(de) fau bern ch: Arbeiter*innen gegen Amazon und Covid-19 25.11.20 -- Ein essenzieller Streik: Interview mit einem Amazon-Arbeiter aus Piacenza über die Kämpfe während der Pandemie

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
So Nov 29 07:10:23 CET 2020


Gianpaolo, arbeitet seit acht Jahren im Amazon-Lagerhaus in Piacenza (MXP5) und 
nahm im September an der Versammlung der Amazon Workers International in Lille 
teil, an der Arbeiter*innen aus Frankreich, Deutschland, Polen und den 
Vereinigten Staaten vertreten waren. In den Monaten der Pandemie machte die 
transnationale Organisation der Arbeiter*innen Amazons einen Schritt nach vorn 
mit einer Welle von Protesten und Streiks, die die Lagerhäuser auf der ganzen 
Welt erschütterten. Und Sie stellte eine Reihe von gemeinsamen Standpunkten und 
Forderungen auf transnationaler Ebene auf, die das Unternehmen in Angst und 
Schrecken versetzten und es zwangen, zu reagieren. Mehr als 19.000 
Amazon-Arbeiter*innen hat Covid-19 allein in den Vereinigten Staaten erwischt, 
wie aus einem Bericht über die Ansteckungen hervorgeht, den das Unternehmen mit 
extremer Verspätung und nach mehrfacher Aufforderung veröffentlichte. Gianpaolo 
sagt, dass in Piacenza Amazon zu Beginn der Pandemie der Einführung von 
Gesundheitsmassnahmen nur zugestimmt habe, weil es durch einen dreizehntägigen 
Streik und eine massenhafte Weigerung, aus Angst vor Ansteckung zur Arbeit zu 
gehen, dazu gezwungen wurde. Darüber hinaus geht das Problem der sanitären 
Bedingungen in den Lagerhäusern auf die Zeit vor der Pandemie zurück. Amazon 
nutzte die Massnahmen zum Social Distancing, um die Kontrolle über die 
Arbeiter*innen zu verschärfen und Disziplin in den Lagerhäusern durchzusetzen. 
Die Streikwelle der letzten Monate war nicht nur deshalb wichtig, weil sie das 
Unternehmen zwang, die Löhne zu erhöhen und die anfängliche Verweigerung, ein 
Mindestmass an Sicherheitsstandards zu respektieren, aufzugeben, sondern auch, 
weil sie den Beschäftigten in aller Welt zeigte, dass "sie nicht völlig allein 
sind". Aus diesem Grund ist es in Italien so wichtig, Verbindungen zu anderen 
Lagerhäusern in Europa und darüber hinaus herzustellen. Mit Gianpaolos Worten: 
"Um Amazon zu schlagen, brauchen wir eine grössere Kraft als bei jedem anderen 
Gegner": Die transnationale Organisation ist der Weg, diese Kraft zu sammeln. In 
diesem Sinne beschloss die Versammlung von Lille, eine gemeinsame Kampagne zum 
Black Friday zu starten, in deren Mittelpunkt die Forderung steht, die in den 
ersten Monaten der Pandemie erhaltene Prämie von zwei Euro beizubehalten und 
gemeinsam dafür zu kämpfen, dass die Schutzmassnahmen in den Lagerhäusern 
respektiert werden, da die Pandemie noch nicht überwunden ist.

Precarious Disconnections: Kannst du uns über deine Arbeitserfahrung im 
Amazon-Lagerhaus in Piacenza berichten? Wie hat sich das Lagerhaus verändert?

