(de) Union Communiste Libertaire (UCL) interviewt Die Plattform!

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Sa Dez 12 08:06:13 CET 2020


Im Spätsommer diesen Jahres haben wir unseren Genoss*innen von der Union 
Communiste Libertaire (UCL) aus Frankreich und Belgien ein Interview zu unserer 
Organisation und der gegenwärtigen politischen Situation im deutschsprachigen 
Raum gegeben. ---- Dieses Interview haben die Genoss*innen nun in der 
Dezember-Ausgabe ihrer monatlich erscheinenden Zeitschrift "Alternative 
Libertaire" veröffentlicht. ---- Die UCL gehört, wie auch unsere Organisation die 
plattform, der plattformistischen Strömung innerhalb der weltweiten 
anarchistischen Bewegung an. In Frankreich ist die UCL mit über 50 Lokalgruppen 
in fast allen Teilen des Landes vertreten und hat auch einen Ableger in der 
belgischen Hauptstadt Brüssel.
Wir veröffentlichen hier nun die deutschsprachige Version des Interviews, um es 
auch Leuten aus unserem Sprachraum zugänglich zu machen.
Viel Spaß beim Lesen!

Interview:
Als erstes: Was ist "die plattform"? In welchen Organisationen der sozialen 
Bewegungen (Gewerkschaften, Initiativen, soziale Zentren) sind eure Mitglieder 
aktiv? In welchen Städten befinden sich die Lokalgruppen?

Die plattform, ist eine anarchakommunistische Organisation, auf einer 
plattformistischen Grundlage. Anfang 2019 haben wir die Organisation gegründet. 
Seit Anfang 2020 versuchen wir im Rahmen unserer Kräfte in den sozialen 
Bewegungen unserer Städte/Regionen zu kämpfen.
Unsere Organisation besteht aktuell aus fünf Gruppen: eine befindet sich im im 
Ruhrgebiet, einer Industrieregion im Westen des Landes, eine in der Hauptstadt 
Berlin, eine in der Region Rostock im Norden nahe der Ostsee und eine weitere in 
Trier, einer Stadt nahe der luxemburgischen Grenze. Die fünfte und letzte Gruppe 
ist die sogenannte "Überregionale Gruppe", in der sich alle Genoss*innen aus 
Regionen zusammenfinden, wo wir noch nicht die Stärke haben eine Lokalgruppe 
aufzubauen.
Darüberhinaus ist noch eine Lokalgruppe in Leipzig, einer Stadt im Osten des 
Landes, im Aufbau. Wichtig zu berücksichtigen ist, dass es in Deutschland keine 
Tradition des Plattformismus und Especifismo gibt. Es ist also ein großer Aufwand 
für uns, erst einmal die organisatorische und theoretisch-strategische Grundlage 
zu legen, die es braucht, um eine effektive Beteiligung an den Kämpfen der 
lohnabhängigen Klasse zu gewährleisten.

Unsere Mitglieder sind dabei aktuell vor allem aktiv in der 
Klimagerechtigkeitsbewegung (speziell "Fridays for Future"), in feministischen 
Kämpfen, in der "Black Lives Matter"-Bewegung sowie im geringerem Maße in 
Mieter*inneninitiativen und Gewerkschaften bzw. Arbeitskämpfen.

Im Januar 2020 habt ihr angekündigt, euch in diesem Jahr der Festsetzung eurer 
eigenen organisatorischen Grundsätze zu widmen und eure Ziele und Strategien im 
sozialen Kampf zu definieren. Wie sieht es nun, sieben Monate später, damit aus?

Die Grundlagen in diesem Prozess sind definitiv gelegt. Das zeigt ja auch unsere 
kontinuierliche Praxis, welche wir in einem noch überschaubaren Rahmen in unseren 
Städten bereits entwickelt haben. Auch wenn uns das bisher Erarbeitete 
ermöglicht, mit unserer Einfügung in die sozialen Bewegungen zu beginnen, sind 
wir nach wie vor noch am Anfang eines langfristigen Lern- und Kampfprozesses.
Viele unserer Mitglieder sind über Jahre in der linken Szene sozialisiert. Wir 
haben alle noch nie in einer so verbindlich strukturierten, strategisch und an 
den sozialen Bewegungen ausgerichteten Organisation gearbeitet. Vieles muss also 
erst einmal wachsen und sich entwickeln. Im Gegensatz zu einer 
sensationslüsternden linken Kampagnenpolitik ist die alltägliche Aufbauarbeit und 
Beteiligung an den Kämpfen unserer Klasse auch nun mal oft nichts, was sich gut 
öffentlichkeitswirksam vermitteln lässt. Genauso wenig wie der kontinuierliche 
interne Aufbau der Organisation. Aber wir sind auf einem guten Weg und sind 
einige größere und kleinere Schritte gegangen, um uns bald als Föderation 
offiziell gründen zu können.

