(de) n i g r a - Thessaloniki: Libertatia wiederaufbauen!

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Mi Dez 23 09:24:54 CET 2020


[Hier ein Text und Spendenaufruf von Ralf Dreis. Das Original findet ihr hier.] 
---- Das 2018 von Nazihooligans niedergebrannte anarchistische Zentrum Libertatia 
in Thessaloníki wird wiederaufgebaut. Es soll ein lebendiges Bollwerk des 
antifaschistischen Kampfes werden. An der Geschichte des Hauses wird deutlich, 
dass Thessaloníki nicht immer so griechisch und christlich-orthodox war, wie 
Nationalisten behaupten. ---- Seit dem Beginn der Hausbesetzung 2008 sind 
Aktivist*innen der Libertatia an den gesellschaftlichen Kämpfen in Thessaloníki 
beteiligt. Genannt seien hier nur die Solidaritätsaktionen mit Geflüchteten, der 
Kampf gegen die Sonntagsarbeit an der Seite von Basisgewerkschaften, oder die 
Verteidigung der von Räumung bedrohten selbstverwalteten Seifenfabrik Vio.Me, die 
seit 2012 von Arbeiter*innen besetzt ist.

Heute ist das ausgebrannte neoklassizistische Gebäude von einem hohen Metallzaun 
umgeben. Die leeren Fensterhöhlen laden nicht unbedingt zum Verweilen ein.

Während der nationalistischen Mobilisierung im Zuge des Namensstreits mit dem 
griechischen Nachbarstaat Nordmazedonien, hatte ein Mob von 150 Nazis und rechten 
Fußballhooligans, am 21. Januar 2018, das Libertatia angegriffen. Mehrere 
Nationalisten traten die Tür ein und legten Feuer im Inneren des Hauses, das bis 
auf die Grundmauern abbrannte.

Es gab keine Festnahmen, im Gegenteil. Die anwesenden Polizeitruppen geleiteten 
den Mob in der Folge zurück zur "Mazedonien ist griechisch" Kundgebung. Auf der 
hatten sich 90.000 Nationalist*innen, rechtsextreme Organisationen, die 
inzwischen als kriminelle Vereinigung verurteilte Nazipartei Chrysí Avgí und 
große Teile des orthodoxen Klerus versammelt. Es ging einmal mehr um den seit 
1990 schwelenden Streit beider Länder um das Anrecht auf den Namen Mazedonien. 
Wegen des Streits blockierte Griechenland die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen 
und den Nato-Beitritt des Nachbarlands. Im Juni 2018 einigten sich die 
Regierungen schließlich darauf, dass Letzteres künftig Nordmazedonien heißen solle.

Bereits zu Beginn der Kundgebung im Januar 2018 hatten rund 100 Nazis zunächst 
das besetzte soziale Zentrum "Schule zum Erlernen der Freiheit" angegriffen, 
danach das Libertatia. Beide Angriffe konnten abgewehrt werden. Als die 
Rechtsextremen später bei einem zweiten Angriff das anarchistische Zentrum 
anzündeten, waren die Besetzerinnen und Besetzer auf einer antifaschistischen 
Gegenkundgebung, das Haus ungeschützt. Am Abend darauf nahmen über 2 500 Menschen 
an einer Solidaritätsdemonstration für das Libertatia teil. Starke Polizeikräfte 
griffen die Demonstrierenden mit Tränengas und Blendschockgranaten an.

Ein neues Dach für Libertatia

Die Fortschritte beim Wiederaufbau der Ruine sind beeindruckend. Das neue Dach 
ist fast fertig. Zwischendecken werden eingezogen und im kleineren Hinterhaus 
sind einzelne Räume schon verputzt und gestrichen. Am schlimmsten sei es gewesen, 
betont eine Aktivistin, die Tonnen von Bauschutt und verbrannten Balken zu 
entsorgen. Wochenlang habe man Dreck geschippt. Danach sei es besser geworden, 
doch es gehe nur langsam voran. Dies liege einerseits am Geldmangel, dann sei 
noch der Corona-Lockdown hinzu gekommen, und nicht zu vergessen die andauernde 
Repression durch die Polizei. Wiederholt seien während der Bauarbeiten starke 
Polizeieinheiten angerückt, zwei Mal wurden während der Arbeit Leute 
festgenommen, Baumaterial sowie Werkzeuge beschlagnahmt, zuletzt am 23. August 
2020. Um das Dach fertig stellen zu können mussten die Besetzer*innen zu einer 
Kundgebung am Haus mobilisieren. Während dann 250 Leute fünf Stunden lang um das 
Haus ausharrten, waren andere auf dem Dach um die Bretter zu vernageln. Das 
zeigte zwar an diesem Tag die momentanen Grenzen staatlicher Macht, doch kosten 
solche Aktionen viel Kraft.

