(de) FAU Dresden: Aufruf an Mitglieder des Allgemeinen Syndikats Dresden zum globalen Klimastreik
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Di Sep 17 08:07:49 CEST 2019
12. September 2019 - Kategorien: Ökologie Transnationale Solidarität Streik ---- Seit
nunmehr einem Jahr boykottieren tausende Kinder und Jugendliche in vielen Ländern jeden
Freitag die Schule, aus Protest gegen die Zerstörung der Lebensgrundlage künftiger
Generationen. Für den 20. September 2019 rufen Fridays for Future und verschiedene
Verbände nun darüber hinaus zum Klimastreik auf, den selbst der DGB unterstützt.
Allerdings mit einer bezeichnenden Einschränkung: Da politische Streiks in Deutschland
verboten sind, schließt der DGB einen Streikaufruf explizit aus. Er fordert
Arbeitnehmer_innen, die sich mit "‘Fridays for Future' solidarisieren und an
Demonstrationen teilnehmen", stattdessen auf, sie sollen "das geltende Arbeitsrecht
beachten und sich für diese Zeit freinehmen." Auch der "Klimastreik"-Aufruf selbst fordert
dazu auf, zum ‘Streiken' "frei zu nehmen", "Überstunden abzubauen", "unbezahlten
Sonderurlaub" zu beantragen oder die Arbeitgeber_innen zu bitten, den ‘Streik' zu
unterstützen, da es für das Unternehmensimage gut sei, sich "zum Klimastreik zu bekennen".
Zudem sollen ‘Streikende' versprechen, "unaufschiebbare Aufgaben vorzuarbeiten und
versäumte Arbeit bald nachzuholen" sowie "am Montag auch wieder motivierter bei der
Arbeit" zu sein.
Wir finden es sinnvoll und wichtig, gegen eine umweltzerstörerische Wirtschaft und eine
Politik zu demonstrieren, die sich ökonomischen Wachstumsimperativen tatenlos beugt oder
ein sozial und ökologisch immer zerstörerisches Wachstum im Namen der Sicherung von
Arbeitsplätzen und Wirtschaftsinteressen weiter anreizt. Als Form des politischen Kampfs
halten wir hier auch den Streik, also den demonstrativen Entzug von Arbeitskraft und
Arbeitszeit, für ein wichtiges und geeignetes Mittel. Daher schließen wir uns den
Protesten an und rufen auch die Mitglieder unseres Syndikats zur Beteiligung am
Klimastreik auf! Wir werden uns selbst beteiligen und fordern auch andere Städte-Syndikate
und -Sektionen der Freien Arbeiter_innen Union dazu auf, dasselbe zu tun.
Gleichzeitig scheinen uns aber die an den Aufruf zum Klimastreik geknüpften Forderungen
und die Vorstellungen über die Wege zu ihrer Durchsetzung teilweise inkonsistent und
inkonsequent. Denn ob es möglich ist, den Klimawandel aufzuhalten und zu einer sozial und
ökologisch verantwortlichen Form des Wirtschaftens und Lebens zu finden, ohne grundlegende
Formen und Logiken des gegenwärtigen kapitalistischen Wirtschaftssystem zu überwinden,
scheint und zumindest fragwürdig. Problematisch scheint zudem, dass der Aufruf erhebliche
Unklarheiten darüber zeigt, was überhaupt ein Streik ist und was diese Form des Kampfes
von anderen Protestformen unterscheidet. Daher möchten wir unsere grundsätzliche
Solidarisierung mit einigen kritischen Anregungen und Anmerkungen verbinden.
Menschen die sich mit unseren diesbezüglichen Positionen und Argumenten auseinandersetzen
wollen, können hier weiter lesen.
Was hat der Klimawandel mit dem Kapitalismus zu tun und was ist überhaupt ein Streik?
Der ‘Klimastreik' möchte im Hinblick auf die am 20. September anstehende Entscheidung der
Bundesregierung über ihre nächsten Schritte in der Klimapolitik politischen Druck
aufbauen, um "die Regierung zum Handeln" zu treiben. Dabei bleibt offen, welche Art des
Handelns genau gefordert wird, wie konsequente Maßnahmen eigentlich aussehen sollen und
wie weit sie über weiterhin unverbindliche Klimaschutzziele oder über eher symbolische
Einpreisungen ökologischer Kosten (z.B. durch CO2-Steuern) hinausgehen müssten.