Ihr wollt die Aufmerksamkeit der anarchistischen Bewegung auf Aktivitäten im 
sozialen Kampf lenken. Gibt es hier positive Entwicklungen zu vermerken? Wie seid 
ihr in den Gewerkschaften aufgestellt?

Sicherlich gibt es an dieser Stelle positive Entwicklungen zu vermerken, z.B. 
dass wir viele Individuen und Gruppen in der anarchistischen Bewegung erreicht 
und teilweise auch bereits inspiriert haben.
Das hat einerseits dazu geführt, dass sich ganze schon vorher existierende 
Gruppen dem Konzept des Plattformismus angeschlossen haben und nun auch versuchen 
auf dessen Grundlage eine Praxis in den sozialen Bewegungen zu entwickeln. 
Andererseits haben wir natürlich auch Gruppen und Individuen inspiriert, die, 
selbst wenn sie dem Plattformismus weiterhin kritisch gegenüber stehen, sich doch 
von unserem Ansatz die ein oder andere Scheibe abgeschnitten haben. Unser 
Eindruck ist zum Beispiel, dass es mit unserer Initiative wieder normaler in der 
Bewegung geworden ist, über Klassenkampf und die Klassengesellschaft an sich zu 
sprechen; etwas, was über lange Jahre hinweg eher verpöhnt war. Sicherlich ist 
das nicht nur unser Erfolg, aber wir haben durchaus dazu beigetragen, dass 
zumindest das Verständnis dafür, dass wir nach wie vor in einer 
Klassengesselschaft leben, erweitert wurde.

Was unseren Stand in den Gewerkschaften angeht, so müssen wir sagen, dass dieser 
sehr schwach ist. In den großen Gewerkschaften haben wir nur einzelne Mitglieder, 
die aber dort auch keine strategische Einfügung verfolgen. Lediglich in der 
anarchosyndikalistischen "Freien Arbeiter*innen Union" (FAU) haben wir einige 
auch aktive Mitglieder. Generell waren sehr viele unserer Mitglieder schon vor 
ihrer Aktivität in unserer Organisation in der FAU aktiv, was uns nicht 
überrascht, da die Genoss*innen der FAU nun einmal mit einer, in den meisten 
Syndikaten, starken Klassenpolitik sozialisiert sind.

Der Hauptgrund warum wir so schlecht in den Gewerkschaften aufgestellt sind, 
liegt bisher darin, dass wir unseren Fokus auf die sozialen Bewegungen außerhalb 
von Gewerkschaftspolitik gelegt haben. In der jetzigen Situation sehen wir dort 
mehr Potential für die Entwicklung von Gegenmacht. Diese Abwägung hängt auch mit 
der Beschaffenheit unserer Organisation, sowie auch mit der Situation der 
Gewerkschaften in Deutschland zusammen. Im Vergleich zu Frankreich ist die 
Erfahrung mit dem politischen Streik und Generalstreik in der lohnabhängigen 
Klasse in Deutschland kaum bis gar nicht verbreitet. Stattdessen werden durch die 
Gewerkschaftspraxis der großen und reformististischen Gewerkschaften (sogenannte 
"Sozialpartnerschaft") die Klassengegensätze zwischen Herrschenden und 
lohnabhängiger Klasse verschleiert und durch moderierende Methoden der 
Verhandlung befriedet, sodass offensivere bzw. druckvollere Methoden des 
Arbeitskampfes viel zu wenig umgesetzt werden. In diesem Bereich des Widerstands 
gegen die Angriffe auf unsere Klasse werden wir unsere Position zukünftig noch 
präzisieren müssen. Dennoch sind wir natürlich da, wo es uns möglich ist, in 
Arbeitskämpfe involviert und unterstützen diese, wie z.B. den wilden Streik der 
Erntehelfer*innen in Bornheim bei Bonn oder den wilden Streik der Bauarbeiter in 
Regensburg. Hier begleiten, dokumentieren, analysieren und teilen wir mit der 
Bewegung die Erfahrungen aus Arbeitskämpfen, die Ausblick auf eine kämpferische 
Zukunft geben.

Wie steht ihr zur Interventionistischen Linken und zum kommunistischen 
"UmsGanze..."-Bündnis?