Gianpaolo: Ich arbeite dort seit 2012 und habe als Green 
Badge[Leiharbeiter*innen]angefangen. Etwa dreissig Mitarbeiter*innen begannen 
2011 mit dem Lager, das nach 2013, als wir noch das einzige italienische Lager 
waren, 6000 Mitarbeiter*innen erreichte, während wir heute etwa 1800 fest 
Angestellte sind. Wenn man anfängt, für Amazon zu arbeiten, merkt man nicht, was 
das wirklich ist. Amazon lässt sich in armen Gebieten mit der höchsten 
Arbeitslosigkeit nieder und nutzt diese Situation zu seinem Vorteil aus. Amazon 
bringt Arbeit und schafft einen scheinbar professionellen Auswahlprozess: Vor 
allem in den ersten Jahren wirst du durch bestandene Tests ausgewählt. All dies 
führt dazu, dass du die Arbeit bei Amazon zunächst positiv siehst. Sie wird als 
eine Arbeit dargestellt, bei der Sicherheit an erster Stelle steht. Das Motto 
lautet: "Arbeitet hart. Habt Spass. Schreibt Geschichte". Das Arbeitsumfeld ist 
sehr jung, anscheinend gibt es niemanden, der kontrolliert, was du tust. Zuerst 
lenkt alles von der Arbeitsrealität ab. Dann, im Nachhinein, versteht man die 
Dinge. Früher hat man uns 15 Minuten früher zu unbezahlten Briefings eingelassen, 
bei denen die Manager*innen uns sagten: Entweder ihr arbeitet gut und sonst gibt 
es viele Leute, die hier arbeiten möchten. Sie erhöhen ständig den 
psychologischen Druck, und das führte dazu, dass du wie verrückt gerannt bist, 
denn das Ziel war es, durch einen Prozess, der zwangsläufig von hoher 
Produktivität und einer positiven Einstellung zur Arbeit abhing, fest angestellt 
zu werden. Eine sehr bedeutende Veränderung war 2013, als sie das neue 100.000 
Quadratmeter grosse Lager (MXP5) mit einer viel grösseren Zahl von Arbeiter*innen 
eröffneten. Mit dem Übergang zum neuen Lagerhaus hat sich das Management stark 
verändert und die Art und Weise, wie sie uns behandeln, verhärtet und verschlechtert.

Was geschah im Lagerhaus nach Beginn der Pandemie und was hat sich seit dem 
Streik im März verändert?

Zu Beginn der Pandemie gab es keine Handschuhe, keine Masken, es gab 
Desinfektionsgel, aber in sehr begrenzten Mengen. Nach dem Streik im März, der 
dreizehn Tage dauerte, gab es eine Vereinbarung mit den Gewerkschaften, die 
zweifelsohne Verbesserungen mit sich brachte: Eingeschränkter Zugang, Abstand der 
Arbeitsposten, ein Mindestabstand von zwei Metern zwischen den Arbeiter*innen. 
Nach dem Streik wurde ein Ausschuss eingerichtet, dem 
Gewerkschaftsvertreter*innen, Sicherheitsbeauftragte und einige vom Unternehmen 
ausgewählte Beschäftigte angehören. Der Ausschuss war insbesondere für die 
Kontrolle der Ein- und Ausgänge zuständig, aber auch, um Versammlungen zu 
vermeiden. Das Instrument des Ausschusses wäre sinnvoll, wenn er wirklich Macht 
hätte, während in Wirklichkeit alles über das Unternehmen läuft, das die 
Ratschläge des Ausschusses umsetzen kann oder auch nicht, so dass im Grunde das 
Unternehmen über alles entscheidet. In Piacenza hat der Streik mehr erreicht als 
anderswo, weil wir uns schon seit Jahren organisieren: Wir sind 2016 der 
Gewerkschaft beigetreten, es gibt also eine Organisationsstruktur, eine starke 
Gruppe und eine Diskussion mit dem Unternehmen, die schon viel länger andauert. 
Die Teilnahme am Streik war ziemlich gut, aber das lag auch daran, dass viele 
Menschen krank geschrieben waren oder einfach nicht zur Arbeit gehen wollten, 
weil sie Angst vor einer Ansteckung hatten. Genau um dieser weit verbreiteten 
Abwesenheit entgegenzuwirken, legte Amazon die Lohnerhöhung von zwei Euro pro 
Stunde für alle Lockdown-Monate auf den Tisch. Was uns jedoch letztendlich wieder 
zurück an die Arbeit brachte, war die Umsetzung von Hygienemassnahmen, die 
Verwendung von Masken, Abstände, begrenzte Einfahrten und die Verwendung von 
Handschuhen. Dinge wozu das Unternehmen auch durch die von der Region und der 
Regierung erlassenen Verordnungen gezwungen war, einzuführen. Das Problem ist, 
dass am Ende des Streiks, als diese Massnahmen umgesetzt wurden, die 
Berichterstattung nachliess. Am Tag zuvor war Amazon der Bösewicht, der keine 
Masken abgab, und am nächsten Tag war Amazon der Retter der Nation, der alle mit 
lebenswichtigen Gütern oder angeblich solchen versorgte. Amazon machte 
Propaganda, indem sie 500,000 Euro an das italienische Rote Kreuz, 100.000 Euro 
an das Rote Kreuz von Piacenza und 100.000 Masken an die Stadt Piacenza spendete. 
Amazon tut jedoch nie etwas umsonst. Das ärgert mich persönlich. Denn wir wissen 
sehr gut, dass sie uns ohne Schutz, ohne Masken, ohne Handschuhe arbeiten lassen 
wollten, aber nach dem Streik mussten sie ihre Haltung ändern und versuchen, sich 
anders zu präsentieren. Tatsächlich haben sie nur das Nötigste getan.

