(de) die plattform: Es lebe der Kampf des bolivianischen Volkes - Massenmobilisierungen in Bolivien

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Fr Sep 11 08:20:59 CEST 2020


Vorwort: Die folgende Erklärung der Solidarität mit den derzeitigen Massenprotesten gegen die rechte, neoliberale Regierung in Bolivien 
wurde am 18. August 2020 von der «Lateinamerikanischen Anarchistischen Koordination» (CALA) veröffentlicht. Die CALA wurde Ende 2019 neu 
gegründet und versammelt mehrere Organisationen des especifistischen Anarchismus, ein mit dem Plattformismus verwandtes anarchistisches 
Organisationskonzept lateinamerikanischen Ursprungs, in ihren Reihen. ---- Wir haben den Text nun ins Deutsche übersetzt, um die wichtigen 
Informationen über die Kämpfe in Bolivien auch Menschen in unserem Sprachraum zugänglich zu machen.
Bei der Übersetzung haben wir uns eng am ursprünglichen Wortlaut orientiert. Dabei ist anzumerken, dass der Begriff «Volk» - als Übersetzung 
von «pueblo» (im Spanischen) oder «povo» (im Portugiesischen) - im lateinamerikanischen Anarchismus eine andere Bedeutung hat, als wir es im 
deutschsprachigen Raum gewohnt sind.
Der organisierte lateinamerikanische Anarchismus begreift und verwendet «Volk» als Sammelbegriff für alle Unterdrückten der Gesellschaft, 
für alle, die ein objektives Interesse an der Überwindung der herrschenden Verhältnisse haben und nicht als nationalistischer und 
rassistischer Ausgrenzungsmechanismus.
Mit dieser Anmerkung im Bewusstsein sollte der Text gelesen werden.
Den original Text der CALA findet ihr hier. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre!

Erklärung:
Es lebe der Kampf des bolivianischen Volkes -
Erklärung der Lateinamerikanischen Anarchistischen Koordination (CALA)

Wieder einmal zeigt das bolivianische Volk Würde und entschlossene Kampfbereitschaft. Nach dem Staatsstreich vom Oktober 2019 und der 
Errichtung einer brutalen Diktatur unter Jeannine Añez geht der Widerstand des Volkes weiter. Straßensperren (ein gutes Maß für das Niveau 
der Auseinandersetzungen und die Kampfbereitschaft), Sternmärsche nach La Paz (1), tägliche Demonstrationen in verschiedenen Städten, eine 
beeindruckende Mobilisierung in El Alto (2) und die Erschaffung von Strukturen, welche alle kämpfenden sozialen Organisationen vereinen, 
sind Ausdruck des Willens dieses Volks, die Diktatur zu stürzen.

Diese Kämpfe haben nicht erst heute begonnen. Sie gehen auf die Gas- und Wasserkriege (3) zurück, die neoliberale Regierungen stürzten, dazu 
kommt der Widerstand gegen den jüngsten Staatsstreich, als der damalige Präsident Evo Morales und die Führung der MAS (4) beschlossen, 
zurückzutreten, um "Blutvergiessen zu vermeiden". Blut wurde aber vergossen, das Blut des Volkes, während die reformistischen 
Politiker*innen der rassistischen und faschistischen Rechten nachgaben, die allen die Bibel aufzwangen (5) und die Rechte der Indigenen und 
die Wiphala (6) mit Füssen traten. Es ist ein Staatsstreich von oben: Es sind die Bourgeoisie und die weiße Oligarchie, die, begleitet von 
Hassreden gegen die Indigenen, die Kontrolle über den Staat zurückerobern. Man könnte durchaus sagen, dass die Konquistadoren oder deren 
Nachkommen zurückgekehrt sind - jetzt aber mit der vollen Unterstützung der Vereinigten Staaten, die unter anderem ein klares Interesse an 
der Bewirtschaftung der Kokaplantagen für den Drogenhandel haben.

Angesichts dieser Beleidigungen versteckte sich das bolivianische Volk aber nicht, es ergab sich auch nicht und verriet sich nicht selbst: 
es blieb auf der Straße, selbst während der Pandemie. Und wenn sie heute wieder einmal versuchen, die Diktatur aufrechtzuerhalten, 
verdoppelt das kämpfende Volk seine Anstrengungen und es gehen die unterdrückten Klassen als Ganzes auf die Gassen und Straßen des Landes. 
Und wie aus allen Berichten hervorgeht, die aus Bolivien eintreffen, hat dieses unterdrückte Volk die Gewissheit und Klarheit, dass diese 
Diktatur gestürzt und ein eigener Weg eingeschlagen werden muss.

Eine Forderung ist sicher, dass Wahlen durchgeführt werden und dass dafür sofort ein Termin festgelegt wird. Der Wahltermin wird von der 
de-facto-Regierung nach eigenem Gutdünken gesetzt und verschoben, da sie mit der MAS-Führung verhandelt. Von der MAS-Führung kann nur 
erwartet werden, dass sie mit der Diktatur verhandelt. Das kämpfende Volk äußert seinen Unmut darüber, dass der Wahltermin noch weiter nach 
hinten verschoben wird, indem es Forderungen zu Themen stellt, die weit über die Wahlen hinausgehen.