Dabei ist eines schon heute sicher: Unverbindliche Worte, Aufforderungen und politische
Lippenbekenntnisse zu einer Politik, die den Klimawandel aufhalten oder wenigstens seine
Folgen abmildern soll, hat es in den letzten 30 Jahren mehr als genug gegeben, ohne dass
dem wirksame Maßnahmen gefolgt wären. Seit den ersten Beschlüssen zur Reduktion des
CO2-Ausstoßes auf der ‚Konferenz von Rio‘ (die 1992 zur Klimarahmenkonvention und mehreren
multilateralen Umweltabkommen führte) und seit dem ‚Kyoto-Protokoll‘, das 1997 konkrete
Zielwerte für die Emissionsreduktion 2005-2012 festlegte, ist die globale
Treibhausgasemission nicht gesunken, sondern kontinuierlich gestiegen - im Falle des
CO2-Ausstoßes von ca. 22.500 Millionen Tonnen 1992 auf über 36.000 Millionen Tonnen im
Jahr 2018. Der einzige kurzfristige Rückgang der globalen Emissionen im Jahr 2009 war eine
Folge konjunktureller Einbrüche der Realwirtschaft im Zuge der Weltwirtschafts- und
Finanzkrise seit 2008. Politische Maßnahmen zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums (in
Deutschland u.a. das ‘Wachstumsbeschleunigungsgesetz') führten ab 2010 dann auch wieder
zum deutlichen Wachstum der CO2-Emission.
Klimapolitische Absichtsbekundungen und realwirtschaftliche und realpolitische
Entwicklungen haben sich in den letzten 30 Jahren also immer weiter auseinander
entwickelt. Das sollte aus unserer Sicht zu einigen grundsätzlichen Fragen führen: Ist
eine Politik, die der Sicherung der Kapitalverwertung und der Profite und dem dafür
erforderten endlosen Wachstum oberste Priorität einräumt und die den Marktgesetzen und
-interessen alle sozialen, politischen und ökologischen Fragen unterordnet, wirklich in
der Lage, heute in wenigen Jahren nachzuholen, was sie über 30 Jahren versäumt hat? Kann
eine kapitalistische Weltwirtschaft, die seit 300 Jahren mit dem immer weiteren Anstieg
des Energie- und Ressourcenverbrauchs und der Treibhausgasemission verbunden war,
plötzlich die Basis einer radikalen Trendwende sein?
Eigentlich erlaubt die dank kapitalistischer Innovationen unermesslich erhöhte
Arbeitsproduktivität zwar durchaus eine radikale globale Senkung der Arbeitszeit und des
Ressourcenverbrauchs, die zur Erfüllung menschlicher Bedürfnisse erforderlich wären. Im
Kapitalismus haben alle entsprechenden Innovationen in Technologie und Arbeitsorganisation
bisher aber immer nur dazu geführt, dass immer schneller immer mehr Güter in immer
kürzerem Abstand produziert und vernichtet werden müssen, um den weiteren Güterabsatz und
weitere Gewinne zu sichern und um so ‘Menschen in Arbeit zu bringen'. Kann dieselbe
ökonomische und politische Logik ab dem 20.9.2019 wirklich ökologisch nachhaltig gestaltet
werden?
