(de) FAU, direkte aktion: SKIZZE EINES KONSTRUKTIVEN SOZIALISMUS (TEIL 3)

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Sa Sep 7 09:36:06 CEST 2019


Grundlagen der Konstruktion: Das Gefüge transformatorischer Organisationen -- Hintergrund 
Von: Holger Marcks ---- Großes verändert sich nur in der Kulmination vieler kleiner 
Prozesse, die für die Neuordnung einer komplexen Gesellschaft zu durchlaufen sind. In 
diesem Sinne gibt es»keine Abkürzungen«auf dem Weg zu einer sozialeren Welt.[1]Es 
erfordert, sich auf das long game einzulassen und die»Mühen der Berge«auf sich zu 
nehmen.[3]Der dafür nötige Atem und Weitblick gehen der radikalen Linken jedoch häufig ab. 
Frustriert über ihre isolierte Lage, will sie schon länger mit dem Kopf durch die 
Gebirgswand - und findet sich dadurch immer wieder im Jammertal wieder.[2]Multiple 
Gewerkschaften, die an den konkreten Interessen der unteren Klassen ansetzen, wären 
hingegen ein Weg aus jener Isolation. Wie im zweiten Teil dieser Serie dargelegt,[4]lassen 
sich aus einer strategischen Interaktion mit der Realität, die auf Handlungsmacht abzielt, 
utopische Keimformen so nähren, dass sie auch tatsächlich Gegenmacht erlangen. Mehr 
Realismus kann insofern das emanzipatorische Bestreben der Utopie näherbringen als ein 
radikaler Utopismus. Diese Dialektik der realutopischen Sozialtechnik ist, wie wir von 
Camus lernen, eine Frage des richtigen Maßes. Es gilt, mit der Wirklichkeit so zu 
arbeiten, dass sich am realistisch Machbaren eine breite Kollektivität entfaltet - um mit 
dieser Kollektivität die Situation»abzutragen«,[5]an denen die»praktischen 
Realisierungsmöglichkeiten«der Utopie ihre Grenzen finden.[6]
Diese Grenzen sind nicht einfach gesetzt durch objektive Bedingungen, sondern, das lehrt 
uns wiederum Schapiro, liegen auch in der Unzulänglichkeit der Emanzipationssubjekte 
selbst begründet.[7]Eben deswegen ist eine Mesopolitik erforderlich, die auf 
Handlungsmacht abzielt. Im Versuch, diese über Alltagspraxen entlang sozialer Widersprüche 
herzustellen, kann nämlich auch das Bewusstsein über die eigenen Widersprüche wachsen. Und 
diese verlangen in Konsequenz eine realistische Anpassung der Mikropolitik (also der 
Gestaltung der Keimform) und damit der Makropolitik (also der utopischen Konstruktion, die 
durch die Keimform vorgezeichnet wird). Ein solch praktischer Materialismus fehlt der 
radikalen Linken weitestgehend. Sie wünscht sich zwar Handlungsmacht - und unterstreicht 
dies mit Bekenntnissen zur Klassenpolitik -, dieses Desiderat bleibt aber illusorisch, 
weil sie alles in utopischen Idealen vollzogen sehen will, die praktisch nicht mit der 
Realität der unteren Klassen kompatibel sind. So soll die Bewegung organisch, ja geradezu 
naturwüchsig reifen, völlig horizontal wie auch inklusiv funktionieren und keinen 
Leistungs- oder Optimierungszwängen unterliegen. Zugleich soll sie innovative 
Beziehungsweisen und ein höheres Bewusstsein hervorbringen, subalterne Subjekte erheben 
und regressive Elemente exkludieren sowie die richtigen Strategien finden, um Herrschaft 
effektiv zu überwinden.

Es ist eine eierlegende Wollmilchsau, als die sich die radikale Linke imaginiert: eine 
Schimäre aus theoretischen Parametern, die, wie zu zeigen ist, praktisch unvereinbar sind. 
Allenfalls ließe sich zwischen ihnen vermitteln. Doch statt das mittlere Maß zu suchen, 
will jene Linke alles in vollem Maße - und geht so leer aus. Denn dadurch, dass ihre 
Vermittlungsformen selbst widersprüchlich sind, also nicht mal zwischen ihren eigenen 
Parametern vermitteln, sind sie auch nach außen nicht vermittelbar. Diese Formen 
missachten elementare Gesetze der sozialen Interaktion und sind der Realität entrückt. 
Sinnbildlich dafür mag der überstrapazierte Leitspruch der ZapatistInnen sein, die 
Schwerkraft besiegen zu wollen.[8]Dieser mag als Negation der angeblichen 
Alternativlosigkeit Sinn ergeben, nicht aber als Negation allgemeiner Gesetze der 
Vergesellschaftung, denen sich jede inter- und transpersonale Vermittlungsform beugen 
muss.[9]Im realutopischen Sinne kann ein»fragendes Voranschreiten«daher nur 
meinen,[10]diese Mechanismen in (mesopolitischen) Versuchen der Massenorganisierung 
abzutasten und entsprechend eine realistische Anpassung von (mikropolitischen) 
Beziehungsweisen und (makropolitischen) Institutionen vorzunehmen. Im Folgenden wird nun 
erörtert, was eine solche Heuristik für die Mikropolitik, also das konkrete Gefüge 
transformatorischer Organisationen bedeutet.

