(de) berlin.dieplattform: Verlorenen Boden zurückgewinnen

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Mo Nov 16 09:02:02 CET 2020


Mit großer Trauer und viel Wut haben wir in den letzten Wochen die mit hoher 
Wahrscheinlichkeit aus islamistischen Beweggründen erfolgten Morde in Nizza Wien 
und in der Nähe von Paris verfolgt. Diese Taten reihen sich in eine seit 
Jahrzehnten wachsende islamistische Bewegung in Europa ein. Wir möchten mit 
diesem kleinen Text einen Beitrag zu einer radikalen Religionskritik liefern, wie 
sie in der radikalen Linken zu selten praktiziert wird. Nicht die antiautoritären 
Kräfte führen die Debatte gegen religiösen Fanatismus an, sondern die den 
Fanatikern inhaltlich besonders nahen faschistischen Bewegungen Europas. Dies war 
auch schonmal anders und sollte sich unserer Meinung nach in Zukunft wieder ändern.
Religionen und ihre Wirkung
In dieser Kategorie spielt der politische Islam eine unrühmliche Vorreiterrolle. 
In trauriger Regelmäßigkeit verüben ideologisch geschulte Islamisten Anschläge 
auf politische Gegner:innen. Dass auch der Staat und seine Institutionen 
regelmäßig Ziele dieser Angriffe sind, sollte uns jedoch kaum erfreuen. Denn 
hinter diesen Taten steht ein Selbstbild, welches noch vor einigen Jahren in 
Gestalt des Islamischen Staates (IS) zeigte, welches Ziel verfolgt wird. Über die 
Gräueltaten des IS ist viel bekannt: Ob der Völkermord gegen die jesidische 
Minderheit, die Angriffe auf die kurdischen Autonomiegebiete oder der Terror 
gegen all jene, welche ihrer Ideologie entgegen standen und das Pech hatten in 
die Fänge des IS zu gelangen. Der IS zeichnete eine ganze Generation. Doch neben 
dem international beinahe isolierten IS besteht eine Vielzahl von Staaten, die 
religiösen Ursprungs sind oder Religionen starke Sonderrechte einräumen.

Was die meisten dieser Staaten und Religionen vereint ist das oftmals zutiefst 
konservative Weltbild. Schon die unkritische Ableitung modernen Lebens aus 
Jahrhunderte alten Büchern und Schriften ist zutiefst fragwürdig. Die 
konservative Schlagseite der Schriften stellt hierbei eine Bedrohung für den 
menschlichen Fortschritt mehrerer Jahrhunderte dar. Eines der wichtigsten 
Unterdrückungssysteme, das Religionen aufrecht erhalten, ist das Patriarchat. 
Hier lässt sich die allen großen Religionen innewohnende Neigung erkennen 
gesellschaftlichen Fortschritt zurückzudrängen. Ob aus Büchern, in welchen die 
allwissenden Gottheiten das Auto nicht einmal im Ansatz vorhersahen, hergeleitet 
wird, dass sicherlich Frauen diese nicht benutzen sollten oder in religiösen 
Zeremonien junge Frauen genital verstümmelt werden, Religionen werden nicht müde 
die Jahrhunderte alten Herrschaftssysteme weiter zu erhalten. Natürlich werden 
auch Bibelstellen vernachlässigt, welche in der Moderne keinen Sinn mehr ergeben, 
eine kritische Betrachtung der doch sehr einlastigen Sexualmoral ist hingegen 
nicht im Sinne der Kirchenoberen. Gerne wird auch die Erzählung bedient, dass 
solche Vorstellungen doch Tradition wären. Doch diese Fantasie der Geschichte 
galt noch nie für diejenigen, welche in den religiösen oder weltlichen 
Herrschaftssystemen sich über Wasser halten mussten. Wer es sich nicht leisten 
konnte oder wollte, dass eine Person sich nur um Heim und Hof kümmert, durfte 
sich neben der eigenen Armut noch mit dem Gedanken anfreunden, jeden Tag eine 
Sünde zu leben. Dass in Jahrhunderten, in denen Frauen auf diese Weise 
unterdrückt wurden, mit der Zeit viele rebellierten, ist den geistlichen Eliten 
bis heute sowohl paradox als auch ein Dorn im Auge.