Auch beim vermeintlichen ‘Klimavorreiter' Deutschland hatte die Sicherung von Profiten,
Arbeitsplätzen und Standortinteressen bislang stets Vorfahrt. Die nationalen Klimaziele
für 2020 wurden daher als eine der ersten Amtshandlungen der neuen Großen Koalition schon
2018 als nicht erreichbar gekippt. Die wenigen Teilerfolge bei der Reduktion nationaler
Emissionen erweisen sich hier wie in anderen führenden Industrieländern zudem rasch als
‚Mogelpackung‘: Sie verdanken sich v.a. einer lokalen "De-Industrialisierung" (v.a. durch
Stilllegung ostdeutscher Industriestandorte), die sich global betrachtet aber einer bloßen
Verlagerung besonders energieaufwendiger und ‘schmutziger' Produktionsschritte in die
‘Schwellenländer' verdankt. Da deren Produkte aber weiterhin v.a. auch für den westlichen
Konsumkapitalismus produziert werden, müssten wesentliche Teile der global steigenden
Emissionen - v.a. in China, Indien, Brasilien... - weiterhin auch der ‘deutschen
Klimabilanz' zugeschlagen werden. Als ähnliche Mogelpackung haben sich alle Versprechen
eines ‘grünen Kapitalismus' erwiesen. So haben "grüne" und "nachhaltige" Investitionen in
die Bio-Kraftstoffproduktion wesentlich zum vermehrten Landgrabbing (großflächige
Landaufkäufe und Bodenspekulationen) v.a. in Afrika und Südamerika beigetragen. Sie waren
also mit der Zerstörung der Grundlagen lokaler Nahrungsmittelproduktion, mit der
Enteignung ansässiger Bevölkerungen, mit der Verdrängung und Zerstörung ländlicher
Gemeinschaften und lokaler Märkte, mit dem Verlust oder der Gefährdung von
Ernährungssicherheit und Wasserversorgung, mit Armut, Hunger, Ausbeutung, gewaltsamen
Konflikten usw. verbunden. Darüber hinaus hat die massenhafte Umwandlung kleinteiliger
Anbauflächen in Monokulturen und die Rodung des für die CO2-Bindung zentralen Wald- und
Buschlandes für die Bio-Sprit-Produktion ihrerseits zum beschleunigten Verlust der
biologischen Vielfalt und zum Klimawandel beigetragen. Die Liste entsprechender Beispiele
für einen ‘grünen Kapitalimsus' ließe sich endlos verlängern.
Der Sonderbericht des Weltklimarats (IPCC) zur jüngsten 24. UN-Klimakonferenz in Katowice
2018 hat deutlich hervorgehoben, dass die derzeitige Klimapolitik das 2015 im
Übereinkommen von Paris festgehaltene "Zwei-Grad-Ziel" deutlich verfehlen wird. Absehbar
ist ein Temperaturanstieg von über drei Grad, der mit einem wachsenden Risiko noch
drastischerer ‚Kippeffekte‘ einhergeht - wenn etwa durch die Erwärmung die in
Permafrostböden und Meeren gebundenen Treibhausgase beschleunigt freigesetzt werden. Dabei
würde selbst das beinahe schon utopisch scheinende 1,5-Grad-Ziel den bereits in Gang
gesetzten Klimawandel nicht mehr verhindern. Das Erreichen dieses Ziels könnte bestenfalls
helfen, sein Ausmaß zu begrenzen und seine drastischsten Auswirkungen - Häufung von
Extremwetterereignisse, Verlust von Biodiversität, Versauerung der Meere, Desertifikation
etc. - zu minimieren.
Der Weltklimarat betont, dass auch dafür "rasche, weitreichende und beispiellose
Veränderungen in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft" erforderlich wären. So müsste die
globale CO2-Emission bis 2030 (verglichen mit 2010) um 45% sinken und bis 2050 gegen Null
gehen. All dies ist mit den bisher diskutierten Maßnahmen, unter denen die CO2-Steuer noch
die am weitesten gehende und entsprechend am heißesten umstrittene ist, nicht zu erreichen.
Es wird vor diesem Hintergrund kaum ausreichen, freundlich an Politiker_innen zu
appellieren, nun bitte einmal wirklich unsere Zukunft zu retten. Alle nationalstaatlichen
Politiken operieren unter den Zwängen eines auf permanentes monetäres Wachstum
angewiesenen kapitalistischen Wirtschaftssystems und sind darüber hinaus oft von
unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen großer Konzerne und Lobbygruppen beeinflusst. Im
wirtschaftlichen Interesse ausschlaggebend sind aber nicht die Erfüllung menschlicher
Bedürfnisse oder die Erhaltung ökologischer Existenzbedingungen, sondern einzig die
Kapitalverwertung bei möglichst hohen Profiten. Dieser maßlose Selbstzweck der
Kapitalverwertung kennt bei der Ausbeutung von Menschen, Tieren und Naturressourcen keine
Schranken, solange er seine ökologischen und sozialen Grundlagen nicht vernichtet hat.