AUF SAND GEBAUT: DIE ENTZAUBERUNG DER UNVERSTANDENEN MOMENTE
Zwangsläufig muss so eine Reflexion von Praxiserfahrungen zu einer Kritik an der 
vorherrschenden Mikropolitik der radikalen Linken geraten. Denn in dieser werden die 
gewünschten Beziehungsweisen eben nicht daran gemessen, ob sie Handlungsmacht ermöglichen. 
Vielmehr gelten jene Beziehungsweisen, die als Keime der Utopie identifiziert wurden, 
selbst als Maßstab, an dem sich linke Praxis messen muss. Handlungsmacht ist zwar - ebenso 
wie Gegenmacht - wünschenswert, aber nur, wenn sie aus genau den Beziehungsweisen 
erwächst, die den eigenen Normen sozialer Interaktion entsprechen. Vielen gilt heute 
gerade das als Essenz des Radikalseins, lässt das doch ein Selbstverständnis als Garant 
der Utopie zu, die man nicht für machtpolitische Versuchungen zu verwässern bereit 
ist.[11]Als Kern der radikalen Identität, zu dem sie geworden ist, bildet die Mikropolitik 
in der linken Psyche den Ausgangspunkt aller praktischer Überlegungen, gilt die 
Implementierung durch und durch antiautoritärer Prinzipien in den eigenen Zusammenhängen 
doch als Vorbedingung aller weiteren Politik. Mesopolitische Zielstellungen wie 
erfolgreiche Massenorganisierung haben sich diesen Prinzipien unbedingt unterzuordnen. 
Denn als Leistungsanforderung, die diese darstellt, werden sie als Ausdruck der negierten 
Machtpolitik gesehen - und damit als Quelle der Verunreinigung für das radikale Projekt.

Wir werden noch darauf eingehen, wie es zu dieser kognitiven Verschiebung in der Linken 
kam, die ja durchaus mal erfolgsorientiert gearbeitet hatte. Hier soll es aber erstmal 
darum gehen, welche Probleme aus so einer radikalen Identität resultieren. Und dies 
betrifft zunächst die Selbstbezüglichkeit der Mikropolitik, die durch ihre 
Verabsolutierung keine Reflexionsinstanz mehr hat. Zwar soll sich in ihr die Utopie 
widerspiegeln (und andersrum), womit vermeintlich ein reflexives Moment vorliegt, doch 
werden Keimform und Utopie zumeist synchron gedacht. Das heißt, sie ziehen ihre Prinzipien 
aus ein- und derselben Quelle: der Negation sozialer Asymmetrien, wie man sie in der 
Realität vorfindet (z.B. Hierarchien oder Ungleichheiten) und denen man horizontale bzw. 
ausgleichende Vermittlungsformen als»gelebte Utopien«entgegenstellt.[12]Es ist ja gerade 
diese Synchronisierung, das keimförmige Handeln nach utopischen Prinzipien, die als 
besonders radikal, weil konsequent gilt.[13]Jedenfalls handelt es sich dabei tatsächlich 
um ein rekursives Denken, das um sich selbst kreist. Denn durch die Unterordnung oder gar 
Ablehnung von mesopolitischen Zielstellungen gibt es kein pragmatisches Moment, welches 
das Selbstgefallen der utopischen Prinzipien irritieren könnte. Die Mikropolitik (als 
absolute Spiegelung dieser Prinzipien) verkommt so zum Selbstzweck.

Gewiss, man könnte darin auch eine löbliche Haltung erkennen, eine nämlich, die Erfolg 
nicht um jeden Preis möchte und solcherlei Machtpolitik ablehnt, wo der Zweck die Mittel 
heiligt - und sich dadurch nur allzu oft korrumpiert. Dieser Impuls ist verständlich. Doch 
leider hat die Linke das Problem einfach invertiert, wenn sie nun die Mittel 
heiligspricht. Denn genau das bedeutet die Synchronisierung der Mikropolitik mit dem Zweck 
der Emanzipation. Es findet ein identitärer Verschluss statt, bei dem die Mittel als 
absolut in der Kognition gesetzt werden, womit sie von den Zielen entkoppelt werden, an 
denen konkrete Praktiken eigentlich zu messen sind. Durch diese Auflösung der Achse von 
Mittel - Ziel - Zweck sind die mikropolitischen Prinzipien,[14]die ja utopische sind, 
quasi konkurrenzlos, werden also nicht mehr mit realistischen Maßgaben (wie etwa 
Leistungsfähigkeit oder Erfolg) konfrontiert. Und eben jener Verschluss hat erhebliche 
Auswirkungen auf die Bearbeitung der Realität, die so keine strategische, sondern eine 
idealistische ist. Es ist ja gerade kennzeichnend für die Neue Linke ab 1968, die prägend 
für die Gegenwartslinke war, dass sie den politischen Fokus auf Subkulturen verschob, in 
denen das emanzipatorische Bedürfnis unmittelbar und subjektiv befriedigt werden sollte: 
durch (ideale) interpersonale Beziehungen, in denen autoritäre Zwänge praktisch-alltäglich 
negiert werden.

