(de) Anarchismus in Karlsruhe ANIKA: Freiheit, die Liebe zum Leben - oder warum niemand protestiert

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So Apr 18 07:46:27 CEST 2021


Im Februar erschien der Artikel "Gegen den Ausverkauf der Stadt und die Politik 
der Verdrängung in Karlsruhe". Thema war der Verkauf städtischer Räume und 
Flächen in Karlsruhe an die GEM Ingenieurgesellschaft mbH Müller + Partner, deren 
Mehrheitseignerin die CG Gruppe AG ist. Mit dem Verkauf wird der Raum für viele 
kleine Gewerbetreibende, aber auch für ca. 100 Bands und für selbstverwaltete 
Kunst- und Kulturzentren, wegfallen. Ersatzlos. ---- Wenn man diesen Vorgang zum 
ersten Mal wahrnimmt, schießen Gedanken in den Kopf wie: "Ok, das klingt 
schlecht, aber die Stadt wird schon wissen, was das Beste für die Gesamtheit der 
Bürger*innen ist." Oder auch: "Ok, arme Bands, aber hey, die Stadt lässt doch 
ihre Jugend und Kreativen und so nicht im Stich, die wird schon für Ersatz 
sorgen." Und dann liest man auf der Website der GEM, dass am 05.10.2016 ein 
Workshop stattfand zum städtebaulichen Rahmenplan des Areal C, unter Beteiligung 
des Stadtplanungsamtes. 2016, das ist 4,5 Jahre her! Seitdem gibt es keine 
Angebote zu alternativen Flächen und Räume seitens der Stadt Karlsruhe laut 
Artikel. Krass.

Langsam wallt das Gefühl auf, dass die Stadt andere Interessen vertritt, als die 
der Verdrängten.

Diese Feststellung zieht im Bauch. Der Kopf kann vielleicht noch abwiegeln und 
behaupten, dass die Entscheidung der Stadt bestimmt so viel Gutes für die 
Bewohner*innen von Karlsruhe bringen wird, dass das Gute das Schlechte des 
Verkaufs überwiegen wird. Der Bauch weiß: diesmal sind es diese Menschen, 
nächstes Mal vielleicht ich.

Es ist verständlich, wenn eine Stadt Entscheidungen auf Grundlage verschiedener 
Interessen treffen muss. Aber kein Interesse darf Grundbedürfnisse der 
Stadtbewohner*innen überwiegen, deren Leben direkt mit der Entscheidung verbunden 
sind.

Doch wie kommt es zu solchen Entscheidungen? Warum bietet die Stadt den 
Betroffenen keine alternativen Flächen und Räume an? Vielleicht, weil keine 
vorhanden sind. Vielleicht, weil zum Zeitpunkt der Entscheidung zum Verkauf 
niemand nachgeschaut hat, ob Ersatzflächen vorhanden sein würden. Damit wird zu 
Ausdruck gebracht: wir wussten, als die Entscheidung zum Verkauf getroffen wurde, 
dass keine alternativen Flächen und Räume vorhanden sind bzw. war es uns egal. 
Wir haben trotzdem so entschieden. Ihr Verdrängten seit uns egal.

Wenn es so gelaufen wäre, hätte sich in den letzten 4,5 Jahren doch mehr Protest 
zusammengefunden, oder? Warum kämpfen die Menschen nicht für ihre Stadt? Warum 
zucken die meisten Menschen nur mit den Schultern, wenn sie vom Verkauf ohne 
Ersatzflächen hören, obwohl sie selbst gerne auf dem Gelände des Areal C auf 
Konzerte gegangen sind oder nette Leute kennen, die in den betroffenen Bands spielen?

Im Sommer 2020 wurde auf dem Gelände der P8, in Kooperation mit dem Cafe Noir der 
Film "Ungleichland" über die Machenschaften der CG Gruppe AG gezeigt. Es kamen 
einige Interessierte, vor allem junge Menschen, aber auch erfahrene 
Wohnprojektler von der MiKa. Es wurde bis spät abends über den Ausverkauf von 
Städten geredet. Was am Ende des Abends blieb, war laut einigen Jüngeren ein 
Gefühl von Ohnmacht. Hilfesuchend wurden die anwesenden Wohnprojektler der MiKa 
befragt, was zu tun sei, um z.B. eine MiKa 2.0 ins Leben zu rufen. Die Antwort 
war: machen. Etwas machen, anfangen, protestieren, Wohnprojektgruppen gründen, 
sich mit "der Stadt" anlegen, Interessen verteidigen. Die jungen Menschen zuckten 
mit den Schultern. Damals sei alles leichter gewesen. Heute ginge das alles nicht 
mehr so einfach. Ein Mensch von der MiKa antwortete: damals war es auch schwer, 
aber wir haben es riskiert.