Wirtschaftlich ist es daher nur rational, den stofflichen Reichtum an Gütern gerade nicht
nachhaltig (z.B. möglichst langlebig) zu produzieren und ihn nicht an der möglichst
allgemeinen und möglichst langfristigen Erfüllung von Bedürfnissen orientiert zu
verteilen. Im kapitalistischen Sinne ist es vielmehr ‘rational', diesen stofflichen
Reichtum immer rascher profitorientiert zu vernichten, um Bedürfnisse und Märkte für den
immer rascheren Absatz weiterer Güter zur Vermehrung des in Geld ausgedrückten abstrakten
Reichtums zu schaffen. So ist etwa die Haltbarkeit gerade von besonders
ressourcenintensiven Gütern (Haushaltsgeräte, Smartphones, Autos etc.) in den letzten
Jahrzehnten systematisch immer weiter gesenkt worden, während Reparaturmöglichkeiten gar
nicht mehr angeboten oder systematisch erschwert werden - wenn etwa Verschleißteile wie
Akkus fest verbaut, einzelne Ersatzteile nicht produziert werden oder ältere Hardware mit
neuen Softwareupdates nicht mehr kompatibel ist.
Politische Aufrufe, dem durch eine derartige Produktionsweise hervorgerufenen Klimawandel
durch ein anderes individuelles Konsumverhalten etwas entgegenzusetzen, bleiben
ersichtlich hilflos. Einer wirklichen Veränderung müsste bei der Infragestellung der jedem
individuellen Konsum heute vorausgesetzten Bedingungen, Formen und Zielstellungen der
Produktion und Verteilung von Gütern ansetzen. Auch wenn die Lebens- und
Konsumgewohnheiten v.a. in den wirtschaftlich führenden Nationen - z.B. der tägliche
Verzehr tierischer Produkte und die dafür notwendige Massentierhaltung oder die übermäßige
Nutzung von Autos und Flugzeugen - zum Klimawandel wesentlich beitragen, wird dieser sich
durch einen etwas bewussteren individuellen Konsum nicht aufhalten lassen. Das gilt v.a.,
solange ökonomische Strukturen und Anreizsysteme ein entsprechendes Verhalten systematisch
erschweren oder zum Privileg einiger weniger machen.
Arbeitslose, prekär Beschäftigte und die wachsende Zahl von im Niedriglohnsektor
Beschäftigten können sich ökologische, aufwendiger produzierte Waren oft nicht leisten und
werden z.B. durch die Subventionierung von Massentierhaltung eher zum Konsum von
Billigfleisch verleitet. Arbeiter_innen, besonders im ländlichen Raum, bleiben auf ein
Auto angewiesen, solange es keine ausreichende und preiswerte Infrastruktur an
öffentlichen Verkehrsmitteln gibt. Und die Tatsache, dass heute 56% der jährlichen
globalen Kalorienproduktion in den weltweiten Distributionsketten nicht
bedürfnisorientiert verteilt, sondern vernichtet werden, hängt nur zum geringen Teil am
individuellen Wegwerfverhalten, das etwa an den weit gravierenderen Folgen von
Spekulationsgeschäften auf Lebensmittel und Anbauflächen nichts ändern kann.
Der Konsum ‘nachhaltig' produzierter Artikel bildet gegenüber der dominanten Ausrichtung
der Produktionsweise und der Wirtschaftspolitik nur eine kleine Marktnische und bleibt
v.a. ein Privileg der Ober- und Mittelklassen in den kapitalistischen Zentren. Abgesehen
von der Frage, wie ‘nachhaltig' z.B. der Konsum von in China, Neuseeland oder Südafrika
für den deutschen Markt produzierten Bioprodukten ist, dient die Möglichkeit zum
‘nachhaltigen Konsum' so v.a. der Gewissensberuhigung für Teile eben jener reichsten 10 %
der Weltbevölkerung, die mit ihrem sonstigen Wohn-, Konsum-, Arbeits- und Reiseverhalten
gleichwohl für fast die Hälfte des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich sind. Nationen
und Konsument*innen, die sich die Pflege solcher ‚nachhaltiger‘ Marktnischen und die
Auslagerung emissions- und ressourcenintensiver Produktionsschritte in andere Länder
leisten können, erkaufen sich damit auch das Recht, die ärmsten 50 % der Weltbevölkerung -
deren Ausbeutung die Grundlage der globalen Wirtschaft bleibt, die wegen ihres niedrigeren
Lebensniveaus aber selbst nur ein Zehntel der weltweiten Emission verantworten - über
‘Nachhaltigkeit' zu belehren.
