(de) FAU, direkte aktion: PROTESTANTISMUS UND KAPITALISMUS

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So Sep 22 08:44:30 CEST 2019


Das Evangelisches Jugend - und Fürsorgewerk (EJF) macht Max Weber alle Ehre. ---- Betrieb 
& Gesellschaft Von: Camillo Rack - 18. September 2019 ---- Der deutsche Soziologe Max 
Weber untersuchte in Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904/05) 
den Zusammenhang von Kapitalismus und Religion. Der evangelische Träger Evangelisches 
Jugend- und Fürsorgewerk (EJF), der dieses Jahr seinen 125. Geburtstag feiert, ist ein 
gutes Beispiel hierfür. Aus der christlichen Rettungshausbewegung entstand dieser 
diakonisch-soziale Träger, der momentan 120 Einrichtungen in ganz Deutschland sowie in 
Polen und Tschechien betreibt und ca. 4.000 Mitarbeiter*innen beschäftigt. Umsorgt werden 
40.000 Menschen in der Behinderten-, Jugend- und Altenpflege.

Als kirchlicher Träger unterliegt der EJF dem Kirchenrecht, was u.a. zur Folge hat, dass 
Nicht-Mitglieder einer der beiden Großkirchen nicht in die Mitarbeitervertretung gewählt 
werden können. Eine Kirchenmitgliedschaft ist keine Pflicht, aber der Kirchenaustritt kann 
seitens des Arbeitgebers mit einer Kündigung sanktioniert werden. Dies wird über den 
Artikel 140 des deutschen Grundgesetzes gedeckt. In diesem Paragraph werden die 
staatskirchenrechtlichen Bestimmungen jener Verfassung fortgeführt. Die Rechtmäßigkeit 
eines solchen Vorgehens wurde durch das Bundesarbeitsgericht 2013 bestätigt. Neben der 
generellen Problematik als kirchlicher Träger, die mit einer Reihe von Einschränkungen von 
Arbeitnehmer*innenrechten einhergeht (u.a. auch bezüglich des Streikrechts), gibt es eine 
Reihe von spezifischen "Problemen".

Organisatorisch ist der Berlin-Brandenburger Verbund schlecht aufgestellt, so dass für 
längerfristig erkrankte Mitarbeiter*innen (bis zu einem Jahr!) keine Vertretung gesucht 
wird. Die entsprechenden Tätigkeiten werden den Kolleg*innen aufgebürdet. Statt notwendige 
Arbeitsmaterialien und Gerätschaften zu kaufen, die die Arbeit des Personals erleichtern 
bzw. ihre Gesundheit schützen, wird das Geld in repräsentative Veranstaltungen investiert. 
Es hat den Anschein, als ob das äußere Image mehr Wert ist als die 
Mitarbeiter*innenpflege. Arbeitsschutz scheint generell kleingeschrieben zu werden.

Auch in anderen Bereichen erweist sich das Unternehmen entgegen dem sozialen Anstrich 
alles andere als sozial oder arbeiternehmer*innenfreundlich. Es existieren eine Unzahl von 
Vordrucken und Formularen - nur keines für die Beantragung von Bildungsurlaub. Dieser ist 
mehr oder weniger ein Fremdwort. Das Arbeitsklima hängt vom jeweiligen Standort ab. Häufig 
ist es eher ein Gegeneinander als ein Miteinander, was auch an der fehlenden 
Führungsqualität der Vorgesetzten liegt. Streckenweise wird statt Vertrauen auf 
Bespitzelung gesetzt. Generell gibt es viele Hierarchien und starre, um nicht zu sagen 
verknöcherte, Strukturen. Zu schlechten Führungsqualitäten gehört auch, dass 
Arbeitsanweisungen unklar gestellt werden. Beschwerden und Verbesserungsvorschläge finden 
keine Beachtung. Ebenso neigen mehrere Vorgesetzte dazu, sich häufiger im Ton gegenüber 
den Mitarbeiter*innen zu vergreifen.

Dennoch fällt die Gegenwehr der Mitarbeiter*innen schwach aus, da der gewerkschaftliche 
Organisationsgrad sehr gering ist. Vielen reicht es, dass das Gehalt relativ gut ist und 
die Bezahlung pünktlich erfolgt. Bei anderen schwingt die Angst um den Arbeitsplatz mit. 
Zudem ist von der Mitarbeiter*innenvertretung nicht viel Unterstützung zu erwarten.

Auch wenn es nach den Skandalen im Jahr 2010 und 2015 um die Misshandlung eines 
Heimbewohners sowie suspektes Finanzgebahren um das EJF ruhig geworden ist, bleibt das EJF 
ein problematischer Arbeitgeber, auch wenn Tariflohn und Sonderleistungen gezahlt werden. 
Der EJF ist dabei sicherlich auch kein Einzelfall, sondern eher ein Beispiel für diese Art 
von Unternehmen.

Beitragsbild: Banksy_pixabay.com

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