(de) FAU, direkteaktion: NATURFREUNDEHAUS BAKUNINHÜTTE -- In Kooperation mit dem Verband der NaturFreunde wird die Geschichte der Bakuninhütte weitererzählt. Von: Christian Horn

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Mi Dez 9 09:26:07 CET 2020


Ausstellungsbanner am Naturfreundehaus Erfurt ---- "Sich fügen heißt lügen! - 
Erich Mühsam und die Bakuninhütte" ---- Mit dem Beschluss des Kreises der Wander- 
und Naturfreunde Meiningen als Eigentümerverein wurde die Bakuninhütte 2018 ein 
sogenanntes Anschlusshaus bei den NaturFreunden Deutschlands. Woran es dem 
Verband in den alten Bundesländern nicht mangelt, ist in Thüringen eine 
Seltenheit. Außer in Gießübel bei Masserberg im Thüringer Wald gibt es kein 
direktes Naturfreundehaus, sondern nur assoziierte Häuser und die Geschäftsstelle 
in Erfurt. Nun hat auch der Verein um die Bakuninhütte den strategischen Vorteil 
einer solchen Partnerschaft erkannt. Zwar kommen die Naturfreund*innen eher aus 
der sozialdemokratischen Tradition, dennoch passt das anarchosyndikalistische 
Denkmal gut zu dem tendenziell linksstehenden Verband für Umweltschutz und 
sanften Tourismus. Uwe Hiksch vom Bundesvorstand kam im Juni vor zwei Jahren 
extra zur Mitgliederversammlung an die Bakuninhütte, um für die Kooperation zu 
werben, welche dann auch besiegelt wurde. Im selben Jahr kam auf Betreiben einer 
SPD-Landtagsabgeordneten und Mitglied des Landesvorstandes der NaturFreunde die 
Landrätin zu einer Gesprächsrunde im Rahmen der Reihe "Politik im Grünen" an die 
Hütte. Zu sehen ist dieser Besuch noch in der Mediathek des Südthüringer 
Regionalfernsehens.

Im Folgejahr trug diese Verbindung weitere Früchte. Der lokale Stammtisch 
organisierte eine Tour zu Orten der Novemberrevolution in Meiningen. Mit dieser 
revolutionären Kaffeefahrt nahm der Verein am Bildungsprojekt Thüringen 19_19 
teil, welches vom Kultusministerium mitfinanziert wurde und zeigte unter anderem 
einer Gruppe Naturfreund*innen den Ort, wo der Arbeiter- und Soldatenrat den 
Herzog zur Abdankung zwang. Die Bakuninhütte ist im Rahmen von Thüringen 19_19 
Lernort der Demokratie.

AUSSTELLUNG IM NATURFREUNDEHAUS
Seit 2015 gibt es eine Ausstellung zu Erich Mühsams Aufenthalt in 
Meiningen,[1]zunächst zu sehen in Meiningen selbst. 2018 war sie im Gothaer 
Tivoli, Gründungshaus der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschland (SAP), zu 
besichtigen. Der Wissensbestand wächst weiter dank einer aktiven Arbeitsgruppe 
zur Geschichtsforschung. Neben Studierenden im Fach Geschichte interessieren sich 
auch Archäolog*innen, welche die neuere Sozialgeschichte entsprechend 
aufarbeiten, für das historische Umfeld der Hütte.

Aus der Zusammenarbeit mit den Naturfreund*innen ergab sich nun die Möglichkeit 
für weitere Ausstellungen. Im September 2019 wurde das Naturfreundehaus 
"Charlotte Eisenblätter" in der thüringischen Landeshauptstadt eröffnet. Es liegt 
in der Johannesstraße 127 in der Erfurter Innenstadt und ist benannt nach einer 
Widerstandskämpferin, Arbeitersportlerin und Naturfreundin. Charlotte 
Eisenblätter (1903-1944) wurde im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee von den Nazis 
hingerichtet.