Es lohnt sich hier, bei Jürgen Habermas nachzuschlagen, der bereits 1969 diesen 
kulturrevolutionären Ansatz für seine»zwanghafte Abwehr von Kompetenzforderungen und 
Leistungsorientierungen«kritisierte, die der Zurückweisung von»Leistungsimperativen«bzw. 
der»autoritären Leistungsgesellschaft«folge.[15]Angesichts der daraus aufkeimenden 
politischen»Selbstbefriedigung«, bei der»Kriterien des Erfolgs zweckrationalen 
Handelns«nicht mehr galten,[16]sollte es nicht verwundern, dass die radikale Linke kaum 
mehr in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingreifen kann. Denn wo sie sich jeglicher 
Rationalität verweigert, die sich auf die Zwänge der realen Machtverhältnisse einlässt, 
kann sie eben keine Handlungs- oder Gegenmacht entfalten. Schließlich stellt der Aufbau 
solcher Macht, auch wenn sie emanzipatorisch verfasst sein soll, eine Bewegung vor 
vielschichtige Leistungs- und Kompetenzanforderungen.[17]Es erfordert Strukturen, die 
anschluss-, aufnahme- und durchsetzungsfähig genug sind, um die Interessen einiger gegen 
den Willen mancher geltend zu machen. Und das zwingt wiederum dazu, solchem Wissen Geltung 
zu verleihen, das versteht, wie sich Menschen zur Organisierung bewegen lassen und wie 
sich deren individuellen Differenzen kollektiven Zielen unterordnen lassen - um dieses 
effektiv für eine möglichst selbstbestimmte Bearbeitung der Realität zu nutzen.

Wo sich die Linke diesen immanenten Zwängen verweigert, ist sie zum reflexiven, 
strategischen Denken nicht in der Lage. Sie übt vielmehr ein»motiviertes Denken«aus,[18]in 
dem die Gedankenarbeit darauf verwendet wird, selbstverständlich gemachte, also zu 
Ideologie geronnene Prinzipien zu rationalisieren -[19]statt die Prinzipien dahingehend zu 
überprüfen, wie sie sich in der Realität bewähren, und sie für die Erlangung politischer 
Ziele (utopieverträglich) zu relativieren. Politisch-psychologisch betrachtet, handelt es 
sich bei dieser Rationalität, die so tut, als fände die soziale Interaktion bereits unter 
utopischen Bedingungen statt, um eine»Beeinträchtigung von Aneignungsvollzügen«.[20]Denn 
ohne eine Beziehung zu der Welt, in der diese als Voraussetzung des eigenen Handelns 
angenommen wird, ist das Vermögen gestört,»sich die Welt zu Eigen zu machen«und»das eigene 
Leben[zu]gestalten«.[21]Man beugt sich nicht ihren Zwängen, um die Kapazitäten ihrer 
Transformation aufzubauen, sondern ignoriert sie - womit man sich und die Welt ihnen umso 
mehr ausliefert. Die Rationalisierung dieser Entfremdung findet ihren Ausdruck in einem 
Transformationsverständnis, das nominell zwar konstruktiv ist, weil es den Aufbau neuer 
Beziehungsweisen betont. Diese stehen selbst aber in keiner Beziehung zur Realität, die ja 
die Bedingungen für deren Aufbau vorgibt - und sind somit auf Sand gebaut.

Das Transformationsverständnis ist daher ein magisches, in dem Handlungsmacht als 
Mysterium daherkommt.[22]Sie soll aus der Wirkungsmacht idealistischer Prinzipien folgen, 
die in Erzählungen des»Schöner wär's, wenn's schöner wär«beschworen werden - auf dass die 
Welt sie sich als Normen zu Eigen mache.[23]Und wenn der Berg doch nicht zur Prophetin 
kommt, dann stehen die Sterne eben nicht günstig! Das ist in etwa die Semantik, die viele 
radikale Linke, ob nun marxistischen oder anarchistischen Selbstverständnisses, zum 
Ausdruck bringen: Sie neigen dazu, die mangelnde Wirkungsmacht linker Prinzipien - und 
damit das Ausbleiben von Handlungsmacht - nur mit der Vorstellung rationalisieren zu 
können, dass die Bedingungen für sie nicht günstig seien oder nicht genug für ihre 
Vermittlung getan worden sei.[24]Ob dies nun in materialistischer oder spontaneistischer 
Terminologie daherkommt, in beiden Varianten gibt es»unverstandene Momente«der 
Emanzipation, die einer konstruktiven Bearbeitung der Welt im Wege stehen.[25]Insbesondere 
das Problem, wie Wirkungs- und Handlungsmacht zusammenhängen, erscheint als black box, die 
durch den identitären Verschluss - also die Verabsolutierung mikropolitischer Prinzipien - 
nicht geöffnet werden kann. Es ist dieser Bereich, der in der linken Theorie in die Ecke 
der Mysterien verbannt wurde und nach Entzauberung verlangt.

