(de) die plattform: Uns aus dem Elend zu erlösen, können nur wir selber tun - Ein Aufruf aktiv zu werden von: K'ura Neuland

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Fr Dez 4 08:28:25 CET 2020


Der zweite Lockdown, wieder sitzen wir den Großteil unserer Zeit zu Hause. Der 
zweite Lockdown, bei dem wir als passiv Zuschauende an der Seitenlinie stehen und 
zusehen, wie unsere Freiheiten weiter beschnitten werden, die Job-Aussichten 
schlechter und unsicherer werden, wieder zu Hause eingesperrt - manche womöglich 
mit gewalttätigen Partner*innen... Wir sind ausgeliefert, wir stehen all den 
Problemen, die uns umgeben, alleine gegenüber. Wieder sind wir mit unseren 
Ängsten alleine. ---- Die Corona-Pandemie sorgt wie keine andere Krise davor 
dafür, dass wir uns noch weiter von einander entfernen, unsere Isolation noch 
größer wird. Wo führt das hin? Wie dramatisch kann der Kampf ums alltägliche 
Überleben noch werden?
Wir leben um zu arbeiten und um das ertragen zu können, tauchen wir am Feierabend 
ab in virtuelle Welten, in die neuste Serie bei Netflix oder eher klassisch das 
Feierabendbier. Nicht als wäre das etwas Neues oder etwas was es zu verurteilen 
gilt, immerhin müssen wir alle regelmäßig abschalten, um das Leben in diesem 
System zu ertragen.

Die Frage ist eher: Was wäre, wenn wir nicht so alleine wären? Was wäre, wenn wir 
unsere Nachbar*innen kennen würden, und zwar richtig gut kennen würden? Was wäre, 
wenn wir unsere Arbeitskolleg*innen kennen würden, und zwar richtig gut kennen 
würden? Was wäre eigentlich, wenn die Menschen, denen wir tagtäglich in unserem 
Alltag immer wieder aufs Neue begegnen, für uns nicht nur irgendwelche Leute 
wären, mit denen wir mal über's Wetter plaudern würden, sondern wie Geschwister 
für uns wären?

Wenn wir uns kennen würden, uns wirklich kennen würden, dann würden wir sehen, 
dass wir mit unseren Problemen nicht allein dastehen. Na klar, wir wissen ja, 
dass auch Millionen Andere von HartzIV leben und was es bedeutet, von HartzIV zu 
leben. Klar, wir wissen doch, wie viele andere Student*innen sich mit Minijobs 
irgendwie über Wasser halten, weil das Portemonnaie der Alten eben nicht so groß 
ist. Und natürlich wissen wir, dass wir mit einer nicht-weißen Hautfarbe 
schlechtere Chancen haben, eine Wohnung oder eine Arbeitsstelle zu bekommen. Wenn 
wir wissen, dass wir viele sind, wieso ändern wir dann nicht, was uns alle 
tagtäglich klein hält und unterdrückt?

Zuallererst einmal deswegen, weil wir uns nicht wirklich kennen, weil wir 
vielleicht abstrakt wissen, dass auch Andere unter den gleichen Zuständen leiden 
wie wir, aber wirklich verstehen, was das bedeutet und was für Möglichkeiten in 
diesem einfachen Fakt liegen, das fällt uns schwer zu sehen. Wenn wir uns kennen 
würden, wirklich kennen würden, dann würden wir auch häufiger für einander einstehen.

Wenn wir für einander einstehen, dann können wir daraus eine Tugend machen. Eine 
Tugend der Unterdrückten und Ausgebeuteten, der Abgeurteilten, der Gemobbten und 
der vormals Einsamen. Eine Tugend der Macht von unten, ein Klassenbewusstsein 
entwickeln, das uns erkennen lässt, dass uns keine unterschiedlichen Sprachen, 
Aussehen, Bildungsstand oder anderes trennt, sondern eine Dynamik des Jede*r 
gegen Jede*n, die uns dieses System von klein auf anerzieht.