Wir als especifistische Anarchist*innen sind für die politische Organisation des Anarchismus und die Entwicklung eines echten Prozesses des 
Aufbaus der Volksmacht. Für uns dienen Wahlen nur der Bourgeoisie und ihren Institutionen, insbesondere dem Staat. Sie stärken die Macht 
einer Klasse gegenüber einer anderen. Und der bolivianische Fall zeigt deutlich die Grenzen fortschrittlicher Kräfte in einer Regierung auf: 
MAS hat keine einzige Einkommensquelle der herrschenden bolivianischen Klassen angegangen - und kann es auch nicht. Es fanden keine 
strukturellen Veränderungen statt, so dass innerhalb weniger Tage ein Staatsstreich mit voller Unterstützung der Polizei und der 
Streitkräfte durchgeführt wurde - zwei Institutionen, die die Hüter der bürgerlichen Ordnung sind.

Aber im Angesicht einer drohenden Diktatur mobilisiert die Beteiligung dieser Institutionen am Putsch die Menschen noch mehr. Und was zählt, 
ist, dass das Volk auf der Straße sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, um seine Klasseninteressen und seine Identitäten als indigene und 
unterdrückte Völker zu verteidigen. Es ist an der Zeit, den Kampf des bolivianischen Volkes zu unterstützen und auf eine Radikalisierung 
seiner Forderungen zu drängen, die über den gelegentlichen Aufruf zu Wahlen hinausgeht und darauf ausgerichtet ist, die Selbstermächtigung 
und Handlungsfähigkeit des Volks selbst zu stärken mit dem Ziel, die Volksmacht aufzubauen.

Das bolivianische Volk hat in bewaffneten Milizen die Revolution von 1952 durchgeführt, unzählige Regierungen gestürzt, alle Arten von 
Volksaufständen durchgeführt, seit Jahrhunderten Widerstand geleistet. Dieses Volk wird diese faschistische und rassistische Diktatur zu 
Fall bringen und seinen eigenen Weg des Kampfes und der Freiheit abstecken.

LANG LEBE DAS BOLIVIANISCHE VOLK!

NUR DAS VOLK WIRD DAS VOLK RETTEN!

HOCH MIT DENEN, DIE KÄMPFEN!

Federación Anarquista Urugaya, fAu (Uruguay)

Coordenaçao Anarquista Brasileira, CAB (Brasilien)

Federación Anarquista Rosario, FAR (Argentinien)

Lateinamerikanische Anarchistische Koordination (CALA)

Fußnoten:

(1) Sitz der bolivianischen Regierung

(2) Zweitgrößte Stadt des Landes

(3) 2000 erzwang der Internationale Währungsfonds die Privatisierung der bolivianischen Wasserversorgung, die Preise stiegen danach in 
kürzester Zeit um das Dreifache. Dies führte während Monaten zu massiven Protesten und einem Generalstreik vor allem in der Region 
Cochabamba. Über diese Stadt wurde nach massiven Zusammenstößen das Kriegsrecht verhängt, bevor die Regierung die Privatisierung 
zurücknehmen musste. 2003 führte eine Protestbewegung, die eine Beteiligung der indigenen Bevölkerung an den Gaseinkommen forderte, zu 
ebenfalls schweren Auseinandersetzungen. Diese Gas-Krieg genannten Ereignissen hatten den Sturz von mehreren Regierungen 2003 und 2005 zur 
Folge.

(4) «Movimiento al Socialismo» (MAS) ist eine linke Partei in Bolivien. Sie stellte bis zum Putsch im Jahr 2019 mit Evo Morales 14 Jahre 
lang den ersten Präsidenten indigener Herkunft in ganz Lateinamerika. MAS und mit ihm auch Morales positionierten sich gegen die neoliberale 
Privatisierung staatlicher und kommunaler Betriebe, den Einfluss der USA im Land und fuhren einen Kurs der Steigerung der Staatsausgaben in 
den Sektoren Bildung und Gesundheitsversorgung.

(5) Teil des Putsches gegen Morales waren auch religiös-rassistische Mitglieder evangelikaler Kirchen. Sie wollen das Land wieder «in Gottes 
Hände legen» und brachten die Bibel symbolisch in den Präsidentenpalast zurück. So signalisierten sie die «Rückkehr» der weiß-christlichen 
kolonialen Vorherrschaft nach dem Ende der vierzehnjährigen Amtszeit des indigenen Präsidenten Morales.

(6) Wiphala sind Fahnen, die aus der Kultur der Aymara stammen, eine Variante die Qullasuyu Wiphala wurde während der Präsidentschaft Evo 
Morales zur zweiten Nationalflagge Boliviens ernannt. Nach dem Putsch 2019 kursierten Videos von Polizisten welche die Wiphala von ihren 
Uniformen abschnitten. Die Wiphala wurde auch bei verschiedenen Regierungsgebäuden eingeholt. Diese Taten haben einen enormen symbolischen 
Wert: Auch über 500 Jahre nach dem Beginn der Kolonisierung finden die Indigenen in ihren eigenen Territorien keine Anerkennung durch die 
Nachfahren der Conquistadores, die ihr kulturelles Erbe wortwörtlich mit Füßen treten.

https://www.dieplattform.org/2020/09/08/es-lebe-der-kampf-des-bolivianischen-volkes-massenmobilisierungen-in-bolivien/


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