All dies bedeutet für uns, dass Fragen nach den Ursachen des Klimawandels und seiner
Bekämpfung untrennbar mit Fragen nach den Ursachen der globalen sozialen Ungleichheiten
und Spaltungen verbunden sein müssen. Ein gutes und nachhaltiges Leben für alle Bewohner
dieses Planeten müsste auf einem kollektiv verantwortlichen Umgang mit begrenzten
Ressourcen und begrenzten Regenerationsmöglichkeiten der Ökosphäre beruhen. Das aber ist
unvereinbar mit einer auf grenzenlosem Wachstum, grenzenlosem Profit-Streben und
grenzenloser Ausbeutung beruhenden Wirtschaftsweise, in der die Verteilung des
gesellschaftlichen Reichtums primär an Renditeerwartungen und zahlungsfähiger Nachfrage
orientiert ist.
Einen ökologisch nachhaltigen und sozial verantwortlichen Kapitalismus hat es noch nie
gegeben. Und nach allem, was wir über die grundlegenden Logiken und Dynamiken dieser
Wirtschaftsweise wissen, bleibt der ‘grüne Kapitalismus' auch heute eine verhängnisvolle
Illusion. In den wenigen Jahren, die uns noch bleiben, um die Weichen in Richtung einer
anderen Wirtschafts- und Lebensweise zu stellen, die ein Überleben auf diesem Planeten
ermöglicht, bedeutet das für uns, dass wir uns dafür einsetzten müssen, die Art des
Wirtschaftens grundlegend zu verändern. Eine demokratisch-kontrollierte, nachhaltige und
an menschlichen Bedürfnisse orientierte Ökonomie wäre dabei auf der Grundlage der uns
heute zur Verfügung stehenden Produktions- und Kommunikationstechnologien durchaus
möglich. In einer solchen Gesellschaft, bräuchte es auch keine zwanghaft auf die Erhaltung
von Arbeitsplätzen fixierten Debatten und keine politischen Maßnahmen, die um Menschen in
Arbeit zu bringen (bzw. zu zwingen, ob sie wollen oder nicht) die Güter und
Ressourcenvernichtung weiter anheizen. Denn in einer Gesellschaft, die die Teilhabe am
vorhandenen gesellschaftliche Reichtum anders regelt als über einen allgemeinen
Lohnarbeitszwang, würde das, was heute als Drohung der ‘Arbeitslosigkeit' erscheint, nicht
Verarmung bedeuten. Es wäre vielmehr der eigentliche Reichtum der Gesellschaft, nämlich
die Zeit für selbstbestimmte Tätigkeiten, aber auch für Muße und für die bewusste,
gemeinsame Aushandlung und Gestaltung der Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer
Verhältnisse zur Natur. Dabei müssten und könnten große Teile der Produktion und
Distribution dezentraler und lokaler gestaltet und der lokalen und regionalen
Selbstorganisation überantwortet werden. Das würde helfen, auch ländliche Regionen wieder
unabhängiger und attraktiver zu machen, ohne Güter, die ebenso gut nebenan erzeugt werden,
über die halbe Welt zu den Verbraucher_innen zu transportieren. Der globale Austausch von
Wissen, Informationen und wo es sinnvoll ist natürlich auch von lokal nicht produzierbaren
Gütern ließe sich dabei seinerseits mit geringerem gesellschaftlichem Aufwand und bei
geringeren ökologischen Folgekosten neu organisieren.
Wie entsprechende andere globale Produktions- und Austauschbeziehungen im Detail aussehen,
wird sich erst im gesellschaftlichen Versuch und Irrtum herausstellen können. Es scheint
heute aber wichtiger denn je, mit der Suche nach wirklichen Lösungen zu beginnen, statt
weiterhin - wie fast alle Nationen und alle politischen Parteien - das Festhalten an den
Ursachen der ökologischen Katastrophendynamik als das einzig mögliche Heilmittel auszugeben.
