(de) FAU, direkte aktion: VON »BLINDER MACHT«ZU EINER»DEMOKRATISCHEN KLASSENPOLITIK« ?

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Fr Apr 24 08:27:58 CEST 2020


Rezension von Klaus Dörre: Umkämpfte Globalisierung und soziale Klassen. 20 ---- Thesen für eine demokratische Klassenpolitik ---- Betrieb & 
Gesellschaft Von: Benjamin Gnaser - 15. April 2020 ---- Der Professor Klaus Dörre forscht und publiziert seit vielen Jahren zu prekärer 
Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und Arbeitskämpfen sowie Kapitalismustheorien. Unter anderem beteiligte er sich in den letzten Jahren an 
Büchern über Rechte in den Gewerkschaften und Betriebsräten und dem Streikmonitor, der jährlich die Zahl der Streiks in der BRD erfasst. Nun 
hat er in diesem Herbst in einem Thesenpapier seine Analyse der gegenwärtigen Klassengesellschaft zusammengefasst.[1]Ich möchte in dieser 
Rezension vier der wichtigsten Thesen vorstellen. ---- DEUTSCHLAND ALS»DEMOBILISIERTE KLASSENGESELLSCHAFT«(S. 22F.)
Die Bundesrepublik ist heute eines der OECD-Länder mit der höchsten Ungleichheit. Die Lohnquote[2]ist seit den 1980er Jahren kontinuierlich 
gesunken, umgekehrt nahm die Vermögenskonzentration zu. Trotz dieser Ungleichheit, so Dörre, seien die Organisationen der Arbeiterklasse»so 
schwach wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte«. Er sieht das als Ergebnis eines»erfolgreichen Klassenkampfs von oben«.

NICHT EINE LOHNABHÄNGIGE KLASSE, SONDERN DREI (S. 28F.)
Dörre hält es für notwendig, unter den Lohnabhängigen - und neben bürgerlichen Klassen - zwischen drei Klassen zu unterscheiden: Erstens die 
Arbeiter und Arbeiterinnen mit mittlerer Qualifikation und kommandierten Arbeitstätigkeiten. Diese sind aus Sicht Dörres in den letzten 
Jahrzehnten in die Defensive geraten und haben daher auch mehrheitlich eine defensive Grundhaltung. Zweitens die akademisch gebildeten 
Beschäftigten ohne Kontrollmacht - also keine Chefs. Eine laut Dörre wachsende Gruppe, die sich aufgrund ihrer Stellung als 
Hochqualifizierte keine Sorgen um materielle Sicherheit machen müsse. Drittens die neue Unterklasse. Diese Gruppe aus prekär und informell 
Beschäftigten, Langzeitarbeitslosen, etc. bewege sich schon an oder unterhalb der Schwelle der gesellschaftlichen Respektabilität.[3]Das 
bedeutet unter anderem, dass sie von den anderen Gruppen nicht als verbündet gesehen wird, im Gegenteil, allein ihre Existenz»wirkt 
disziplinierend auf andere beherrschte Klassen«.

DIE MARGINALISIERUNG DER INDUSTRIE- UND PRODUKTIONSARBEITER (S. 29F.)
Wie bereits erwähnt versteht Dörre unter Arbeitern nicht alle Lohnabhängige, sondern nur jene Beschäftigte»mit mittleren und niedrigen 
Qualifikationen, die bei der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen operativ und manuell tätig sind oder Tätigkeiten in unmittelbarer 
sozialer Nachbarschaft[zur Werkstatt oder Fertigungshalle]ausüben«. Diese Arbeiterschaft schrumpft, verschwindet aber keineswegs. Sie macht 
gegenwärtig immer noch ein gutes Drittel der Bevölkerung aus. Allerdings hat ihre Organisationsmacht und Durchsetzungsfähigkeit Dörre 
zufolge nachgelassen und er befürchtet, dass sie aus der politischen Öffentlichkeit verschwinde.