Wie ist die aktuelle Situation in Bezug auf Sicherheit und Ansteckungsgefahr?

Eigentlich gibt es auch jetzt noch keinen Abstand von zwei Metern, in den 
Pick-Türmen zum Beispiel kreuzen sich die Menschen ständig und bilden Gruppen. 
Kurz gesagt, im Moment lässt die Achtsamkeit bezüglich der Distanzen stark nach, 
oder besser gesagt, die Manager*innen überwachen und beaufsichtigen vor allem die 
Produktivität und nicht die Entfernung. Der Ausschuss geht in den Korridoren 
herum, aber die wenigen, die ihren Kolleg*innen anscheinend wirklich helfen 
wollen, sind enttäuscht, weil sie sehen, dass das Melden von Risikosituationen 
nicht zu langfristigen Lösungen des Problems führt. Selbst auf der allgemeinen 
Sicherheitsstufe herrscht völlige Unaufmerksamkeit, jetzt leeren sie die Gassen, 
um Platz für Kleidung und Lebensmittel zu schaffen, stapeln die verräumten 
Gegenstände in Behälter, aus denen die Gegenstände überlaufen und von oben auf 
die Arbeiter*innen fallen. Einem Mädchen fielen zwei Farbdosen auf den Kopf, aber 
ein Betriebsarzt versuchte, ihren Arbeitsunfall nicht anzuerkennen und riet ihr, 
sich krankschreiben zu lassen (aber nicht alle Ärzt*innen sind so). Jetzt 
investiert Amazon, um sich darauf vorzubereiten, von der zweiten Welle sowie von 
der allgemeinen Spitze im Herbst zu profitieren. Sie öffnen neue Eingänge und 
neue Drehkreuze, um sicherzustellen, dass man nur von einer Seite rein- und von 
der anderen Seite wieder rausgeht. und sicherlich nicht, weil sie uns schützen 
wollen, sondern um grünes Licht für den Einlass von so vielen Arbeiter*innen wie 
möglich zu haben. Theoretisch müsste laut der nach dem Streik unterzeichneten 
Vereinbarung vom März die Anzahl der Mitarbeiter*innen unverändert bleiben, um 
die Distanzen zu wahren, aber das Unternehmen scheint nicht zu kooperieren und 
stellt diesbezüglich keine Daten zur Verfügung, sondern bittet lediglich darum, 
"darauf zu vertrauen", dass sie sich an die getroffenen Vereinbarungen halten. 
Wir stellen jedoch fest, dass der Parkplatz immer voller wird und weiterhin neue 
Arbeiter*innen kommen.

Jedenfalls gibt es in Bezug auf die Sicherheit Probleme, die noch aus der Zeit 
vor der Pandemie stammen: Die Sicherheitsabteilung, die sich um die Sicherheit 
der Arbeiter*innen kümmern sollte, kümmert sich nur um die Sicherheit, dass sich 
Amazons Taschen füllen. Es gibt Regeln, wie man die Bewegungen auf eine für den 
Körper korrekte Art und Weise ausführt, aber das macht keinen Sinn, wenn man die 
Produktivitätsstandards einhalten muss: Ich kann eine Bewegung so korrekt 
ausführen, wie ich will, aber wenn ich das 1.000 Mal am Tag tun muss, schadet es 
mir auf lange Sicht trotzdem. Es gibt Berufskrankheiten, die nicht anerkannt oder 
oft nicht gemeldet werden. Es gibt Probleme mit Sehnen, Handgelenken und Rücken 
welche sicher auch von der Tätigkeit abhängen, aber die man mit ziemlicher 
Sicherheit bekommt, wenn man drei oder vier Jahre lang die gleiche Arbeit machen 
muss.

