(de) Libertäre Kommunist*innen Osnabrück: Interview mit Daniel Kulla zu Corona, Verschwörungsideologie und Klassenkampf By LiKOS

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
So Aug 30 09:10:07 CEST 2020


Daniel Kulla ist Schriftsteller und Journalist. Er veröffentlichte u.a. Bücher über Rausch und Verschwörungsideologien. Außerdem schreibt er 
für verschiedene linke Publikationen. Auf seinem Blog https://www.classless.org/ veröffentlicht er regelmäßig Beiträge u.a. auch zu den 
Themen Corona-Pandemie, Verschwörungsideologien und Klassenkampf. Das Interview wurde per E-Mail geführt. ---- Für viele Kulturschaffende, 
Autor*innen und Referent*innen bringt die Corona-Krise massive Einschränkungen mit sich. Viele haben Schwierigkeiten, aufgrund fehlender 
Auftrittsmöglichkeiten ihren Lebensunterhalt zu sichern. Wie gehst du mit der derzeitigen Situation um? ---- Ich versuche so wenig wie 
möglich zur Ausbreitung der Pandemie beizutragen und trotzdem alles zu tun, was weiterhin geht, das heißt vor allem Schreiben und, soweit 
die Bedingungen es zulassen, Aufnahmen machen. Ich habe aber auch um finanzielle Unterstützung bitten müssen.

Wie würdest du ganz allgemein den Umgang in linken Zusammenhängen mit der Corona-Krise einschätzen? Sind Online-Demos und Live-Streams nur 
eine hilflose Reaktion auf die derzeitigen Einschränkungen? Oder können derartige "neue Aktionsformen" auch in Zukunft eine sinnvolle 
Erweiterung darstellen?

Es ist schwierig da einen richtigen Überblick zu haben. Ich freue mich über alle, die versuchen Pandemieschutz und im weitesten Sinne 
Organisation zu verbinden, kann aber die jeweiligen Handlungsspielräume und Dringlichkeiten aus der Entfernung gerade auch oft nur schlecht 
einschätzen. Ebenso wichtig scheint mir die Verbindung von Online- und Offline-Welt, die hierzulande bisher mäßig weit vorangeschritten ist 
- die diesbezüglichen Defizite treten derzeit deutlich zutage, vielleicht trägt die Quarantäne aber auch dazu bei, dass diese Sphären nicht 
mehr so getrennt gedacht werden. Um Forderungen und Erklärungen sichtbar zu halten, während sie anders nicht verbreitet werden können, halte 
ich das Internet auf jeden Fall für unverzichtbar.

Was genau meinst du mit der Verbindung von Online- und Offline-Welt und den diesbezüglichen Defiziten? Kannst du das an einem Beispiel 
verdeutlichen?

In den USA wurden z.B. die Proteste zum Teil durch Livestreams begleitet, die sich ganz praktisch auf das Geschehen auswirkten - das beginnt 
sich hier zwar auch alles zu regen, scheint mir im Vergleich aber nach wie vor relativ minoritär und "Neuland". Deutschland ist vielleicht 
das einzige Land auf der Welt, in dem das Internet immer noch als etwas Neues gilt.

Warum erhalten deiner Meinung nach Verschwörungsideologien derzeit einen so hohen Zulauf und eine so hohe Aufmerksamkeit in den Medien? Sind 
solche Ideologien auch bei Linken anschlussfähig? Wenn ja, bei welchen Teilen der "Linken"?

