(de) FAU, direkteaktion: NICHT NUR DIE PRODUKTION, AUCH DEN VERTRIEB IN DIE EIGENE HAND NEHMEN!
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So Sep 29 08:24:47 CEST 2019
In Berlin wurde darüber gesprochen, wie selbstverwaltete Betriebe sich im Kapitalismus
behaupten müssen. ---- Betrieb & Gesellschaft Von: Peter Nowak - 25. September 2019 ----
Können Beschäftigte eine Fabrik übernehmen? Die Belegschaften der Teefabrik Scop-Ti bei
Marseille sowie der Chemiefabrik Vio.Me in Thessaloniki machen es vor. Im Rahmen der
diesjährigen Wandelwoche, die Wege zur solidarischen Wirtschaft aufzeigen soll, stellten
Kolleg*innen aus den beiden selbstverwalteten Betrieben in Berlin ihre Arbeit vor. ----
Dabei kamen auch die Probleme zu Sprache, sich auf dem Markt zu behaupten. Schließlich
sind auch selbstverwaltete Betriebe gezwungen, kostendeckend zu produzieren. Dabei sind
die Kolleg*innen von Scop Ti noch immer stolz auf die Zeit, als sie die Teefabrik 1336
Tage besetzten und sich schließlich gegen den Unilever-Konzern durchzusetzen. Als sie die
Produktion selbst übernommen hatten, wählten sie daher als Erinnerung an den Kampf als
Markenname für ihre biologisch angebauten Teesorten die Zahlenreihe 1336. Nun will Scop Ti
auch in Deutschland den Tee vermarkten. Dabei ist es ihr Anliegen, in Großmärkten verkauft
zu werden. Auf einer Veranstaltung in Berlin ging es dann auch viel um Marketingstrategien
und die stetigen Bemühungen der Kolleg*innen, ihr Produkt noch besser am Markt zu
platzieren. "Wir sind dazu gezwungen, denn niemand wartet auf uns auf dem Markt", fasste
der Kollege die Mühen zusammen, denen sich auch die selbstverwalteten Betriebe stellen müssen.
Die Chemiefirma Vio.me geht in Griechenland einen anderen Weg. "Wir haben uns nicht von
unseren Bossen befreit, um uns neuen Chefs, dem Großhandel, zu unterwerfen", brachte der
Kollege in Berlin die Entscheidung der Kolleg*innen auf den Punkt, sich nicht den
Bedingungen der Großmärkte zu unterwerfen. Für den Handel im Ausland haben die
Kolleg*innen von Vio.me Kontrakte mit dem Großhandel geschlossen. Der Kollege betont aber,
dass sie dort ihre Bedingungen durchgesetzt haben. Dass die Mühen für die Beschäftigten
auch viele Einschränkungen bedeuten, wurde bei der Diskussion deutlich. "Wir dürfen keine
Zeit verlieren und müssen produzieren", brachte der Kollege von Vio.me ein Dilemma auf dem
Punkt, vor dem bereits vor 100 Jahren auch die Sowjetunion und in der spanischen
Revolution nach 1936 auch die Anarchosyndkalist*innen standen.
Die Produktion entscheidet, wie die Menschen leben, ihre Ausweitung und Beschleunigung
wurde zum höchsten Ziel erklärt. Dafür bringen die Beschäftigten bei Vio.me und bei Scop
Ti auch selber Opfer durch Mehrarbeit und begrenzte Löhne. Doch die beiden Kolleg*innen
verteidigen ihr Modell, der Arbeit ohne Boss, später kamen dann auch die Verbesserungen
zur Sprache, die das für die Beschäftigten bedeutet. Sie können selber bestimmen, wie viel
sie arbeiten wollen und es gibt auch Tage, da nehmen sie sich frei und beteiligen sich an
politischen Aktivitäten.
"WIR WOLLEN KEINEN PHILANTHROPISCHEN KAPITALISMUS"
Partner für diese Betriebe ohne Bosse ist das im Dezember 2018 gegründete "Gemein &
Nützlich Vertriebskollektiv". Initiiert wurde es vom Neuköllner Veganladen-Kollektiv Dr.
Pogo. Als "veganen Onkel Emma Laden" beschreibt Kollektivmitglied Vinzenz Kremer das
eigene Selbstverständnis. Vorläufer der Genossenschaft war die union coop. Die
Namensänderung wurde vollzogen, weil es bei Bestellungen häufig Verwechslungen zwischen
der Föderation der selbstverwalteten Betriebe und dem Vertrieb gekommen ist, was nervig
und zeitraubend war. Allerdings bezieht sich auch die neue Vertriebsgenossenschaft
weiterhin auf die Grundlagen der union coop.
"Wir wollen keinen philanthropischen Kapitalismus, daher gehört zu unserem Betriebszweck
die Förderung und der Aufbau solidarwirtschaftlicher Strukturen", betont Kremer. Bei der
Auswahl der Lieferant*innen sollen Betriebe, die ohne Chef produzieren, gefördert werden.
Dabei gehe es aber um ein kontrolliertes Wachstum und nicht um Masse, begründet der
Kollektivist die bescheidene Auswahl. Neben den Produkten von Vio.Me und Scop.Ti sind
Bücher von Findus und Rotwein von einer italienischen Kooperative im Sortiment des
Online-Shops. Neu im Sortiment ist das polnische Kollektivbier Browar, auf dessen
Etiketten nicht nur für politische Aktionen der außerparlamentarischen Linken geworben
wird. Auch ein Teil der Einnahmen geht an politische Initiativen, was den relativ hohen
Preis von 2,60 Euro pro Flasche erklärt. Den Kollektivmitgliedern ist schmerzlich bewusst,
dass sie, um kostendeckend wirtschaften zu können, Preise nehmen müssen, die sich nicht
alle leisten können.
https://direkteaktion.org/nicht-nur-die-produktion-auch-den-vertrieb-in-die-eigene-hand-nehmen/
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