(de) anarcho syndikalismus: Wien: Protest gegen nicht-gezahlte Löhne bei Seamox

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Do Nov 26 09:03:04 CET 2020


Das Wiener Arbeiter*innen-Syndikat beteiligt sich an der Aktionswoche gegen 
nichtgezahlte Löhne der Internationalen Arbeiter*innen-Assoziation (IAA), in 
welcher sie als Freund*innen föderiert sind: ---- Das Nicht-Zahlen von Löhnen hat 
international System ---- Das Phänomen, daß FirmenbesitzerInnen und Chefs ihren 
Arbeiter*innen die Löhne aus mannigfaltigen Gründen vorenthalten, ist kein 
Schicksal. Es handelt sich auch nicht um ausnahmsweise unmenschliche Vorgesetzte 
oder UnternehmerInnen, sondern die Sache hat System. ArbeiterInnen haben in 
dieser Welt nichts außer ihrer Arbeitskraft zu verkaufen. Das kapitalistische 
System zwingt jedes Unternehmen dazu, noch mehr "einzusparen", billiger zu 
produzieren oder dienstzuleisten, und noch mehr zu wachsen, damit im folgenden 
Jahr eben noch höhere Renditen erwirtschaftet werden.

Und dabei muß das Kapital halt teilweise auch "kreativ" werden, ... Löhne und 
Gehälter einfach nicht zu bezahlten oder vorzuenthalten, mit welchen Begründungen 
auch immer, ist eine dieser Methoden des Kapitals, die uns ArbeiterInnen weltweit 
betrifft! Daher hat die Internationale ArbeiterInnen-Assoziation (IAA), in der 
wir weltweit föderiert sind, beschlossen, die dritte Oktoberwoche zur 
Aktionswoche gegen unbezahlte Löhne auszurufen. Ein Ziel ist es, aufzuzeigen, daß 
wir weltweit vor den selben Problemen stehen. Ein Weiteres ist es, klarzumachen, 
daß organisierte ArbeiterInnen durchaus etwas gegen diesen strukturellen Lohnraub 
unternehmen können. Die Woche steht nämlich auch ganz im Zeichen der möglichen 
Handlungsformen, die sich uns HacklerInnen bieten, um uns die Nichtbezahlung eben 
nicht gefallen zu lassen, und dem Wahnsinn kollektive Aktionen, die so direkt wie 
möglich sein sollten, entgegenzusetzen.

Wir vom WAS haben uns den Fall eines Genossen ausgesucht, den wir diesbezüglich 
öffentlich vorstellen, der wirklich höchst exemplarisch für die momentane 
Verfasstheit unseres weltweiten Wirtschaftssystems steht. Unser Freund aus 
Spanien ist IT-Techniker, und wurde von einer kleinen Wiener Bude angeworben. Was 
wurde ihm nicht alles versprochen oder zumindest in Aussicht gestellt. Und 
selbständig sollte er sein, der Genosse aus Spanien. Nur drei Tage in Wien, bei 
einem bekannten IT-Konzern im Büro sitzen, und vier Tage in der Woche aus 
Spanien, oder sonstwo.

In Wien angekommen, wurde nach kurzer Zeit immer klarer, daß es sich um einen 
stinknormalen Job handelt, der angemeldet sein müßte. Unser Genosse hat dies auch 
in Aussicht gestellt bekommen. Nachdem sich aber längere Zeit nichts in diese 
Richtung bewegt hat, hat er glücklicherweise im Dezember 2019 die Notbremse 
gezogen, und das Dienstverhältnis noch in der Probezeit gelöst.

Der Arbeitgeber aus Wien hat seitdem auf stur geschalten, und verweigert jegliche 
Anmeldung und Bezahlung der bereits geleisteten Arbeit. Womit er aber nicht 
gerechnet hat sind Basisgewerkschaften, die sich aufrichtig um ihre Mitglieder 
kümmern - gemeinsam, ohne Hierarchien und gleichberechtigt. Unser Genosse ist 
nämlich in Spanien Mitglied bei der CNT-AIT und somit über unsere Föderation auch 
Mitglied beim WAS.

