(de) FAU, direkte aktion: BUILD THE BASE - BUILD THE UNION Von: Sam West

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So Aug 9 08:27:43 CEST 2020


Die Erinnerung eines Wobbliess an den Wiederaufbau des Syndikats in Richmond (Virginia) ---- Im Sommer 2017 zog ich mit meiner jetzigen Frau 
und Fellow Worker[1]nach Richmond. Sofort nachdem wir ankamen und begannen die örtlichen Linken zu treffen, erfuhren wir, dass das 
Richmonder Syndikat der IWW nicht mehr bestand. Ich hatte das Gefühl, dass das nicht ganz zutreffen könnte, immerhin waren die Social-Media 
Accounts noch aktiv - wenn auch nicht arg. Allerdings gelang es mir trotz beharrlicher Kontaktaufnahmeversuche weder über Social-Media, noch 
per Mail, Kontakt aufnehmen. Bis ich schließlich zu einem Event in der Stadt ein IWW T-Shirt anzog. Prompt wurde ich von jemanden 
angesprochen, der sich als ein Fellow Worker vorstellte. Er versprach, mich mit weiteren IWW-Mitgliedern in Kontakt zu bringen.

Nachdem ich schließlich mit dem damaligen Sekretariat in Kontakt gekommen war, erfuhr ich, dass das Syndikat zwar an Mitgliedern stark 
geschrumpft war, aber noch existierte. Einige Wochen später nahmen wir an unserem ersten Treffen teil und fanden heraus, dass das Syndikat 
nur noch aus fünf Leuten bestand, über ein Jahr lang keine Berichte an die Bundesorganisation geschickt hatte und deshalb kurz davor war, 
seinen Status als Syndikat zu verlieren. Es schien mir eine lohnende Aufgabe zu sein meinen Teil dazu beizutragen das Syndikat wieder 
aufzubauen. Dementsprechend beantragte ich bei unserem nächsten Treffen Delegiertenrechte, die mir auch gewährt wurden und mir erlaubten mit 
dem personellen und organisatorischen Wiederaufbau des Syndikats zu beginnen. Später wurde ich dann zum Allgemeinen Sekretär gewählt, diesen 
Posten habe ich erst kürzlich abgegeben. Momentan bin ich der Kommunikationssekretär des Richmonder Syndikats.

Im folgenden werde ich einige meiner Erfahrungen und Beobachtungen des letzten Jahres vom Wiederaufbau des Richmonder Syndikats, zeigen. 
Dieses hat nun fast 60 Mitglieder, eine große Bekanntheit in der lokalen Community und war in mehrere örtliche (Arbeits-)Kämpfe verwickelt. 
Während des Aufbaus hatten wir zwei Grundlagenschulungen zum Organizing, richteten den zweiten Organizing Kongress der Region Süd aus, 
unterstützen einen stadtweiten Stripper-Streik, organisierten mehrere Arbeitskämpfe in verschiedensten Industriezweigen, sammelten tausende 
Dollar zur Unterstützung von Streiks und gefangenen Arbeitern, waren engagiert in gegenseitigen Hilfskomitees und antirassistischem 
Organizing, und - am wichtigsten - wir haben eine gemeinsame Solidaritätskultur um unser Syndikat herum aufgebaut.

Auf all diese Arbeit mit dem Syndikat und der IWW bin ich sehr stolz und möchte hier auch meinen Kollegen aus dem Syndikat danken, ohne die 
dies alles unmöglich gewesen wäre, die mich an die Hand genommen haben und mir die Führung eines Syndikats beibrachten. So, genug über mich. 
Kommen wir zum wesentlichen:

SYNDIKATSAUFBAU IST NICHT DASSELBE WIE BASE BUILDING. ABER DAS AUFBAUEN EINER BASIS WIRD ZUM SYNDIKATSAUFBAU BEITRAGEN.
Linke reden gerne über sogenanntes base building. Hippe, ältere Linke wollen fast gar nichts anderes tun - und das aus gutem Grund. Während 
des Trump Bump wurden viele Macho-Typen, die Abenteuer witterten, in die Linke verwickelt. Motiviert durch schnelle Massenaktionen, nicht 
mit dem Ziel, Zeit in den langwierigen Aufbau einer proletarischen Gegenmacht zu stecken. Trotz dieser guten Kritik versäumen die selben 
Leute es, sich am Aufbau einer Basis in Form eines Syndikats oder Parteiortsgruppe zu beteiligen.

