(de) FAU, direkte aktion: AUSGELIEFERT IN DER KRISE (en)

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Mo Aug 24 07:05:31 CEST 2020


Erst kommt das Schnitzel, dann kommt die Moral. Ein Interview mit Lieferando-Fahrer*innen der Betriebsgruppe der FAU Berlin. ---- Betrieb & 
Gesellschaft Von: Chris Weber und Hans Peter - 19. August 2020 ---- Als Corona losging, musstest du trotzdem raus zum Liefern. Dich selbst 
und Andere in Gefahr bringen, das sollte kein Teil einer Jobbeschreibung sein - und war dann plötzlich Teil deines Jobs. Was ist im März und 
April 2020 bei den Fahrer*innen ("Ridern") von Lieferando passiert? Was passiert dort jetzt? Das folgende Interview geht auf diese Fragen 
ein, aber es soll gleichzeitig auch zur Schaffung eines größeren Bildes beitragen.[1] ---- Wenn wir in die Fleischindustrie, ins 
Gesundheitswesen - oder die Agrarindustrie schauen, können wir erkennen wie prekäre Arbeit in Krisensituationen aussieht. Die Zustände in 
den Branchen sind keine Einzelfälle, sondern exemplarisch für Missmanagement und Versagen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung.

In der Krise sind Fahrer*innen den Profitinteressen von Luxusbedürftigen und Lieferdienstkapitalisten #ausgeliefert.
Lieferando - die dominierende deutsche Tochterfirma des Liefergiganten TakeAway.com - ist nur ein weiteres Beispiel für gefährliches 
Versagen privater Firmen in der Krise. Aber die Bewältigung der Krise durch Lieferando Rider ist auch ein weiteres Beispiel einer Idee, die 
älter ist als der Kapitalismus selbst: Die Selbstorganisation von Arbeiter*innen. In diesem Artikel sprechen Lieferando Rider über 
Infektionsrisiken, denen sie bei ihrer Arbeit #ausgeliefert sind, aber auch über Forderungen, die sie durchsetzen wollen, um ihre Situation 
zu verbessern.

Was sind eure größten Sorgen in dieser Krise?

Der Job war schon immer gefährlich. Wir sind im Straßenverkehr mit schweren und sperrigen Rucksäcken auf teilweise gefährlich schlecht 
gewarteten Rädern unterwegs. Dabei müssen wir uns vor gestressten Geschäftsleuten in Acht nehmen, die auf die Straße springen, während 
gerade ein wütender, rücksichtsloser SUV-Fahrer überholt. Da können wir uns weniger darum sorgen, ob die Suppe noch im Behälter ist oder 
schon im ganzen Rucksack. Jetzt haben wir es zudem noch mit Corona zu tun: Vom Restaurant bis zum Kunden das Risiko, sich anzustecken und 
dadurch krank zu werden, oder selbst das Virus zu verbreiten.

Hat Lieferando auf die Pandemie reagiert?

Ja, aber Lieferando (oder "TakeAway.com", das Unternehmen, dem in Deutschland auch "Foodora" und "DeliveryHero" gehören) hat langsam 
reagiert. In Anbetracht der Verantwortung, die Lieferando gegenüber seinen Mitarbeiter*innen, dem Personal der Restaurants und den 
Kund*innen trägt, kann das Vorgehen zwar mit Profitinteresse erklärt werden, aber entschuldigen lässt es sich nicht. Die Rider wurden auf 
der Straße mit dem Virus allein gelassen. Lieferando hat hauptsächlich den Lieferbetrieb so normal wie möglich aufrecht gehalten und damit 
Ridern zusätzliche Verantwortung aufgeladen. Lieferando hat die Rider zusätzlichen Gefahren #ausgeliefert und auch Kolleg*innen während der 
Krise auf die Straße gesetzt, also gekündigt oder sie nach Befristungsende nicht weiter beschäftigt.

Wie sahen Lieferandos erste Reaktionen aus?

Rider haben kaum etwas von Lieferando gehört. Lieferando hat weder Mitarbeiter*innentreffen, noch Schulungen durchgeführt, oder einen 
persönlichen Austausch ermöglicht. Lieferando kommuniziert mit Ridern generell nur durch kleine Notizen oder kurze, oft missverständliche 
E-Mails. Die ersten Informationen und die folgenden Aktualisierungen konzentrierten sich ausschließlich auf die physische Distanzierung und 
Desinfektionsmaßnahmen. Lieferando betonte 1,5 m Abstand voneinander zu halten und sich die Hände zu waschen. Der tatsächliche Nutzen dieser 
Informationen war fragwürdig, da Lieferando die Hygienemaßnahmen nicht vollständig durchdachte. Erst Monate später gab es eine Präsentation, 
in der Hygienemaßnahmen nicht nur das Ausliefern, also den Kontakt mit Kund*innen betrafen. Es dauerte sehr lang bis Lieferando mit den 
Restaurants und Kund*innen effektiv kommunizierte. Anfangs verweigerten Restaurants den Zugang zu Toiletten, Waschbecken oder 
Desinfektionsmitteln. Kund*innen hielten sich nicht an Hygieneempfehlungen und beschwerten sich sogar über Rider, die Distanz halten 
wollten. Und Lieferando selbst gab erst kein Desinfektionsmittel heraus, dann eine kleine Menge, die anscheinend unwirksam gegen Viren war. 
Bis den Ridern eine vollständige Sicherheitsausrüstung (Einweghandschuhe, Gesichtsmasken, Desinfektionsgel) zur Verfügung gestellt wurde, 
veröffentlichte Lieferando Aussagen wie

