(de) fda-ifa: Unser Fazit der Aktion #LeipzigerAutofrei am 21.09. von Initiative Anarchistische Bewegung sinitiative in Frankfurt a.M.

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Di Sep 24 08:21:58 CEST 2019


Die Leipziger Straße im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, in dem auch wir als 
Anarchistische Bewegungsinitiative aktiv sind, ist einer der lebendigsten Orte Frankfurts. 
Hier befindet sich nicht nur, wie es oft dargestellt wird, eine der "Einkaufsstraßen" der 
Stadt. Diese Darstellung vernebelt den Blick darauf, was diesen Teil der Stadt wirklich 
ausmacht. Gerade auch die Nachbar*innenschaft und die selbstverwalteten Räume wie das 
ExZess, das Offene Haus der Kulturen oder auch das Stadtteilbüro prägen das Leben vor Ort.
Die Kultur untereinander ist eine freundliche und unterstützende. Nicht zuletzt bei den 
rechten Brandanschlägen 2018 hat sich das gezeigt. Der Stadtteil ist vernetzt und 
organisiert, Proteste von Mieter*innen gegen Verdrängung und Mobilisierung gegen 
Gentrifizierung und die allgemeine Inwertsetzung entfalten regelmäßig ihr Potential.

Während wir die Lebendigkeit des Stadtteils vor allem im Gebiet der Leipziger Straße 
täglich erleben, wird sie spürbar durch immer mehr Autos gestört. Sind auf alten Bildern 
des Stadtteils noch nur einzelne Autos zu sehen, prägen sie heute das Straßenbild. An der 
Stelle, wo in unseren Träumen Bäume die Straße zieren, zieht sich eine nicht endende Reihe 
an umweltverpestendem Blech über den nahezu durchgängigen Parkstreifen der Straße. 
Lieferwägen stehen in zweiter Reihe. Fahrräder müssen ausparkenden Autos ausweichen, die 
wohl selbst durch all die anderen parkenden Autos kaum noch etwas von der Straße sehen. 
Nicht zuletzt Fußgänger*innen, Menschen in Rollstühlen oder mit Kinderwägen, sind bei 
jeder Straßenüberquerung gefährdet. Wir beobachten diese Zustände jeden Tag und sehen 
traurig, was das manchmal mit Menschen macht, wenn sie vom Verhalten der jeweils anderen 
aufgebracht nicht mehr aufeinander achten.

Wie viel schöner das Leben auf dieser Straße sein kann, haben wir am heutigen Tag erleben 
dürfen, als wir zum ersten Mal gemeinsam mit insgesamt drei Blockadepunkten den Großteil 
der Leipziger Straße für den Autoverkehr gesperrt haben. Die Stimmung war so entspannt und 
ausgelassen, wie wir es bisher selten erlebt haben. Viele Menschen nutzten statt der engen 
Gehwege direkt die Straße und kamen miteinander ins Gespräch.

Auch wir hatten viele unterschiedliche Gespräche mit unseren Nachbar*innen und anderen 
Menschen, die während der Aktion auf der Leipziger Straße unterwegs waren. Uns hat 
natürlich interessiert, wie die durchaus sehr verschiedenen Menschen im Stadtteil auf 
unsere Vorschläge reagieren und wie sie die heutige Aktion wahrnehmen. Nicht jedes dieser 
Gespräche haben wir selbst angefangen, viele Menschen kamen auch auf uns zu und wir haben 
weit mehr als einmal den Wunsch gehört, dass die Straße jeden Tag so aussehen sollte.

Es gab einige Situationen, in denen wir versucht haben, über mögliche Perspektiven zu 
sprechen. Dabei wollten wir auch die Bedürfnisse von anderen Anwohner*innen abfragen. In 
diesen Gesprächen sind wir von der Deutlichkeit und Stärke des Wunsches nach einer 
autofreien Straße oder gar Stadt, überrascht worden. In unseren Überlegungen ist auch die 
Frage enthalten, wie wir mit Parkplätzen von und für Anwohner*innen umgehen könnten. Die 
Antworten von vielen Anwohner*innen waren jedoch unmissverständlich und klar: Sperren. 
Einfach sperren. Es gibt genug andere Möglichkeiten und diese Straße hat es nötig, so weit 
wie nur irgendwie möglich autofrei zu werden. Und wir dachten, wir wären radikal. Mit der 
bodenständigen Deutlichkeit unserer Nachbar*innen können aber auch wir manchmal schwer 
mithalten.

Gespräche haben wir aber nicht nur mit Menschen geführt, die zu Fuß oder auf dem Rad 
unterwegs waren. Leider gab es in einigen Gesprächen mit Autofahrenden recht wenig 
Verständnis für die Aktion, wobei die allermeisten nicht aus den umliegenden Straßen 
selbst kamen. Trotzdem schien es eine unvorstellbare Zumutung zu sein, jetzt diese eine 
Straße nicht nutzen zu dürfen. Wir sagen: Die Privilegien, die Autos noch haben, werden 
nicht mehr lange haltbar sein.