Während der Pandemie sagten sie, dass sie aufhören würden, die Produktivität zu 
kontrollieren, aber jetzt haben sie wieder damit begonnen. Tatsächlich nutzen sie 
jetzt die Anti-Covid-Gesundheitsmassnahmen um die Produktivität zu kontrollieren. 
Eines Tages war ich in der Packstation und während ich arbeitete, sprach ich mit 
einem Kollegen hinter mir, und manchmal drehte ich mich um - aber mit einem 
Abstand von zwei Metern - und ein Manager kam und sagte mir, ich solle mich weder 
umdrehen noch reden. Es gibt einen instrumentellen Einsatz von 
Vorsichtsmassnahmen, um den Kontakt zwischen Arbeiter*innen zu verhindern. Die 
Software Proxemics[eine Software zur Kontrolle von Ansammlungen und Bewegungen 
von Arbeiter*innen, die Amazon in den Lagerhallen einführen will]ist ein 
Werkzeug, das vor der Pandemie entwickelt wurde und eindeutig darauf abzielt, 
soziale Begegnungen zwischen Arbeiter*innen zu verhindern, das aber versucht, als 
"Anti-Ansammlungs"-Werkzeug gegen die Pandemie durchzugehen. Seit das Virus sich 
ausbreitet, ist es für Amazon wie Weihnachten, nicht nur in Bezug auf die 
Produktivität: Es kann die Pferde so weit auseinander zum Laufen bringen dass sie 
nicht miteinander reden können und so die Probleme, die sie haben, nicht teilen 
können. Für Amazon ist es perfekt, sie verhindern Versammlungen und sich 
ausbreitende Gerüchte: für Amazon ist es ein Segen.

Was hältst du von der Lohnerhöhung, die Amazon während der Notlage ausgesprochen 
hat, und von dem Versuch, einen Austausch zwischen Geld und Gesundheit durchzusetzen?

Ich habe dazu eine traurige Anmerkung. Als die Prämie eintraf, fragte mich ein 
Kollege, ob ich mit der Erhöhung zufrieden sei. Ich habe geantwortet: "Nein, ich 
bin sehr gepisst". Seit vier Jahren fordern wir eine Erhöhung, die unsere 
Ergebnisse anerkennt, denn jedes Jahr sagen sie uns, dass wir uns verbessern, 
dass die Produktivität höher ist, und sie haben uns eine solche Erhöhung immer 
verweigert. Nur wenn eine Pandemie kommt und Amazon keine Konkurrenz hat weil 
alles geschlossen ist, wenn es Abwesenheiten gibt, weil Amazon keine persönliche 
Schutzausrüstung zur Verfügung stellt, nur dann geben sie uns zwei Euro mehr pro 
Stunde? Das ist eine enorme Steigerung, seien wir ehrlich. Aber jahrelang sagten 
sie, sie könnten nicht mehr bezahlen, und plötzlich können sie es? Ich habe noch 
eine weitere sehr traurige Anmerkung. Einige Gewerkschaften versuchten, das als 
ihren eigenen Sieg auszugeben, indem sie sagten, dank ihnen sei die Erhöhung 
gekommen, aber das ist falsch. Es war wegen der internationalen Bewegung, der 
Streiks und des weltweiten Protests, dass die zwei Euro Zuschlag kamen, nicht 
dank der Forderungen eines einzigen Lagers. Dann muss gesagt werden, dass diese 
Erhöhung für Amazon eine Investition darstellte, mit der sie noch mehr Geld 
verdienen konnten, welche sie aber gerne vermieden hätten. Vor allem die 
Abwesenheiten und Proteste haben einen Impuls geliefert.

Was hat deiner Meinung nach die globale Streikwelle bei Amazon während der 
Pandemie verändert?

Den Arbeiter*innen wurde klar, dass sie nicht völlig allein waren Das drückte am 
meisten auf die Stimmung der Beschäftigten bei Amazon, dass sie sich im Kampf 
gegen diesen Riesen isoliert fühlten. Aber um Amazon zu besiegen, müssen wir eine 
größere Kraft entwickeln als gegen jeden anderen Gegner. Und in der Tat hat 
Amazon unmittelbar nach dem Streik im Werk Piacenza das getan, was wir 
Arbeiter*innen hätten tun sollen: Es hat das Geschehene medial ausgeschlachtet, 
mit einem Video, das alle von ihnen eingeführten Gesundheitsmassnahmen zeigte. 
Dies jedoch ohne zu präzisieren, dass sie diese nur in Piacenza eingeführt 
hatten. Denn von den anderen Standorten wissen wir sehr gut, dass es nicht so 
war, dass der Schutz völlig anders war. Amazon dringt mit positiver Werbung ins 
Fernsehen ein. Wir haben vielleicht nicht die Mittel, das Gleiche zu tun, aber 
wir sollten die falschen Nachrichten von Amazon bekämpfen. Diese Werbungen zeigen 
Arbeiter*innen, die sagen, dass Amazon ihnen das Leben gerettet hat, als ob 
Amazon wohltätig wäre. Aber diese Werbungen unterschlagen, was die Arbeiter*innen 
Amazon geben und die Tatsache, dass das Unternehmen nie etwas umsonst gibt.