"Handschuhe und Gesichtsmasken würden dem Rider ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln und ihn so dazu verleiten, andere 
Sicherheitsmaßnahmen zu vernachlässigen".

Als es in Berlin mehr Infektionen gab, schloss Lieferando seine Lieferzentrale (genannt "Hub") für Rider. Der Hub-Kolleg*innen schirmten 
sich ab. Rider blieben Anfangs ohne Schutz oder Unterstützung auf der Straße. Der Hub war vorher der Ort, an dem die Fahrer*innen zu Beginn 
ihrer Schicht ihre Ausrüstung abholten. Nach der Schließung des Hubs erhielten einige Rider dauerhaft Rucksäcke, Helme und Leihräder. Da 
Rider nun nicht mehr in den Hub durften, sollten sie von Zuhause aus starten. Genau wie die ehemaligen foodora-Rider mussten nun alle Rider 
ihre Ausrüstung ohne finanzielle Entschädigung selbst lagern, reinigen und reparieren. Für Lieferando reduzierte sich die Anzahl der 
Personen in dem Hub. Für Rider stiegen Belastungen und Risiken auf der Straße und zuhause. Lieferandos Firmenkonzept lässt kaum Platz für 
Hygienemaßnahmen oder Abstandsregelungen im Betrieb selbst. Auch ohne Corona ist der Hub zu eng, vollgestellt mit mangelhaft gewarteten, 
abgenutzten Rädern und stinkenden, durchnässten Rucksäcken. Seit Corona belastet Lieferando die Rider mit zusätzlicher Verantwortung, auf 
die sie nicht vorbereitet sind - und für die sie weder ausreichend geschult noch bezahlt werden. Auch das ist typisch für kapitalistische 
Ausbeutung.

Wie sieht die Situation jetzt aus, wo wir uns schon einige Monate in der Krise befinden?

Es dauerte etwa einen Monat, bis sich Lieferando auf die Notlage eingestellt hatte. Im Laufe der Zeit wurden die Informationen häufiger und 
inhaltlich besser: Im Chat der App machte Lieferando immer wieder neue Anweisungen zum Umgang mit Abholungen und Lieferungen. Bei sanitären 
Einrichtungen wurde stärker auf öffentliche Toiletten zurückgegriffen. Die Anweisungen und Informationen von Lieferando sind meist kurz und 
missverständlich, deswegen helfen sich die Rider in Chatgruppen, in ihrem Umfeld oder sie versuchen allein Wege zu finden, die Anweisungen 
sinnvoll umzusetzen.

Der chaotische und undurchsichtige Umgang von Lieferando mit Arbeiter*innen, Restaurants und Kund*innen konnte am Online-Trinkgeld Skandal 
beobachtet werden. Lieferando führte sehr überraschend eine Möglichkeit ein Trinkgeld online zu geben. Dies hatte wenig mit Covid-19 zu tun, 
obwohl Rider versuchten sich vor Infektionen durch Trinkgeld zu schützen. Alles, was die Rider mitbekamen war, dass nach einem Update der 
Liefer-App einige "Trinkgeld" angezeigt bekamen. Rider wurden zum online Trinkgeld weder befragt, noch unterwiesen, sonder gezwungen. Manche 
Rider wollen weiter Bargeld als Trinkgeld und versuchen mögliche Infektionsgefahren beim Entgegennehmen zu vermindern. Einige Rider fürchten 
weniger verdienen zu können, weil sie weniger bares Trinkgeld bekommen und das online Trinkgeld nun auf der Lohnabrechnung erscheint. Die 
Unternehmensführung lässt uns, wie fast immer, keine Wahl und mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen allein.

Der Online Trinkgeld Skandal zeigt, dass Skepsis und Misstrauen der Rider wegen des intransparentem, willkürlichem Umgangs von Lieferando 
berechtigt sind. Einige Rider bekamen erst nach zwei Monaten ihre Online Trinkgelder ausgezahlt. Wer weiß, wie Viele überhaupt betroffen sind?

Reichen die Maßnahmen aus?

