(de) die plattform: Von der Entwertung der Dinge - ein Blick aus dem Werkstattfenster - Von Gooo in Zusammenarbeit mit Alfred Masur (ca, en, it, pt)[maschinelle Übersetzung]

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Mo Apr 26 08:20:16 CEST 2021


Viele Leute haben es gar nicht bemerkt, aber in den letzten Jahren ist der Kram, 
den wir kaufen, erstaunlich billig geworden. Meine Kindheit war in den 1970ern, 
erst kurz bevor ich auszog, konnten meine Eltern es sich leisten, das Wohnzimmer 
auszubauen und Möbel dafür anzuschaffen. Die 50er Jahre-Küche flog erst Jahre 
später auf den Müll. Wir haben uns nicht gewundert, wir haben uns auch nicht als 
arm wahrgenommen. ---- Für einen Schwarz-Weiß-Fernseher musste 1960 noch 351 
Stunden und 38 Minuten gearbeitet werden. Anfang der 1990er Jahre war ein 
Röhrengerät erst nach fast 78 Stunden verdient. Heute muss man für einen 
Flachbildfernseher rund 28 Stunden arbeiten. ---- Für 250 Gramm Butter musste 
1960 noch 39 Minuten gearbeitet werden, im Jahr 2010 waren es noch 5 Minuten, 
aktuell sind es nur vier Minuten.

Für einen Liter Vollmilch musste 1960 immerhin noch 11 Minuten gearbeitet werden, 
im Jahr 2012 waren es nur drei Minuten.

Für ein Paar Damen-Pumps musste 1960 noch 14 Stunden und 29 Minuten gearbeitet 
werden, im Jahr 2012 waren es nur noch 5 Stunden und 2 Minuten.

Ein hochwertiges Herrenhemd ist heute bereits in gut zwei Stunden verdient, 1960 
waren dagegen noch fast acht Stunden nötig. (1)

Ich hätte dazu gerne bessere Zahlen. Interessant wäre z.B. der Gegenwert einer 
Handwerks- oder Dienstleistung - Haare schneiden dauert heute noch genau so lange 
wie 1960. Hätten wir noch deutlich ältere Zahlen, würden wir gewiss eine rasante 
Beschleunigung sehen. Wie weit kann das führen?

Auf den ersten Blick sieht das nach einer positiven Entwicklung aus: "Ist doch 
prima, wenn alles billiger wird", wird sich so manche/r Lohnabhängige mit kleinem 
Geldbeutel denken. In diesem Sinne hoffte auch Henry Ford, Automobilunternehmer 
und Pionier der Fließbandproduktion, die Arbeiter*innen durch den Massenkonsum 
mit der kapitalistischen Ausbeutung zu versöhnen. "Die Arbeit am Band ist kein 
Zuckerschlecken, aber sie werden sich damit arrangieren, wenn sie sich am Ende 
selbst ein Auto der Marke Ford leisten können", mag er sich gedacht haben. 
Natürlich war er dabei weniger von Menschenliebe als vielmehr von dem Wunsch 
getrieben, eine sozialistische Revolution der Arbeiter*innen zu verhindern.

Zunächst schien die Rechnung aufzugehen; in den reichen Ländern der westlichen 
Welt sah es nach dem 2. Weltkrieg so aus, als sei der Klassengegensatz im Zeichen 
des Massenwohlstands überwunden. Doch in den 1960er und 1970er Jahren zeigten 
sich Risse: Revolten von Studierenden und jungen Arbeiter*innen machten deutlich, 
dass es für freiheitsliebende Menschen auch dann eine Zumutung ist, einen großen 
Teil der Lebenszeit der Lohnarbeit zu opfern, wenn sie sich dafür - quasi als 
Schmerzensgeld - Fernseher, Wohnzimmereinrichtungen und Urlaubsreisen leisten können.