Es ist richtig, dass wir gemeinsam darauf achten müssen, verantwortungsvoll 
miteinander umzugehen, um die Pandemie nicht noch dramatischer werden zu lassen. 
Das sollte aber nicht gleichbedeutend damit sein, alles zu dulden. Zu dulden, was 
die Bosse mit uns in dieser Krise machen, wie die Reichen noch reicher werden, 
wie unsere Rechte so grundsätzlich beschnitten werden.

Grade jetzt ist so eine entscheidende Zeit, in der sich zeigt, wohin sich unsere 
Gesellschaft entwickeln wird. Der Überwachungsstaat wird ausgebaut, die Rechten 
erobern mit Massenmobilisierungen die Straßen, linke Strukturen werden 
angegriffen und isoliert. Das alles bei einer unfassbaren, ohrenbetäubenden 
Passivität von einer (radikalen) Linken, die generelle Veränderungen der 
Gesellschaft aufgegeben hat und nur noch ab und an auf die schlimmsten Symptome 
reagiert. Das alles bei einem sozialbefriedeten Land, in dem sich die Massen der 
Depression, der Hoffnungslosigkeit und der Obrigkeitshörigkeit hingeben.

Das alles ist eine Situation, die uns den Atem raubt und uns unsere eigene 
Schwäche immer wieder aufs Neue aufs Brot schmiert. Aber was hilft das? Wollen 
wir weiter zusehen, dass die Dinge an uns vorbei ziehen, während wir in 
Selbstmitleid versinken?

Nein. Wir müssen uns kennenlernen. Wir müssen kämpfen. Wir müssen uns 
organisieren und für uns und einen anderen Ausgang der Geschichte einstehen. 
Jetzt. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Wir sehen bereits was passiert, wenn eine 
Krise eine so unorganisierte, so voneinander isolierte, zersplitterte 
Gesellschaft trifft. Wir sind ausgeliefert. Das kann und darf nicht so weiter 
gehen und wenn Du das genauso siehst, dann ist es an der Zeit aktiv zu werden!

Aktiv im Kampf für soziale Gerechtigkeit! Aktiv, um nicht mehr ausgeliefert zu 
sein! Aktiv im Kampf für ein besseres Morgen für Deine Kinder!

Organisiere Dich in der Freie Arbeiter*innen Union, Gefangenengewerkschaft oder 
IWW, wenn Du eine Basisgewerkschaft suchst, die wirklich für Deine Rechte auf der 
Arbeit eintritt. Organisiere Dich in Deiner lokalen 
Nachbar*innenschaftsinitiative, um gegenseitige Hilfe in Zeiten von Corona zu 
praktizieren oder einen selbstorganisierten Park in Deiner Straße zu eröffnen. 
Bring Dich ein in die Organisation von Foodsharing, Umsonstläden, 
Kollektivbetrieben oder solidarische Landwirtschafts-Initiativen, um ein 
stückweit die neue Gesellschaft in dem Bestehenden aufzubauen. Misch Dich ein in 
die sozialen Kämpfe deiner Stadt: Fridays for Future, Black Lives Matter, 
Frauen*streik, oder Mieter*inneninitiativen. Unterstütze Deine lokale 
selbstorganisierte Geflüchteten- oder Obdachlosenhilfe. Komm zu uns oder 
unterstütze uns, wenn Du unsere Arbeit schätzt und bisher nur darüber nachgedacht 
hast, Dich zu beteiligen!

Wichtig ist vor allem, dass wir uns bewegen, in Bewegung bleiben und alle Zeiten 
- auch die Zeiten des Lockdowns - für den Kampf nutzen, alle nach ihren 
Bedürfnissen und Fähigkeiten, aber gemeinsam entschlossen, mit langem Atem.

Genau Du fehlst noch! Ohne Dich sind wir zu wenig. Jetzt ist die Zeit, unsere 
Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen!

In diesem Sinne sollten wir uns zurück besinnen auf die vielleicht meist 
gesungene Hymne unserer Klasse:

"Es rettet uns kein höhres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun. Uns aus 
dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!"

https://www.dieplattform.org/2020/11/27/ein-aufruf-aktiv-zu-werden/


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