DIE DOCH NICHT SO DEMOBILISIERTE KLASSENGESELLSCHAFT (S. 31-38)
Wenn man die Ebene der Politik verlässt stellt sich heraus, dass innerhalb der Betriebe in den letzten Jahren Konflikte ungleich härter 
ausgetragen werden. Auch der zahlenmäßige Umfang der Streiks hat zugenommen, seit 2012 haben sich in den meisten Jahren mehr als eine 
Million Beschäftigte an Streiks beteiligt. Laut Dörre verschiebe sich dabei die Konfliktdynamik, vom Dienstleistungs- und Sozialbereich, wo 
sie ihren Anfang nahm nun in den industriellen Sektor. Er spricht dabei von einem»Guerillakrieg, in dem wieder um basale Arbeitsstandards 
gerungen wird.«

In der gleichen These versucht Dörre, zwischen verschiedenen Arten von Arbeitskämpfen zu unterscheiden. Neben branchenbezogenen 
Tarifkonflikten gebe es auch stärker staatszentrierte Arbeitskämpfe wie jene im Sozial- und Erziehungswesen, die von Natur aus politisch 
seien. Arbeitskämpfen innerhalb eines einzigen Unternehmens - prominent in den letzten Jahren diejenigen bei der Post und bei Amazon - 
schreibt er eine wachsende Bedeutung zu. Zudem meint Dörre beobachtet zu haben, wie bei vereinzelten Streiks die beteiligten Gewerkschaften 
wieder anfingen, sich als eine soziale Bewegung zu verstehen und wie neben dem Lohn auch die Themen Leistungsintensivierung, Arbeitszeit, 
Gesundheit und Weiterbildung ähnlich hohe Bedeutung bekamen. (36) Diese vorsichtig optimistischen Beobachtungen muss er aber am Ende der 
These wieder relativieren:»Über Kampf- und Streikerfahrung verfügen nur vergleichsweise kleine Teile der lohnabhängigen Klassen. Ein 
sozialer Block aus abhängig Beschäftigten ist bisher[nicht]entstanden.«

Dieser Abschnitt des Textes, in dem das Streikgeschehen der letzten Jahre beschrieben und analysiert wird (These 12), ist aus 
gewerkschaftlicher Sicht eindeutig der interessanteste. An anderen Stellen merkt man dagegen schon, dass hier ein Soziologie-Professor für 
die Stiftung der Linkspartei schreibt. Er liebt es Dinge zu unterteilen, manchmal sinnvoll, manchmal nicht.[4]Er liebt es, schlau klingende 
Adjektive vor wichtige Begriffe zu setzen.[5]Und natürlich wird immer wieder im Text erörtert, was die Linkspartei machen muss, um das 
Proletariat wieder für sich zu gewinnen. Er ist lesenswert, weil der Autor seinen hohen Wissensstand sowohl in genaue Beschreibungen der 
arbeitenden Klassen und ihrer Arbeitskämpfe als auch in theoretische Überlegungen münden lässt.

Ein Verständnis der Klassengesellschaft entsteht nicht am Schreibtisch. Trotzdem ist es für Basisgewerkschafterinnen und -gewerkschafter 
sinnvoll, auf das zurückzugreifen, was fortschrittliche Sozialwissenschaftler an umfangreichen Erfahrungen und Materialien zusammengetragen 
und ausgewertet haben. Die vorliegende Broschüre bietet dafür einen guten Einstieg:

Mario Candeias / Klaus Dörre / Thomas E. Goes, Demobilisierte Klassengesellschaft und Potenziale verbindender Klassenpolitik. Beiträge zur 
Klassenanalyse 2 (Manuskripte Neue Folge der Rosa-Luxemburg-Stiftung Nr. 23), 2019.
zusätzlich interessant:

Michael Vester / Ulf Kadritzke / Jakob Graf, Klassen - Fraktionen - Milieus. Beiträge zur Klassenanalyse 1 (Manuskripte Neue Folge der 
Rosa-Luxemburg-Stiftung Nr. 22), 2019.

https://direkteaktion.org/von-blinder-macht-zu-einer-demokratischen-klassenpolitik/


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