Das Projekt der Interventionistischen Linken (iL) verfolgen wir mit Neugier und 
sehen darin durchaus Ähnlichkeiten zu unserem Ansatz. Intervention und soziale 
Einfügung scheinen uns hier zwei unterschiedliche Begriffe für doch verwandte 
Vorgehensweisen zu sein. Was uns allerdings in der iL fehlt, ist eine 
ausgearbeitete und von allen Mitgliedern geteilte theoretische Basis sowie eine 
tragfähige Analyse der gegenwärtigen Situation. Und das, was uns wohl am meisten 
von ihr unterscheidet, ist unser Anspruch, Basisorganisationen aufzubauen. In 
unseren Augen verfolgt die iL die Strategie, punktuell politische Debatten zu 
beeinflussen und auf diese Weise Entscheidungen zu erwirken. Dies schlägt sich 
darin nieder, dass die iL verstärkt auf Kampagnen setzt, mit denen viele Menschen 
zu bestimmten politischen Großereignissen mobilisieret werden sollen (bspw. zu 
den G20-Gipfeln, aber auch zu den verschiedenen Landtagswahlen im Jahr 2019). 
Durch diesen Fokus scheint die iL zum Teil in ein instrumentelles Verhältnis zu 
Basiskämpfen zu geraten und diese nur insofern als nützlich zu erachten, wie sie 
zu breiten Konflikten mit starker medialer Außenwirkung zugespitzt werden können. 
Ihr geht es damit weniger um die Stärkung von Basisorganisationen der 
Unterdrückten, die langfristig für ihre Interessen und Bedürfnisse kämpfen 
können. Gerade dies ist aber wichtig, um langfristig handlungsfähige Bewegungen 
und Organisationen von unten zu schaffen, die für sich selbst einstehen können - 
ohne Partei oder Staat.

Im "UmsGanze..."-Bündnis (UG) können wir weniger Ähnlichkeiten zu unserem Ansatz 
ausmachen als es noch bei der iL der Fall war. In unseren Augen stellt UG einen 
eher loseren überregionalen Zusammenschluss eigentlich nur lokal agierender 
Gruppen der autonomen Szene bzw. ihrer Restbestände dar. Zwar starten die Gruppen 
genauso wie die iL gemeinsame Kampagnen und mobilisieren zusammen zu 
verschiedenen Ereignissen, verfügen im Gegensatz zur iL aber nicht über eine 
tiefergehende politische Strategie, um gesellschaftliche Veränderungen 
herbeizuführen.
Genauso wie die Lokalstrukturen der iL konzentrieren sich die in UG 
zusammengeschlossenen Gruppen in ihrer Praxis stark auf die Bündnisarbeit mit 
anderen Gruppen der linken bis linksradikalen Szene. Genau diesen Fokus auf die 
innerlinke Bündnisarbeit, die nicht dazu in der Lage ist, breite Teile der 
eigenen Klasse und der Unterdrückten zu erreichen und zu organisieren im Kampf um 
die Verbesserung ihrer eigenen Lebensverhältnisse, wollen wir aber mit unserem 
Ansatz hinter uns lassen.

Ist die Beteiligung in und/oder der Aufbau selbstverwalteter sozialer Zentren 
auch Teil eurer Strategie?

Ja, wenn auch aktuell eher ein untergeordneter. Mittel- bis langfristig gesehen 
wollen wir aber entsprechende Zentren aufbauen, um unserer Organisation und den 
Kämpfen unserer Klasse eine starke Infrastruktur zur Seite zu stellen. Allerdings 
dürfen wir uns in unserer aktuellen Phase nicht verzetteln. Wir haben begrenzte 
Kapazitäten und können nicht alles, was wir am liebsten sofort machen würden, 
auch sofort umsetzen.

Welches Image hat der Anarchismus in Deutschland und konkreter: Wie steht ihr in 
Kontakt mit/in Beziehung zu der Bevölkerung?

Wir würden sagen dass das öffentliche "Image" des Anarchismus nach wie vor 
schlecht ist - auch wenn es sich in den letzten Jahrzehnten etwas verbessert hat. 
Das liegt weniger daran, dass es für unsere Ideen keine Sympathie in der 
Bevölkerung geben würde oder dass die Gesellschaft so tief reaktionär ist, dass 
eh alles verloren scheint. Vielmehr liegt es an der Unfähigkeit und dem Unwillen 
größerer Teile der anarchistischen Bewegung selbst mit der Bevölkerung in einen 
offenen, interessierten Austausch zu treten und eine wahrnehmbare Präsenz zu 
entwickeln. Oder noch schlimmer: Teile der anarchistischen Bewegung tragen auch 
aktiv dazu bei, das Bild des Anarchismus nachhaltig negativ zu prägen, wie es die 
diversen individualistischen Ausprägungen tun.

