(de) die plattform: Von der Entwertung der Dinge - ein Blick aus dem Werkstattfenster - Von Gooo in Zusammenarbeit mit Alfred Masur (ca, en, it, pt)[maschinelle Übersetzung]
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Mo Apr 26 08:20:16 CEST 2021
Viele Leute haben es gar nicht bemerkt, aber in den letzten Jahren ist der Kram,
den wir kaufen, erstaunlich billig geworden. Meine Kindheit war in den 1970ern,
erst kurz bevor ich auszog, konnten meine Eltern es sich leisten, das Wohnzimmer
auszubauen und Möbel dafür anzuschaffen. Die 50er Jahre-Küche flog erst Jahre
später auf den Müll. Wir haben uns nicht gewundert, wir haben uns auch nicht als
arm wahrgenommen. ---- Für einen Schwarz-Weiß-Fernseher musste 1960 noch 351
Stunden und 38 Minuten gearbeitet werden. Anfang der 1990er Jahre war ein
Röhrengerät erst nach fast 78 Stunden verdient. Heute muss man für einen
Flachbildfernseher rund 28 Stunden arbeiten. ---- Für 250 Gramm Butter musste
1960 noch 39 Minuten gearbeitet werden, im Jahr 2010 waren es noch 5 Minuten,
aktuell sind es nur vier Minuten.
Für einen Liter Vollmilch musste 1960 immerhin noch 11 Minuten gearbeitet werden,
im Jahr 2012 waren es nur drei Minuten.
Für ein Paar Damen-Pumps musste 1960 noch 14 Stunden und 29 Minuten gearbeitet
werden, im Jahr 2012 waren es nur noch 5 Stunden und 2 Minuten.
Ein hochwertiges Herrenhemd ist heute bereits in gut zwei Stunden verdient, 1960
waren dagegen noch fast acht Stunden nötig. (1)
Ich hätte dazu gerne bessere Zahlen. Interessant wäre z.B. der Gegenwert einer
Handwerks- oder Dienstleistung - Haare schneiden dauert heute noch genau so lange
wie 1960. Hätten wir noch deutlich ältere Zahlen, würden wir gewiss eine rasante
Beschleunigung sehen. Wie weit kann das führen?
Auf den ersten Blick sieht das nach einer positiven Entwicklung aus: "Ist doch
prima, wenn alles billiger wird", wird sich so manche/r Lohnabhängige mit kleinem
Geldbeutel denken. In diesem Sinne hoffte auch Henry Ford, Automobilunternehmer
und Pionier der Fließbandproduktion, die Arbeiter*innen durch den Massenkonsum
mit der kapitalistischen Ausbeutung zu versöhnen. "Die Arbeit am Band ist kein
Zuckerschlecken, aber sie werden sich damit arrangieren, wenn sie sich am Ende
selbst ein Auto der Marke Ford leisten können", mag er sich gedacht haben.
Natürlich war er dabei weniger von Menschenliebe als vielmehr von dem Wunsch
getrieben, eine sozialistische Revolution der Arbeiter*innen zu verhindern.
Zunächst schien die Rechnung aufzugehen; in den reichen Ländern der westlichen
Welt sah es nach dem 2. Weltkrieg so aus, als sei der Klassengegensatz im Zeichen
des Massenwohlstands überwunden. Doch in den 1960er und 1970er Jahren zeigten
sich Risse: Revolten von Studierenden und jungen Arbeiter*innen machten deutlich,
dass es für freiheitsliebende Menschen auch dann eine Zumutung ist, einen großen
Teil der Lebenszeit der Lohnarbeit zu opfern, wenn sie sich dafür - quasi als
Schmerzensgeld - Fernseher, Wohnzimmereinrichtungen und Urlaubsreisen leisten können.
Des Weiteren ist die Verbilligung der Produkte für die hiesigen Arbeiter*innen
erkauft durch die umso krassere Ausbeutung der Arbeitssklav*innen der "2. und 3.
Welt". Eine Näherin in Bangladesch verdient ca. 2% an einem Hemd, das sie näht.
