wie
Einzelhandel, Gesundheitswesen und andere Dienstleistungen. Das Ziel des
Syndikalismus ist die Re-Organisierung der gesamten Wirtschaft durch die
Selbstverwaltung von Arbeiter*innen.
Bookchin argumentiert, dass das geringe Ausmaß an Arbeitskämpfen seit dem Zweiten
Weltkrieg dadurch bedingt ist, dass die Menschen keine lebendige Erinnerung mehr
an die vorkapitalistische Zeit haben, als noch Kleinbäuer*innen ihre eigenen Höfe
und Handwerker*innen ihre eigenen Werkstätten betrieben haben. Diese Theorie geht
davon aus, dass das Streben nach "Arbeiter*kontrolle" aus der Vertrautheit mit
einer vergangenen Epoche entsteht, in der die Produzent*innen noch über ihre
Arbeit selbst bestimmen konnten. Bookchin behauptet, dass die radikalen
Arbeiter*innen im Zeitalter der großen syndikalistischen Gewerkschaften:
(...) "meistens Handwerker*innen waren, für die das Fabriksystem ein neues
kulturelles Phänomen war. Viele andere hatten einen unmittelbar
landwirtschaftlichen Hintergrund und waren nur eine oder zwei Generation entfernt
von einem ländlichen Lebensstil. Bei diesen Proletarier*innen erzeugte die
Fabrikdisziplin und ebenso das Eingesperrtsein in Fabrikgebäuden höchst
unangenehme kulturelle und psychologische Spannungen. Sie lebten in einem
Spannungsfeld zwischen einerseits einem vorindustriellen, durch Jahreszeiten
geprägten und weitgehend entspannten Lebensstil als Handwerker*innen oder
Bäuer*innen. Und andererseits einem Fabrik- oder Betriebssystem, welches
ausgerichtet war auf Höchstleistung, stark rationalisierte Ausbeutung,
unmenschliche Maschinenrhythmen, kasernenähnliches Leben in städtischen
Ballungsräumen und außergewöhnlich brutale Arbeitsbedingungen. Daher verwundert
es nicht, dass diese Art von Arbeiter*klasse extrem leicht aufzuwiegeln war und
dass Straßenschlachten sich leicht zu einer Art Aufstand ausweiten konnten."
Zunächst ist festzuhalten, dass diese Theorie eine unbegründete Form des
wirtschaftlichen Determinismus ist, als ob die Wirtschaftsweise die Menschen
direkt dazu "bringt" bestimmte Dinge zu denken. Im Weiteren sind die Vorannahmen
dieser Theorie falsch: Damals in den 1930ern hatte viele der radikalen
Arbeiter*innen überhaupt keinen Hintergrund mehr als selbständige
Handwerker*innen und Bäuer*innen aus vorkapitalistischer Zeit, oft waren bereits
ihre Eltern und Großeltern schon Lohnabhängige.
Darüber hinaus sind die Kämpfe um die Kontrolle weiterhin ein Teil heutiger
Arbeitskonflikte, beispielsweise wenn Krankenpfleger*innen die
Personaluntergrenzen verteidigen. Erst kürzlich haben Raffinerie-Arbeiter*innen
einen landesweiten Streik durchgeführt, weil sie für ihr Recht kämpfen, die
Instandhaltungsarbeiten einzustellen, sobald sie diese für unsicher halten - auch
das ist ein Kampf um die Kontrolle. Oder wenn sich Lehrer*innen für kleinere
Klassen und für eine bessere Versorgung ihrer Schüler*innen einsetzen.
Um das relativ niedrige Niveau von Arbeitskämpfen in den letzten Jahrzehnten zu
verstehen, bedarf es einer näheren Betrachtung der Art und Weise, wie die
Aufstände der Arbeiter*klasse entstehen und sich nach und nach entwickeln in
Zeiten von Streikwellen und ausgeweiteten Kämpfen. Auf solche Epochen folgt eine
langwierige Periode des Organisierens, der Bemühungen um allgemeine Bildung, des
Lernens aus gescheiterten früheren Kämpfen. Und schließlich durch eine steigende
Anzahl aktiver Arbeiter*innen, welche sich radikalisieren und sich Fähigkeiten
des Organisierens aneignen, usw. Daher ist ein höherer Grad an Arbeitskämpfen und
die Entwicklung eines "Solidaritätsbewusstseins" nicht einfach ein
"automatisches" Ergebnis der Bedingungen der Arbeiter*klasse.
