(de) koblenz.fau: Anarchismus und Syndikalismus in der Gewerkschaftsbewegung Deutschlands

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sa Okt 10 07:26:02 CEST 2020


Gestern veranstalteten wir ein Wanderseminar zum Thema Anarchismus und Syndikalismus in der Gewerkschaftsbewegung Deutschlands (1878-1939) 
in der Nähe von Bendorf-Sayn. Trotz Regenwetter war das Seminar außerordentlich gut besucht. Teilnehmende waren aus Saarbrücken, Düsseldorf, 
Frankfurt, Siegen und Mannheim angereist. ---- An verschiedenen Stationen erzählte uns der Referent jeweils etwas über die Geschichte 
unserer Bewegung und insbesondere über die Besonderheiten der Bewegung in Deutschland. Angefangen mit den Lokalisten, die aus der Not eine 
Tugend machten: Da es durch die Sozialistengesetze nicht mehr möglich war, sich reichsweit als Gewerkschaft zusammenzuschließen, 
organisierten sich Arbeiter stattdessen in lokalen gewerkschaftlichen Fachvereinen. Die Lokalisten erkannten bald die Vorteile dieser 
dezentralen Organisationsform und behielten sie auch nach der Abschaffung der Sozialistengesetze bei.

Hiervon ausgehend zeichnete der Referent über verschiedene Generationen die Geschichte und Entstehung der anarchosyndikalistischen Bewegung 
in Deutschland nach. Über die Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften, den Bruch mit der Sozialdemokratie Anfang des zwanzigsten 
Jahrhunderts, die Inspiration durch die internationale syndikalistische Bewegung und durch die Ideenlehre des Anarchismus, die Repression 
während des ersten Weltkrieges aufgrund ihrer strikt antimilitaristischen Haltung, bis hin zu Gründung, Aufstieg und Niedergang der Freien 
Arbeiter-Union Deutschlands während der Weimarer Republik.

Zudem gab es eine eigene Station zur Geschichte des syndikalistischen Frauenbundes, einer Initiative innerhalb der FAUD, die - nicht zuletzt 
gegen die eigenen Ehemänner und Genossen - nicht nur für ihre Befreiung als Proletarierinnen, sondern auch für ihre Befreiung als Frauen 
kämpften.

Von Generation zu Generation ...bis heute

Hevorzuheben ist in der Geschichte der syndikalistischen Bewegung in Deutschland die Beziehung zwischen den verschiedenen Generationen von 
Aktivist*innen. Jeweils vor einem ganz eigenen gesellschaftlichen und persönlichen Hintergrund entwickelte jede Generation auch ein ganz 
eigenes Selbstverständnis, konnte aber gleichzeitig immer auf die Erfahrung der vorherhigen Generation zurückgreifen. Erst durch den 
Nationalsozialismus wurde diese Kontinuität zerstört. Zwar gab es bereits ab 1947 die Föderation freiheitlicher Sozialisten als 
Nachfolge-Organisation der FAUD, aber es gelang ihr nicht, ihren Erfahrungsschatz an eine nachfolgende Generation in dem Maße weiterzugeben, 
wie es früher geschehen war.

Die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union, zu der wir als Allgemeines Syndikat Koblenz gehören, gründete sich deshalb 1977 sieben Jahre 
nach Auflösung der FFS zwar in der Tradition ihrer Vorgänger*innen, musste aber in vielerlerei Hinsicht einen Neustart wagen. Kontakte zu 
ehemaligen FAUD-Mitgliedern (und noch mehr zu Mitgliedern der spanischen Confederación Nacional del Trabajo) gab es aber dennoch und so 
konnte der Funke des Widerstands auch in Deutschland noch seinen Weg zu einer neuen Generation von Anarchosyndikalist*innen finden. Heute, 
über vierzig Jahre später, befindet sich die FAU im Wachstum. Auch viele junge Menschen finden in den letzten Jahren ihren Weg in die 
anarchosyndikalistischen Gewerkschaften, während der Erfahrungsschatz älterer Genoss*innen bereits jahrzehntelange radikale 
Gewerkschaftsarbeit umfasst. Umso wichtiger ist es auch heute die Frage immer wieder aufzuwerfen, wie wir voneinander lernen und uns 
gegenseitig unterstützen können.

Regionale Geschichte und die Gewerkschaft als Kultur-Organisation

Der Ort des Wanderseminars war bewusst gewählt: Durch die früher in der Gegend ansässige Schwerindustrie gab es sowohl in Bendorf, als auch 
im nahegelegenen Neuwied Ortsgruppen der FAUD. Übrigens im Gegensatz zur preußischen Militär- und Beamtenstadt Koblenz. Die erste Station 
unserer Wanderung war deshalb das Industriedenkmal Sayner Hütte, ein bereits 1926 stillgelegtes Hüttenwerk.

Auch unsere häufigen Wanderungen und sonstigen Freizeit-Veranstaltungen sind mehr als nur eine angenehme Art gemeinsam Zeit zu verbringen. 
Die Gewerkschaft ist für uns nicht nur Kampf- sondern auch Kulturorganisation. Eine Organisation, die auch dazu dient uns zu bilden, im 
Alltag zu unterstützen und der systematischen Vereinzelung entgegenzuwirken. Auch damit stehen wir in der Tradition der alten 
Anarchosyndikalist*innen, die schon immer ein reichhaltiges Kultur- und Freitzeitprogramm hatten und versuchten, bereits in der Gewerkschaft 
vorzuleben, wie ein besseres Miteinander nach der Revolution aussehen könnte.

https://koblenz.fau.org/2020/10/04/anarchismus-und-syndikalismus-in-der-gewerkschaftsbewegung-deutschlands/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de