(de) FAU Dresden: Redebeitrag vom Schulstreik in Mönchengladbach

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Sa Dez 12 08:06:44 CET 2020


Am 24. November 2020 streikten unter anderem Schüler:innen eines Berufskollegs in 
Mönchengladbach für bessere Konzepte in der Bildung während der Corona-Krise. Uns 
als Dresdner Schüler:innengewerkschaft war es wichtig uns mit ihnen zu 
solidarisieren. ---- Im Vorfeld vernetzen wir uns mit den Organisator:innen und 
der FAU-Sektion Mönchengladbach. Wir haben den Austausch als sehr bereichernd 
empfunden und denken, dass es in dieser Form vor allem durch die föderale 
Organisationsform ermöglicht wurde. Wir arbeiten lokal als Sektion an den 
Stellen, die uns selbst betreffen (Schule & Ausbildung), können über die 
Bundes-FAU schnellen Kontakt Informationsaustausch herstellen und darüber mit 
Menschen in Kontakt kommen, die an ähnlichen Problemen arbeiten, wie wir selbst. 
Von diesem Organizing haben vermutlich alle Beteiligten profitiert. Wir sind 
dafür dankbar und hoffen, dass es auch in Zukunft einen solchen Austausch und 
daraufhin kraftvolle direkte Aktionen geben wird. Nachfolgend wollen wir unseren 
Redebeitrag bzw. unser Grußbotschaft an die Streikenden in Mönchengladbach 
veröffentlichen.

Liebe Schüler:innen, liebe Azubis, liebe Streikenden,

wir sind eine anarchistisch-syndikalistische Schüler:innengewerkschaft aus 
Dresden und es hat uns sehr gefreut, davon zu hören, dass ihr heute nicht zur 
Schule geht, um für bessere Coronakonzepte an Schulen zu protestieren! Wir 
finden, das ist ein richtiger und wichitger Schritt und wollen euch darin 
bekräftigen.

Die Corona-Pandemie verlangt uns allen viel ab. Wir sollen unsere Kontakte 
begrenzen und viele Freizeitaktivitäten und Treffpunkte fallen weg, um die 
Fallzahlen einzudämmen. Doch während von uns erwartet wird, dass wir uns im 
Privaten extrem einschränken, machen die Kultusminister:innen kaum etwas, um die 
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sowie deren Angehöriger zu sichern. Die 
Politik reagiert auf die Anliegen jüngerer Generationen in der Coronakrise 
genauso wenig, wie bei der Klimakrise.
Statt sinnvolle Hygiene- und Unterrichtkonzepte oder notwendige Fortschritte in 
der Digitalisierung der Schulen, wird Geld in die Rettung umweltzerstörender 
Unternehmen wie die Lufthansa gesteckt. Auch Kürzungen im sozialen Bereich 
verschärfen die Lage der Unterpriviligierten in der Krise noch mehr.

Dass Schüler:innen für ihre Forderungen streiken, macht ihr Anliegen nicht, wie 
Laschet sagt, unglaubwürdig. Nein, es ist genau das richtige Mittel.

Syndiakalist:innen sprechen von direkten Aktionen. Das bedeutet das unmittelbare 
Eingreifen in wirtschaftliche und politische Zusammenhänge, ohne auf die 
Entscheidungen vermeintlicher Volksvertreter:innen zu warten. Zu direkten 
Aktionen zählen unter anderem Streiks und Boykotts, aber auch Blockaden und 
Besetzungen. Das stärkste Mittel, dass wir haben ist der Streik, denn wenn 
Menschen ihre Arbeitskraft verweigern, kann aus dieser kein Profit erwirtschaftet 
werden. Da sich die Wirtschaft am maximalen Wachstum orientiert, haben wir hier 
unser stärkstes Druckmittel.

Bei einem Schulstreik ist das etwas anders, denn wir werden nicht bezahlt, 
sondern nehmen aus Sicht des Staates in der Schule die Dienstleistung an, uns 
ausbilden zu lassen. Wenn wir diese also für kurze Zeit verweigern, entspricht 
das eher einem Boykott dieser Dienstleistung. Von einem Streik im 
wirtschaftlichen Sinne könnte man dann sprechen, wenn die Schüler:innen und 
Auszubildenden solange fern bleiben, dass Staat und Wirtschaft die neuen 
Arbeitskräfte ausgehen. Das wäre dem Staat nicht so egal, wie unsere Anliegen.

Doch in Deutschland wird rechtlich zwischen politischen Streiks und jenen Streiks 
unterschieden, die Verbesserungen am eigenen Arbeitsplatz anstreben. Politische 
Streiks stehen nicht unter rechtlichen Schutz, da in der BRD vorgesehen ist, dass 
Regierungen und Abgeordnete politische Entscheidungen treffen. Die Bevölkerung 
soll sich damit zufrieden geben aller paar Jahre ein Kreuz zu setzen und sich mit 
Demonstrationen und Appellen an die Politiker:innen zu richten, die für diese 
allzu leicht zu überhören sind.