Die Annahme oder Unterstellung übermächtiger verborgener Instanzen kann helfen, ideologische Erzählungen (in der Gegenwart zuallererst die 
Erzählung von der guten eigenen Nation) zu kitten, wenn sie einen Riss bekommen, wenn sie nicht mehr aufgehen. Auf der individuellen Ebene 
hat das oft mit realem oder befürchtetem Status- oder Einkommensverlust zu tun, also mit der ausbleibenden Belohnung für die Identifikation 
mit dem Staat, aber auch konkret mit der Wahrnehmung von Freund und Feind. Wenn es mithilfe dieses Kitts gelingt, die Welt für sich wieder 
plausibel zu machen ohne an der ideologischen Grunderzählung zu rütteln, kann das auch für andere mit ähnlichem Riss im Weltbild attraktiv 
werden, und diejenigen, die den Kitt anbieten, werden als Wortführende einer Bewegung in ihrem Status real aufgewertet. Auch Linke können 
sich an solchem Kitt bedienen oder ihn erzeugen, sofern sie ideologische Erzählungen zu reparieren haben - in den letzten Wochen dürfte das 
vor allem passiert sein, um die eigenen Gewohnheiten und sozialen Milieus vom Pandemieschutz ausnehmen zu können, es gibt aber auch manche 
mit stärkerer Haftung an der Nation. Bislang würde ich aber nicht behaupten, dass das wirklich viele Linke betrifft.

Inwiefern würdest du den Positionen eines Teils der Teilnehmer*innen an den sogenannten "Hygienedemos" eine Berechtigung zugestehen?

Sofern seit Beginn der Pandemie für besseren Schutz, gegen rassistische und sonstig diskriminierende Sonderbehandlung protestiert wurde, war 
das trotz des dadurch kurzzeitig erhöhten Infektionsrisikos wohl gut und wichtig - diese Zielrichtung war bei den genannten Demos jedoch so 
gut wie nicht vertreten. Vielmehr ging es zuallererst gegen den Pandemieschutz selbst, ging es um dessen direkte Unterlaufung, mehr oder 
weniger bewusst zur vollen Wiederherstellung der allgemeinen Mehrwertproduktion. Soweit staatliche Willkür thematisiert wurde, lag bis auf 
wenige Ausnahmen der Schwerpunkt darauf, dass es zur Abwechslung mal einen selbst erwischt statt derjenigen, die es richtigerweise sonst 
immer erwischt.

Viele Leute auf Seiten der sog. Hygiene-Demos sind der Ansicht, Bill Gates sei der Urheber des Corona-Virus, das Virus sei harmlos oder gar 
eine Lüge. Was wäre dein Erklärungsansatz, warum sich die Ideologie der Verschwörungsideolog*innen gerade so zusammensetzt?

Um den Laden wieder voll laufen zu lassen, musste die Realität der Pandemie irgendwie aus dem Weg geschafft werden. Da sich die Rede von der 
Harmlosigkeit mit wachsenden Totenzahlen und größerer Nähe immer schlechter aufrechterhalten ließ, musste tiefer in die Trickkiste gegriffen 
werden - das klingt jetzt mehr nach Manipulation, dürfte aber vor allem Überzeugung sein. Ideologie hilft die Welt ans Bild von ihr 
anzupassen. Insofern wird die auch sonst übliche Gegenüberstellung des guten eigenen und des bösen anderen Kapitals nun in dieser Weise 
verschärft: Attila Hildmann wirft Gates ja gerade vor, sein Vermögen nicht weiter vermehren zu wollen, sondern außerökonomische und 
niederträchtige Motive zu hegen. Die Pläne des Monopolkapitals stehen dem eigenen Geschäftserfolg und damit dem Erfolg der Nation im Weg. 
Wie relevant dieser konkrete Kitt noch wird, hängt sicher sehr davon ab, ob der ganz gewöhnliche Nationalismus die schon teilweise 
etablierte Gleichgültigkeit gegenüber dem anhaltenden Sterben und Leiden weiter ausbauen kann.

Lächerlich machen oder ernst nehmen? Blockieren oder diskutieren? Was wäre eine wirksame Gegenstrategie, um diesen Protesten zu begegnen? 
Wie kann eine klare Abgrenzung einer emanzipatorischen Linken gegenüber autoritären Lösungen und den Forderungen nach einer 
Wiederherstellung des kapitalistischen Normalzustandes aussehen?