Die unverstandenen Momente und der Heilige Geist

Bini Adamczak hat klugerweise auf das Problem unverstandener Momente in 
Emanzipationsdiskursen aufmerksam gemacht (siehe Teil 2, Anm. 37). Allerdings verlangt 
dieser Hinweis danach, vom Kopf auf die Füße gestellt zu werden. Denn so richtig es ist, 
dass Probleme der Revolution eine Sprache benötigen, um intellektuell verarbeitet werden 
zu können (d.h. intelligibel zu sein), so verrutscht scheint es, diesen Gedanken auf»das 
Begehren nach solidarischen Beziehungsweisen«zu richten, das sich laut Adamczak in der 
Geschichte nicht ausreichend artikulieren konnte, um Revolutionen zu einem happy end zu 
verhelfen. Abgesehen davon, dass nach idealen - umfassenden, unteilbaren, queeren, 
ausgleichenden usw. - Solidarbeziehungen zu verlangen (siehe Adamczak, Beziehungsweise, S. 
284-285), keine Problemdifferenzierung darstellt, sondern eine normative Versprechung, 
steht die Essentialisierung jenes Begehrens, die die dabei vorgenommen wird, für eine 
erneute Externalisierung der Kritik.

Indem das Begehren zur Essenz der Revolution erklärt wird, entziehen sich nämlich 
Lebensformen, welche ihre Normen zu verkörpern meinen, weiterhin der Reflexion eben jener 
Normen und werden ihre inneren Differenzen (ja, auch Solidarbeziehungen beinhalten 
Probleme, die sich über die Solidarität erheben können) nivelliert. Der Fokus der Kritik 
richtet sich dann auf externe Bedingungen, welche die Lebensform an der Entfaltung 
hindern, einschließlich des Menschen, der sich dem Ideal der Lebensform anzuvertrauen hat, 
wenn er auf einen glücklichen Ausgang von Revolutionen hoffen möchte. Diese Semantik, in 
der das Begehren, das sich artikulieren soll, einerseits menschliche Züge erhält und zum 
anderen purifiziert wird, ist der vom Heiligen Geist nicht unähnlich.

Mit dieser religiösen bzw. magischen Projektion lässt sich zwar eine spannende Theologie 
der Revolution begründen, aber keine Praxistheorie, welche die Widrigkeiten 
transformatorischer Prozesse heuristisch auslotet. Das Begehren ist so gesehen ein 
Platzhalter für die nach wie vor unverstandenen Momente der Emanzipation: die immanenten 
Probleme der Beziehungsweisen, mit denen Transformation vollzogen werden soll. In diesem 
Bereich liegen nicht nur die Antworten darauf, warum (vermeintlich) emanzipatorische 
Beziehungsweisen nicht aufnahme-, leistungs- und durchsetzungsfähig sind, sondern auch 
darauf, warum ihnen die epistemische Kapazität fehlt, intelligible Probleme der Revolution 
angemessen in Theorie und Praxis zu verarbeiten.

DIE MACHTLOSIGKEIT ABSOLUTER PRINZIPIEN: WARUM WENIGER OFTMALS MEHR IST
Im Grunde steht die Linke sich selbst im Weg. Denn im Zentrum des unverstandenen Bereichs 
liegt das linke Subjekt selbst, das in seiner Rolle als (unzulänglicher) 
Emanzipationsakteur untertheoretisiert ist, ja, dem ganz besonders mit der von Habermas 
attestierten»Theoriefeindschaft«begegnet wird.[26]Wo Erfolgskriterien aus der eigenen 
Rationalität verbannt sind, gibt es eben kein reflexives Moment, an dem sich das Selbst in 
Form seiner Mikropolitik überhaupt verstehen lernen könnte. Dann baut die Mikropolitik 
allein auf Affekten der Verweigerung auf und verheddert sich in Widersprüchen. 
Erfolgskriterien sind nun mal wichtig, um zu überprüfen, ob die Prinzipien tatsächlich dem 
Zweck der Emanzipation dienlich sind. Ohne sie sind keine»interne Kritik«des Selbst 
möglich - geschweige eine»immanente Kritik«.[27]Es ist dann einerlei, ob die deduktiv 
aufgestellten Prinzipien bei den adressierten Massen Resonanz erfahren, ja mit deren 
Klassenrealität kompatibel sind. Solche empirischen Erfahrungen, an der sich die Zwänge 
der Realität wie auch die eigenen Widersprüche abzeichnen, zählen nicht; sie werden daher 
nicht auf die Prinzipien zurückgeführt, um sie induktiv anzupassen. Und damit ist denn 
auch der Weg verbaut, das Selbst in ein Verhältnis zur Welt zu setzen, in dem man diese 
zielgerichtet, also strategisch bearbeitet, was ja die Arbeit mit den Zwängen voraussetzt.