Tatsache ist: Hartz-Reformen, Privatisierung von staatlichem Wohneigentum, 
wirtschaftsliberale Steuergesetzreformen und, und, und - heute riskiert man 
materiell viel mehr, wenn man für eigene Interessen kämpft. Mal ein Jahr von 
Stütze leben, um ein Wohnprojekt voranzutreiben? Heute sicherlich schwieriger, 
als damals. Im Studium mal ein, zwei Semester Module und Prüfungen verpassen, um 
politisch aktiv zu sein? Jup, kann man machen, kann dann aber auch sein, dass man 
direkt aus dem Studiengang fliegt. Der Freiraum der Menschen wird enger, auch 
wenn sie es nicht realisieren. Nicht nur der materielle Freiraum, auch der 
Freiraum für eigene Gedanken, für das Ausbilden einer Haltung, ohne die niemand 
protestieren geht, schrumpft, wird überlagert von Zeitdruck, Erfolgsdruck, 
Konsum, Sachzwängen.

Erich Fromm hat in "Die Seele des Menschen - ihre Fähigkeit zum Guten und zum 
Bösen" beschrieben, was passiert, wenn eben dieser Freiraum nicht vorhanden ist. 
Der Mensch wird zum Automaten. Wer Automat ist, sieht andere Menschen auch als 
Automaten, als Gruppen von Dienstleistern, als Gruppen von Verbrauchern, als 
Gruppen von Konkurrenten, als Gruppen von verdrängten Musiker*innen - nicht aber 
als Individuen. Der Mensch wird den Menschen zum (toten) Ding.

Und genau hier könnte der springende Punkt liegen, warum Proteste klein bleiben, 
warum Menschen nicht für Ihre Bedürfnisse kämpfen, obwohl es heute vielleicht 
wichtiger wäre denn je, obwohl viele von ihnen materiell doch noch gut genug 
aufgestellt sind:

Menschen kämpfen nicht für Ihre Bedürfnisse und Wünsche, wenn sie keine Liebe zum 
Leben, zum Lebendigen spüren. Und diese Liebe zum Leben braucht Freiraum, 
Freiheit, wie Fromm in o. g. Text verdeutlicht:

"Zusammenfassend ist zu sagen, daß sich die Liebe zum Leben am besten in einer 
Gesellschaft entfalten wird, wenn darin folgende Voraussetzungen gegeben sind: 
Sicherheit in dem Sinn, daß die materiellen Grundlagen für ein menschenwürdiges 
Dasein nicht bedroht sind, Gerechtigkeit in dem Sinn, daß niemand als Mittel zum 
Zweck für andere ausgenutzt werden kann, und Freiheit in dem Sinn, daß jedermann 
die Möglichkeit hat, ein aktives und veranwortungsbewußtes Mitglied der 
Gesellschaft zu sein. Der letzte Punkt ist besonders wichtig. Selbst in einer 
Gesellschaft, in der Sicherheit und Gerechtigkeit herrschen, kann die Liebe zum 
Leben sich nicht entwickeln, wenn in ihr nicht die kreative Selbsttätigkeit des 
einzelnen gefördert wird. Es genügt nicht, daß die Menschen keine Sklaven sind; 
wenn die gesellschaftlichen Bedingungen zur Existenz von Automaten führen, wird 
das Ergebnis nicht Liebe zum Lebendigen, sondern Liebe zum Toten sein."

Eine erschütternde Selbsterkenntnis zu der ganzen Sache: ich selbst habe beim 
Lesen des Artikels über den Verkauf des Areal C an Bands gedacht, an eine Gruppe 
Gewerbetreibende, an ein Kunstkollektiv - aber nicht an Anna*, die das Gefühl, 
das sie beim Spielen ihrer Bassgitarre hat, jede Woche braucht, um genug Kraft zu 
haben, ihren Alltag anzugehen. Hätte ich an Anna gedacht, hätte ich ihr helfen 
wollen, ihr als Person. Ich hätte sie gefragt, wie ich ihr helfen kann. Und dann 
wären wir zu zweit vielleicht auf die Idee gekommen, uns einer Demo anzuschließen 
oder eine ins Leben zu rufen. Wir wären als Menschen in Kontakt gekommen, so wie 
es die vielen selbst betroffenen "Annas" und ihre Freund*innen tatsächlich 
gemacht haben und wir hätten etwas gemacht. So aber habe ich den Artikel gelesen, 
die ganze Sache als sehr schade befunden, an den Goodwill der 
Entscheidungsträger*innen mehr oder weniger geglaubt und den Artikel (fast) abgehakt.

Dass die Menschen keine aktiven und verantwortungsbewussten Mitglieder der 
Gesellschaft sind, dass sie keine Freiräume in Form von Zeit und Orten haben, um 
solche zu werden, dass sie durch Bürokratisierung weiten Teilen des Lebens nur in 
gleichen, engen Bahnen leben können und andere Menschen dadurch nicht als 
Individuen betrachten (können), ist zusammengenommen also eine mögliche 
Erklärung, warum laute, große Proteste von (diesmal) nicht direkt betroffenen 
Menschen fehlen.

Menschen, die einander nicht als Individuen sehen (können), Menschen, die Totes 
mehr lieben (müssen), als Lebendiges - wie kann sich das ändern? Sich der eigenen 
Behinderung, der eignen Unfreiheit bewusst zu werden, ist der erste Schritt.

*Name frei erfunden

https://anika.noblogs.org/2021/04/10/freiheit-die-liebe-zum-leben-oder-warum-niemand-protestiert/


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