Durch unsere alltägliche Arbeit in unseren Vierteln, gegenseitige Hilfe, über 
kreative Aktionen, in den sozialen Bewegungen, haben wir auch schon vor der 
Gründung der plattform, als viele von uns noch in anderen anarchistischen 
Zusammenhängen gewirkt haben, erfahren, auf wieviel Zuspruch unsere Ideen stoßen, 
wenn wir auf der Straße und im Austausch mit den Menschen kontinuierlich und 
überlegt aktiv sind. Wie intensiv unser Kontakt in die Bevölkerung ist, ist dabei 
sehr unterschiedlich. Es gibt Viertel mit einer vergleichsweisen starken über 
Jahre aufgebauten anarchistischen Präsenz, wo auch Genoss*innen von uns bekannte 
Gesichter in der Nachbarschaft sind. Genauso wie es Viertel oder Gegenden gibt, 
wo Genoss*innen von uns quasi keinen Kontakt als Anarchist*innen in ihrem Lebens- 
oder Arbeitsumfeld haben. Wir merken aber bereits jetzt, dass wir durch die 
Arbeit der plattform in vielen Gegenden, in denen wir aktiv sind, unsere 
Beziehungen und Verbindungen zu den Menschen vertiefen.

Wie seht ihr die Entwicklung der politischen Situation in Deutschland und welche 
Rolle würde/könnte dabei dem Anarchismus zufallen?

Die Entwicklung der politischen Situation ist in Teilen von einer Radikalisierung 
der Menschen geprägt, im Positiven wie im Negativen. Es gab und gibt die letzten 
Jahre immer wieder sehr starke rechte Bewegungen, wie die Proteste gegen die 
staatlichen Corona-Maßnahmen der sogenannten Corona-Rebellen, Pegida, oder 
diverse Stadtspaziergänge, welche in Richtung einer rechten Bürgerwehr gehen. 
Faschistische Gruppen und Parteien haben es bislang nicht geschafft, wirklich 
nachhaltig und im großem Stil davon zu profitieren. Sie dümpeln - von einigen 
Gegenden abgesehen - weiterhin in der Bedeutungslosigkeit herum. Allerdings 
konnte die rechtspopulistische, bis rechtsradikale Partei Alternative für 
Deutschland (AfD) ihren Einfluss massiv ausbauen und erzielt hohe Werte bei 
Wahlen in quasi allen Parlamenten. Auch andere Gruppierungen wie 
Reichsbürger*innen, verschiedene andere verschwörungstheoretische Milieus wie 
Impfgegner*innen bauen ihren Einfluss aus und werden immer lauter. Es ist 
schockierend, wie viel Einfluss diverse Rechte alleine über sehr 
reichweitenstarke Youtube-Kanäle der unterschiedlichsten Art erreichen. An allen 
Ecken und Enden führt die Rechte einen Kulturkampf, der natürlich im Gegensatz zu 
unseren Interessen steht und auch für uns die Handlungsfähigkeit innerhalb der 
lohnabhängigen Klasse immer weiter erschwert. Darüberhinaus gibt es natürlich 
auch eine existenzielle Bedrohung durch bewaffnete faschistische Gruppen, welche 
Einfluss bis in die Polizei und Bundeswehr haben und sich erwiesenerweise auf 
einen Bürgerkrieg vorbereiten.

Auf der anderen Seite gibt es auch ohne Zweifel eine starke Mobilisierung von 
sozialen Bewegungen, die eher links verordnet sind. Fridays for Future war und 
ist sehr stark in Deutschland und hat tausende, eher zehntausende Jugendliche 
politisiert und viele auch in eine linke Tendenz radikalisiert. Auch die vor 
kurzem stattgefundenen sehr großen Proteste nach dem Mord an George Floyd, sowie 
die generellen Angriffe der Rechten auf migrantische Communitys haben speziell 
bei den jungen Menschen der Communitys zu einer starken Politisierung und 
tendenziell auch in eine linke Radikalisierung geführt. Leider hat zuminest die 
"Black Lives Matter"-Bewegung sehr schnell an Dynamik und Kraft verloren, aber 
immerhin hat sie zu der Gründung zahlreicher Gruppen der schwarzen 
Selbstorganisation geführt und auch noch einmal die durch den Mordanschlag in 
Hanau entstandene Migrantifa-Bewegung gestärkt.