Religiöser Fanatismus ist in Europa keine neu enstandene Bewegung. Bekannte 
religiöse Kriege wie die Kreuzzüge und die Verfolgung von Ungläubigen wie zu 
Zeiten der Inquisition waren dramatische Auswirkungen eines militanten 
Katholizismus. Auch viele andere Teile der Welt sind von religiös motivierten 
Gewalttaten gezeichnet. 1995 etwa verübte eine Sekte einen Giftgasanschlag in der 
U-Bahn von Tokyo, bei dem über 5000 Menschen verletzt wurden. Seit 2017 wurden in 
Myanmar hunderttausende Angehörige der muslimischen Minderheit von der 
buddhistischen Mehrheitsgesellschaft vertrieben und über 10000 getötet. Diese und 
weitere Ereignisse zeigen, dass die in der Gesellschaft und Teilen der radikalen 
Linken beliebte Einteilung in gute und schlechte Religionen an der Wirklichkeit 
vorbeigeht. Das Problem bleiben Menschen, die der Meinung sind aufgrund oft 
hunderte Jahre alter Schriften einen übergeordneten Auftrag wahrzunehmen.

Radikale Religionskritik stärken

Dass es stiller geworden ist um radikale Religionskritik ist eine bedauerliche 
aber nicht zwangsläufige Entwicklung in der radikalen Linken. Die Kämpfe für die 
lohnabhängige Klasse waren in der Vergangenheit oftmals mit einem Kampf gegen 
religiöse Vorstellungen geprägt. Ob Auseinandersetzungen zwischen 
klassenkämpferischen und religiösen Gewerkschaften oder der Kampf um die 
Befreiung von kirchlich verordneten Lebensweisen - stets waren die 
Revolutionär:innen bemüht den Einfluss der Priester, Mönche, Imame und Gottheiten 
zurückzudrängen. In der anarchistischen Bewegung war dieser Kampf über die 
verschiedenen Phasen der Bewegungen sehr präsent. Auch heute noch bieten die 
religiösen Gemeinschaften auf der Welt eine Vielzahl an Gründen aus 
anarchistischer Perspektive an ihrer Überwindung zu arbeiten. Nicht zuletzt, da 
bei vielen gesellschaftlichen Entwicklungen Religionsverbände und Anarchist:innen 
auf gegenüberliegenden Seiten des Kampfes stehen. Dabei nehmen neben den seit dem 
Mittelalter mächtigen christlichen Religionsgemeinschaften zunehmend auch durch 
Einwander:innen seit den 1960er Jahren stärker vertretene Religionsgemeinschaften 
die konservativen Rollen in der Politiklandschaft wahr. Gefördert werden beinahe 
alle diese Einrichtungen durch den Staat ob aufgrund Jahrhunderte langer 
Verflechtungen oder als angebliche Stimmen der nicht-deutschen Minderheiten. Die 
auch oft durch ausländische religiöse Staaten geförderten Religionsvertretungen 
erfahren dabei dauerhaft weniger Aufmerksamkeit als die christlichen 
Fundamentalisten, deren "Märsche Für das Leben" ein fester Bestandteil linker 
Protestkultur sind.

Die Gründe für die Unfähigkeit, die radikale Religionskritik auszuweiten, sind 
dabei vielfältig. Zum einen sind Sprache und kulturelle Gepflogenheiten für eine 
kaum migrantische Linke schwerer zu deuten. Zum Anderen sind Firmengeflechte, 
Immobilien und Gruppierungen im Gegensatz zu faschistischen Bewegungen recht 
unbekannt. Doch lohnen könnte sich eine dauerhafte Betätigung allemal. Denn die 
jahrelange Förderung der konservativen Elemente der Einwanderergesellschaften bei 
gleichzeitiger Abwendung linksradikaler Menschen hat zu einer weitreichenden 
Entfremdung geführt. Und so finden sich die Zentren radikaler religiöser 
Gemeinschaften oft an denselben Orten, an denen sich auch linke Zentren befinden, 
ohne einen dauerhaften Konflikt herbeizuführen. Diesen offensichtlichen 
Widerspruch anzugehen wird eine langanhaltende Kraftanstrengung bedeuten. Doch 
Hoffnung gibt es allemal. Denn die erzkonservativen Religionen haben eine 
Vielzahl von Menschen geprellt und verachtet. Wir sollten offensiv auf diese 
Menschen zugehen und die vielen Menschen bestärken, die sich ihr Leben nicht von 
rückwärtsgewandten Fanatikern vorschreiben lassen wollen.

Für die Freiheit von den Religionen - Nieder mit dem islamischen Fanatismus!

die plattform Berlin

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