Eine reflexive Praxistheorie, wie sie Schapiro andeutete, richtet sich also gegen die 
Entfremdung, die sich in der Ausblendung eigener Unzulänglichkeiten spiegelt. Sie zielt 
nicht auf Abstriche in der Selbstbestimmung, sondern auf deren Erweiterung. 
Selbstbestimmung ist nämlich niemals absolut, sondern (doppelt) relativ: Sie endet 
theoretisch dort, wo die Zwänge, die man (zunächst) nicht ändern kann, beginnen; und sie 
ist praktisch dann am größten, wenn die eigene agency die strukturellen Spielräume voll 
ausfüllt, die ja immer auch durch die agency anderer Akteure beschnitten werden.[28]Es 
liegt jedenfalls nichts Selbstbestimmtes darin, seine Linie ungeachtet 
aller»unbeabsichtigten (Neben-)Folgen«durchzuziehen,[29]die aus den Interaktionen mit 
Gegnern, aber auch der angenommenen Bezugsgruppe hervorgehen. Mit solch 
einer»Gesinnungsethik«setzt man sich schachmatt,[30]noch bevor das Spiel von Herrschaft 
und Widerstand so richtig begonnen hat. Anders gesagt: Selbstbestimmt agieren kann nur die 
Schachspielerin, welche nicht nur die Spielregeln beherrscht, sondern auch das Verhalten 
anderer Spieler einzuschätzen vermag.[31]Insofern setzt Selbstbestimmung das größtmögliche 
Wissen darüber voraus, wie die Umwelt - unter gegebenen Bedingungen - auf die eigenen 
Praxen reagiert, und die Fähigkeit, diese verstandenen Momente in die eigenen 
Praxiserwägungen zu integrieren.

Die Spielregeln für die Veränderung von Spielregeln

Vordergründig lautet die Aufgabe von Transformationspolitik natürlich:»Wie lassen sich die 
Beziehungen der Figuren zueinander neu konstruieren, wodurch sich sowohl das Spiel als 
auch die Figuren transformieren?«(Adamczak, Beziehungsweise, S. 238). Aber auch diese 
Aufgabe vollzieht sich unter Regeln, die zwar nicht»vermachtet und verdinglicht«(ebd.), 
aber - weil sie allen sozialen Interaktionen immanent sind - umso zwingender sind. Wer 
z.B. unilateral die Funktionen der Figuren und ihre Beziehung neudefiniert, wird 
wahrscheinlich alleine spielen müssen; und wer die anderen eigenmächtig am gewohnten Spiel 
hindert, läuft wohl sogar Gefahr, die Hucke voll zu kriegen.

Diese überpolitischen Regeln zu verstehen, unter denen kontextunabhängig 
Vergesellschaftung und Vermittlung stattfindet, ist die eigentliche, hintergründige Kunst 
der Transformationspolitik. Wie aber das spezifische Selbst, welches das Spiel und seine 
Figuren transformieren will, überhaupt in eine Beziehung zu den anderen SpielerInnen 
tritt, in der man in der Lage wäre, alternative Beziehungsweisen erfolgreich vermitteln zu 
können, gehört allgemein immer noch zu den unverstandenen Momenten linker 
Emanzipationsdiskurse, die sich entsprechenden Einsichten aus der Soziologie und 
Psychologie verschließen. Vgl. dazu auch Anm. 25.