Mit weiteren Kooperationspartner*innen wie den Falken, dem DGB sowie Arbeit und 
Leben wurde die Ausstellung mit Rahmenprogramm vorbereitet unter dem Titel "Sich 
fügen heißt lügen! - Erich Mühsam und die Bakuninhütte". Am 4. Oktober fand unter 
Corona-Bedingungen die Eröffnung statt, zu der die Akkordeonspielerin Isabel 
Neuenfeldt mit eigener Melodie Lieder des Dichters vertonte.[2]Mühsam selbst war 
in den 30ern an der Hütte[3]und bekanntermaßen ebenso wie die Namensgeberin des 
aktuellen Ausstellungsortes Opfer der NS-Herrschaft. Der Veranstaltung wohnte 
Wolfgang Tiefensee, Wirtschaftsminister und ehemaliger Oberbürgermeister von 
Leipzig, bei.[4]
Neben Kenntnissen zu den Familien aus der Erbauerzeit, Episoden aus 100 Jahren 
Bakuninhütte, fanden ebenso die großen Linien des Anarchismus mit Bakunin, 
Kropotkin und Rocker auf den 25 Bannern einen Platz. Die Ausstellung schlägt 
einen Bogen von lebensreformerischen Welten mit Wandervogel- und 
Vagabund*innenbewegung, Siedlungsbewegung, Reformpädagogik sowie Antimilitarismus 
hin zu den lokalen wirtschaftlichen Verhältnissen, unter denen die Bakuninhütte 
errichtet wurde.

Ausstellungseröffnung im Naturfreundehaus mit Wirtschaftsminister Wolfgang 
Tiefensee (zweiter von rechts)

AUF KAPERFAHRT
Die Eisenbahnindustrie spielte eine wichtige Rolle in der Südthüringer 
Theaterstadt Meiningen. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeiteten im 
Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) über zweitausend Beschäftigte - heute im 
Dampflokwerk noch etwa 120. Zwei zentrale Personen für die Entstehung der 
Bakuninhütte arbeiteten im RAW. Der Tischler Otto Walz war Vorsitzender der 
lokalen FAUD-Ortsgruppe und der Schlosser Franz Dressel hatte das Amt des 
Kassierers inne. Dressel errichtete ein Kettenkarussell an der Hütte und 
verwaltete die Bibliothek der FAUD Meiningen.

Bei einem reichsweiten Streik kam es zu einer Kaperfahrt mit einer Lok aus dem 
Betriebsbestand, erzählte Vereinsmitglied Mark Mence in der MDR-Kulturnacht. 1919 
wollten Arbeiter aus Meiningen ihre Kollegen in Hessen zum Streik agitieren. Die 
Weichenstellung auf den Gleisen konnte so organisiert werden, dass die Aktivisten 
ankamen und Flugblätter verteilten. Gestoppt wurde die Aktion durch einen 
hessischen Freikorps. Mit von der Streikfraktion war Otto Walz, welcher bereits 
dem Arbeiter- und Soldatenrat angehörte. Mit der Internationalen 
Transportarbeiter-Föderation (ITF) als Untergrundnetz gegen den Faschismus,[5]an 
dem sich auch Meininger Arbeiter beteiligten, schließt sich der Kreis. Hierzu ist 
ein Vortrag mit dem Sozialwissenschaftler Dieter Nelles für 2021 angesetzt.
Unweit von Erfurt liegt die Kreisstadt Sömmerda, einst Zentrum der 
mittelthüringischen Industrie und Hochburg des Anarchosyndikalismus. Hier hatte 
die FAUD kurzzeitig 2.000 Mitglieder. Auf "Spurensuche einer vergessenen 
Gewerkschaftsbewegung" begibt sich nächstes Jahr in einem Referat Annegret Schüle 
unter Corona-Bedingungen. Womöglich wird es wie von der Ausstellungseröffnung ein 
Livestream geben.[6]
Die Ausstellung wurde bis zum 27.03.2021 verlängert. Erfurt soll nur ein 
Zwischenziel sein. Weitere Ausstellungen in Naturfreundehäusern werden 
angestrebt, ebenfalls denkbar in anderen passenden Räumlichkeiten. Auch die 
Rundreise durch die Novemberrevolution in Meiningen ist 2021[7]wieder geplant in 
Zusammenarbeit mit dem städtischen Museum als Begleitprogramm zur Ausstellung 
"Zeitenwende".

https://direkteaktion.org/naturfreundehaus-bakuninhuette/


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