Des Weiteren ist die Verbilligung der Produkte für die hiesigen Arbeiter*innen 
erkauft durch die umso krassere Ausbeutung der Arbeitssklav*innen der "2. und 3. 
Welt". Eine Näherin in Bangladesch verdient ca. 2% an einem Hemd, das sie näht. 
Preis eines T-Shirts aktuell bei KIK: 2,99 €. Nicht vergessen werden sollte 
dabei, dass die günstigen Preise in unseren Supermärkten auch durch den Einsatz 
von Arbeitsmigrant*innen bedingt sind, die hierzulande in einigen Branchen unter 
3.Welt-Bedingungen schuften müssen: Dass in Deutschland kaum jemand den billigen 
Spargel ernten kann und will und dafür deshalb Arbeiter*innen aus Osteuropa 
eingesetzt werden, hat sich herumgesprochen, die Arbeits- und 
Produktionsbedingungen der Fleischindustrie kamen letztes Jahr dank dem 
Tönnies-Skandal auch kurz in den Fokus.

Die Lebensmittelproduktion insgesamt ist einem irrsinnigen Preisverfall 
unterworfen. Das Preisdumping der großen Lebensmittelketten zwingt die 
Landwirt*innen zu immer industrielleren Methoden sowie dazu, mehr Chemie und Gift 
einzusetzen und keine Rücksicht auf das Tierwohl zu nehmen. Inzwischen sind die 
Preise so weit unten angekommen, dass es auch so nicht mehr zu funktionieren 
scheint, siehe Bauernproteste. Das (grüne) Bürgertum erhofft sich Rettung in 
einer Erhöhung der Preise und dadurch bessere Bedingungen in der Produktion. Der 
Prolet schaut angstvoll auf seinen Grill....

Eine weitere Schattenseite der Verbilligung der Produkte wird nicht nur 
angesichts der industriellen Landwirtschaft immer offensichtlicher: Die rapide 
Zerstörung der Natur. Jeden Tag verschwinden 150 Tier- und Pflanzenarten für 
immer von der Erde. (2) Durch das massenhafte Verbrennen von Kohle und Erdöl 
haben wir mit dem Klima unseres Planeten ein gewagtes Experiment in Gang gesetzt, 
dessen wahrscheinlich dramatische Konsequenzen wir gerade erst zu erahnen beginnen.

Um es zusammenzufassen: Unter kapitalistischen Bedingungen dient die Verbilligung 
der Produkte nicht dem Wohle der Menschen, sondern der Erhöhung der Profite. Sie 
ist ein zweifelhafter Segen, der erkauft ist durch die Entfremdung der 
Lohnarbeit, die Überausbeutung der 3. Welt und die Zerstörung der Natur.

Auch der Gebrauchswert der Waren leidet in verschiedener Hinsicht unter dem Zwang 
zur Profitmaximierung. Zum einen werden überschüssige Gebrauchswerte häufig 
einfach vernichtet. Von 100.000 Laptops eines bestimmten Typs werden 70.000 
verkauft. Der Rest? Wird nicht günstig verkauft, sondern verschrottet. - Weshalb? 
Weil der Markt für das Nachfolgemodell hergestellt werden muss, dafür wird Platz 
geschaffen. Die Vernichtung von Retouren bei Amazon sorgte vor zwei Jahren für 
Schlagzeilen, ist aber im Grunde weniger der besonderen Bösartigkeit dieses 
Konzerns geschuldet, als vielmehr allgemein übliche Praxis. (3)

Natürlich ist es in auch nicht im Sinne der Umsatzsteigerung, wenn die Waren zu 
lange halten würden. Nach Ablauf der Garantie gehen die meisten der Geräte dann 
auch pünktlich kaputt, ganz im Gegensatz zu den "teuren" Geräten von 1960. Zwar 
war auch das schon Massenware und Fließbandarbeit, es mussten dennoch regionale 
Löhne bezahlt werden, auch bei den Zulieferern. Die Beschaffung der Rohstoffe ist 
allerdings sicher mindestens genauso grausam von statten gegangen wie heute.

Heutige Flachbildschirme werden durchschnittlich nur halb so lang genutzt wie die 
alten Röhrenfernseher. Es gibt sogar einen wissenschaftlichen Fachbegriff für das 
vorzeitige Altern der Produkte: Geplante Obsoleszenz. Es besteht jedoch unter den 
Expert*innen noch keine Einigkeit darüber, ob das Phänomen stärker durch das 
absichtliche Einbauen von "Sollbruchstellen" und die schlechte Reparierbarkeit 
der Produkte oder doch vor allem durch den ständige Wunsch der Kund*innen nach 
einem Nachfolgemodell hervorgerufen wird. (4)