Es lässt sich also grob abzeichnen, dass eine in Deutschland tratidionell sehr 
starke bürgerliche Mitte, die nur an der Aufrechterhaltung des sozialen 
(kapitalistischen) Friedens interessiert ist, kleiner geworden ist. Das Vertrauen 
in die etablierten Parteien ist massiv gesunken und hunderttausende von Menschen 
sind auf der Suche nach Alternativen. Sie empören sich über bestimmte Ereignisse, 
die in unsererem Land und auf der Welt passieren und politisieren sich darüber.
Leider haben wir den Eindruck, dass die radikale Linke und anarchistische 
Bewegung nur sehr schlecht dazu in der Lage ist, in dieser historisch wichtigen 
Situation Einfluss geltend zu machen und die Menschen zu erreichen. Es zeigt sich 
die Marginalität und eine Begrenztheit der meisten Ansätze, einer sich in 
Bewegung befindlichen Gesellschaft unsere Vorschläge von einer Alternative zu 
diesem System vorzustellen. Die plattform ist noch zu jung und zu klein um 
nachhaltig die Situation zu beeinflussen, auch wenn wir natürlich tun, was wir 
können.

Der Anarchismus als Ideenlehre und als vielfältige soziale Bewegung könnte sich 
unter diesen Umständen eigentlich entfalten. Gerade in dieser Situation, in der 
viele Menschen auf der Suche sind, wo es viele Unsicherheiten gibt, sich der 
gesellschaftliche Diskurs und die Klassenkämpfe beginnen, zuzuspitzen, könnte der 
Anarchismus beweisen, dass er Inspirationsquelle für die lohnabhängigen Klasse 
sein kann und praktische Lösungswege für ihre Probleme liefert. Da dies weder der 
anarchistischen Bewegung noch den meisten linksradikalen Ansätzen wirklich 
gelingt, ist unser Eindruck, dass die Rechte massiv an Boden gut machen konnte 
und nun deutlich besser als bisher aufgestellt ist.

Wir hoffen das sich dieser Trend nicht fortsetzt, speziell im Hinblick auf die 
aktuell kommende Wirtschaftskrise. Denn ohne Zweifel hat die Corona-Pandemie dazu 
geführt die Lebensverhältnisse der lohnabhängigen Klasse in Deutschland (und 
weltweit) weiter zu präkarisieren und weithin wird ja eine allgemein 
Weltwirtschaftskrise vorausgesagt. Die Kämpfe in dieser Zeit und die bis dahin 
geleistete Aufbauarbeit wird noch einmal deutlich zeigen, wie die 
gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse sind, wie gut wir es als Organisation, der 
Anarchismus und die radikale Linke generell, schaffen mit dieser Situation umzugehen.

Wie sieht es mit euren Beziehungen zu internationalen libertären Organisationen aus?

Da der Platformismus, wie bereits von uns erwähnt, im deutschsprachigen Raum 
bislang keine Rolle spielte, war es uns von Anfang an perspektivisch sehr 
wichtig, mit anarchistischen Organisationen weltweit, die unserem Ansatz nahe 
stehen, zu vernetzen. Im Austausch mit ihnen konnten wir Erfahrungen sammeln, die 
uns bei unserer eigenen politischen Arbeit voranbrachten und weiterhalfen. Das 
galt und gilt vor allem für das Verständnis der Especifismo, der bis zur Gründung 
der plattform im letzten Jahr in der anarchistischen Bewegung weitgehend 
unbekannt war und über den es aus diesem Grund nur wenig deutschsprachige 
Literatur gibt.
Seit Beginn diesen Jahres haben wir unsere Zusammenarbeit mit unseren 
Genoss*innen aus aller Welt noch weiter intensiviert. Gemeinsam mit verschiedenen 
Organisationen aus Lateinamerika, Asien, Ozeanien, Afrika und Europa - darunter 
auch die UCL - haben wir mehrere Erklärungen und Analysen veröffentlicht, zum 
Beispiel anlässlich des 1. Mai oder des 8. Jahrestags der sozialen Revolution in 
Rojava.

Diese internationale Zusammenarbeit prägt und formt unsere Organisation 
nachhaltig. Es ist fantastisch von der jahrzehntelangen Arbeit und den 
Erfahrungen so vieler verbündeter Organisationen lernen zu können und sich daran 
weiterzuentwickeln. Wir hoffen sehr, dass sich nach den ersten Schritten diese 
Zusammenarbeit immer enger gestaltet und wir so einen breiten Zusammenschluss der 
anarchistischen Bewegung bilden können.

https://www.dieplattform.org/2020/12/07/union-communiste-libertaire-ucl-interviewt-die-plattform-de-eng/#more-1636


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