Preis eines T-Shirts aktuell bei KIK: 2,99 . Nicht vergessen werden sollte
dabei, dass die günstigen Preise in unseren Supermärkten auch durch den Einsatz
von Arbeitsmigrant*innen bedingt sind, die hierzulande in einigen Branchen unter
3.Welt-Bedingungen schuften müssen: Dass in Deutschland kaum jemand den billigen
Spargel ernten kann und will und dafür deshalb Arbeiter*innen aus Osteuropa
eingesetzt werden, hat sich herumgesprochen, die Arbeits- und
Produktionsbedingungen der Fleischindustrie kamen letztes Jahr dank dem
Tönnies-Skandal auch kurz in den Fokus.
Die Lebensmittelproduktion insgesamt ist einem irrsinnigen Preisverfall
unterworfen. Das Preisdumping der großen Lebensmittelketten zwingt die
Landwirt*innen zu immer industrielleren Methoden sowie dazu, mehr Chemie und Gift
einzusetzen und keine Rücksicht auf das Tierwohl zu nehmen. Inzwischen sind die
Preise so weit unten angekommen, dass es auch so nicht mehr zu funktionieren
scheint, siehe Bauernproteste. Das (grüne) Bürgertum erhofft sich Rettung in
einer Erhöhung der Preise und dadurch bessere Bedingungen in der Produktion. Der
Prolet schaut angstvoll auf seinen Grill....
Eine weitere Schattenseite der Verbilligung der Produkte wird nicht nur
angesichts der industriellen Landwirtschaft immer offensichtlicher: Die rapide
Zerstörung der Natur. Jeden Tag verschwinden 150 Tier- und Pflanzenarten für
immer von der Erde. (2) Durch das massenhafte Verbrennen von Kohle und Erdöl
haben wir mit dem Klima unseres Planeten ein gewagtes Experiment in Gang gesetzt,
dessen wahrscheinlich dramatische Konsequenzen wir gerade erst zu erahnen beginnen.
Um es zusammenzufassen: Unter kapitalistischen Bedingungen dient die Verbilligung
der Produkte nicht dem Wohle der Menschen, sondern der Erhöhung der Profite. Sie
ist ein zweifelhafter Segen, der erkauft ist durch die Entfremdung der
Lohnarbeit, die Überausbeutung der 3. Welt und die Zerstörung der Natur.
Auch der Gebrauchswert der Waren leidet in verschiedener Hinsicht unter dem Zwang
zur Profitmaximierung. Zum einen werden überschüssige Gebrauchswerte häufig
einfach vernichtet. Von 100.000 Laptops eines bestimmten Typs werden 70.000
verkauft. Der Rest? Wird nicht günstig verkauft, sondern verschrottet. - Weshalb?
Weil der Markt für das Nachfolgemodell hergestellt werden muss, dafür wird Platz
geschaffen. Die Vernichtung von Retouren bei Amazon sorgte vor zwei Jahren für
Schlagzeilen, ist aber im Grunde weniger der besonderen Bösartigkeit dieses
Konzerns geschuldet, als vielmehr allgemein übliche Praxis. (3)
Natürlich ist es in auch nicht im Sinne der Umsatzsteigerung, wenn die Waren zu
lange halten würden. Nach Ablauf der Garantie gehen die meisten der Geräte dann
auch pünktlich kaputt, ganz im Gegensatz zu den "teuren" Geräten von 1960. Zwar
war auch das schon Massenware und Fließbandarbeit, es mussten dennoch regionale
Löhne bezahlt werden, auch bei den Zulieferern. Die Beschaffung der Rohstoffe ist
allerdings sicher mindestens genauso grausam von statten gegangen wie heute.
