(de) anarcho syndikalismus: Toulouse: Einige Anmerkungen zu einem Arbeitskampf

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Mo Apr 19 08:30:37 CEST 2021


Folgender Bericht erschien in "Anarchosyndicalisme!" (No. 171, Jan-Fev 2021), der 
Zeitschrift der CNT-IAA Toulouse: ---- Warum kämpfen? Wie kämpfen? ---- Die 
Antwort auf "Warum kämpfen" ist offensichtlich: Die Welt, in der wir leben, ist 
grundlegend ungerecht und ungleich verteilt, wobei das Wohlstandsgefälle maßlos 
angewachsen ist und nichts, aber auch gar nichts, so etwas rechtfertigen kann. 
Schlimmer noch, dieses System ist selbstmörderisch und seit Anfang dieses 
Jahrhunderts erfahren wir Tag für Tag mehr darüber, wie dessen rasende Gewalt 
sich nicht nur gegen Menschen richtet, sondern auch gegen die Natur, die Tieren 
und den Planeten: ---- Um sich mehr und mehr Reichtümer anzueignen, schrecken 
Einzelpersonen, Unternehmen und Staaten nicht davor zurück, das grundlegende 
natürliche Gleichgewicht zu zerstören. Der Kapitalismus stellt eine tödliche 
Bedrohung für das Leben auf dem Planeten dar.
Wie kämpfen? Für uns Anarchosyndikalist*innen ist die Antwort eindeutig: Überall 
und an jedem Ort setzen wir uns dafür ein, dass unser ethisches Bewusstsein, 
unser Wille und unsere Würde respektiert werden, ebenso wie unser Grundsatz 
sozialer Gerechtigkeit und die Verweigerung von Kompromissen.

Gegen die brutale Macht der Herrschenden und die Gewalt des Systems setzen wir 
unsere Wertvorstellungen: Die Zusammenarbeit aller Menschen, die Solidarität und 
die gegenseitige Hilfe der Ausgebeuteten, das Bewusstsein ein Ziel zu Erreichen 
und die Kraft aus der Gewissheit, dass es keinen anderen Weg gibt, sowie dass 
unser Kampf gerecht und sinnvoll ist.

Nun aber wurde ein Genosse von uns, als Vertreter und Verteidiger dieser Werte, 
das Opfer von Repression in dem Unternehmen, bei dem er angestellt ist. Er wurde 
vor Gericht angeklagt und schwer bestraft, weil er auf seine Rechte bestanden und 
deren Anerkennung eingefordert hat, was sich daher wie ein Angriff auf alle 
Anarchosyndikalist*innen anfühlt.

Bei dieser Firma in Montluçon, welche chemische Produkte herstelllt, wurde unser 
Genosse Juani infolge seiner revolutionären Gewerkschaftsaktivitäten und 
Einstellungen gefeuert. Die Vorgesetzten haben einerseits versucht, ihm die 
Verantwortung für "Fehler" bei der Arbeit anzuhängen, welche er nicht verursacht 
hat. Und andererseits haben sie die Gelegenheit genutzt, um ihn rauszuschmeißen, 
weil er auf öffentlicher Straße am Fabriktor ein gewerkschaftliches Flugblatt 
verteilt hat. Sie haben auch seinen Lohn einbehalten und ihn zum Vorgespräch 
wegen einer Entlassung geladen.

Dieses Flugblatt gab die bei zahlreichen Arbeiter*innen dieses Unternehmens 
weitverbreitete Ansicht wider, dass der multinationale Konzern BASF als 
Hauptkunde der Firma sich auf scheinheilige Weise darstellt. Diese Heuchelei 
erlaubt dem Unternehmen einerseits seinem Zulieferer, Vorträge in Sachen Ökologie 
und sozialer Verantwortung zu halten. Aber in Wirklichkeit (wie zahlreiche 
Berichte und öffentliche Zeugenaussagen in mehreren Zeitungen, Zeitschriften und 
im Internet belegen) ist diese Firma andererseits in erster Linie darauf aus, 
ihre Gewinne zu maximieren. Und dass sie dabei nicht davor zurückschreckt, die 
Gesundheit ganzer Bevölkerungen zu gefährden und ihre zahlreichen Arbeiter*innen 
zu unterdrücken. Unmittelbar nach dieser Strafmaßnahme, die ebenso empörend wie 
unverhältnismäßig ist, hat unser Genosse gemeinsam mit anderen Arbeiter*innen die 
Gründung einer gewerkschaftlichen Betriebssektion verkündet...

