(de) fau: "2000 Zt für alle!" -- Die Amazon-Arbeiter*innen fordern eine Zulage und kein Paket mit Zuckerguss

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Mi Dez 2 07:13:17 CET 2020


Am 5. November 2020 haben die Arbeiter*innen von Amazon in Bielany Wroclawskie in 
der Tag- und Nachtschicht unter dem Motto "2 000 ZL für alle" die Arbeit 
eingestellt. In den folgenden Tagen begannen die Beschäftigten in anderen Lagern, 
sich dem Protest anzuschließen. Die Inicjatywa Pracownicza unterstützt und 
dokumentiert deren Aktion. Weitere Arbeiter*innen kündigen an, sich ebenfalls 
beteiligen zu wollen, vor allem am bevorstehenden "Black Friday", einer Zeit mit 
erhöhtem Arbeitsaufkommen. ---- Das Amazonlager WRO1 in Bielany Wroclawskie ist 
das einzige des Unternehmens in Polen, das großformatige Artikel bereithält. Dort 
arbeiten über tausend Staplerfahrer*innen, welche die Bestellungen der Kund*innen 
aus Hochregalen zusammenstellen. Amazon, das in Polen 18 000 Leute direkt 
beschäftigt, rekrutiert alljährlich im Herbst für die Vorweihnachtszeit 
zusätzlich tausende von Leiharbeiter*innen - in diesem Jahr sind es 14 000 
Personen. In den Lagern bei Wroclaw müssen Arbeitskräfte gefehlt haben, da die 
Agenturen begannen, neuen Beschäftigten einen zusätzlichen Anwerbebonus in Höhe 
von 2 000 Zl anzubieten.

Der Bonus rief unter den Arbeiter*innen mit längerer Dienstzeit und den 
Leiharbeiter*innen, die bereits seit mehreren Monaten dort beschäftigt sind und 
ihn nicht bekommen, großen Unmut hervor. In den Lagern und in Internetforen wird 
darüber diskutiert, dass es Amazon nur um die Rekrutierung von Arbeiter*innen mit 
kurzfristigen Verträgen in der Zeit vor den Feiertagen und die Abwicklung der 
Aufträge ginge, und nicht um Wertschätzung für die schon beschäftigten 
Arbeiter*innen. Die Inicjatywa Pracownicza weist seit Jahren darauf hin, dass das 
Unternehmen die Kosten seines Geschäftsmodells auf die Arbeiter*innen abwälzt und 
in der Saison zweiwöchige oder monatliche, instabile Leiharbeitsverträge 
anbietet, während es zugleich die höchsten Profite akkumuliert.

Die Unzufriedenheit wuchs besonders deswegen enorm, weil die Mehrheit der 
Lagerarbeiter*innen von Amazon in diesem Jahr keine Lohnerhöhung erhalten hat. 
Seit 2015 führt das Unternehmen im dritten Quartal eine sog. "Überprüfung der 
Gehälter" durch, indem es die Einkünfte in der Region, wo sich die Lagerhäuser 
jeweils befinden, und in ähnlichen Branchen miteinander vergleicht. Zum ersten 
Mal in fünf Jahren - in der Zeit der Pandemie, während sich das Vermögen des 
Firmeneigentümers Jeff Bezos in unvorstellbarer Weise vermehrt hat und er selbst 
einer der fünf reichsten Geschäftsleute aller Zeiten geworden ist - wurden die 
Löhne der eindeutigen Mehrheit der Amazon-Arbeiter*innen in Polen auf einem 
Niveau von 20 Zl[umgerechnet 4,48 €]brutto pro Stunde eingefroren.