Eine solche»Verantwortungsethik«, die (voraussehbare) Reaktionen auch als Folge der 
eigenen Praxis versteht, für sie also Verantwortung übernimmt,[32]ist der Schlüssel zum 
strategischen Denken. Im Gegensatz zur gesinnungsethischen Rationalität, Misserfolge einer 
nicht begreifen wollenden Welt anzukreiden,[33]reflektiert sie heuristisch, ob man bei der 
Annäherung an ein Problem - das ja stets in eine komplexe Realität eingebettet ist, die 
von Interaktionsdynamiken geprägt ist - die»durchschnittlichen Defekte des Menschen«nicht 
hinreichend berücksichtigt hat.[34]Es nützt eben auch die gutgemeinteste Praxis nichts, 
wenn ihre Folgen keine guten sind bzw. am Problem nichts ändern. Und diese Folgen ergeben 
sich nun mal aus den (Nicht-)Reaktionen anderer auf die eigene Praxis, womit sowohl die 
von Gegnern als auch die des Publikums, das man eigentlich mobilisieren will, gemeint 
sind. Kolja Möller hat hierzu passend bereits in der Oxi festgestellt, dass der Linken 
eine»Politik der Sache selbst«guttun würde. Darunter ist, in Anlehnung an Machiavelli, die 
Methode zu verstehen, eine gegebene Situation einzuordnen, indem man die Verfasstheit und 
die Einflüsse der verschiedenen Akteure in dem betreffenden Problemfeld versachlicht - um 
anhand dieser Sachfaktoren dann»Handlungsoptionen zu bestimmen, Handlungsfehler zu 
identifizieren und neue Wege auszuloten«.[35]
Bei dieser Methode nähert man sich Problemen nicht auf eine prinzipielle Weise, sondern 
orientiert sich in der jeweiligen Gemengelage an den Widersprüchen, um durch Versuch und 
Irrtum einen handlungsmächtigen Ansatz zu finden. Freilich kann so eine Heuristik aus 
emanzipatorischer Perspektive nicht im Sinne des Machiavellismus gedacht sein, dessen 
Zweck allein darin besteht, Herrschaft zu erlangen oder zu erhalten, und der keine 
Prinzipien kennt. Die am emanzipatorischen Zweck ausgerichteten Prinzipien haben ebenso 
also Orientierung zu dienen, sind aber zu den Erfordernissen für Handlungsmacht in 
Relation zu setzen. Das bedeutet keineswegs, die Prinzipien bloß für Erfolge zu opfern und 
den radikalen Kern der Utopie aufzugeben. Vielmehr kommt der Radikalismus in seiner 
Anpassung an sachliche Zwänge überhaupt erst zu sich selbst. Denn eine Politik, die nicht 
kompatibel mit den Menschen ist, die es für eine Neuordnung der Verhältnisse nun mal 
bedarf, kann gar nicht radikal sein. Sie ist schlichtweg zwecklos. Wie der Rätekommunist 
Sam Moss bereits in den 1930ern feststellte, sind die Massen im fortgeschrittenen 
Kapitalismus vor allem an der Erhaltung oder Verbesserung ihrer Lebensbedingungen 
interessiert.[36]Akteure, die ihre Prinzipien nicht relativieren wollen, um erfolgreich 
entlang dieser Interessen zu mobilisieren, sind zur Machtlosigkeit verdammt.

Vorausgesetzt, dass dieses menschliche Problem in der Natur der revolutionären Sache 
liegt, dann ist das radikale Maximum der relative Utopiegehalt, der sich realistisch in 
Massenorganisierungen einbauen lässt. Akteure hingegen, die utopische Prinzipien absolut 
setzen, sind zu transformativer Interaktion nicht in der Lage, so dass ihr Radikalismus in 
Selbstgefälligkeit umschlägt. Damit sind zwei Abhänge angezeigt, zwischen denen die 
realutopische Sozialtechnik manövrieren muss: Eine Mesopolitik, mit der sich Massen 
interessieren lassen (Handlungsmacht), schafft Beschränkungen für die Makropolitik, die 
sich zur Utopie erheben soll (Gegenmacht); und zugleich vermag eine Mikropolitik, die zu 
sehr utopieschwanger ist, keine Massen einzubinden, um die Mesopolitik hinreichend 
interessant zu machen (Wirkungsmacht). Für eine kritische Keimformtheorie ist das 
wesentlich, weil es realutopische Organisationen vor epistemische Leistungsanforderungen 
stellt. Denn um in dieser kurvenreichen Gratwanderung die Passgenauigkeit zwischen 
sachlichen Zwängen und utopischem Gehalt herzustellen, müssen sie eine komplexe 
Gemengelage analysieren, die Wirkung von Beziehungsweisen qualifizieren und strategische 
Folgen antizipieren können. Für so eine (kollektive) Heuristik bedarf es Mechanismen, 
durch die entsprechende Kompetenzen und Erfahrungen in der Organisation zur Geltung kommen.

Genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Weil die radikale Linke sich in einem 
identitären Verschluss befindet, entziehen sich ihre mikropolitischen Prinzipien einer 
kritischen Reflexion.[37]Und diese selbstgefälligen Prinzipien, in denen sich die 
vermeintliche Utopie widerspiegelt, äußern sich vor allem in Beziehungsweisen, die 
antiautoritär wirken sollen. An diesem Impuls ist erstmal nichts falsch - in der Linken ab 
1968 nahm er aber geradezu infantile Ausmaße an. Nun ging es nicht mehr nur darum, 
möglichst hierarchiearm zu arbeiten, sondern darum, jeglicher Autorität aus Prinzip zu 
trotzen. Damit jedoch erfuhren auch Kompetenz und Erfahrung eine Abwertung. Denn in dem 
Maße, wie nun den TrägerInnen solchen Wissens - der natürlichsten Quelle von Autorität - 
als potentiellen Machtsubjekten misstraut wurde, verlor auch deren Wissen selbst an 
Geltung. Und damit wiederum schlitterte die Linke in eine epistemische Krise,[38]die sich 
selbst reproduziert. Denn es bedarf einer Geltung sozialtechnisch relevanten Wissens, um 
Mikropolitik so zu gestalten, dass in ihr solches Wissen auch zur Geltung kommt. Anders 
gesagt: Die Abwertung des Wissens macht es unmöglich, die Wissensprobleme einer 
Mikropolitik zu fassen, die sich nur als Spiegelung der utopischen Prinzipien begreift. 
Insofern ist der infantile Antiautoritarismus sowohl Ausdruck als auch Stabilisator des 
identitären Verschlusses.[39]
Der infantile Antiautoritarismus und der Kampf gegen Wissen