Während Gruppenbildung sicherlich eine gute Beschäftigung ist, so ist es doch nicht mit base building vergleichbar. Viele Gruppen bilden 
sich zuallererst bei Gesprächen mit anderen Linken vor Ort. Das ist eine ziemlich erprobte und verständliche Taktik - wenn man denn dann 
später tatsächlich eine Basis herstellen möchte, ist es besser, wenn die örtliche Gruppe der Organisation nicht nur aus fünf Leuten in einer 
Bücherei besteht (das soll keine Herabwertung von Gruppen dieser Art sein, schließlich kommen wir da doch alle irgendwie her). Aber zu 
starker Fokus auf solche Gruppenbildung bringt auch einige Probleme mit sich, denn genauso entstehen Echo-Kammern. Aus dieser Echo-Kammer 
wird dann schnell eine realitätsferne Gruppe, mit eigenen Insider-Witzen, seltsamen Kommentaren und Witzen, die kein Neuling lustig finden 
wird, sodass jeder potentieller Neuzugang abgeschreckt wird. Wie auch immer - das Herstellen einer Basis ist etwas komplett anderes. base 
building meint das Herstellen einer Unterstützungsbasis vor Ort, dass heißt, die Unterstützung durch die arbeitende Bevölkerung, auch wenn 
diese derzeit nicht in die politische oder aktivistische Szene eingebunden ist. Wenn man sich eine gute Basis vorstellen will, dann ist 
folgendes gemeint. In der Zukunft, wenn deine Gruppe sich etabliert hat und ihr in lokale Arbeitskämpfe verwickelt seid, wer wird euch dann 
außerhalb der Szene unterstützen - und sei es nur auf Social Media? Das ist eine Basis.

Gutes base building ist um einiges anstrengender und aufwendiger, als eine Gruppe zu bilden, ja manchmal sieht es sogar widersprüchlich aus. 
Doch das ist es nicht. Echtes base building benötigt viel harte Arbeit und kontinuierliche Kommunikation mit Menschen und Communities vor 
Ort, ohne Hintergedanken. Das heißt, wenn man sich tatsächlich eine Basis erarbeiten möchte, dann muss alles, was man an Hilfe anbietet, 
absolut bedingungslos sein. Wenn Anfragen von Leuten kommen, die einem nicht ihre Telefonnummer oder Email-Adresse geben wollen und auch 
nichts über irgendeine tolle, ewig lange Marxismus Analyse hören wollen, dann muss man ihnen trotzdem helfen.

Tatsächlich ist es das beste, nichts von dem bei einem ersten Gespräch auch nur zu erwähnen, außer, es wird vom Gesprächspartner explizit 
angesprochen. Stattdessen kann man auf einem ganz einfachen Level anfangen, Kontakt zu knüpfen, einfach ein bisschen Small Talk über das 
Wetter oder den Sport eignen sich gut als Gesprächsthema. Klar hört sich das doof an, aber es funktioniert. Es ist von enormer Bedeutung, 
dass Fremde einen als den Menschen wahrnehmen, der man ja auch ist - ein Teil der arbeitenden Bevölkerung, der nur das beste für sich und 
seine Familie will - bevor alle in einem den gefährlichen Extremisten sehen. Aber jetzt zu den drei Strategien, die am meisten beim 
Wiederaufbau des Richmonder Syndikats geholfen haben.

STRATEGIE 1: EINEN SERVICE BEREITSTELLEN
Ein möglicher Weg, sich eine Basis aufzubauen, ist es, einen Service für die Community vor Ort anzubieten, der sich an oben genannten 
Kriterien orientiert (zum Beispiel muss er bedingungslos angeboten werden). Auch sollte man sich vorher einige Gedanke gemacht haben, bevor 
man irgendein Programm startet. Man sollte sich zum Beispiel erst mal Gedanken über seine Zielgruppe machen, also herausfinden, was hier 
überhaupt benötigt wird.

