(de) Poland, ozzip - "2.000 Zloty für alle" - Polnische Amazon-Arbeiter*innen fordern Bonuszahlung

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Do Dez 3 08:22:08 CET 2020


Am 5. November 2020 legten Amazon-Arbeiter*innen aus dem Lager in der Nähe von 
Wroclaw, Polen (WRO1) die Arbeit nieder und forderten "2.000 Zloty für alle". In 
den folgenden Tagen schlossen sich Arbeiter*innen aus anderen polnischen 
Standorten dem Protest an und erklärten, dass sie während des bevorstehenden 
Black Friday weitermachen wollen. ---- Das Amazon-Lager WRO1 ist das einzige 
Amazon Fulfillment Center in Polen für sperrige, große und schwere Güter und 
Waren. Mehr als tausend Gabelstaplerfahrer*innen sind dort beschäftigt und lagern 
Waren in den Hochregalen ein (stow) bzw. kommissionieren (pick) sie. Insgesamt 
beschäftigt Amazon in Polen 18.000 Festangestellte und dazu 10.000 
Zeitarbeiter*innen in seinen acht Fulfillment Centern, die für die 
Online-Plattform amazon.de, also für deutsche Kund*innen arbeiten. (Amazon 
verkauft nicht in Polen).

In diesem Jahr haben die Zeitarbeitsfirmen einen zusätzlichen Einstellungsbonus 
von 2.000 Zloty (etwa 450 Euro) für neu angeworbene Beschäftigte geboten, da sie 
offensichtlich Schwierigkeiten haben, genügend Arbeitskräfte zu finden.
Der Einstellungsbonus führte zu Unruhe unter den bereits seit mehreren Monaten 
beschäftigten Festangestellten und Zeitarbeiter*innen, weil diese keinen Anspruch 
darauf hatten. In den Lagern und Internetforen diskutierten viele von ihnen 
darüber, dass Amazon sich nur um die Erfüllung von Bestellungen vor Weihnachten 
kümmert, nicht aber um seine Arbeiter*innen.

Die Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza organisiert seit 2014 
Amazon-Arbeiter*innen in Polen organisiert. Sie weist seit Jahren darauf hin, 
dass das Geschäftsmodell von Amazon auf einer höheren Arbeitsbelastung und auf 
kurze Zeit befristete Arbeitsverhältnisse in der Hochsaison beruht, in der das 
Unternehmen die größten Gewinne erwirtschaftet.

Die Unzufriedenheit unter den Beschäftigten hat auch deshalb zugenommen, weil die 
Mehrheit der polnischen Amazon-Lagerarbeiter*innen in diesem Jahr keine 
Lohnerhöhung erhalten hat. Seit 2015 führte Amazon Fulfillment Polen jeweils im 
dritten Quartal des Jahres eine sogenannte "Lohnüberprüfung" durch, bei der die 
Löhne in der Region um die Lagerhäuser und in ähnlichen Branchen verglichen 
werden. Diesmal hat das Unternehmen zum ersten Mal seit fünf Jahren den Grundlohn 
nicht erhöht mit der Behauptung, er sei immer noch wettbewerbsfähig: So wurde der 
Stundenlohn der überwiegenden Mehrheit der Amazon-Beschäftigten in Polen bei 20 
Zloty brutto pro Stunde (etwa 4,50 Euro) eingefroren. Dies geschieht während der 
Pandemie, in einer Zeit, in der der Reichtum des Amazon-Besitzers Jeff Bezos 
unvorstellbar angestiegen ist und er selbst zu den fünf reichsten Geschäftsleuten 
der Geschichte geworden ist.

Es sei noch erwähnt, dass Amazon einen "Weihnachtsbonus" von 4 Zloty (0,90 Euro) 
für jede Arbeitsstunde zwischen dem 8. November und dem 26. Dezember 2020 
eingeführt hat. Die Gewerkschaften wurden über den Bonus informiert, hatten 
jedoch einen höheren Betrag erwartet. Amazon war nicht bereit, Zugeständnisse zu 
machen.

Ebenso sollte daran erinnert werden, dass nach den diesjährigen Protesten von 
Amazon-Arbeiter*innen in verschiedenen Ländern von Mitte März bis Mitte Mai 2020 
auch Amazon in Polen einen "Covid"-Bonus gewährt hat. Allerdings betrug dieser 4 
Zloty (0,90 Euro) und nicht 2 Euro bzw. 2 US-$, wie in den meisten europäischen 
und den US-amerikanischen Lagern. Offensichtlich ist die Pandemie noch nicht 
beendet, und die zweite Welle hat Polen vor kurzem schwer getroffen. Die 
Arbeiter*innen von Amazon werden, wie andere Lager- und Logistikarbeiter*innen, 
werden als Held*innen bezeichnet, dank derer es möglich ist, während des 
Lockdowns die Versorgung aufrecht zu erhalten. Aufgrund der anhaltenden 
Masseneinstellung durch Amazon kommen täglich noch mehr Menschen in Firmenbussen, 
Kontrollbereichen, Kantinen und den Hallen miteinander in Kontakt und riskieren 
dabei ihre Gesundheit.

Nach Ansicht vieler polnischer Amazon-Arbeiter*innen haben sie mehr verdient. 
Viele brachten zum Ausdruck, dass der Bonus von 4 Zloty - genau wie im letzten 
Frühjahr - das Entgelt für die Arbeit unter den Covid-19-Bedingungen sein sollte, 
das Weihnachtsgeld dagegen sei etwas anderes und sollte viel höher ausfallen. 
Viele von ihnen haben in den letzten Jahren dank des Weihnachtsgeldes ihr 
Haushaltsbudget ausgleichen können, da ihr Einkommen das ganze Jahr über nicht 
ausreichend war. Dieses Jahr haben sie das Gefühl, dass ihnen der Bonus 
weggenommen wurde.