Heutige Flachbildschirme werden durchschnittlich nur halb so lang genutzt wie die
alten Röhrenfernseher. Es gibt sogar einen wissenschaftlichen Fachbegriff für das
vorzeitige Altern der Produkte: Geplante Obsoleszenz. Es besteht jedoch unter den
Expert*innen noch keine Einigkeit darüber, ob das Phänomen stärker durch das
absichtliche Einbauen von "Sollbruchstellen" und die schlechte Reparierbarkeit
der Produkte oder doch vor allem durch den ständige Wunsch der Kund*innen nach
einem Nachfolgemodell hervorgerufen wird. (4)
Fest steht, dass die Umerziehung der Konsument*innen recht gut funktioniert hat;
wir wollen stets Neues und das Zeug muss nicht mehr halten: 18 Prozent der
Kleidungsstücke werden nur zweimal überhaupt, 20 Prozent seltener als einmal im
Vierteljahr getragen. (5) Die Entwertung der Dinge zeigt sich auch in der
mangelnden Wertschätzung, die wir ihnen entgegenbringen. Wert kann jedoch schnell
relativ sein. Die Schraube auf dem Werkstattboden, nach der ich mich nicht bücken
mag, wird unendlich wertvoll, wenn sie bei der Montage auf der Baustelle fehlt
und der nächste Baumarkt 30 Kilometer entfernt ist. Pandemiebedingte
Lieferengpässe zeigen uns das aktuell auch gerade auf.
Auf der subjektiven Seite geht die Entwertung der Dinge mit einer zunehmende
Entfremdung der Menschen von der Dingen einher: Wir verlernen es, die von uns
benutzten Geräte zu reparieren, bzw. überhaupt ihre Funktionsweise zu verstehen.
War es in den 1990er Jahren noch üblich, das Gehäuse seines heimischen PCs
aufzuschrauben, darin herumzubasteln und Komponenten auszutauschen, so ist das
Innenleben der heutigen Laptops den meisten Nutz*innen ein Buch mit sieben
Siegeln. Dies verstärkt unsere Ohnmacht und Abhängigkeit von den von uns benutzen
Apparaten, welche letztlich nichts anderes als unsere Ohnmacht und Abhängigkeit
gegenüber den sozialen Verhältnissen ist. Unsere Ungeschicktheit im Umgang mit
den Dingen wird darüber hinaus durch die hochgradige gesellschaftliche
Arbeitsteilung sowie durch den Umstand verstärkt, dass mittlerweile große Teile
der Gütererzeugung in andere Länder ausgelagert wurden und viele von uns in ihrem
Arbeitsleben gar nicht mehr mit der materiellen Produktion in Berührung kommen.
Wie kommen wir da raus? Das kapitalistische System ist nicht grundlegend
reformierbar. Also Revolution, "Aneignung der Produktionsmittel durch die
Produzent*innen" wie es in den klassischen Schriften der alten
Arbeiter*innenbewegung heißt? Wie können wir uns das unter den gegebenen
Umständen vorstellen? - Weniger denn je kann es heute darum gehen, dass der
bestehende Produktions- und Verteilungsapparat einfach unter der Kontrolle von
Arbeiter*innenräten weitergeführt wird. Wer will sich schon all unsere
Hähnchenmastanlagen, Großschlachtereien, Autofabriken, Atomkraftwerke und
Shoppingmalls in Selbstverwaltung vorstellen? Nein, große Teile der heutigen
Produktion müssten entweder ersatzlos stillgelegt oder grundlegend umgestaltet
werden, um den Zwecken einer freien Menschheit zu genügen und die Natur nicht
weiter zu zerstören.
Andererseits sind bestimmte Bereiche der Produktion absolut lebensnotwendig und
müssen unbedingt am Laufen gehalten werden, wenn das revolutionäre Projekt
erfolgreich sein soll. In seinem Buch "Die Eroberung des Brotes" von 1892
schreibt Peter Kropotkin über die französischen Revolutionen des 18. und 19.
Jahrhunderts:
"Große Ideen wurden in diesen Epochen geboren - Ideen, welche das ganzen Weltall
erschüttert haben; Worte wurden gesprochen, welche noch heute nach dem Verlauf
eines Jahrhunderts unser Herz schlagen machen.
Das Brot indessen mangelte in den Vorstädten.
Mit dem Augenblicke, wo die Revolution eintrat, ruhte unvermeidlich die Arbeit.
Die Zirkulation der Waren stockte, die Kapitalisten verbargen sich. Der
Arbeitgeber hatte in diesen Epochen nichts zu fürchten: er lebte von seinen
Renten, wenn er nicht gar auf das Elend spekulierte; der Lohnarbeiter sah sich
dagegen zu einer kümmerlichen Lebensfristung, die morgen gar noch in Frage
gestellt werden konnte, verdammt. Die Hungersnot kündigte sich an.[...]