Für den Zeitraum vom 8. November bis 26. Dezember 2020 führte Amazon allerdings 
einen "Feiertagszuschlag zum Lohn" in Höhe von vier Zl pro voller Arbeitsstunde 
ein. Das Reglement für den Zuschlag wurde der Gewerkschaft vorgelegt, die aber 
eine Erhöhung der Beträge erwartete. Das Unternehmen war nicht zu Zugeständnissen 
bereit. Es lohnt sich, sich zu erinnern, dass Amazon von Mitte März bis Mitte Mai 
- nach Protesten von Arbeiter*innen in verschiedenen Ländern - eine ähnliche 
("Corona"-)Zulage in Höhe von vier Zl pro Stunde zahlte. Die Pandemie ist nicht 
beendet. Die Arbeiter*innen von Amazon werden neben anderen Beschäftigten von 
Lagerhäusern und in der Logistik Held*innen genannt, dank derer die Bestellungen 
während des Herunterfahrens der Wirtschaft erledigt werden können. Wegen der 
andauernden Massenanwerbung von noch mehr Leuten gibt es täglich Kontakt 
miteinander in Betriebsbussen, Umkleideräumen, Kantinen und Hallen, was eine 
Gefährdung der Gesundheit darstellt.

Vielen Arbeiter*innen zufolge sollte der gegenwärtige Zuschlag von vier Zl - 
ähnlich wie im Frühjahr - eine Fortsetzung der "Corona"-Zulage sein, der 
Weihnachtsbonus unabhängig davon gezahlt werden und deutlich höher sein. Mit 
seiner Hilfe besserten die Arbeiter*innen in den letzten Jahren ihr persönliches 
Budget auf, weil ihre Einkünfte während des gesamten Jahres unzureichend waren.

Deswegen kam es nach dem 5. November 2020 zu einer Reihe von Protestaktionen von 
unten, die aus Unterbrechungen der Arbeit bestanden und von einigen Minuten bis 
zu einer Stunde andauerten. Andere Beschäftigte drückten ihren Widerspruch 
dadurch aus, dass sie bei der Arbeit orangefarbene Westen trugen, die eigenhändig 
mit der Aufschrift "2 000 Zl für alle" versehen worden waren. Sie waren zu sehen 
bei Amazon in Sosnowiec, Sady bei Poznan, Kolbaskowo und in Bielany Wroclawskie. 
Die Arbeiter*innen schickten Bilder und riefen andere dazu auf, aktiv zu werden: 
"Wer uns unterstützt, sollte ebenfalls eine solche Weste tragen!"

Die Inicjatywa Pracownicza erhielt Aufnahmen, auf denen der Protest der 
Staplerfahrer*innen im Amazonlager bei Wroclaw festgehalten ist. In der Abteilung 
Ent- und Verladung (dock und ship) beteiligten sich in der Tagschicht ungefähr 
115-130 Fahrzeuge (d. h. eine deutliche Mehrheit der Fahrer*innen dieser 
Abteilung). Einer der Teilnehmer*innen berichtet: "Der Protest bestand darin, 
dass alle Arbeiter*innen an einer Stelle zusammenkamen und für ungefähr drei 
Minuten die Hupen betätigten. Die Leute, die sich mit uns solidarisierten, 
gesellten sich als Zeichen des Protestes zu uns. Es hat einen großen Eindruck auf 
die übrigen Lagerarbeiter*innen gemacht. Natürlich haben sich gleich die Manager 
und die Angestellten der Personalabteilung versammelt. Zum Abschluss haben wir 
dreimal geschrien: ‚2 000 für alle!‘"

"Wir fordern 2 000 Zl für alle Arbeiter*innen in den Amazonlagerhäusern für 
unsere Schwerstarbeit in Pandemiezeiten!"

Des Weiteren bekamen wir Informationen von Arbeiter*innen desselben Lagers, 
allerdings aus anderen Abteilungen, dass der Protest auch in der Nachtschicht 
stattfand, zwischen ein und zwei Uhr morgens. Die Beschäftigten der Abteilungen 
Pick und Stow blockierten die Gänge im Pickbereich und verhinderten so die 
Durchfahrt. Ein Teilnehmer schrieb: "Am Protest in WRO1 beteiligte sich auch die 
Abteilung Kundenretouren auf drei Linien. Ca. 180 Leute schalteten das Andon für 
ein paar Minuten ein". Ein rotes Andon ist ein Lichtsignal, das anzeigt, dass die 
Fortführung der Arbeit aus technischen Gründen nicht möglich ist.