Aus diesem Grund fanden in den polnischen Amazon-Lagern ab dem 5. November 2020 
eine Reihe von selbstorganisierten Protesten statt, darunter auch 
Arbeitsniederlegungen, die von wenigen Minuten bis zu einer Stunde dauerten. 
Arbeiter*innen aus verschiedenen Standorten drückten ihre Forderung aus, indem 
sie bei der Arbeit orangefarbene Warnwesten mit der handgeschriebenen Parole 
"2.000 für alle" trugen. Sie verbreiteten die Bilder online und forderten andere 
auf, sich anzuschließen: "Wer uns unterstützt, sollte auch eine solche Weste 
tragen!".

Die Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza bei Amazon erhielt Aufnahmen der 
Arbeitsniederlegung durch Gabelstaplerfahrer*innen von Amazon WRO1. In einer 
Tagesschicht nahmen in den Abteilungen dock (Anlieferung) und ship (Versand) etwa 
115 bis 130 Gabelstaplerfahrer*innen an dem Protest teil (und damit die 
überwiegende Mehrheit aus diesen Abteilungen). Einer der Teilnehmer berichtete: 
"Die Beschäftigten versammelten sich an einem Ort, und etwa drei Minuten lang 
drückten sie die Hupen. Diejenigen, die mit uns sympathisieren, kamen als Zeichen 
des Protests zu uns. Dies machte einen großen Eindruck auf andere Beschäftigte. 
Natürlich sind die Manager und Leute aus der Personalabteilung sofort erschienen. 
Am Ende riefen wir dreimal "2.000 für alle!" Die Nachtschicht hat für eine Stunde 
die Arbeit niedergelegt, zwischen 1 und 2 Uhr nachts. Die Beschäftigten in den 
Abteilungen pick (Kommissionieren) und stow (Einlagerung) blockierten die 
Durchfahrt in der Abteilung pick und versperrten den Weg. Ein anderer Teilnehmer 
schrieb: "An der Protestaktion bei WRO1 nahmen auch drei Linien in der Abteilung 
customer return (Remittenden) teil: Etwa 180 Personen machten das Andon-Signal 
für einige Minuten an." Steht das Andon-Signal auf rot, deutet das an, dass es 
technisch unmöglich ist, die Arbeit fortzusetzen.

In einem Brief an die Amazon-Unternehmensleitung schrieb die Gewerkschaft: "Als 
Vertreter*innen von Amazon-Beschäftigten und Zeitarbeiter*innen bringen wir 
unsere Entrüstung darüber zum Ausdruck, dass der Bonus nicht für alle gilt. Wir 
sind uns bewusst, dass Zeitarbeitsfirmen, die den Bonus anbieten, seit vielen 
Jahren mit Amazon zusammenarbeiten und indirekt von den Gewinnen profitieren, die 
von den Amazon-Arbeiter*innen erwirtschaftet werden. Wir bitten um eine Erklärung 
für diese Lohn- und Gehaltspolitik, die viele Arbeitnehmer*innen für respektlos 
gegenüber den Beschäftigten halten. Deshalb sind wir der Meinung, dass der Bonus 
von 2.000 Zloty an alle Angestellten gezahlt werden sollte, unabhängig vom 
Beschäftigungszeitraum und der Form der Beschäftigung, und unabhängig vom 
Stunden-Bonus von 4 Zloty. Wir fordern eine Klärung und weitere Verhandlungen 
über den Bonus."

Am 13. November hat Amazon geantwortet: "Wir informieren sie darüber, dass 
Zeitarbeitsfirmen in Bezug auf die von ihnen beschäftigten Arbeitnehmer*innen 
eine von Amazon unabhängige Lohn- und Gehaltspolitik betreiben. Bei dem Bonus, 
den die Gewerkschaft in dem Schreiben erwähnt, handelt es sich nicht um einen von 
Amazon vorgeschlagenen Bonus, und Amazon ist keine Partei in dieser 
Angelegenheit." Amazon hat nicht auf die Tatsache reagiert, dass die 
Arbeiter*innen irritiert sind, eine solche Lohnpolitik als respektlos empfinden 
und Proteste organisieren, und ebenso wenig hat Amazon zur Bereitschaft der 
Gewerkschaft, Gespräche aufzunehmen, reagiert. Stattdessen konnten wir in ihrem 
Brief lesen, dass die Beschäftigten Weihnachtsgeld aus dem Sozialfonds erhalten 
werden (der nach polnischem Recht und nicht aus dem gutem Willen des Unternehmens 
eingerichtet wurde), und Amazon strich heraus, dass es "wie es Tradition ist im 
November und Dezember zahlreiche Wettbewerbe und Attraktionen geben wird, über 
deren Einzelheiten in Kürze informiert wird."

Die Gewerkschaft unterstützt die selbstorganisierten Aktionen der Arbeiter*innen. 
Wir haben gehört, dass sich mehr Leute beteiligen wollen, insbesondere während 
des anstehenden Black Friday, wenn die Arbeitsdichte zunimmt. Die Gewerkschaft 
will diese Proteste unterstützen und, falls erforderlich, den Teilnehmenden 
rechtlichen Beistand leisten.

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