Mit enormen Aufwand haben wir schließlich festgestellt, daß es insgesamt vier 
Ebenen an Subunternehmen gibt, die in den Verkauf der Arbeitskraft involviert 
sind. Außerdem kann es sich alleine schon aus arbeitsorganisatorischen Gründen, 
wie Nutzung des Laptops einer Firma in Wien, Büroarbeitsplatz in Wien, 
vorgegebene Büroarbeitszeiten usw., ausschließlich um eine unselbständige 
Erwerbstätigkeit gehandelt haben. Also ein Anstellungsverhältnis.

Die Firma Seamox aus Wien, eigentlich ein kleiner Fisch in dem ganzen Spiel, 
bietet jedoch hauptsächlich günstige Arbeitskräfte im Nearshoring an. Und diese 
"Günstigkeit" muß irgendwoher kommen. Es stellt sich also die Frage, ob die Idee, 
österreichische Sozialversicherung und Steuern zu umgehen, das Geschäftsmodell 
selbst darstellt?

Als "Lösung" empfehlen diverse Stellen dann immer Klagen bei Gerichten. Was 
natürlich für Menschen, die tausende Kilometer entfernt leben, und kein Deutsch 
sprechen, nicht machbar ist, besonders wenn sie nicht über größere Rücklagen 
verfügen.

Aber wir AnarchosyndikalistInnen haben eben auch andere Methoden. Öffentlichkeit 
schaffen für die Zustände unserer Wirtschaft, ist eine davon. Öffentlichkeit 
schaffen für spezielle Firmen, wie Seamox, die sich seit bald zehn Monaten 
weigern, eine korrekte Anstellung vorzunehmen, ist eine Andere. In Tradition der 
"Pickets" stehen wir in Kaisermühlen, bei Seamox und konfrontieren sie damit, daß 
unser Genosse seit vielen vielen Monaten auf seine Anstellung und auf seine 
Bezahlung für die Arbeit, die er im November und Dezember 2019 geleistet hat, wartet.

Nächste Woche, oder nächstes Monat, stehen wir dann vielleicht auch schon beim 
nächsthöheren Subunternehmer, der die Verantwortung für diese 
Subunternehmerketten natürlich auch nicht übernehmen will. Dabei ginge es in 
diesem Fall um lediglich 5800,- Euro alles zusammen.

Was uns AnarchosyndikalistInnen ebenfalls ausmacht, und was viele Chefitäten erst 
lernen müssen; wir wissen darum, daß wir ArbeiterInnen nichts als unsere 
Gegenseitige Hilfe und Solidarität haben. Das bedeutet, daß wir auch bei 
"kleinen" Mißständen bereit sind, vordergründig einmal vollkommen 
unverhältnismäßigen Aufwand zu betreiben, der in keinem Verhältnis zu dem Verlust 
durch die - in diesem Fall - nicht-bezahlten Gehälter steht.

Wir tun dies, weil wir uns gegenseitig ernst nehmen, und weil die Erfahrung eines 
positiv abgeschlossenen Arbeitskonfliktes eben auch "unbezahlbar" ist. Wir sind 
auch der Meinung, daß wir genau die richtige Antwort auf die grenzüberschreitende 
Ausbeutung von ArbeiterInnen geben. Wir organisieren uns international und 
agieren unbürokratisch auf die Situation angepasst. Eine Sache mit der viele 
KapitalistInnen nicht rechnen.

Man wird uns also auch nicht mehr los, wir stehen gegebenenfalls noch in Jahren 
auf der Straße und prangern die Mißstände in konkreten Firmen an und zwar überall 
auf der Welt.

Denn ein Angriff gegen Eine, ist ein Angriff gegen Alle!

Wiener Arbeiter*innen-Syndikat (WAS)

Quelle: 
https://wiensyndikat.wordpress.com/2020/10/13/internationale-aktionswoche-gegen-nichtgezahlte-loehne-2/

Siehe auch:

"Bericht zur Kundgebung vor der Seamox GmbH am 14. Oktober" (WAS)

"Internationale Aktionswoche gegen nicht-gezahlte Löhne (12.-18.10.)" (IAA)

https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2020/10/17/wien-protest-gegen-nicht-gezahlte-loehne-bei-seamox/


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