Fest steht, dass die Umerziehung der Konsument*innen recht gut funktioniert hat; 
wir wollen stets Neues und das Zeug muss nicht mehr halten: 18 Prozent der 
Kleidungsstücke werden nur zweimal überhaupt, 20 Prozent seltener als einmal im 
Vierteljahr getragen. (5) Die Entwertung der Dinge zeigt sich auch in der 
mangelnden Wertschätzung, die wir ihnen entgegenbringen. Wert kann jedoch schnell 
relativ sein. Die Schraube auf dem Werkstattboden, nach der ich mich nicht bücken 
mag, wird unendlich wertvoll, wenn sie bei der Montage auf der Baustelle fehlt 
und der nächste Baumarkt 30 Kilometer entfernt ist. Pandemiebedingte 
Lieferengpässe zeigen uns das aktuell auch gerade auf.

Auf der subjektiven Seite geht die Entwertung der Dinge mit einer zunehmende 
Entfremdung der Menschen von der Dingen einher: Wir verlernen es, die von uns 
benutzten Geräte zu reparieren, bzw. überhaupt ihre Funktionsweise zu verstehen. 
War es in den 1990er Jahren noch üblich, das Gehäuse seines heimischen PCs 
aufzuschrauben, darin herumzubasteln und Komponenten auszutauschen, so ist das 
Innenleben der heutigen Laptops den meisten Nutz*innen ein Buch mit sieben 
Siegeln. Dies verstärkt unsere Ohnmacht und Abhängigkeit von den von uns benutzen 
Apparaten, welche letztlich nichts anderes als unsere Ohnmacht und Abhängigkeit 
gegenüber den sozialen Verhältnissen ist. Unsere Ungeschicktheit im Umgang mit 
den Dingen wird darüber hinaus durch die hochgradige gesellschaftliche 
Arbeitsteilung sowie durch den Umstand verstärkt, dass mittlerweile große Teile 
der Gütererzeugung in andere Länder ausgelagert wurden und viele von uns in ihrem 
Arbeitsleben gar nicht mehr mit der materiellen Produktion in Berührung kommen.

Wie kommen wir da raus? Das kapitalistische System ist nicht grundlegend 
reformierbar. Also Revolution, "Aneignung der Produktionsmittel durch die 
Produzent*innen" wie es in den klassischen Schriften der alten 
Arbeiter*innenbewegung heißt? Wie können wir uns das unter den gegebenen 
Umständen vorstellen? - Weniger denn je kann es heute darum gehen, dass der 
bestehende Produktions- und Verteilungsapparat einfach unter der Kontrolle von 
Arbeiter*innenräten weitergeführt wird. Wer will sich schon all unsere 
Hähnchenmastanlagen, Großschlachtereien, Autofabriken, Atomkraftwerke und 
Shoppingmalls in Selbstverwaltung vorstellen? Nein, große Teile der heutigen 
Produktion müssten entweder ersatzlos stillgelegt oder grundlegend umgestaltet 
werden, um den Zwecken einer freien Menschheit zu genügen und die Natur nicht 
weiter zu zerstören.

Andererseits sind bestimmte Bereiche der Produktion absolut lebensnotwendig und 
müssen unbedingt am Laufen gehalten werden, wenn das revolutionäre Projekt 
erfolgreich sein soll. In seinem Buch "Die Eroberung des Brotes" von 1892 
schreibt Peter Kropotkin über die französischen Revolutionen des 18. und 19. 
Jahrhunderts:

"Große Ideen wurden in diesen Epochen geboren - Ideen, welche das ganzen Weltall 
erschüttert haben; Worte wurden gesprochen, welche noch heute nach dem Verlauf 
eines Jahrhunderts unser Herz schlagen machen.

Das Brot indessen mangelte in den Vorstädten.

Mit dem Augenblicke, wo die Revolution eintrat, ruhte unvermeidlich die Arbeit. 
Die Zirkulation der Waren stockte, die Kapitalisten verbargen sich. Der 
Arbeitgeber hatte in diesen Epochen nichts zu fürchten: er lebte von seinen 
Renten, wenn er nicht gar auf das Elend spekulierte; der Lohnarbeiter sah sich 
dagegen zu einer kümmerlichen Lebensfristung, die morgen gar noch in Frage 
gestellt werden konnte, verdammt. Die Hungersnot kündigte sich an.[...]