Wir wissen, dass nicht unsere Interessen für die Politik an erster Stelle stehen, 
sondern die Interessen der Wirtschaft. Schulschließungen werden auch deshalb 
vermieden, weil sonst viele Eltern zuhause bleiben müssten, um auf ihre Kinder 
aufzupassen und somit ihre Arbeitskraft nicht verwertet werden könnte.

Doch wisst ihr was? Wenn ihr verweigert in die Schule zu gehen, weil ihr fordert, 
dass eure Gesundheit dort nicht gefährdert wird, dann ist das im Sinne der BRD 
kein politischer Streik, sondern einer, der sich um eure Arbeitsbedingungen dreht.

Wir finden diese Unterscheidung gar nicht so sinnvoll, denn natürlich ist die 
Schule auch ein politischer Raum. Wir sind der Politik der Kultusministerien und 
Lehrpläne ausgesetzt und auch einige Lehrkräfte äußern sich im Unterricht 
politisch, mal rassistisch, mal sexistisch, mal in dem sie Corona verharmlosen 
oder leugnen. Wir sollten uns auch das Recht nehmen uns politisch zu artikulieren 
und auf die Handlungen der uns vorgesetzten Autoritäten zu reagieren.

Einige Lehrkräfte mögen euch drohen, dass ihr unentschuldigte Fehlstunden 
aufgeschrieben bekommt oder euch sonst wie einschüchtern.
Wir fragen uns: Was soll das?
Ein Schulstreik für bessere Hygienekonzepte sollte kein Kampf zwischen 
Leher:innen und Schüler:innenschaft sein, sondern ein gemeinsamer.
In Paris läuft das auch so. Schüler:innen und Lehrkräfte streiken dort zusammen 
und blockieren Schulen, um den Staat zu zwingen sich ihrer Anliegen in der 
Pandemie anzunehmen.
Deutschland ist leider sehr streikfaul. Außerdem sorgen beispielsweise 
Hetzkampagnen der BILD immer wieder für Entsolidarisierungen der Bevölkerung 
gegenüber beispielsweise Streikenden des ÖPNVs.

Doch wir sollten uns immer ins Gedächtnis rufen, dass alle sozialen 
Errungenschaften auf Kämpfe zurück gehen, sei es der 8-Stunden Tag, 
Arbeitsschutzmaßnahmen, die Verhinderung vom Bau neuer Atomkraftwerke oder der 
Rodung des Hambacher Forsts, das Frauenwahlrecht oder die Legalisierung von 
Homosexualität. Keine diese Errungenschaften wurde uns einfach von den 
Parlamenten geschenkt, wie oft suggeriert wird. Nein, dem gingen massenhafte 
Aktionen voraus, ziviler Ungehorsam, Aufstände, Besetzungen, Blockaden, Streiks.

Auch Gewerkschaften, also Zusammenschlüsse von Arbeiter:innen, wurden nicht immer 
anerkannt. Sie wurden dämonisiert, zeitweise sogar verboten. Mit eurem Mut heute 
zu streiken, riskiert ihr vielleicht ein paar unentschuldigte Fehlstunden. Aber 
ihr tretet in die Fußstapfen vieler Menschen, die für die Rechte jener eintraten, 
die sonst überhört wurden. Wenn Schüler:innen heute noch kein offizielles Recht 
haben gegen bspw. gesundheitsgefährdende Bedingungen in der Schule zu streiken 
oder wenn ihre Zusammenschlüsse nicht anerkannt werden, dann muss sich auch dies 
ändern.

Vielleicht seid ihr heute noch kein massenhafter Streik, weil Einschüchterungen 
seitens der Lehrkräfte funktionierten. Aber ihr habt einen Anfang gemacht. Auch 
in einem Berufskolleg in Essen organisieren Schüler:innen einen Hybridstreik um 
bessere Corona-Schutzmaßnahmen zu erwirken. Sie verzeichnen sogar schon kleine 
Erfolge, denn es fahren mehr Busse für die Schüler:innen.

Auch Fridays for Future fing klein an, erst mit einer Person in Stockholm, nach 
einer Weile auch ein paar Streikenden in Berlin, beim Global Climate Strike dann 
1,7 Millionen Menschen in Deutschland und Streiks auf allen Kontinenten der Erde.

Also Leute, gebt nicht auf.
Vernetzt euch online mit anderen kritischen Schüler:innen an eurer Schule, in 
eurer Stadt, vielleicht sogar bundesweit. Hört euch nach solidarischen 
Lehrkräften um. Vielleicht hilft euch auch die Gewerkschaft Erziehung und 
Wissenschaft GEW oder die Basisgewerkschaft FAU. Lasst euch mit 
Bestrafungsversuchen seitens der Schule nach dem Streik nicht allein und stärkt 
euch gegenseitig den Rücken.
Bleibt mutig, kritisch und widerständig.

https://dd.fau.org/2020/12/10/redebeitrag-vom-schulstreik-in-moenchengladbach/


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