(de) evibes: Ein Umgang mit Kritik - Stellungnahme zu "Abtreibungsgeschichten"

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Sa Sep 12 07:51:26 CEST 2020


4. September 20202020, StellungnahmeAbtreibung legalisieren, Abtreibungsgeschichten, Annaberg-Bucholz, Fundamentalismus, 
Informationsfreiheit, oralhistory, pro choice, reproduktive Rechte, reproduktive selbstbestimmung, wegmit§218, wegmit§219a ---- Auch 
kritische Stimmen wurden den Initiatorinnen der Kampagne "Abtreibungsgeschichten" in Bezug auf die Veröffentlichung von 
Abtreibungsgeschichten zugesandt. Folgend könnt ihr deren Antwort darauf lesen, sie verdeutlicht nochmal klare Motive, Hintergründe und 
Prozesse der Kampagne. Sie freuen sich über weitere Geschichten, weitere Anregungen und Kritik und gehen gern mit euch darüber in Austausch!
Im Zuge der Mobilisierung für den Schweigemarsch in Annaberg haben wir Abtreibungsgeschichten gesammelt, mit dem Ziel Abtreibungen zu 
entstigmatisieren und über die verschiedenen Geschichten hinweg auf Gemeinsamkeiten und strukturelle Probleme aufmerksam zu werden. Einer 
der Hintergründe war auch, über die Geschichten genauere Einblicke zur Versorgungslage von Schwangerschaftsabbrüchen zu bekommen. 
Verschiedene Personen, die abgetrieben haben, haben uns dabei ihre Geschichten als Audio-Aufnahme, in Schriftform, oder als Postkarte 
zukommen lassen.

Dabei kam es recht schnell zu verschiedenen Reaktionen.
Positiv stimmen uns bspw. Beratungsstellen, die die Aktion sehr begrüßten, Teile von ihr ausstellen werden und uns ihre Unterstützung 
weiterhin zusicherten. Wir erkennen hierin die Chance, mit dieser Kampagne mehr Menschen zu erreichen, als wir das normalerweise tun.

Aber es kam auch zu kritischen Rückmeldungen, wie euren, dafür möchten wir euch vielen Dank sagen. Das kritische Feedback hat einen 
intensiven internen Diskussions- und Reflexionsprozess angestoßen, dessen bisherigen Stand wir euch gerne mitteilen möchten. Aufgrund der 
Coronasituation, aber auch des etwas längeren Prozesses wegen kommt die Antwort nun mit einer gehörigen Zeitversetzung.

Einer der zentralen Kritikpunkte eurer Seite ist der der verwendeten Sprache innerhalb der Geschichten, eine Sprache, die geprägt ist durch 
den moralisierenden Diskurs über Abtreibungen und die lautstarken Stimmen der Fundis. Wir haben dieses Problem auch erkannt, hatten bereits 
früh darüber gesprochen, dass wir dennoch nicht lektorierend in die Geschichten eingreifen werden. Gleichzeitig haben wir uns auch immer 
wieder die Frage darüber gestellt, was wir machen, wenn wir problematische Geschichten bekommen, schließlich gab es auch einen Fundi-Aufruf 
um uns auf unsere Geschichten zu antworten, der allerdings ohne Folgen blieb. Es fällt uns schwer, darauf eine Antwort zu finden, die alle 
Aspekte, die wir als wichtig erachten komplett gleichberechtigt berücksichtigt.

Gleichzeitig und auch das schreibt ihr, ist es eben die Sprache der Personen, ihre Art die Geschichte zu erzählen und das halten wir für 
wertvoll. Es gibt nicht die eine Perspektive auf Abtreibungen, es gibt viele, das Erleben ist sehr unterschiedlich. Die Geschichten wollten 
so erzählt werden und diese Sprache drückt das Erleben aus. Und genau da liegt für uns die Kraft der Erzählungen: Wenn wir sie nicht nur als 
einzelne Erzählungen betrachten, sondern jede einzelne miteinander verbinden und gesellschaftlich kontextualisieren, dann sollte uns nicht 
wundern, wenn dieses Erleben innerhalb einer heteronormativen, kleinfamilienfixierten Gesellschaft mittels "kritischem" Sprachgebrauch 
beschrieben wird. Das wird noch deutlicher, wenn eine Abtreibungsgeschichte eben nicht von einer bekennenden ProChoiceaktivist:in erzählt 
wird, sondern von der ungewollt Schwangeren von nebenan. Die Geschichten bieten uns die Möglichkeit uns über die gesellschaftlichen 
Bedingungen auszutauschen, über die strukturellen Gegebenheiten zu diskutieren und genügend Anlässe diese verändern zu wollen.