›Infantil‹ ist diese Autoritätsfeindlichkeit, die über die Autoritätskritik hinausschießt, 
nicht nur deswegen, weil im Zentrum ihres trotzigen Überschwangs allein das unreife Motiv 
steht, dass niemand über etwas verfügen soll, über das man nicht selbst verfügt. Sie ist 
es auch deswegen, weil sich das zwangsläufig gegen ältere Menschen richtet. Denn deren 
natürlichen Erfahrungs- und Wissensvorsprünge werden aus dieser verkürzten Perspektive, 
die auf Personen anstelle von Inhalten und Strukturen schaut, als unzumutbare 
Machtasymmetrie wahrgenommen.

Statt also derlei Vorsprünge hinzunehmen und aus ihnen einen kollektiven Nutzen zu ziehen, 
werden die TrägerInnen solchen Wissens zurechtgestutzt - und damit das Wissen selbst 
eingehegt. Der Kampf gegen Wissenshierarchien, der ja eine Anerkennung und Verbreitung von 
Wissen voraussetzen würde, ist daher im Endeffekt ein Kampf gegen Wissen.

EXKLUSIVER HORIZONTALISMUS: MECHANISMEN EINER KLASSISTISCHEN KLASSENPOLITIK
Der Mangel an Wirkungsmacht ist also ein immanentes Problem linker Lebensformen. Denn 
seine Lösung erfordert, einen heuristischen Blickwinkel einzunehmen, der innerhalb der 
selbstverständlich gemachten Autoritätsfeindlichkeit versperrt ist.[40]Damit schreibt 
diese Ideologie das Problem immer weiter fort, ja verstärkt es sogar zunehmend, so dass, 
in einer Art Keimformschmelze, die linke Mikropolitik die Grundlagen einer realutopischen 
Mobilisierung untergräbt. Denn es ist zwar primär die Funktion der Mesopolitik, breite 
Massen für eine Organisation zu interessieren, doch hängt deren Anschlussfähigkeit 
letztlich auch von den anderen Ebenen der Transformationspolitik ab. Wenn etwa die 
makropolitische Vision keine realistische Korrektur erfährt, weil die Zwänge ignoriert 
werden, die sich in der Mikropolitik - dem Labor der Utopie - als Grenze der Möglichkeiten 
erweisen, bestimmte Beziehungsweisen zu realisieren, dann kann das realutopische Programm 
nicht glaubhaft vermitteln, eine praktikable Alternative zu sein, die der komplexen 
Aufgabe gesellschaftlicher Reorganisation gerecht wird. Und ebenso werden auch gute 
mesopolitische Ansätze ihr Potential an Handlungsmacht nicht entfalten können, wenn die 
Mikropolitik nicht mit den Realitäten der zu mobilisierenden Menschen resoniert, man diese 
also nicht mit wirkungsmächtigen Prinzipien einbinden kann.

Probleme und Lösungen erster, zweiter, dritter Ordnung

Ein immanentes Problem kann auch als Problem zweiter Ordnung bezeichnet werden. Wenn etwa 
eine Organisation vorgibt, besonders inklusiv zu sein, aber letztlich nur eine erlesene 
Klientel einzubinden vermag, dann ist das erstmal ein Problem erster Ordnung. Wenn aber 
die Organisation diesen Widerspruch nicht erkennen kann oder nur zu Lösungsversuchen 
imstande ist, die es verschärfen, dann haben wir es mit einem Problem zweiter Ordnung zu 
tun, insofern die epistemische Verfasstheit der Lebensform den Widerspruch immer wieder 
reproduziert. Vgl. Rahel Jaeggi,»Experimenteller Pluralismus. Lebensformen als Experimente 
der Problemlösung«, auf: polar-zeitschrift.de, 2. Apr. 2015 (online hier).

Um das Problem aufzuheben, bedürfte es also einer Lösung zweiter Ordnung, die mit der 
Logik bricht, die das Problem verursacht hat. Das Problem dabei ist: Damit eine Lösung 
zweiter Ordnung von der Lebensform angenommen wird, müsste diese epistemisch so verfasst 
sein, dass sie ein Problem zweiter Ordnung - also ihr eigenes epistemisches Unvermögen - 
erkennen kann (gewissermaßen ein Problem dritter Ordnung). Es setzt also eine Verfasstheit 
voraus, die als Teil der Problemlösung überhaupt erst noch herzustellen wäre. Deswegen 
kommen Organisationen so häufig nicht aus ihrer Pfadabhängigkeit heraus: Es setzen sich in 
ihnen nur Lösungen erster Ordnung durch, die gewöhnlich nur ein Mehr des üblichen 
Problemumgangs darstellen - und das Problem somit verschärfen.

