(de) FAU, direkte aktion: TAUSEND STRAHLENDE SONNEN -- Eine Buchbesprechung -- Kultur, Von: Steff Brenner

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Di Dez 1 08:37:06 CET 2020


Der Roman "Tausend strahlende Sonnen" erzählt die Geschichte zweier Frauen in 
Afghanistan zwischen 1970 und Mitte der 00er Jahre. Dieses Buch tut verdammt weh, 
es schmerzt durch seine Authentizität, durch die Alltäglichkeit des Schicksals 
seiner Protagonistinnen - und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum 
Verständnis der feministischen Gegenwartsaufgaben. ---- Der Autor Khaled Hosseini 
erzählt mit viel Empathie und einem guten Auge für die inneren Widersprüche und 
Details eine Geschichte patriarchal-religiöser Gewalt und Ohnmacht. Er erzählt 
von Frauen, die nie eine Chance auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben haben 
sollten. Es ist eine Geschichte vom Versuch zu Überleben, sich als Mensch zu 
erhalten, in einer Umwelt in der mensch eigentlich nur verzweifeln kann.

Das Bedrückende daran ist, dass es eben eigentlich nicht um ganz besondere 
Schicksale geht. Zwar sind die einzelnen Windungen, Schicksalsschläge und 
Verknüpfungen für sich genommen natürlich individuell, trotzdem könnten diese 
Geschichten in tausenden ähnlichen Varianten für zig tausende Frauen erzählt 
werden, nicht nur in Afghanistan, sondern ebenso - mit geänderten 
Rahmenbedingungen - im Iran, in Syrien, im Jemen, in Pakistan und in vielen 
anderen Ländern der Erde.

Hosseini führt die Leser_innen ganz nebenbei und mit nüchternem Blick auch durch 
die verschiedenen Phasen der jüngeren afghanischen Geschichte, schildert aus der 
Sicht einfacher Frauen die Herrschaft der Sowjet-Union, der Mudschahidin und der 
Taliban.

"Tausend strahlende Sonnen" ist ein Buch, das einem westlichen Publikum leicht 
nahebringen kann, warum sich 3000 km weiter westlich minderjährige Frauen in 
Irak, Syrien und der Türkei den Frauen-Verteidigungseinheiten der 
kommunalistischen Revolution anschließen wollen. Es führt solidarischen Männern, 
aber auch den relativ privilegierten Frauen der "westlichen" Linken, noch einmal 
plastisch vor Augen, wie notwendig eine internationalistische, revolutionäre 
Perspektive auf den Feminismus ist. Es zeigt hoffentlich ebenso, dass die 
unermessliche Gewalt gegen Frauen - oft genug gestützt durch deutsche 
Ausbildungseinsätze und Waffenlieferungen für patriarchale Regime - weder als ein 
Nebenwiderspruch behandelt, noch in der Debatte um den hiesigen Feminismus 
vergessen werden kann.

Sich als Feministen verstehende Männer in Deutschland denken und handeln oft so, 
als wären die Grundlagen für ein unbefangenes, gleichberechtigtes Verhältnis 
zwischen Mann und Frau[1]bereits geschaffen. Dieses Buch zeigt plastisch - und es 
würden sich auch leicht Geschichten aus Deutschland finden, die das 
unterstreichen - dass Männer immer noch in der gesellschaftlichen Position sind, 
das Leben einer Frau nachhaltig zu zerstören, dass Frauen immer noch gut daran 
tun, misstrauisch und wachsam auf Männer zu zugehen. Auf der anderen Seite ist 
der deutsche Feminismus oft erstaunlich fixiert auf die eigenen, ihn prägenden 
Umstände, auf eine akademische, weiße Perspektive. Die tatkräftige Unterstützung 
für die revolutionär-feministischen Bewegungen außerhalb Europas wie für die 
migrantischen, nicht-akademisch geprägten und proletarischen Schwestern fällt oft 
ernüchternd gering aus.

"Tausend strahlende Sonnen" führt in Frauen-Realitäten ein, in denen Frausein ein 
einziges Gefängnis darstellt, die ganze Gesellschaft sich als 
Gefängniswärter_innen betätigt, in der Flucht unmöglich erscheint und schnell das 
Leben kostet. Geprägt von Religion, Tradition und patriarchalem Privileg lauert 
der Feind im Vater, Bruder, Mann und eben auch potentiell im eigenen Sohn, den 
mensch unter Hingabe und Selbstaufopferung groß zieht. Diese Perspektive ist 
vermutlich leider immernoch - global betrachtet - die Mehrheitsperspektive von 
Frauen und spielt dafür in deutschen Diskussionen nur sehr schlagwortartig eine 
Rolle.

Hosseinis Buch sollte insbesondere Männer aufrütteln, fordert sie auf den Blick 
für Frauen-Perspektiven zu schärfen, Empathie zu entwickeln und auch bzw. gerade 
aus der privilegierten Position heraus alles dafür zu tun, dass dieses Unrecht 
ein Ende findet. Nicht nur um ihrer Mütter, Schwestern, Töchter und Partnerinnen 
willen, sondern auch um ihrer selbst und ihrer Liebe willen, weil echte Liebe nur 
unter Respekt gedeihen kann.

Titelbild: Pixabay

https://direkteaktion.org/tausend-strahlende-sonnen/


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