Eine der ersten Initiativen, die das Richmonder Syndikat eingerichtet hat, war die sogenannte Bad Boss Tipline, eine Telefonnummer mit 
Anrufbeantworter und ein dazu passendes Webformular, durch das jeder seinen Chef bei der IWW melden kann. Auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt 
immer noch ein recht kleines Synikat waren, dachten wir, dass wir damit den Menschen wenigstens einen verständnisvollen Zuhörer geben 
können. Etwas, wo die Leute ihren Frust ablassen können, auch wenn ihnen sonst niemand zuhört. Für mich wirkte das wie ein seriöses Angebot 
zu dieser Zeit, nach dem Motto, einfach mal probieren, vielleicht funktioniert es ja. Diese Tipline wurde von den Wobblies außerhalb und 
teilweise auch innerhalb des Syndikat mit gemischten Gefühlen betrachtet. Tatsächlich wurde mir mehr als einmal von Fellow Workers über 
Social Media mitgeteilt, dass sie etwas ähnliches bereits versucht hätten und es sich als Zeitverschwendung erwiesen hätte. Das hat zwar 
etwas genervt, aber dennoch hörten wir nicht auf und hängten weiterhin Flyer auf, machten Werbung in den Sozialen Medien - bis tatsächlich 
Leute anfingen uns anzurufen.

Ich war (und bin noch immer) der Hauptverwalter für eingehende Nachrichten auf der Tipline. Jeder einzelne, der sich bei uns gemeldet hatte 
und seine Kontaktinformationen hinterlassen hatte, wurde von mir persönlich kontaktiert. In vielen Fällen hatten diese Anrufer*innen bereits 
ihre Jobs verlassen und suchten Rückhalt gegen ungerechte Kündigungen, oder irgendetwas anderes, was ihnen auf Arbeit widerfahren war. Auch 
wenn wir in diesen Fällen, außer einigen Ratschlägen, nichts zu bieten hatten, schienen die meisten Leute froh zu sein, einen 
verständnisvollen Zuhörer zu haben, einer der sie bestärkte und bestätigte, dass ihr Chef einfach ein Arschloch war und ihr eigener 
menschlicher Wert unabhängig von ihrer Produktivität war. In anderen Fällen waren die Anrufer immer noch angestellt und wir konnten direkt 
mit Aktionen helfen, oder ihnen helfen, sich zu organisieren. Einige dieser Anrufe entwickelten sich zu richtigen (teilweise immer noch 
nicht-öffentlichen) Organisierungskampagnen, die so auch das Syndikat wachsen ließen. Nach meiner Rechnung sind durch diese Tipline 
mindestens acht neue Mitglieder gewonnen worden und unsere derzeitig größte Kampagne entstand aus einem solchen Anruf.

STRATEGIE 2: IN LOKALE AKTIONEN EINGEBUNDEN WERDEN
Im Sommer 2018 befand sich ein schwarzer Lehrer namens Marcus-David Peters in einer psychischen Ausnahmesituation. Die Polizei wurde 
gerufen, als man ihn komplett nackt an der Seite der Autobahn entlang rennen sah. Der zuständige Polizist traf Marcus mit einem tödlichen 
Schuss, obwohl er - wie auf den Bodycam Filmaufnahmen zu hören - genau über Marcus Zustand informiert war. Mitglieder der Community und 
Marcus Familie starteten gemeinsam eine starke und sehr dauerhafte Bewegung namens Justice and Reformartion, die neben vielen anderen 
wichtigen Reformen auch eine Kontrolle der Polizei durch die Öffentlichkeit verlangten. Das erste gemeinsame Treffen nach Marcus Tod war 
sehr traurig und die Teilnahme schwierig, aber als seine Schwester sprach, sprach sie über die unglaubliche Wahrheit. Wir sammelten uns 
hinter dieser Bewegung und folgten ihnen auf die Straße in der folgenden Woche, gemeinsam bildeten wir eine große Masse vor dem Richmonder 
Polizeihauptquartier, während eines Regengusses und forderten gemeinsam das, was Marcus so benötigt hätte an jenem Tag: Hilfe, nicht den Tod.