Bei einer Demonstration gegen das Sicherheitsgesetz[loi sur la sécurité 
globale]hatte unser Genosse alle gerechtigkeitsliebenden Menschen eingeladen 
mitzukommen, um ihn bei einer Kundgebung wegen dieses Mitarbeitergesprächs zu 
unterstützen. Mehrere Leute, darunter auch Mitglieder gewerkschaftlicher 
Organisationen (CGT, SUD)[1]versprachen Unterstützung und sagten ihre Teilnahme 
zu. An dem vereinbarten Tag erschienen 25 organisierte Personen (CNT-IAA, CGT, 
CNT-SO, FO)[2]und Unorganisierte (Anarchist*innen, Einzelpersonen,...) vor dem 
Betriebseingang. Unser Genosse ging dann mit einem Aktivisten der 
FO-Gewerkschaftsjugend im Unternehmen als Beistand in das Gespräch. Der Chef 
bestätigte dabei, dass Juani wegen dem Verteilen des Gewerkschaftsflugblattes 
sanktioniert wurde.

Der Vertreter von FO bat dabei den Chef "nachsichtig zu sein, weil Juani alt ist" 
u.s.w., wobei diese Formulierung erbärmlich und unwürdig war, denn durch sie 
wurde Juani als schuldig anerkannt. Diese Person hat wohl nicht ganz verstanden, 
dass wir in einer Klassengesellschaft leben und dass das Gesetz vom Staat gemacht 
wird, um die Interessen der Chefs zu schützen. Und dass eine Schuldanerkennung 
bedeutet, den Kampf aufzugeben und das Sklavendasein anzuerkennen. Die beiden 
Aktivist*innen der CGT im Unternehmen glänzten derweil durch ihre Abwesenheit.

Insgesamt haben die im Unternehmen organisierten Gewerkschaftsaktivist*innen kein 
Mitgefühl gezeigt und nichts dafür getan, damit sich die Arbeiter*innen mit 
unserem Genossen solidarisieren. Oder um über die Hintergründe des Konfliktes 
aufzuklären, das skandalöse Vorgehen des Chefs und den dreisten Angriff gegen die 
Demokratie anzuprangern, bei dem schon das Verteilen eines gewerkschaftlichen 
Flugblattes auf öffentlicher Straße bestraft wird. Sie haben ebenfalls 
unterlassen sich dagegen auszusprechen oder zumindest das Verhalten des 
Arbeitgebers öffentlich zumachen (die Anstellung eines Wachmanns, das 
Verschließen der Betriebseingänge während der Protestkundgebung, den 
Arbeiter*innen das Verlassen des Betriebes zur Unterstützung unseres Genossen zu 
verweigern, die versteckten Drohungen, u.s.w.).

Zwei Tage danach wurde unser Genosse vor Gericht geladen und der Chef bestritt 
dabei die Rechtmäßigkeit der Gründung einer Gewerkschaftssektion. Die 
Lokalsekretärin der CGT hatte ebenfalls an der Kundgebung teilgenommen und 
öffentlich vorgeschlagen, unseren Genossen mit dem Rechtsanwalt der CGT in 
Kontakt zu bringen. Auf Bitten der Verteidigung empfahl sie jedoch, die Gründung 
der Betriebssektion der CNT-IAA zu widerrufen: Offensichtlich fällt es gewissen 
Organisationen leichter, flammende Reden zu halten oder ihre Organisationsfahnen 
zu schwenken, als vor einem bürgerlichen Gericht die Sache eines kämpferischen 
Anarchosyndikalisten zu unterstützen.

Obwohl zwei Werktage nach dem Erhalt der Vorladung die CNT-IAA eine stabile 
Verteidigung für Juani organisiert hatte, ging er in Begleitung einiger 
Aktivist*innen zu der Gerichtsverhandlung. Tags drauf wurde ihm mitgeteilt, dass 
die Gründung der Gewerkschaftssektion abgelehnt wurde. Ohne Lohn und Zuschläge 
wartet er nun darauf, welche Strafmaßnahmen ihm von der Unternehmensführung 
auferlegt werden.

Aktueller Nachtrag:
Der Genosse Juani wurde wegen dem Verteilen des Flugblattes entlassen. Eine 
Unterstützungskasse für ihn wurde eingerichtet. Hier unsere Adresse, wenn ihr uns 
schreiben wollt:
CNT-AIT, 7 rue St Remesy, F-31000 Toulouse

Sendet eure Schecks (Empfänger: cntait) oder Überweisungen (Empfänger: cdes) mit 
dem Stichwort "Solidarität J.C." an IBAN: fr36 2004 1010 1603 0872 1H03 752

Quelle:
http://www.cntaittoulouse.lautre.net/IMG/pdf/anarchosyndicalisme_171.pdf

Erläuterungen:

1) CGT: Confédération générale du travail;
SUD: Solidaires Unitaires Démocratiques

2) CNT-AIT: Confédération Nationale du Travail - Association Internationale des 
Travailleurs;
CNT-SO: Confédération Nationale des Travailleurs - Solidarité ouvrière;
FO: Force ouvrière

Übersetzung und Anmerkungen:
Anarcho-Syndikalistisches Netzwerk - ASN Köln (https://asnkoeln.wordpress.com)

https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2021/04/12/toulouse-einige-anmerkungen-zu-einem-arbeitskampf/


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