Im Jahre 1871 ging die Kommune aus Mangel an Kämpfern zugrunde. Sie hatte nicht
vergessen, die Trennung von Kirchen und Staat zu dekretieren, aber sie hatte zu
spät daran gedacht, allen ihren Kämpfern den Lebensunterhalt zu sichern." (6)
Die Revolutionen der Vergangenheit scheiterten laut Kropotkin daran, dass sie
sich auf die Eroberung des Staates und die Umgestaltung des politischen Systems
konzentrierten, es aber nicht vermochten, den Zugang zu lebensnotwendigen Gütern
der Herrschaft von Markt und Privateigentum zu entreißen und für alle
sicherzustellen. Was nützen die "großen Ideen", wenn es nicht genug zu essen gibt?
1871 ging es um Brot, wie wäre es heute? Wasser wird schnell ein Thema sein, was
ist z.B. mit Strom und Internet? Wie viel mehr sind wir heute abhängig von der
kapitalistischen Infrastruktur und wie sehr viel weniger sind wir selbstständig
in der Lage, uns mit dem, was wir als notwendig empfinden, zu versorgen?
"Es ist offenbar", schreibt Kropotkin weiter, "dass die geringste Erschütterung
des Privateigentums zur vollständigen Desorganisation des gesamten auf der
Privatunternehmung und dem Lohnsystem begründeten Regimes führen muss." Die Angst
vor dieser Desorganisation scheint einer der tieferen Gründe dafür zu sein, warum
in den meisten modernen Revolutionen die Massen trotz all ihrem Zorn und
Kampfesmut vor dem entscheidenden Schritt zurückschreckten und die Produktion
nicht in ihre Hände nahmen. 2011 wurde der ägyptische Despot Mubarak durch
Streiks, Massendemonstrationen und Straßenkämpfe zum Rücktritt gezwungen. Aber
die Aufständischen versäumten es, den Suezkanal und die Textilfabriken von
Mahalla (7) dem Zugriff von Staat und Kapital zu entziehen und sie der
gemeinsamen Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung zu unterstellen. Heute
herrscht in Ägypten General Sisi, den Lohnabhängigen geht es so schlecht wie eh
und je.
Aber die Furcht vor der revolutionären Aneignung ist nicht unbegründet. "Die
Aneignung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den
materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten,"
(8) schreiben Marx und Engels. Wenn die Lohnabhängigen sich den ganzen modernen
Maschinenpark aneignen und ihn noch dazu vernünftiger und menschlicher gebrauchen
wollen als die Kapitalist*innen - dann müssen sie sich auch die erforderlichen
Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, um mit diesem gigantischen Maschinenpark
umzugehen. Aber mit diesem Wissen ist es nicht zum besten bestellt. Wie wollen
wir die Welt aus den Angeln heben, wenn es uns noch nicht einmal gelingt, unser
Fahrrad oder unseren Laptop zu reparieren?
Die soziale Revolution verlangt eine Vielzahl von Fähigkeiten, die wir großteils
erst (wieder) erlernen müssen: Das beginnt dabei, während des sozialen Umbruchs
die Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen ohne die Leitung durch die
kapitalistische Betriebsorganisation sicherzustellen, wobei sicher einige
Improvisation vonnöten sein wird. Des Weiteren müssen wir lernen, Dinge Instand
zu halten, zu reparieren und neuen Verwendungen zuzuführen. Insbesondere in der
Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion, aber auch in vielen anderen
Bereichen, gilt es, Alternativen zu heute gängigen Herstellungsweisen zu finden,
die weniger ressourcenverschwendend, naturzerstörend und für Beschäftigte und
Konsument*innen weniger gesundheitsschädlich sind. Dabei muss wahrscheinlich
vielfach auf ältere, handwerkliche Verfahren zurückgegriffen werden, deren
Kenntnisse im rapiden Verschwinden begriffen sind. Es geht dabei nicht darum,
dass "früher alles besser war", sondern, dass wir aus dem gesamten
Erfahrungsschatz der Menschheit - von der Pflanzenkunde indigener Völker bis zur
modernen Computertechnologie - werden schöpfen müssen, um die Desaster zu heilen,
die der Kapitalismus uns hinterlassen hat.