Seit Regierungsantritt der rechten Néa Dimokratía im Sommer 2019 hat sich die 
Repression gegen den inneren Feind extrem verschärft. "Bürgerschutzminister" 
Michális Chrysochoídis, ein ehemaliger Sozialdemokrat und 
Law-and-Order-Hardliner, hat die von Faschisten durchsetzten Polizeitruppen 
endgültig von der Leine gelassen. Noch im Sommer 2019 ließ er die meisten 
Flüchtlingsbesetzungen in Athen räumen, in der Folge immer wieder anarchistische 
Besetzungen. Brutales polizeiliches Vorgehen bis hin zur Folter von 
Demonstrant*innen bleiben folgenlos. Für die Beamt*innen herrscht Straffreiheit 
bei ihren Einsätzen gegen Geflüchtete, Kommunist*innen und Anarchist*innen. 
Obwohl im August 2020 das wichtige besetzte anarchistische Zentrum Terra 
Incognita in Thessaloníki geräumt wurde, sind die Aktivist*innen von Libertatia 
optimistisch. "Es ist nicht einfach uns zu räumen, da wir viel Unterstützung 
erhalten. Das Verhältnis zu den meisten Leuten in der Nachbarschaft ist 
hervorragend. Und alle sehen was hier geschieht. Gegen die rechtsradikalen 
Brandstifter wird nicht einmal ermittelt obwohl Filme der Tat im Netz stehen, und 
gegen uns laufen 16 Strafverfahren wegen Beschädigung eines Baudenkmals und 
illegaler Arbeiten, weil wir das Haus wieder aufbauen. Ein Baudenkmal im Übrigen, 
dass vor der Besetzung 2008 über 30 Jahre lang verrottete, ohne das es die 
Behörden interessierte die inzwischen vom Schmuckstück in der Avenue Stratoú reden."

Das einzige erhaltene neoklassizistische Gebäude in der Avenue Stratoú wurde 1899 
erbaut. Bis zu ihrem Tod 1941 gehörte es einer jüdischen Türkin, die es von ihrem 
Ehemann, einem in Thessaloniki tätigen türkischen Staatsanwalt, geschenkt 
bekommen hatte. Das Gebäude wurde Jahrzehnte zwischen staatlichen Behörden hin 
und her geschoben. In den neunziger Jahren gehörte es der teilprivatisierten 
Universität Makedonia in Thessaloniki, seit Anfang der nuller Jahre machen vier 
türkische Bürger aus Izmir Rückübertragungsansprüche geltend.

An der Geschichte des Hauses wird deutlich, dass die griechische Region Makedonía 
und ihre Hauptstadt Thessaloníki nicht immer so griechisch und 
christlich-orthodox waren, wie Nationalisten behaupten. Bis vor nicht einmal 100 
Jahren lebten in der Stadt über 70 000 Türkinnen und Türken, rund 60 000 
sephardische Jüdinnen und Juden sowie 30 000 Griechinnen und Griechen, zudem 
Sinti und Roma, bulgarische, slawische und albanische Minderheiten. 1922/1923 
wurde die türkische Bevölkerung im Zuge des griechisch-türkischen 
Bevölkerungsaustauschs vertrieben. Die jüdische Bevölkerung wurde 1942/1943 in 
deutsche Konzentrationslager deportiert und ermordet. Viele Griechinnen und 
Griechen haben diesen Teil der Stadtgeschichte verdrängt.

Nach den erfolgreichen 3-tägigen Feierlichkeiten zum 12-jährigen 
Besetzungsjubiläum Mitte Oktober 2020 gelang es den Besetzerinnen und Besetzern 
Ende November ohne weitere polizeiliche Störung die schweren Teerbahnen zu 
verlegen. Das Dach ist damit kurz vor Beginn der Regensaison winterfest. Um den 
Wiederaufbau des Hauses als antifaschistisches Zentrum im kommenden Jahr ein 
gutes Stück voranzutreiben, startet nun im Winter eine Spendenkampagne.

Text: Ralf Dreis, Thessaloníki
Bilder: Leftéris Epanastátis, Thessaloníki
Spenden unter dem Stichwort "Libertatia" bitte an:

FAU-Frankfurt a.M.
IBAN: DE24 5005 0201 0107 9966 96
BIC: HELADEF1822
Frankfurter Sparkasse

https://nigra.noblogs.org/post/2020/12/17/thessaloniki-libertatia-wiederaufbauen%ef%bb%bf/


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