Es gab aber auch andere Erlebnisse mit Autofahrenden. Eine*r unserer Aktivist*innen 
erzählte nicht wenig überrascht, nach dem Verteilen der Aktionsflyer an Autofahrende auf 
der gesamten Leipziger Straße und einigen Gesprächen: "Wow, ich bin gerade über die 
komplette Leipziger gelaufen und wurde kein einziges Mal blöd angemacht." - Im Gegenteil 
gab es an dieser Stelle viel Zuspruch und ermutigende Worte. Es scheint, als wären mehr 
autofahrende Menschen als gedacht bereit für die unmittelbar notwendige Verkehrswende. Das 
gibt uns Hoffnung, denn nur gemeinsam sind wir den kommenden Herausforderungen gewachsen.

Umso überraschender fällt für uns die harte Reaktion der Polizei als zuständige 
Repressionsbehörde auf. An dieser Stelle ist es eigentlich recht schwer, eine Gefahr für 
die öffentliche Ordnung zu konstruieren oder auf die vermeintliche Gefahr durch 
unkontrollierbare Linke und ihre Zerstörungswut zu verweisen. Kurz gefasst also die 
Tricksereien, mit denen ansonsten die Willkür der polizeilichen Maßnahmen gerechtfertigt 
und die öffentliche Meinung geprägt werden soll. Grundsätzlich erwarten wir nicht viel 
anderes. Unsere langjährige Erfahrung mit einer Vielzahl an mal mehr, mal weniger 
offensichtlichen Hinhalte- und Unterdrückungsmethoden lässt uns keine andere Wahl. Es ist 
schlicht die Aufgabe im Sinne ihrer Funktion, Bewegungen zu zerschlagen, die eine 
potentielle Veränderung der Gesellschaft anstreben oder gar erreichen könnten. Ganz 
unabhängig davon, dass diese Funktion womöglich selbst bei der Polizei nicht allen ganz so 
klar sein dürfte und vermutlich auch nicht alle dort diese mittragen würden. Nur die 
Unprofessionalität des Vorgehens der Polizei und ihre juristisch nicht haltbaren 
Einschüchterungsversuche gegen Fridays For Future am heutigen Tag, sind uns wirklich 
schleierhaft. Verantwortlich dafür war der selbe Einsatzleiter wie während der gestrigen 
Großdemonstration und der anschließenden symbolischen Besetzung der Paulskirche. Es 
scheint ganz, als hätte sich dabei einiges an Frust darüber angehäuft, keine Möglichkeiten 
zu haben, Menschen für die Aktionen zu bestrafen und abzuschrecken. Mit der deutlich 
schwächeren Medienpräsenz heute, haben sich die öffentlich gut laufenden Aktionen für den 
Nachholbedarf an Repression angeboten.

Während der heutigen Aktion hat sich die Polizei jedoch nicht nur gegen einige ihrer 
politischen Gegner*innen gewandt, sondern gegen einen gesamten Stadtteil. Das sollte klar 
und deutlich ausgesprochen werden. Die Empörung kommt nicht nur von uns, die diesen Tag 
geplant und gestaltet haben, sondern auch von vielen Nachbar*innen, die die Maßnahmen 
mitbekommen haben und voller Unverständnis für das, was passierte, auf uns zugekommen sind.

Es gab keinerlei Anlass, die Blockaden zu räumen, der Verkehr lief einwandfrei um die 
Leipziger Straße herum. Wir konnten mit diesem erstmaligen Versuch die Möglichkeiten 
aufzeigen, die Reaktionen waren für uns eindeutig positiv.

Wir sind weiterhin solidarisch mit unseren Freund*innen und Gefährt*innen von Fridays For 
Future und werden mit ihnen gemeinsam diese Zeit durchstehen. Mit steigender Wirksamkeit 
und Erfolg steigt oft auch die Repression. So nervig das ist, zeigt es gleichzeitig, dass 
wir ernst genommen werden.

Letztlich ist der Vorschlag einer autofreien Leipziger Straße auch schlicht kein Ding der 
Unmöglichkeit. Die Straße bietet sich dafür regelrecht an. Es gibt haufenweise 
Möglichkeiten für unterschiedlichste Umsetzungen und Umfahrungen. Um aber wirklich etwas 
für das Klima zu bewirken und nicht nur das Leben an einem vergleichsweise kleinen Ort zu 
verbessern, braucht es mehr. Die Perspektive muss hin zu einer gesamten autofreien Stadt 
gehen, daher verwundert uns das viele Gejammere und Zögern der Politik in dieser 
Angelegenheit erst recht. Es ist wirklich nicht so schwierig, die "große" Politik soll 
sich mal nicht so anstellen.

Da wir aber nicht auf euch warten, werden wir uns weiter für eine solidarische Stadt von 
Unten einsetzen. Wir werden gemeinsam mit unseren Nachbar*innen unsere Wünsche und 
Bedürfnisse austauschen und für alle tragbare Lösungen aushandeln. Für Veränderung müssen 
wir uns selbst organisieren, es reicht nicht auf die Lösung der Probleme durch irgendeine 
Obrigkeit zu warten. Wir gemeinsam sind die Veränderung. Gehen wir es an!

Über Initiative Anarchistische Bewegung Frankfurt

https://fda-ifa.org/unser-fazit-der-aktion-leipzigerautofrei-am-21-09/


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de