Im Dezember 2018 wurden wir von Mitgliedern der Virginia Education Association (VEA, einem Ableger der National Education Association) über 
die Bad Boss Tipline angesprochen. Sie planten, eine Massendemonstration und einen Marsch auf das Kapitolgebäude hier in Richmond, mit 
Lehrern an öffentlichen Schulen aus ganz Virginia und wollten wissen, ob wir helfen könnten. Die nächsten paar Wochen verbrachte ich in 
Videokonferenzen und Skype-Meetings mit dem Organisationsteam - eine Fraktion mit sehr ambitionierten VEA Mitgliedern, die als Virginia 
Educators United bekannt waren. Uns gelang es, Flugblätter herzustellen, die während der Aktion verteilt wurden und wurden in eine Schule in 
Richmond eingeladen, um eine kurze Dokumentation zu produzieren, die im folgenden März herausgebracht wurde. Inzwischen arbeiten wir daran, 
mehr Filmmaterial zu produzieren, um eine längere Version herauszubringen, die pünktlich zum Herbstsemester da sein wird. Zusätzlich sind 
aus der VEU und andere Bildungsarbeiter unserem Syndikat beigetreten, sodass die IU 620 (Sektion Bildung) schnell unsere größte Sektion 
wurde. Auch wenn es sicher noch andere Beispiele von unserer Teilnahme an Aktionen in Richmond gibt, so waren es doch diese beiden 
Erfahrungen, die am meisten beim Aufbau einer Basis geholfen haben, weil sie zwei wichtige Angriffspunkte im Kampf gegen das Kapital und 
white supremacy waren. Sie sind auch untrennbar mit dem verbunden, um dass sich jeder Arbeiter sorgt: Die Gesundheit und Sicherheit seiner 
Community. Der eins-nach-dem-anderen Prozess, denn wir in OT 101 lehren, besagt, dass wir authentisch in den Schmerz und die Probleme der 
Arbeiter*innen, mit denen wir arbeiten, einfühlen müssen. Und so muss unser Engagement in der Gemeinde dieses Prinzip widerspiegeln. Wenn du 
verletzt bist, dann sind wir es auch und wenn du wütend bist, dann sind wir es mit dir! Solche Werte sind enorm wichtig, wenn es um ein 
Zugehörigkeitsgefühl geht, sodass jedes Mitglied des Syndikats die selben Chancen hat, die ihm eine Mitgliedschaft im Syndikat bietet.

STRATEGIE 3: EINE WOHLFÜHLATMOSPHÄRE AUFBAUEN
Mit Wohlfühlatmosphäre meine ich etwas kitschiges, bei dem man sich etwas seltsam vorkommen wird, wenn ich davon spreche, in etwa so, wie 
wenn man Marianne Williamson[2]zuhört. Bleib für eine Sekunde mit dem Gefühl da und versuche so zu tun, als wäre es nicht abwegig, wenn ich 
das sage: Während meiner Amtszeit als Sekretär habe ich immer beim Tagesordnungspunkt Sonstiges am Ende der Vollversammlung jedem im 
Syndikat meine Wertschätzung ausgedrückt. Das mag sich jetzt kitschig und vielleicht sogar belanglos anhören, denn»Ich liebe euch 
Alle!«einmal im Monat zu sagen sind nur vier Worte. Aber was, wenn auch nur eine Person im Raum niemanden hat, die ihr in diesem Monat 
gesagt hat, dass sie geliebt wird? Und was wäre, wenn das ohnehin nicht der Fall gewesen wäre? Ich sage das ja nicht aus einem gewissen 
Vorsatz heraus - irgendwann habe ich einfach damit angefangen und es dann immer wieder gemacht, weil es stimmt: Ich liebe mein Syndikat 
einfach. Ich weiß auch nicht, ob diese Geste irgendeine Auswirkung auf mein Syndikat hat, aber schaden kann es zumindest nicht.

Ich habe bei den meisten im Syndikat den Eindruck, dass das Gefühl bis zu einem gewissen Grad auf Gegenseitigkeit beruht - wir tun unser 
Bestes, um füreinander zu sorgen. Wir legen Wert auf gegenseitige Hilfe in jeder Form,

https://direkteaktion.org/build-the-base-build-the-union/


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