Mit dieser Lohnerhöhung hat Amazon gezeigt, dass es in der Lage ist, zentral eine 
Entscheidung über die Löhne zu treffen, die alle Lagerhäuser weltweit betrifft, 
gleichzeitig aber die Erhöhungen je nach nationaler Kaufkraft differenziert. Was 
könnte eine Forderung sein, welche die verschiedenen Bedingungen weltweit 
vereinen und Amazon gemeinsam herausfordern könnte? Was hältst du von der 
Forderung nach einem gleichen Lohn für alle Lagerhäuser?

Die Forderung nach einem gleichen Lohn für die gleiche Art von Arbeit könnte ein 
sehr guter Punkt sein, wir müssen aber noch herausfinden, wie machbar das ist. 
Ein gleicher Lohn würde viele Dynamiken des Spiels zerstören, das Amazon spielt, 
zum Beispiel zwischen Polen und Deutschland. Amazon ging nach Polen, das fast 
keinen heimischen Markt hat, um die polnischen Löhne (etwa ein Viertel der 
deutschen Löhne) auszunutzen, um die Aufträge des deutschen und europäischen 
Marktes im Allgemeinen zu erfüllen. Ein gleicher Lohn könnte ein Weg sein, diese 
Art von Spielen und den Export von Arbeitskräften in ärmere Länder zu vermeiden. 
Man muss rausfinden, wie man das konkret vorschlagen kann, aber es ist eine gute 
Idee. Für mich sollten Lohnforderungen jedoch nicht losgelöst vom Schutz der 
Gesundheit der Arbeiter*innen sein, vor allem da wir die Dynamik der Arbeit bei 
Amazon kennen. Der erste Generaldirektor, mit dem wir uns zusammengesetzt haben, 
Tareq Rajjal, sagte uns: "Dies ist ein Fliessband", aber man kann nicht 
verlangen, dass die gleichen Leute jeden Tag ihres Arbeitslebens die gleiche 
Arbeit verrichten. Bei einem Fliessband können Teile brechen, es kann auch die 
Maschinen kaputt gehen, ganz zu schweigen von einem menschlichen Körper. Wenn ich 
den ganzen Tag einen Bolzen drehen muss, werde ich mir früher oder später das 
Handgelenk brechen. Karpaltunnelprobleme, De Quervain-Krankheit, Rücken- und 
Schulterprobleme, das ist die Norm bei Amazon. Ich habe einen Knorpelmangel an 
meinem linken Knöchel, weil sie mich einen Job machen liessen, in dem ich den 
ganzen Tag schwere Güter beförderte und Palettenwagen zog, oft ganz allein. 
Amazon macht schlimmen Gebrauch von den Arbeiter*innen: Es setzt sie 
ausschliesslich so ein, wie es der Algorithmus sagt. Wenn der Algorithmus sagt, 
dass eine Person diesen Job machen kann, dann macht das nur eine Person, und es 
ist nicht der Chef, der schaut und bewertet. Es ist nur der Algorithmus, der 
befiehlt. Gesundheit und Sicherheit sind entscheidende Fragen. Auch die 
psychische Gesundheit: Ich sehe Junge Menschen, zwanzig Jahre alt, die mit 
Enthusiasmus und Bereitschaft angefangen haben, die sehr schlecht behandelt 
wurden und nun mit gesenktem Kopf herumlaufen, sie sehen aus wie Zombies, völlig 
verklärt. Das ist das erste, wogegen ich kämpfen würde. Denn bei Amazon ist die 
einzig anständige Behandlung diejenige, die den Manager*innen und denjenigen 
vorbehalten ist, die immer ja sagen: In der Tat reicht es bei Amazon nicht aus, 
ein "Ja-Mensch" zu sein, sondern man muss ein "Ja, ja, ja-Mensch" sein.

Kürzlich nahmst du an der internationalen Versammlung der Amazon-Arbeiter*innen 
in Lille teil, wo italienische, französische, deutsche, polnische und 
amerikanische Arbeiter*innen über die Herausforderungen des Kampfes gegen Amazon 
diskutierten. Warum findest du es wichtig, sich mit Arbeiter*innen aus anderen 
Ländern zu organisieren?