Wir stellten uns außerdem die Frage, warum die Emotionalisierung der Erfahrung überhaupt problematisiert wurde. Ist nur das Rationale Gutes? 
Emanzipatorisches? Feministisches? Sind nur klare Abtreibungsgeschichten wahre Abtreibungsgeschichten? Warum können ungewollt Schwangere 
ihre Abtreibung nicht auch als möglichen Verlust wahrnehmen und dennoch die Entscheidung für richtig halten? Wir apellieren nicht nur an die 
Sichtbarmachung der Vielfalt der Geschichten, auch in den einzelnen Geschichten selbst geht es darum Vielstimmigkeiten zu erleben und 
Widersprüche auszuhalten - sowohl als erzählende, als auch als zuhörende Person.

Auch ihr habt beschrieben, dass das Lesen der Geschichten heftige Emotionen auslöst: Warum sind wir betroffen bei manchen Geschichten, bei 
anderen nicht? Warum lösen manche Beklemmungen aus und manche nicht? Was hat das mit meiner eigenen Sicht zu tun? Warum bin ich irritiert, 
wenn jemand häufig auf seine Abtreibung zurückblickt, warum vermute ich dort ein antifeministisches Moment? Wir möchten mit diesen 
Geschichten die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema (nochmals) anregen, um u.A. Fragen der praktischen Solidarität neu aufzuwerfen.

Entgegen euer Wahrnehmung, sind wir der Überzeugung, dass es gesamtgesellschaftlich immernoch ein Nicht-Darüber-Sprechen über Abtreibung 
gibt. Ein gehemmtes Schweigen unterfüttert mit ressentimentgeladenen Befürchtungen die eigene Geschichte zu erzählen. Deswegen haben wir 
unsentschlossen, die Kampagne weiter zu führen, vor allem weil wir sie als Medium der politischen Mobilisierung anerkennen.

Schließlich möchten wir weiterhin diese Plattform bieten, um über die eigene Abtreibungerfahrung ohne Angst vor Ausgrenzung zu sprechen. Wir 
finden es wichtig, dass es einen solchen Ort gibt, an dem Personen über Abtreibungen berichten können, denn diese Orte gibt es zu wenig. 
Über die eigenen Abtreibungserfahrungen zu sprechen ist bis heute mit Stigmatisierung verbunden, auch weil häufig vom (z.B. feministischen 
oder eben fundamentalistischen) Umfeld Normvorstellungen darüber existieren, wie darüber gesprochen werden kann und soll. Vielfältige 
Geschichten können dagegen den Möglichkeitsraum des Darüber-Sprechens erweitern und stellen vor allem eine Gegenöffentlichkeit zu den leicht 
auffindbaren Fundi-Geschichten dar. Gleichzeitig erfuhren wir das Mitteilen der eigenen Abtreibungserfahrung auch innerhalb der Gruppe als 
einen empowernden Akt und hoffen, es ging allen weiteren Autor:innen ähnlich.
In einer Gesellschaft, in der die Informationsfreiheit für reproduktive Rechte derart eingeschränkt ist (#wegmit§219a), soll die Kampagne 
außerdem eine Plattform sein, auf der Personen sich die Geschichten durchlesen, die vielleicht gerade vor einer Entscheidung stehen, die 
vielleicht garnicht genau wissen, was auf sie zukommt, die vielleicht nicht die große Schwester fragen können oder mehr als nur harte Zahlen 
und medizinische Fakten ergooglen wolen. Sie soll informieren, aufklären und auffangen.
Die Plattform soll verdeutlichen, dass die Entscheidung für eine Abtreibung voll in Ordnung ist, sich dagegen zu entscheiden aber auch. 
ProChoice.

Dennoch glauben wir, dass wir unsere Ziele nicht einfach in dem jetzigen Format erreichen können. Das Sammeln einzelner Geschichten ist als 
solches noch kein politisch-emanzipatorischer Akt. Es muss auch darum gehen die Verbindungen der einzelnen Geschichten sichtbar zu machen 
und die gesellschaftliche Einbindung der Geschichten aufzuzeigen, zu thematisieren und zu analysieren. Daher werden wir beginnen, 
zusätzliche Texte zu verfassen, um auf die Gemeinsamkeiten, aber auch auf Leerstellen hinzuweisen (so finden wir es beispielsweise spannend, 
dass Spätabtreibendungen nie thematisiert wurden). Diese Texte sollen so ein Ort der politischen Reflexion der individuellen Erlebnisse 
werden und gewissermaßen als Bindeglied fungieren zwischen individuellem Erleben und politischer Praxis.

Gern möchten wir euch deshalb zur Zusammenarbeit, weiteren kritischen Kommentaren und Beiträgen animieren, teilt eure Geschichten, lasst uns 
mit Stigma und mit Schuld brechen.

https://evibes.org/2020/09/04/ein-umgang-mit-kritik-stellungnahme-zu-abtreibungsgeschichten/#more-77843


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