Die Inicjatywa Pracownicza wandte sich mit einem Schreiben an das Unternehmen, in 
dem es hieß: "Als eine Gewerkschaft, der Arbeiter*innen von Amazon und von 
Agenturen angehören, geben wir unserer Empörung Ausdruck, dass der Bonus weder 
den bei Amazon direkt angestellten Arbeitskräften noch den Leiharbeiter*innen 
gezahlt wird, welche schon seit einer gewissen Zeit im Betrieb tätig sind. Wir 
sind uns bewusst, dass die Agenturen, die den Bonus anbieten, seit vielen Jahren 
mit Amazon zusammenarbeiten und indirekt von den Gewinnen profitieren, welche 
durch die Arbeiter*innen von Amazon erwirtschaftet werden. Wir verlangen eine 
Erklärung zu dieser Lohnpolitik. Die Nachricht bewegte viele Leute, und die 
Belegschaft erachtet diese Lohnpolitik als Mangel an Respekt gegenüber den 
Arbeiter*innen mit längerer Dienstzeit. In der Gewerkschaft stehen wir aufgrund 
des Obengenannten auf dem Standpunkt, dass der Bonus in Höhe von 2 000 Zl 
unabhängig von der Dienstzeit und der Art der Beschäftigung (und auch vom Bonus 
von vier Zl pro Stunde) allen Arbeiter*innen zusteht - und erwarten vom 
Unternehmen eine Erklärung sowie die Aufnahme von Gesprächen über das Thema 
dieses Zuschlags".

Am 13. November bekamen wir eine Antwort von Amazon: "Wir teilen Ihnen mit, dass 
die Zeitarbeitsagenturen bezüglich ihrer Beschäftigten eine von Amazon 
unabhängige Lohnpolitik betreiben. Der Bonus, den die Gewerkschaft in ihrem 
Schreiben erwähnt, ist kein von Amazon vorgeschlagener Bonus, und der Arbeitgeber 
ist keine Partei in dieser Angelegenheit (...)" Amazon geht weder darauf ein, 
dass die Arbeiter*innen erregt sind, diese Lohnpolitik als Respektlosigkeit 
empfinden und zu Protestaktionen greifen, noch darauf, dass die gewerkschaftliche 
Seite die Bereitschaft zu Gesprächen erklärt hat. Wir konnten stattdessen lesen, 
dass die Arbeiter*innen Feiertagsgratifikationen aus dem Betrieblichen 
Sozialleistungsfonds (ZFSS) bekämen (obwohl bekannt ist, dass die Bildung des 
Fonds per Gesetz geregelt und nicht das Ergebnis des guten Willens des 
Unternehmens ist) und dass es "schon traditionell im November und Dezember 
zahlreiche Wettbewerbe und Attraktionen geben wird, deren Einzelheiten in Kürze 
bekannt gegeben werden". Die Attraktionen bestehen - laut den in den Lagerhäusern 
ausgehängten Plakaten - aus einem Donut mit Zuckerguss, einem Getränk oder Imbiss.

Die Gewerkschaft unterstützt und dokumentiert die von der Basis ausgehenden 
Aktionen der Arbeiter*innen. Uns erreichen Informationen, dass sich weitere Leute 
anschließen wollen, vor allem am kommenden "Black Friday", wenn sich die 
Arbeitsbelastung intensiviert. Die Inicjatywa Pracownicza erklärt, dass sie diese 
Proteste unterstützen wird, und falls es erforderlich ist, Rechtshilfe für die 
Teilnehmer*innen garantiert.

2 000 für alle! Wer uns unterstützt, sollte eine solche Weste tragen!

OZZ Inicjatywa Pracownicza Amazon

ipamazon at wp.pl - 736 850 536

(17.11.2020)

https://www.ozzip.pl/informacje/ogolnopolskie/item/2712-2-000-dla-kazdego-pracownicy-amazon-domagaja-sie-dodatku-a-nie-paczka-z-lukrem#prettyPhoto


https://www.fau.org/artikel/2000-zl-fuer-alle-protestaktionen-in-den-lagern-von-amazon-polen


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