Ich glaube, dass wir ein gemeinsames Übel haben und dass wir uns so weit wie 
möglich vereinen müssen, um ihm zu begegnen. Das erste, was ich wollte, als wir 
mit der Gewerkschaft in das Lagerhaus kamen, war, Kontakt mit Deutschland 
aufzunehmen, denn ich wusste, dass es dort bereits eine Bewegung gab. Und dann 
fuhren wir 2016 nach Poznan zum ersten Treffen von Uniglobal, einer Bewegung zur 
Verteidigung der Arbeiter*innen, die sich meiner Meinung nach nicht viel von dem 
unterscheidet, was ich in Lille sah. Es ist wichtig, dass die Arbeiter*innen sich 
zusammenschliessen, dass sie miteinander reden, dass sie sich gegenseitig Auswege 
aus bestimmten Situationen aufzeigen, dass sie mehr Informationen austauschen. Es 
ist wichtig, die Wege zu verstehen und zu teilen, die Menschen gefunden haben, um 
einige Probleme zu lösen, wie zum Beispiel in Deutschland, wo es gelungen ist, 
die Einführung von Proxemics mit juristischen Mitteln zu verhindern[ein Richter 
verhinderte die Installation von Proxemics in Deutschland mit der Begründung, 
dass es die europäische Datenschutzgesetzgebung verletze]. Man muss das, was 
Amazon sagt, gegen Amazon verwenden. Sagen sie Sicherheit? Dann behaupten wir, 
sicher zu arbeiten. Sagen sie Qualität? Dann behaupten wir, dass wir 
Qualitätsarbeit leisten. Die Produktivität hingegen sollte für uns überhaupt 
nicht als Kriterium existieren. In einigen Ländern entlässt Amazon Menschen 
unterhalb bestimmter Produktivitätsschwellen, aber wir sind es, die die 
Produktivität machen. Bei Amazon sind wir gezwungen, eine gewisse Produktivität 
zu haben, um unbefristet bleiben zu können. Aber nach diesem "Rennen" müssen wir 
langsamer werden, ein "Marathon" beginnt, um gesund in den Ruhestand zu kommen, 
denn mit der Produktivität, die Amazon uns auferlegen möchte, wäre es unmöglich, 
so lange durchzuhalten. Eine solche Haltung muss von Arbeiter*innen aus 
verschiedenen Ländern geteilt werden. Wir sollten einen Weg finden, die 
internationalen Kontakte zu intensivieren und jeden Monat miteinander zu sprechen.

In welche Richtung sollte deiner Meinung nach diese transnationale Organisation 
von Arbeiter*innen gegen Amazon gehen?

Ich spreche seit vielen Jahren von der Notwendigkeit, einen globalen Tag des 
Streiks und der Proteste der Arbeiter*innen gegen Amazon zu organisieren. Einige 
Leute haben mir gesagt, das sei nicht machbar, aber ich träume gerne. Wir 
brauchen einen Weg, um die weit entfernten Arbeiter*innen zu verbinden. Ich 
dachte zum Beispiel, dass man an einem Tag des Streiks und Protests in der ganzen 
Welt große Bildschirme vor den Lagerhäusern aufstellen und mit allen anderen am 
Streik beteiligten Lagerhäusern und Plätzen verbinden könnte, um sich als Teil 
eines Ereignisses zu fühlen, bei dem Arbeiter*innen aus der ganzen Welt handeln. 
Die Arbeiter*innen müssen wissen, dass jemand anderes protestiert. Es muss ein 
Ereignis sein, das bestehen bleibt, es wäre ein Generationswechsel in der Art des 
Streiks. Es wäre eine Möglichkeit, sich zu verbinden und streikende 
Arbeiter*innen zu zeigen, sie zum Reden zu bringen, sie zum Austausch von Ideen 
zu bewegen. Das wäre ein Schritt nach vorn. Sie müssen es nicht am Black Friday 
tun, denn Amazon erwartet das bereits. Ich mag Überraschungen. Man muss in der 
Lage sein, eine "positive Panik" zu erzeugen, die dem Unternehmen zu verstehen 
gibt, dass wir viele und alle miteinander verbunden sind, sie dann in 
Schwierigkeiten bringen und sie zwingen, zuzuhören. Wir müssen kreativer sein.

Interview: Precarious Disconnections

Das Original in Englisch findet sich hier: www.transnational-strike.info

https://faubern.ch/index.php/arbeitskampf-aktuell/Amazon-Covid-19.html


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de