Die Maßnahmen von Lieferando waren bisher eher unzureichend, verspätet oder verantwortungslos. Lieferando scheint die Kommunikation nach 
außen wichtiger zu sein, als die mit den Ridern. Beschwerden von Ridern werden erst wahrgenommen, wenn es öffentlichen Druck gibt. Die 
verzögerten Reaktionen und die allgemeine Verantwortungslosigkeit von Lieferando gegenüber den Beschäftigten gefährdet die Gesundheit der 
Rider, Restaurants und Kund*innen. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass jeder Rider in der Lage ist, die Rucksäcke und Kleidung bei sich zu 
Hause zu lagern oder zu desinfizieren. Manche Rider wohnen mit über 8 weiteren Personen in einer Wohnung und teilen sich das Zimmer auch mal 
mit drei oder 4 anderen Menschen. Arbeiter*innen in anderen Bereichen, zum Beispiel im Krankenhaus, können ihre potentiell ansteckende 
Ausrüstung auf der Arbeit lassen. Lieferando zwingt Rider, ihre Familien oder Mitbewohner*innen zu gefährden. Lieferando entzieht sich 
seiner Verwantwortung und wälzt sie auf die Gesellschaft ab. Die unterbezahlten Arbeiter*innen und ihr Umfeld müssen die Verantwortung und 
Kosten übernehmen. Lieferando steigert so seine Gewinne, während für Arbeiter*innen und Öffentlichkeit die realen Löhne sinken und Last und 
Risiko steigen. Die Auslagerung von Kosten auf der Umfeld und damit dessen Ausbeutung ist typisch für kapitalistische Wirtschaftsweisen.

Was muss sich bei Lieferando ändern, um mit der Situation besser umgehen zu können?

Es ist bemerkenswert und beunruhigend, dass sich sowohl Staat als auch Bosse noch immer mehr Sorgen um das Wachstum der Wirtschaft machen 
aber nicht um das Wohlergehen der Arbeiter*innen und Kund*innen. Lieferando oder der Staat müssen angemessene Schutzausrüstung zur Verfügung 
stellen, anstatt die Rider damit zu belasten - und dann auf das Beste zu hoffen. Lieferando muss unsere Ausrüstung von einem professionellen 
Team ordnungsgemäß reinigen und desinfizieren lassen. Lieferando muss die sanitären Standards in der gesamten Lieferkette, einschließlich 
der Partnerrestaurants, auf einen hygienisch akzeptablen Stand bringen, nicht nur während Corona. Hygiensch gesehen ist das Essen im 
Restaurant dem Essen im Rucksack nicht gleich.

Was Lieferando und das Verhältnis zu den Mitarbeiter*innen betrifft, so ist die Ausnutzung der oft prekären Lebenssituationen der 
Arbeiter*innen eklatant. Lieferando zahlt Mindestlohn oder ein wenig darüber. Das deckt nicht grundlegende Lebenshaltungskosten. Rider sind 
Mobbing-Situationen, psychischem Druck und Drohungen ausgesetzt. Bei den meisten Problemen lautet die Lösung von Lieferando: Kündigung! 
Lieferando stützt sich auf Unsicherheiten derer, die mit der deutschen Sprache oder dem deutschen Recht nicht vertraut sind. Die ehemaligen 
Foodora Rider leiden unter noch schlechteren Vertrags- und Arbeitsbedingungen. Obwohl sie die gleiche Arbeit machen, behandelt Lieferando 
sie schlechter. Sie fahren mit ihrem eigenen Rad und bekommen zum Teil einen geringeren Lohn. Auch macht den ex-Foodora Ridern zu schaffen, 
dass sie meist vollkommen auf sich gestellt sind. Lieferando ignoriert sie und kommuniziert kaum mit ihnen.

Habt ihr noch ein paar Worte für eure Kolleg*innen, vielleicht darüber, was sie tun können, um diese Situation zu ändern?

Lieferando spaltet und isoliert uns. Unsere Ausbeutung basiert darauf, dass wir allein sind, uns nicht füreinander einsetzen also 
solidarisieren und nicht genug Wissen, Zeit oder Geld haben, um uns zu wehren oder anderen zu helfen. Aber wir brauchen nicht viel, um 
unsere Situation zu ändern und wir müssen nicht Viele sein. Alles, was wir brauchen, ist ein wenig gegenseitige Unterstützung, also 
Solidarität. Lasst uns zusammen kommen um unsere Probleme und Lösungen zu teilen. Akzeptiert nicht jede Situation, die Lieferando uns 
aufzwingen will.

Dein Fahrrad ist kaputt? Lieferando muss die Reparatur zahlen! Deine Ausrüstung ist schmutzig? Lieferando muss dich fürs Saubermachen 
bezahlen! Du bist krank oder hast wegen Corona Angst zur Arbeit zu gehen? Du willst einen unbefristeten Vertrag? Du kriegst deinen Lohn nur 
teilweise, ohne Trinkgeld oder verspätet? Du bist nicht allein! Sprich mit dem Rider neben dir. Kontaktiere Unterstützungsgruppen oder 
Gewerkschaften. Gemeinsam, auch in kleinen Gruppen, können wir Dinge ändern!

https://direkteaktion.org/ausgeliefert-in-der-krise/


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