Es gibt nach wie vor das gleiche zu tun wie immer. Einerseits müssen die Abwehrkämpfe gegen die handgreiflichen und immer wieder tödlichen 
Verwirklichungen all der Ideologie, sei es aus Richtung faschistischer Gruppen oder aus Richtung der Staatsgewalt, geführt und Solidarität 
mit den Betroffenen geleistet werden. Andererseits geht es darum, der ganzen Ideologie ihre Grundlage, die herrschaftliche Konkurrenz, durch 
möglichst egalitäre Zusammenschlüsse zu entziehen, am besten direkt um die eigene Arbeits- und Lebensrealität herum. Für beides ist die 
häufige Abgrenzung im Sinne von Distinktion, Lächerlichmachung, Gegenabwertung usw. hochgradig kontraproduktiv. Es sollte mehr erklärt, 
gekämpft, sich zusammengetan und umeinander gekümmert werden statt sich auf die Brust zu schlagen, Ideologie zu pathologisieren und ums 
krasseste Bekenntnis zu wetteifern.

Aktuell und auch perspektivisch wird die Corona-Krise und die Wirtschaftskrise für viele Menschen schwerwiegende Veränderungen verursachen. 
Widerstand dagegen in Form von Klassenkampf findet nur punktuell statt und wird in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht wahrgenommen. Was 
braucht es, damit die Menschen die Corona-Krise auch als ein Problem des Kapitalismus begreifen und sich, abseits von Forderungen an den 
Staat, selbst organisieren und ihre eigenen Interessen vertreten?

Die Beispielwirkung von Arbeitskämpfen ist weiterhin trotzdem das Beste, was wir haben - wie umsichtig die FAU Bonn die streikenden 
Erntearbeitskräfte in Bornheim unterstützt hat, finde ich vorbildlich, daran sollte angeknüpft werden. Aber generell sind das lange 
Prozesse, die anzustoßen sind, wie am "Streikzug" der NGG Ost zu sehen ist, der durch den erfolgreichen Arbeitskampf bei Teigwaren Riesa 
seit Monaten immer mehr Fahrt aufnimmt und in zahlreichen Betrieben mittlerweile eine ganz reale Organisationswirkung hat. Diese ganz reale 
Erfahrung von durchsetzungsfähigen Zusammenschlüssen, das Kennenlernen der anderen Arbeitskräfte um einen herum und in den anderen 
Betrieben, die entstehenden Verknüpfungen in andere Lebenslagen und Konfliktfelder sind die günstigste Grundlage für die Erkenntnis, wer den 
ganzen Laden schmeißt und wie - und wer ihn auch gleich ganz selbst schmeißen kann.

In der Corona-Krise werden an einigen Stellen besonders schlechte Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse sichtbar. Die Situation 
von Arbeiter*innen z.B. in der Pflege und in der Fleischindustrie wird problematisiert. Tätigkeiten, die als "systemrelevant" eingeordnet 
werden, werden mit Applaus bedacht, die Arbeiter*innen werden als aufopferungsvolle "Held*innen" stilisiert. Was können die Arbeiter*innen 
tun, um diese Aufmerksamkeit für konkrete Verbesserungen ihrer Situation zu nutzen? Wie kann die Linke an dieser Stelle unterstützen?

Es steht zu befürchten, dass das eher besserverdienende schlechte Gewissen, das da applaudiert und sich empört hat, als Verbündeter für 
weitergehende Kämpfe nicht viel taugt - zu deutlich war das als Ersatz für Verbesserung der Arbeitsbedingungen gedacht, zu schnell ging es 
auch bei Bornheim um die Änderung des eigenen Konsums. Die erhöhte Sichtbarkeit könnte trotzdem dazu beitragen, dass sich andere Betroffene 
aus der Deckung wagen - und das sollte unter allen Umständen unterstützt und geschützt werden. Ich denke, auch hier ist nicht viel Neues zu 
sagen: stattfindende Kämpfe unterstützen und verbinden, praktische Hilfe leisten, sie an die passende große Glocke hängen, sich mit der 
eigenen Welterklärung zurückhalten (außer sie passt wirklich mal oder wird wirklich nachgefragt), und so möglichst viele Beispiele schaffen, 
die möglichst viele Beispiele schaffen usw. usf.