Bookchin hat niemals ein neues "revolutionäres Subjekt" gefunden - zumindest
nicht in den USA. Und seine politische Strategie der Lokalpolitik macht wenig
Sinn und konnte sich nicht durchsetzen. Die radikale kurdische Bewegung in der
Türkei und Nordsyrien wurde von Bookchin beeinflusst und seine
direktdemokratischen Ideen von Verwaltung wurden übernommen. Doch die Kurd*innen
verfolgen eine andere Strategie...
Bei seiner Betonung der Möglichkeiten von Nachbarschaftsversammlungen als Teil
einer freiheitlich-sozialistischen Verwaltung innerhalb der kommunalen
Selbstorganisation lag Bookchin keineswegs falsch. Doch Versammlungen von
Einwohner*innen fanden schon in früheren Zeiten im Zuge verschiedenster Kämpfe
statt, weshalb Versammlungen von örtlichen Anwohner*innen immer eine besondere
Rolle spielen. Doch als eine Strategie zum Wandel können sie die Bedeutung von
Massenorganisierung und Kämpfen im Produktionsbereich nicht ersetzen, da die
Arbeitenden dort direkt der unterdrückerischen Macht des Kapitals gegenüberstehen.
Bookchin hatte recht damit, dass die Auseinandersetzungen entlang der
Verwerfungslinien von Rassismus, Geschlechtsidentität und ökologischer Zerstörung
während der 1960er und `70er Jahre zunehmend in den Vordergrund und ins Zentrum
gerückt sind. Die Kämpfe der schwarzen Freiheitsbewegung gegen die Segregation
und andere Aspekte rassistischer Ungleichbehandlung, aber auch die
Frauen*bewegung, sowie die Bewegung der Schwulen und Lesben, haben damals die
gesamte Linke beeinflusst, ein besseres Verständnis von nicht-klassenbezogenen
Aspekten der Gesellschaftsstruktur zu entwicklen, in denen die Freiheit mit Füßen
getreten wird.
Und das hat ebenfalls die libertär-syndikalistischen Aktivist*innen und ihre
Organisationen beeinflusst. Darüber hinaus muss sich unser Nachdenken über
Strategien auch damit befassen, auf welche Art sich das System im Laufe der Zeit
verändert hat, wie neue Themen in den Blick geraten, wie neue Bevölkerungsteile
aktiv geworden und die Neuen Sozialen Bewegungen entstanden sind.
Unser strategisches Denken muss diese neuen Dinge miteinbeziehen, aber das
kapitalistische System in den USA hatte schon immer einen rassifizierten und
geschlechtsidentitären Charakter. Und diese Arten von Unterdrückung sind stets
auch am Arbeitsplatz vorhanden und wirken sich darauf aus, wie die Institutionen
des Systems handeln. Verschiedene Unterdrückungsformen wirken sich direkt auf
unterschiedliche Bevölkerungsteile der vielfältigen Arbeiter*klasse aus.
In der Parole "Ein Angriff auf eine*n ist ein Angriff auf alle" wird daher die
Klassensolidarität ausgedrückt. Wenn eine Teilgruppe der Klasse von einer
besonderen Ungerechtigkeit betroffen ist (wie rassistische Diskriminierung,
sexuelle Belästigung, rassistische Polizeimorde oder Angriffe auf Migrant*innen),
dann würde es eine Verweigerung von Solidarität bedeuten, wenn diesen Gruppen in
ihrem Bemühen Beschwerde einzureichen keine praktische Unterstützung angeboten würde.
Die Arbeiter*klasse kann sich solange nicht selbst befreien, bis sie sich in eine
Bewegung "verwandelt" hat, welche die allgemeine soziale Befreiung zum Ziel hat.
Indem sie sich mit Themen auseinandersetzt, wie das unterdrückerische Wesen des
Staates, die Muster rassistischer und geschlechtlicher Ungleichheit, sowie den
ökologisch verheerenden Charakter des kapitalistischen Wachstums. Die Arbeitenden
können in ihren Kämpfen gegen die herrschenden Klassen jedoch nicht erfolgreich
sein, wenn sie nicht in der Lage sind, die vielfältigen Menschengruppen
zusammenzubringen. Und wenn wir uns nicht in gesteigertem Maße gegenseitig in
unseren Kämpfen unterstützen.
Tom Wetzel
Quelle:
ideas&action (Workers Solidarity Alliance),
http://ideasandaction.info/2021/01/murray-bookchins-legacy-syndicalist-critique/
Übersetzung:
Anarcho-Syndikalistisches Netzwerk - ASN Köln
(https://asnkoeln.wordpress.com)
https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2021/03/25/murray-bookchins-erbe-eine-syndikalistische-kritik/
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