Im Jahre 1871 ging die Kommune aus Mangel an Kämpfern zugrunde. Sie hatte nicht 
vergessen, die Trennung von Kirchen und Staat zu dekretieren, aber sie hatte zu 
spät daran gedacht, allen ihren Kämpfern den Lebensunterhalt zu sichern." (6)

Die Revolutionen der Vergangenheit scheiterten laut Kropotkin daran, dass sie 
sich auf die Eroberung des Staates und die Umgestaltung des politischen Systems 
konzentrierten, es aber nicht vermochten, den Zugang zu lebensnotwendigen Gütern 
der Herrschaft von Markt und Privateigentum zu entreißen und für alle 
sicherzustellen. Was nützen die "großen Ideen", wenn es nicht genug zu essen gibt?

1871 ging es um Brot, wie wäre es heute? Wasser wird schnell ein Thema sein, was 
ist z.B. mit Strom und Internet? Wie viel mehr sind wir heute abhängig von der 
kapitalistischen Infrastruktur und wie sehr viel weniger sind wir selbstständig 
in der Lage, uns mit dem, was wir als notwendig empfinden, zu versorgen?

"Es ist offenbar", schreibt Kropotkin weiter, "dass die geringste Erschütterung 
des Privateigentums zur vollständigen Desorganisation des gesamten auf der 
Privatunternehmung und dem Lohnsystem begründeten Regimes führen muss." Die Angst 
vor dieser Desorganisation scheint einer der tieferen Gründe dafür zu sein, warum 
in den meisten modernen Revolutionen die Massen trotz all ihrem Zorn und 
Kampfesmut vor dem entscheidenden Schritt zurückschreckten und die Produktion 
nicht in ihre Hände nahmen. 2011 wurde der ägyptische Despot Mubarak durch 
Streiks, Massendemonstrationen und Straßenkämpfe zum Rücktritt gezwungen. Aber 
die Aufständischen versäumten es, den Suezkanal und die Textilfabriken von 
Mahalla (7) dem Zugriff von Staat und Kapital zu entziehen und sie der 
gemeinsamen Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung zu unterstellen. Heute 
herrscht in Ägypten General Sisi, den Lohnabhängigen geht es so schlecht wie eh 
und je.

Aber die Furcht vor der revolutionären Aneignung ist nicht unbegründet. "Die 
Aneignung dieser Kräfte ist selbst weiter nichts als die Entwicklung der den 
materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten," 
(8) schreiben Marx und Engels. Wenn die Lohnabhängigen sich den ganzen modernen 
Maschinenpark aneignen und ihn noch dazu vernünftiger und menschlicher gebrauchen 
wollen als die Kapitalist*innen - dann müssen sie sich auch die erforderlichen 
Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen, um mit diesem gigantischen Maschinenpark 
umzugehen. Aber mit diesem Wissen ist es nicht zum besten bestellt. Wie wollen 
wir die Welt aus den Angeln heben, wenn es uns noch nicht einmal gelingt, unser 
Fahrrad oder unseren Laptop zu reparieren?

Die soziale Revolution verlangt eine Vielzahl von Fähigkeiten, die wir großteils 
erst (wieder) erlernen müssen: Das beginnt dabei, während des sozialen Umbruchs 
die Versorgung mit lebensnotwendigen Dingen ohne die Leitung durch die 
kapitalistische Betriebsorganisation sicherzustellen, wobei sicher einige 
Improvisation vonnöten sein wird. Des Weiteren müssen wir lernen, Dinge Instand 
zu halten, zu reparieren und neuen Verwendungen zuzuführen. Insbesondere in der 
Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion, aber auch in vielen anderen 
Bereichen, gilt es, Alternativen zu heute gängigen Herstellungsweisen zu finden, 
die weniger ressourcenverschwendend, naturzerstörend und für Beschäftigte und 
Konsument*innen weniger gesundheitsschädlich sind. Dabei muss wahrscheinlich 
vielfach auf ältere, handwerkliche Verfahren zurückgegriffen werden, deren 
Kenntnisse im rapiden Verschwinden begriffen sind. Es geht dabei nicht darum, 
dass "früher alles besser war", sondern, dass wir aus dem gesamten 
Erfahrungsschatz der Menschheit - von der Pflanzenkunde indigener Völker bis zur 
modernen Computertechnologie - werden schöpfen müssen, um die Desaster zu heilen, 
die der Kapitalismus uns hinterlassen hat.