Deshalb ist es jetzt und heute wichtig, in vielfältigen Formen selbst zu handeln und die
politische Initiative zur ergreifen. Dabei ist und bleibt der Streik ein wichtiges Mittel,
um ökonomischen und politischen Druck aufzubauen. Denn wortstark gegen die gegenwärtige
Wirtschaftsweise und Politik demonstrieren oder gedanklich nach Alternativen suchen können
wir lange, ohne dass dies irgendwelche Folgen hat.
Am Ende ist die tatsächliche Verweigerung unserer Arbeitskraft das wirkungsvollste Mittel,
um grundlegende Veränderungen durchzusetzen, da alle einzelnen Unternehmen ebenso wie alle
kapitalistisch wirtschaftenden Staaten von dieser abhängig bleiben. Insofern schließen wir
uns dem Aufruf zum ‘Klimastreik' rückhaltlos an. Denn wie der Streikaufruf richtig
erkennt, reicht es für einen Streik, der diesen Namen verdient, nicht aus, dass
Schüler_innen nicht in der Schule erscheinen. Vielmehr müssten wirklich auch Arbeitsplätze
unbesetzt bleiben und Arbeitskraft tatsächlich verweigert werden, damit die Drohung eines
wirklichen wirtschaftlichen Schadens einen entsprechenden Druck aufbaut. Letztlich ist es
aber eben deshalb auch kein Streik, wenn Lohnabhänge Urlaub nehmen, ihre Chef_innen
bitten, der Arbeit für eine Demonstration fernbleiben zu dürfen, oder wenn ‘Imagebewusste'
Unternehmen überzeugt werden, ihre Mitarbeitenden mit der Aufforderung an einer
Demonstration teilzunehmen freistellen.
Für einen Streik bräuchte es genügend Menschen, die dem Wirtschaftsmotor seine wichtigste
Grundlage, menschliche Arbeitskraft, in spürbarer Form entziehen. In einer
kapitalistischen Lohnarbeitsgesellschaft, in der Menschen mehrheitlich existentiell auf
den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen bleiben, können sie das aber nicht allein. Es
braucht hier kämpferische Gewerkschaften, in denen wir uns langfristig organisieren, um
uns auch im Streikfall durch Streikgeld, durch rechtliche Unterstützung im Repressionsfall
und durch unmittelbare Solidarität sozial absichern und unterstützen zu können.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), der einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung
organisiert, hat diese Verantwortung nicht wahrgenommen. Stattdessen schließt der
DGB-Aufruf zur Beteiligung an einer Demonstration einen echten "Streik" explizit aus und
garantiert Mitgliedern, die wirklich streiken würden, entsprechend auch keinerlei
finanzielle oder rechtliche Absicherung.
Demgegenüber gehen wir davon aus, dass die Dringlichkeit des Klimawandels für bloße
Symbolpolitik, die mit dem Wort ‘Streik' bestenfalls unverbindlich spielt, eigentlich
keine Zeit lässt. Sie zwingt uns dazu, jetzt tätig zu werden. Das bedeutet tatsächlich
kämpfen zu müssen und dabei auch Risiken einzugehen, wobei wir alle Mitstreiter_innen
möglichst unterstützen und absichern wollen. Darum rufen wir als lokale Basisgewerkschaft
in Dresden die Mitglieder unseres Syndikats zum ordentlichen Streik am 20. September auf,
samt Streikgeld und rechtlicher Unterstützung. Außerdem fordern wir andere
Städte-Syndikate und -Sektionen der Freien Arbeiter_innen Union dazu auf, dasselbe zu tun.
Vermutlich wird an diesem Tag noch lange nicht genügend Druck entstehen um wirklich
grundlegend politische und ökonomische Veränderungen einzuleiten. Dafür wird es noch
langfristigere Kämpfe und Organisationsbemühungen brauchen. Und es bedarf bei aller
wechselseitigen Solidarität verschiedener durch geteilte Ziele verbundener Bewegungen und
Gruppen auch der kritischen Auseinandersetzung über die adäquaten Formen dieser Kämpfe.
Lasst uns den Global Climate Strike als einen neuen Auftakt dafür sehen
https://dd.fau.org/2019/09/12/aufruf-der-mitglieder-des-allgemeinen-syndikats-dresden-zum-globalen-klimastreik/
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