Einerseits sollten linke Unterstützer*innen von Arbeitskämpfen eigene Analysen und Forderungen zugunsten der Forderungen der Arbeiter*innen 
zurücknehmen ("sich mit der eigenen Welterklärung zurückhalten"). Andererseits ist es unserer Meinung nach problematisch, nicht klar zu 
kommunizieren, wer denn da eigentlich unterstützt. Vor dem Hintergrund, dass gerade osteuropäische Arbeiter*innen ein Problem mit dem 
Begriff "Kommunismus" haben dürften, könnte dies zu Problemen führen. Wie würdest du mit dieser Situation umgehen?

Ich finde das in der Sache nicht schwierig - die Kämpfe unterstützen und auftretende Fragen zum weiteren Vorgehen, zur Rahmensituation und 
natürlich auch zur eigenen Motivation beantworten. Das Problem hat eher was mit Rollen- und Redeverhalten zu tun, inwiefern sich also auf 
Augenhöhe begegnet bzw. das zumindest so gut wie möglich angestrebt wird, inwiefern die innerlinke Konkurrenz auch im Rahmen dieser Kämpfe 
ausgetragen werden muss, sich mit ihnen eher geschmückt werden soll als sie um ihrer selbst und aller willen zu unterstützen.

Wie schätzt du die Proteste in den USA im Zusammenhang mit der Ermordung George Floyds ein? Kann bezüglich der Heftigkeit der Proteste ein 
Zusammenhang gezogen werden zum Einfluss der Corona-Krise, die ja die schwarze Community in einem besonders schlimmen Maße trifft?

Dazu gäbe es sehr viel zu sagen - in aller Kürze: die plötzliche Massenarbeitslosigkeit und die überproportionale Betroffenheit durch die 
Pandemie haben diese Proteste sicherlich mit entzündet und so groß werden lassen, sie haben aber eine lange Vorgeschichte von immer neuen 
Aufständen und Protesten bis in die jüngste Vergangenheit sowie von der Erfahrung des Ausbleibens eines grundlegenden Wandels. Bisher 
beeindruckt mich, wie sich (nicht nur) in den USA nun die Sphären und Kämpfe verbinden. Vor zwei Wochen schrieb ich dies:

"‚Tikkun Olam heißt Black Lives Matter‘ rufen jüdische Aktivisten derzeit in den USA und auch in Deutschland und erklären so das Anliegen 
der Proteste zu einer der Scherben, in die eine Menschheit zersplittert ist, die wieder zusammengeführt werden muss. ‚Pride is a riot‘ stand 
auf dem Transparent, das von Demonstrierenden über dem Stonewall Inn angebracht wurde, bevor sie sich als NYC Pride den übrigen Protesten in 
Massen anschlossen. ‚Krankenschwestern haben gegen Covid-19 gekämpft, jetzt kämpfen wir gegen die Cops‘ hatte Jillian Primiano auf ihr 
Schild geschrieben, bevor sie die Straße für genau diese Proteste freihalten half. Mit ‚We All We Got, We All We Need‘ (‚Wir sind alles, was 
wir haben, wir sind alles, was wir brauchen‘) wird in New York zu den Protesten aufgerufen. Nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht!"

(Mit Unterstützung der antifaschistischen Hochschulinitiative der Universität Osnabrück)

https://likos.noblogs.org/2020/07/08/interview-mit-daniel-kulla-zu-corona-verschwoerungsideologie-und-klassenkampf/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de