Aber was heißt das alles für uns in der jetzigen Situation, wo eine soziale 
Revolution weit entfernt erscheint? - Es wäre durchaus zu begrüßen, wenn schon im 
Hier und Jetzt mehr Menschen beginnen, mit anderen Herangehensweisen an die Dinge 
zu experimentieren. Zum einen, weil ein weniger entfremdeter Gebrauch der uns 
umgebenden Gegenstände uns im Alltag ein wenig Autonomie zurückgeben kann, unsere 
Fähigkeiten entwickelt und nicht zuletzt - Spaß macht. Zum anderen als 
Vorbereitung auf die von uns erstrebte große Umwälzung der Produktion.

Material zum Üben und Aneignen gibt es mehr als genug in den Honigtöpfen der 
modernen Wirtschaft: ihren Müllcontainern. Und wir meinen nicht nur die Container 
der Lebensmittelgeschäfte, sondern ebenso die Abfallbehälter von Veranstaltungs- 
und Messebau und ähnlichen Firmen. Oder schaut mal in die Container der 
"Recycling"-Höfe, dort liegen z.B. so viele Fahrräder, dass es einen wirklich 
wütend machen kann. Häufig sind diese Räder im Wesentlichen intakt, haben 
vielleicht nur einen platten Reifen oder eine falsch eingestellte Schaltung. 
Trotzdem dürfen sie die Angestellten nicht rausgeben. Und dies, obwohl das in 
diesem Fall zuständige Abfallwirtschaftsgesetz die Vermeidung von 
"schädliche[n]... Einwirkungen auf Mensch, Tier und Pflanze" zum wichtigsten 
Grundsatz erhebt und daher folgende Reihenfolge zum Umgang mit nicht mehr 
brauchbaren Dingen festlegt:

"1.Abfallvermeidung;
2.Vorbereitung zur Wiederverwendung;
3.Recycling;
4.sonstige Verwertung, z.B. energetische Verwertung;
5.Beseitigung." (9)

Recycling würde im Falle eines Fahrrades einschmelzen bedeuten, was unter 
ungeheurem Energieaufwand vielleicht ein Kilo Stahl ergibt; energetische 
Verwertung wäre unmöglich; Beseitigung - was soll das sein? Es wäre also sowohl 
sachlich richtig, als auch witzigerweise sogar gesetzlich geboten, die Räder 
einfach rauszugeben und mit ein paar Handgriffen wieder flott zu machen. Aber die 
Verantwortlichen dieser Recyclinghöfe ahnen wahrscheinlich - oder es wurde ihnen 
von irgendwelchen höheren Stellen bedeutet - dass es dem Gedeihen der Wirtschaft 
nicht zuträglich wäre, wenn sie es hier mit dem Buchstaben des Gesetzes allzu 
genau nähmen.

Wer nicht mehr in diesem System arbeiten möchte, oder schlicht keine Arbeit mehr 
findet, hat für solche Experimente ein phantastisches Kapital: Zeit. Zeit ist 
nämlich nicht Geld. Zeit ist Zeit. Habe ich genug, wo ist dann das Problem, wenn 
es lange dauert? Wer Lohnarbeit und eventuell noch Kinder hat, wird natürlich 
eher weniger freie Zeit zu Verfügung haben. Aber auch in diesem Fall kann es sich 
lohnen, zumindest manchmal der Versuchung der vermeintlich "praktischen" Lösung 
des Neukaufs zu widerstehen und sich selbst ein wenig mit Reparaturversuchen und 
Improvisation die Finger schmutzig zu machen. Es hilft in diesem Zusammenhang 
sicherlich, wenn es wenigstens ansatzweise gelingt, die Isolation der 
Kleinfamilie zu durchbrechen und gemeinschaftlichere Formen des Alltags und der 
Kindererziehung zu erproben.

