(de) FAU, direkte aktion: DAS DILEMMA MIT DER HIERARCHIE -- Kultur, Von: Robert Schramm

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Mi Aug 19 08:02:41 CEST 2020


Das Buch "Das Guruparadox" ist nicht nur ein Aufruf zur Aktion gegen sich reproduzierende Hierarchien in sozialen Verteilungskämpfen um 
Aufmerksamkeit, sondern auch einer gegen die emotionale Selbstsabotage. Eine Buchrezension. ---- Obwohl auch für den gesellschaftlichen 
Mainstream immer klarer wird, dass der Kapitalismus suizidalen Grundprinzipien folgt, schafft es die autoritätskritische Linke nicht, sich 
politisch als Breitenphänomen zu etablieren. Praktische Ansätze, Theorien, Gruppierungen und engagierte Menschen gibt es aber doch 
eigentlich mehr als genug. Jedoch wirkt insbesondere die anarchistische Bewegung in Fraktionskämpfe verstrickt und zu kollektivem, 
solidarischen Handeln unfähig. Auf diese Weise ernstzunehmenden politischen Wandel anzustoßen, scheint mir unwahrscheinlich. In einem 
Artikel im Re:Volt Magazin findet sich entsprechend:

"die scharfe Kritik an zentralistischen Organisationen[...]gehört zu den grundlegenden Einsichten der antiautoritären Linken. Allerdings 
schlägt diese Kritik immer wieder in eine bloße Anti-Haltung um."[1]
Zwar weiß ich nicht besonders viel über die reale anarchistische Bewegung, aber ich kenne vermeintlich egalitäre Kommunen. Und da weiß ich 
verdammt gut, wie sehr sich Menschen gegenseitig im Wege stehen können. Und in den egalitären Bewegungen scheinen sich dem Artikel nach 
durchaus ähnliche Muster zu zeigen.

"Das Guruparadox." 2020 erschienen im Verlag Edition AV
Inspirierendes hierzu habe ich jetzt im Buch "Das Guruparadox" des einschlägigen AV-Verlages gefunden. Hierin fasst das Autorenkollektiv 
"Conscious Evolution" die Erfahrungen aus mehreren Jahren Sozialforschung zusammen. Der Kern unseres Gesellschaftssystems ist bekanntermaßen 
eine Konkurrenz erschaffende Mangelsituation. Dies gilt aber eben nicht nur in der Ökonomie, sondern speziell auch im Sozialen. Durch die 
kapitalistisch entfremdete Lebensweise findet sich der moderne Mensch in einer permanenten Bedrohungssituation wieder. Wie bekommt jeder von 
uns ausreichend Zuwendung in einer hyperindividualisierten Massengesellschaft?

Angetrieben von diesem innerpsychischen Dilemma eignen wir uns "Gewinnerstrategien" an, um uns auf dem Markt der sozialen Aufmerksamkeit zu 
behaupten, so die These des Kollektivs. Dabei geht es keineswegs darum, dass automatisch alle an der Spitze stehen wollten. Vielmehr suchen 
wir nach vermeintlich sicheren sozialen Beziehungen, die vor allem immer eines beinhalten: Sich reproduzierende Hierarchie. Ob ich dabei 
oben oder unten stehe, ist eher zweitrangig. Lieber eine abhängige Beziehung als gar keine. Damit ist nur leider unser eigentliches Problem 
nicht gelöst:

"Die Angst ist[...]damit nur in den Hintergrund gedrängt, wirklicher zwischenmenschlicher Kontakt kaum dauerhaft möglich. Der Mangel ist 
eben nicht beseitigt, sondern wird perpetuiert."[2]
So verhält es sich dann nicht nur in Zweierbeziehungen, sondern eben auch in Gruppen: Ein ständiger Kampf um Aufmerksamkeit und eine sichere 
Position im Gemeinschaftsgefüge, um letztlich die eigene Selbstbezogenheit zu bestätigen. Die Hintertür bleibt immer offen. Wenn dann 
Beziehungen oder Gruppen auseinander brechen, ist die Perspektive, die viel Orientierung und damit Sicherheit bietet, die des Opfers. Die 
eigenen, destruktiven Verhaltensmuster und Dominanzansprüche müssen dann gar nicht erst überdacht werden. Es ist einfach immer der*die 
Andere schuld.