Aber was heißt das alles für uns in der jetzigen Situation, wo eine soziale
Revolution weit entfernt erscheint? - Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn schon im
Hier und Jetzt mehr Menschen beginnen, mit anderen Herangehensweisen an die Dinge
zu experimentieren. Zum einen, weil ein weniger entfremdeter Gebrauch der uns
umgebenden Gegenstände uns im Alltag ein wenig Autonomie zurückgeben kann, unsere
Fähigkeiten entwickelt und nicht zuletzt - Spaß macht. Zum anderen als
Vorbereitung auf die von uns erstrebte große Umwälzung der Produktion.
Material zum Üben und Aneignen gibt es mehr als genug in den Honigtöpfen der
modernen Wirtschaft: ihren Müllcontainern. Und wir meinen nicht nur die Container
der Lebensmittelgeschäfte, sondern ebenso die Abfallbehälter von Veranstaltungs-
und Messebau und ähnlichen Firmen. Oder schaut mal in die Container der
"Recycling"-Höfe, dort liegen z.B. so viele Fahrräder, dass es einen wirklich
wütend machen kann. Häufig sind diese Räder im Wesentlichen intakt, haben
vielleicht nur einen platten Reifen oder eine falsch eingestellte Schaltung.
Trotzdem dürfen sie die Angestellten nicht rausgeben. Und dies, obwohl das in
diesem Fall zuständige Abfallwirtschaftsgesetz die Vermeidung von
"schädliche[n]... Einwirkungen auf Mensch, Tier und Pflanze" zum wichtigsten
Grundsatz erhebt und daher folgende Reihenfolge zum Umgang mit nicht mehr
brauchbaren Dingen festlegt:
"1.Abfallvermeidung;
2.Vorbereitung zur Wiederverwendung;
3.Recycling;
4.sonstige Verwertung, z.B. energetische Verwertung;
5.Beseitigung." (9)
Recycling würde im Falle eines Fahrrades einschmelzen bedeuten, was unter
ungeheurem Energieaufwand vielleicht ein Kilo Stahl ergibt; energetische
Verwertung wäre unmöglich; Beseitigung - was soll das sein? Es wäre also sowohl
sachlich richtig, als auch witzigerweise sogar gesetzlich geboten, die Räder
einfach rauszugeben und mit ein paar Handgriffen wieder flott zu machen. Aber die
Verantwortlichen dieser Recyclinghöfe ahnen wahrscheinlich - oder es wurde ihnen
von irgendwelchen höheren Stellen bedeutet - dass es dem Gedeihen der Wirtschaft
nicht zuträglich wäre, wenn sie es hier mit dem Buchstaben des Gesetzes allzu
genau nähmen.
Wer nicht mehr in diesem System arbeiten möchte, oder schlicht keine Arbeit mehr
findet, hat für solche Experimente ein phantastisches Kapital: Zeit. Zeit ist
nämlich nicht Geld. Zeit ist Zeit. Habe ich genug, wo ist dann das Problem, wenn
es lange dauert? Wer Lohnarbeit und eventuell noch Kinder hat, wird natürlich
eher weniger freie Zeit zu Verfügung haben. Aber auch in diesem Fall kann es sich
lohnen, zumindest manchmal der Versuchung der vermeintlich "praktischen" Lösung
des Neukaufs zu widerstehen und sich selbst ein wenig mit Reparaturversuchen und
Improvisation die Finger schmutzig zu machen. Es hilft in diesem Zusammenhang
sicherlich, wenn es wenigstens ansatzweise gelingt, die Isolation der
Kleinfamilie zu durchbrechen und gemeinschaftlichere Formen des Alltags und der
Kindererziehung zu erproben.