Gedankliche Anregungen für eine neu zu erweckende do-it-yourself-Bewegung gibt es 
zuhauf. Zu nennen wäre etwa das "Reparaturmanifest" mit dem schönen Motto: "Wenn 
du es nicht reparieren kannst, gehört es nicht dir!" (10) Reparatur muss sich 
nicht nur wieder lohnen, sondern könnte eine Erhöhung des ursprünglichen Wertes 
darstellen, z.B. in einer Ressourcen schonenden Verbesserung der aufgetretenen 
Schwachstellen. Die japanischen Begriffe "Kintsugi" (11) und Wabi-Sabi (12) geben 
uns eine interessante Vorstellung für eine auch kulturelle Aufwertung durch 
Reparatur. Alfred Sohn-Rethels Aufsatz über das "Ideal des Kaputten" aus den 
1920er Jahren kann in diesem Zusammenhang noch heute inspirierend sein: Er 
schildert seine Beobachtungen über den eigenwilligen Umgang der ärmeren 
Bewohner*innen Neapels, die gerade durch das kreative Erfinden von immer neuen 
Reparaturlösungen für ihre im Grunde schrottreifen technischen Geräte eine 
Souveränität im Umgang mit der Welt der Dinge behaupteten. Neue, perfekt 
funktionierende, aber gerade dadurch in ihrer Funktionsweise unverständliche 
Maschinen seien ihnen dagegen eher suspekt gewesen. (13)

Zu beachten ist dabei, dass all diese Ideen und praktischen Versuche für sich 
allein genommen wenig systemsprengendes Potential haben. Getrennt von einer 
allgemeinen gesellschaftskritischen Perspektive können sie schnell in Sackgassen 
bzw. reibungslos den Verhältnissen angepasste Nischen enden. So ist etwa in den 
letzten Jahren ein Upcycling-Trend entstanden, der einfach eine Marktlücke 
geschäftstüchtiger Kunsthandwerker*innen darstellt, die aus Schrott Luxusgüter 
für ein besserverdienendes Publikum herstellen - eher eine Modeerscheinung. 
Umgekehrt könnte in Zeiten des Sozialabbaus die Regierung auf den Gedanken 
kommen, dass es kostengünstiger wäre, den Armen anstatt Hartz4 einfach freien 
Zugang zu den örtlichen Recyclinghöfen zu gewähren...

Alles kommt daher darauf an, ob es gelingt, die hier vorgeschlagenen Versuche in 
ein revolutionäres Projekt einzubeziehen, das die herrschenden Verhältnisse in 
all ihren Facetten angreift - von der Lohnarbeit bis zum Geschlechterverhältnis, 
vom Schulsystem bis zum Städtebau. Im Kontext einer allgemeinen widerständigen 
Bewegung könnte ein kreativer Geist der Aneignung der Dinge durch Reparatur und 
Improvisation durchaus subversive Kraft entwickeln.

Also, in diesem Sinne: Ran an die Materie! Wir brauchen nicht unbedingt (nur) 
Spezialist*innen - aber Grundlagen der Werkzeugbenutzung, des Landbaues, der 
Mechanik, Elektronik usw. sind essentiell. Know-How ist allerdings ein 
entscheidender Punkt. Wissen vermitteln und teilen - nicht nur anarchistische 
Theorie - sondern alles was uns im Kampf und Leben voran bringt, Rohstoffquellen 
erschließen, Räume öffnen, Aufgabenteilung organisieren. Was wir vor allem 
brauchen, ist der Wille, die eigenen Dinge im wahrsten Sinnes des Wortes wieder 
selbst in die Hand zu nehmen.

Note:

(1) Institute of the German Economy 2019.

(2) 
https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/150-arten-sterben-pro-tag-aus-groesstes-artensterben-seit-ende-der-dinosaurier-zeit-droht-16660249
(3) https://t3n.de/news/amazon-vernichtung-retouren-neuwaren-1086628/

(4) 
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/geplante-obsoleszenz-konsumwuensche-und-murks-verkuerzen-die-lebensdauer-von-geraeten/11441178.html

(5) 
https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf

(6) Peter Kropotkin: The Conquest of Bread, Chapter: Food, on the Internet e.g. 
at: https://de.wikisource.org/wiki/Die_Eroberung_des_Brotes

(7) 
https://de.labournet.tv/video/6360/die-mahalla-arbeiterinnen-der-aegyptischen-revolution

(8) Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW Vol. 3, p. 67f.

(9) Waste Management Act 2002, version of 05.07.2020

(10) de.ifixit.com/Manifesto

(11) de.wikipedia.org/wiki/Kintsugi

(12) de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi

(13) http://www.magazinredaktion.tk/magazin/heft2/neapel.php

https://berlin.dieplattform.org/2021/04/16/von-der-entwertung-der-dinge/


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