Es geht also beim sozialen Verteilungskampf keineswegs darum, in sozialen Gruppen oben in der Hierarchie sein zu wollen. Nicht Wenige haben 
Angst davor. So bleiben Viele gern in der Rolle der Anklagenden, scheinbar Benachteiligten. Denn diese Position bekommt reichlich 
Aufmerksamkeit und hat ihre ganz eigene Macht: Jederzeit kann die Deutungshoheit für das eigene Unrechtsempfinden beansprucht und damit der 
Diskurs verschoben werden. Unerfüllte und unerfüllbare Sehnsüchte lassen sich gut mit Verallgemeinerungen, Schuldzuweisungen und 
politisch-moralischem Framing verschleiern. Auch solche Erfahrungen scheinen in der Bewegung nicht unbekannt zu sein:

"In solchen Diskussionen versuchen die Beteiligten, ihre Standpunkte mit diversen Mitteln durchzusetzen.[...]Man versucht, die Anderen aus 
der Linken auszugrenzen, indem man ihnen Nationalismus, Paternalismus, Eurozentrismus, Populismus und dergleichen vorwirft. Wenn man das 
alles ernst nähme, dann säßen die größten Reaktionäre gerade in den Reihen der Linken selbst."[3]
Aber wie kommt es, dass wir so blind sein können für diese perfide Selbst-Sabotage? Hierfür hat das Buch "Das Guruparadox" eine spannende 
These parat: Der ständige Konflikt innerhalb des eigenen Lagers ist Befriedigung der Kontrollsucht des entfremdeten Menschen. Dies dient 
letztendlich der Erhaltung des Status-Quo, der Verschleierung des eigenen anti-revolutionären Verhaltens. Damit reduziert sich die Angst 
aller Beteiligten. Es ist doch angenehmer, sich selbst auf der Seite der wirklich "Guten" zu wähnen, die, aber ach, umgeben sind von 
reaktionären Vollidiot*Innen, die es einfach noch nicht gecheckt haben. Das ist einfacher als sich bewusst und ohne Schuldzuweisung zu 
emanzipieren.

Dieses Selbstbild ist laut der Arbeitshypothese indes chronisch verzerrt. Die kollektive Verantwortung für das globale Desaster, die 
zumindest niemand hier in der "industrialisierten Welt" so ohne Weiteres von sich weisen kann, wird verschleiert von guten Absichten, 
moralischen Imperativen und Vorwürfen gegenüber Dritten. Hier vollzieht das Autor*innenkollektiv einen radikalen Perspektivenwechsel, und 
genau der ist interessant:

"Ich bin nicht okay, du bist nicht okay und wie gut, dass wir das wissen."[4]
Die vermeintliche moralische Überlegenheit wird damit aufgegeben und eröffnet die Möglichkeit, sich selber auf die Schliche zu kommen. Mit 
diesen Überlegungen wird offensichtlich, warum das Abschaffen formeller Hierarchien allein das darunterliegende Thema nicht lösen kann. Das 
heißt natürlich nicht, dass starre, formelle Hierarchien gut wären. Nein, sie bringen das Bedürfnis nach Verlässlichkeit einfach auf eine 
bestimmte Weise zum Ausdruck. In autoritär geprägten, formell hierarchischen Umfeldern ist die Dominanz offensichtlich, dabei eben 
unflexibel und damit unkreativ.

Eine solche Konstellation kann man beispielsweise gut an hierarchischen Gemeinschaftsprojekten herausarbeiten, die geradezu unweigerlich in 
Sektendynamiken enden.[5]In antiautoritären und vorgeblich "hierarchiefreien" Umfeldern hingegen ist die Dominanz informell, intransparent 
und meist durch den Machtanspruch der moralischen Überlegenheit verschleiert. Fügt sich die Gruppe nicht der flexiblen und wechselnden 
Definitionshoheit der subtil Mächtigen, führt das fast unweigerlich zur Sprengung des Gruppenkontextes. Auch das findet sich in dem Re:volt 
Artikel wieder:

"Die Konsequenzen solcher eskalierender Diskussionen sind regelmäßig Spaltungen von Gruppen, Sektierertum, vermeintlich unüberbrückbare 
persönliche Differenzen, ritualhaftes Abgrenzen von bestimmten Standpunkten."[6]
Das ist also unser Dilemma:

Aus Angst schaffen wir regelmäßig Kontexte, die durch ihre Voraussagbarkeit die Angst reduzieren. Und zwar sowohl mit als auch ohne formelle 
Hierarchie! Das Kollektiv wählte daher für seine jahrelangen Gruppenexperimente den Ansatz: "flexibilisierte, transparente Hierarchien" in 
Form eines sogenannten "Königskartenspiels".[7]Dabei ist der Mechanismus so konzipiert, dass jede*r jederzeit entmachtet werden oder die 
Macht ergreifen kann. Jedes Mitglied kann jederzeit aktiv in den Prozess eingreifen. So entsteht instantaner Konsens, der nicht 
ausdiskutiert werden muss, sondern durch die Dynamik der Königskarten automatisch entsteht.

Auch das löst das Problem natürlich nicht. Und das ist immens wichtig. Hier wird eben keine endgültige Lösung propagiert, keine moralische 
Vormachtstellung etabliert. Vielmehr wirkt dieser Ansatz als Kontrastierung, indem die ansonsten versteckten Strukturen an die Oberfläche 
gespült werden: Wer traut sich offen in Leitung zu gehen und was tritt zu Tage, wenn jemand an der Macht ist? Wer boykottiert diese nur und 
weigert sich in Opferhaltung, selbst voran zu gehen? Wer schwimmt immer mit dem Strom, egal wohin dieser führt? So treten (subtile) 
Dominanz, Rebellion und Subversion zu Tage, die erst durch die Kontrastierung des Spiels bewusst gemacht und reflektiert werden können.

Die vorläufige Antwort des Buches auf die Frage, wie wir aus unserer Selbstsabotage herauskommen können, lautet: Wir müssen Umstände 
schaffen für emotionale Nachreifung. Für eine Sicht auf die Welt, die nicht mehr in Schwarz und Weiß, in Böse und Gut einteilt. Auf dem Weg 
dahin müssen wir zunächst Schritt für Schritt der eigenen Entfremdung im Innern auf die Schliche kommen, denn

"es gibt keinen Schalter, der einfach umgelegt werden könnte.[...]Das Neue muss erobert werden - ein Kraftakt, denn er geschieht, während 
noch das alte Denken dominiert, in der das beherrschende, einengende und bevormundende die vertraute Denkumgebung bildet."[8],

schreibt treffend Jörg Bergstedt, den - als passendes Beispiel für rechthaberische Ausgrenzungspolitik - man in gewissen Kreisen einfach 
nicht zitieren darf. Völlig unabhängig davon, ob er nun Recht hat oder nicht. Das Kollektiv stellt sich also bewusst nicht auf den 
Standpunkt, der Weisheit letzter Schluss zu sein. Es macht einfach nur einen Vorschlag, wie man einmal anfangen könnte, die Problematik 
überhaupt zu kartographieren.

Und eben das macht dieses Buch so besonders für mich: Es bleibt nicht bei der bloßen Analyse, es ist ein offener Aufruf zur Aktion. Um es 
mit den Worten des Kollektivs zu sagen: "Akademische Debatte gab es lang genug. Die Welt brennt."[9]
"Das Guruparadox" ist ein spannender Reisebericht durch die Welt der Entfremdung. Theoretische Konzeptionen reihen sich an 
Erfahrungsberichte aus den sozialen Experimenten und an praktische Vorschläge für die Umsetzung eigener Forschungsgruppen für dieses 
wichtige Thema. Allen, die auch auf der Suche sind nach einem Ausweg aus unserer psycho-sozialen Misere und der sozialen Frage des 21. 
Jahrhunderts, sei dieses Buch also hiermit wärmstens ans Herz gelegt.[10]

Das Buch erschien 2020 im Verlag Edition AV, hier geht es zum Verlag.

Titelbild ©Gruppe 8Autor_innen

Die Rezension wurde der Redaktion zugesendet und spiegelt nicht die Meinung dieser wider.

https://direkteaktion.org/das-dilemma-mit-der-hierarchie-2/


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