Gedankliche Anregungen für eine neu zu erweckende do-it-yourself-Bewegung gibt es
zuhauf. Zu nennen wäre etwa das "Reparaturmanifest" mit dem schönen Motto: "Wenn
du es nicht reparieren kannst, gehört es nicht dir!" (10) Reparatur muss sich
nicht nur wieder lohnen, sondern könnte eine Erhöhung des ursprünglichen Wertes
darstellen, z.B. in einer Ressourcen schonenden Verbesserung der aufgetretenen
Schwachstellen. Die japanischen Begriffe "Kintsugi" (11) und Wabi-Sabi (12) geben
uns eine interessante Vorstellung für eine auch kulturelle Aufwertung durch
Reparatur. Alfred Sohn-Rethels Aufsatz über das "Ideal des Kaputten" aus den
1920er Jahren kann in diesem Zusammenhang noch heute inspirierend sein: Er
schildert seine Beobachtungen über den eigenwilligen Umgang der ärmeren
Bewohner*innen Neapels, die gerade durch das kreative Erfinden von immer neuen
Reparaturlösungen für ihre im Grunde schrottreifen technischen Geräte eine
Souveränität im Umgang mit der Welt der Dinge behaupteten. Neue, perfekt
funktionierende, aber gerade dadurch in ihrer Funktionsweise unverständliche
Maschinen seien ihnen dagegen eher suspekt gewesen. (13)
Zu beachten ist dabei, dass all diese Ideen und praktischen Versuche für sich
allein genommen wenig systemsprengendes Potential haben. Getrennt von einer
allgemeinen gesellschaftskritischen Perspektive können sie schnell in Sackgassen
bzw. reibungslos den Verhältnissen angepasste Nischen enden. So ist etwa in den
letzten Jahren ein Upcycling-Trend entstanden, der einfach eine Marktlücke
geschäftstüchtiger Kunsthandwerker*innen darstellt, die aus Schrott Luxusgüter
für ein besserverdienendes Publikum herstellen - eher eine Modeerscheinung.
Umgekehrt könnte in Zeiten des Sozialabbaus die Regierung auf den Gedanken
kommen, dass es kostengünstiger wäre, den Armen anstatt Hartz4 einfach freien
Zugang zu den örtlichen Recyclinghöfen zu gewähren...
Alles kommt daher darauf an, ob es gelingt, die hier vorgeschlagenen Versuche in
ein revolutionäres Projekt einzubeziehen, das die herrschenden Verhältnisse in
all ihren Facetten angreift - von der Lohnarbeit bis zum Geschlechterverhältnis,
vom Schulsystem bis zum Städtebau. Im Kontext einer allgemeinen widerständigen
Bewegung könnte ein kreativer Geist der Aneignung der Dinge durch Reparatur und
Improvisation durchaus subversive Kraft entwickeln.
Also, in diesem Sinne: Ran an die Materie! Wir brauchen nicht unbedingt (nur)
Spezialist*innen - aber Grundlagen der Werkzeugbenutzung, des Landbaues, der
Mechanik, Elektronik usw. sind essentiell. Know-How ist allerdings ein
entscheidender Punkt. Wissen vermitteln und teilen - nicht nur anarchistische
Theorie - sondern alles was uns im Kampf und Leben voran bringt, Rohstoffquellen
erschließen, Räume öffnen, Aufgabenteilung organisieren. Was wir vor allem
brauchen, ist der Wille, die eigenen Dinge im wahrsten Sinnes des Wortes wieder
selbst in die Hand zu nehmen.
Note:
(1) Institute of the German Economy 2019.
(2)
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/150-arten-sterben-pro-tag-aus-groesstes-artensterben-seit-ende-der-dinosaurier-zeit-droht-16660249
(3) https://t3n.de/news/amazon-vernichtung-retouren-neuwaren-1086628/
(4)
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/geplante-obsoleszenz-konsumwuensche-und-murks-verkuerzen-die-lebensdauer-von-geraeten/11441178.html
(5)
https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf
(6) Peter Kropotkin: The Conquest of Bread, Chapter: Food, on the Internet e.g.
at: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Eroberung_des_Brotes
(7)
https://de.labournet.tv/video/6360/die-mahalla-arbeiterinnen-der-aegyptischen-revolution
(8) Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW Vol. 3, p. 67f.
(9) Waste Management Act 2002, version of 05.07.2020
(10) de.ifixit.com/Manifesto
(11) de.wikipedia.org/wiki/Kintsugi
(12) de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi
(13) http://www.magazinredaktion.tk/magazin/heft2/neapel.php
https://berlin.dieplattform.org/2021/04/16/von-der-entwertung-der-dinge/
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