Die Interdependenz der Mikropolitik lässt sich gut am Beispiel der FAU verdeutlichen. 
Diese unterscheidet sich durchaus von den neoanarchistischen und autonomen Gruppen, die 
sich einer»Tyrannei der Strukturlosigkeit«hingeben,[41]mit der potentielle Machtpolitik 
bereits im Keim erstickt werden soll - mit der Folge eines Verzichts auf jegliche 
Handlungsmacht. Im Gegensatz dazu lässt der Versuch der FAU, formale 
Gewerkschaftsorganisationen aufzubauen, schon eher»Strukturen der 
Tyranneilosigkeit«erwarten,[42]die ein Potential an Handlungsmacht zulassen. Jedoch sind 
auch ihren Strukturen Prinzipien eingeschrieben, die keine Wirkungsmacht haben. Denn auch 
hier wirkt das neoanarchistische Erbe fort, eine ausgesprochen autoritätsfeindliche 
Funktionsweise als selbstverständlich anzunehmen.[43]Ihrem Gefüge mangelt es daher an 
Beziehungsweisen, die in strukturellen und strategischen Fragen das sozialtechnische 
Wissen zur Geltung bringen könnten, das für eine resonanzfähige Transformationspolitik 
nötig wäre. Und auch hier verhindert die Ablehnung von Erfolgskriterien, dass 
mikropolitische Gewissheiten hinterfragt werden, die den Anspruch einer mesopolitischen 
Massenorganisierung ad absurdum führen und die makropolitische Vision fragwürdig 
erscheinen lassen. Dass die FAU von einer reflexiven Praxistheorie angeleitet würde, wie 
sie in den ersten Teilen dieser Serie als notwendig für einen konstruktiven Sozialismus 
herausgearbeitet wurde, darf durchaus bezweifelt werden.

Deutlich wird das etwa an den Widersprüchen des (Ultra-)Horizontalismus.[44]Während man 
der bürgerlichen Demokratie stets vorzuhalten weiß, dass ihre formale Gleichheit durch 
materielle Verhältnisse unterlaufen wird - politische Einflüsse also eine Klassenfrage 
sind -, scheint man mit Blick auf die eigenen Beziehungsweisen keine klassistischen 
Mechanismen erkennen zu wollen. Dabei wohnt der»Basisdemokratie«, wie sie heutige 
Syndikate praktizieren, selbst eine starke Asymmetrie zwischen sozialen Gruppen inne. Zwar 
ist auch hier jedes Mitglied formal gleichberechtigt, faktisch aber ist Einfluss an den 
Einsatz von Ressourcen gebunden: Wer immer an den Versammlungen teilnimmt, wo seriell 
abgestimmt wird, hat implizit mehr Stimmgewicht als Mitglieder, die dies nur selten 
können. Und umso mehr fällt das ins Gewicht, als dass diese Abstimmungen häufig und auf 
verschiedenen Ebenen stattfinden, um in langatmigen Verfahren kleinste Entscheidungen 
durch die Basis verantworten zu lassen. Das ist nicht nur mit Blick auf die Makropolitik 
abstoßend - man stelle sich etwa eine»Utopie«vor, wo Mitbestimmung vom individuellen 
Einsatz abhängig wäre -,[45]es unterminiert auch die mesopolitischen Ziele. Denn in dieser 
Mikropolitik wird insbesondere ein sozialer Typus übervorteilt: arbeitende Menschen mit 
wenig (Zeit-)Ressourcen - die eigentliche Basis linker Klassenpolitik.

Der dystopische Schatten in utopischen Versprechungen

Transformationstheorie muss sich auch fragen, ob die utopische Versprechung, die so manche 
horizontale Mikropolitik macht, überhaupt so verheißungsvoll ist. Denn eine sich ständig 
in Versammlungen ergehende Gesellschaft, in der diejenigen, die sich nicht ständig mit 
KollegInnen, NachbarInnen usw. in Endlosplena auseinandersetzen wollen, verhältnismäßig 
weniger Stimmgewicht haben, kann man durchaus als Dystopie begreifen. Im schlimmsten Falle 
schafft sie eine Aristokratie von AktivistInnen, die über so einen Ressourcenwettbewerb 
überproportionalen Einfluss generieren; im besten Falle bedeutet sie eine ständige 
Mobilisierung, da alle regelmäßig teilnehmen müssen, um gleichwertigen Einfluss zu haben. 
Nicht nur hält der damit verbundene Sozialterror ein enormes Potential für personalisierte 
Konflikte bereit, er treibt auch einen Keil zwischen die Bevölkerung, wie es die 
bestehende Ordnung nicht könnte. Wo nämlich die Mitmenschen in Basisversammlungen die 
Gestaltung ihrer Umwelt selbst klären sollen, treffen die subjektiven Vorstellungen 
ungefiltert aufeinander, so dass sich die Menschen - ohne vermittelnde, repräsentative 
Instanz, die den Druck aus dem Kessel zwischenmenschlicher Dynamiken nimmt - schnell die 
Köpfe einschlagen.

Solche Schattenseiten der»Basisdemokratie«denken Vorschläge basisorganisierter communities 
selten mit; siehe exemplarisch Erna Rauch,»Perspektiven gewinnen: Organisierte 
Nachbarschaften und Föderationen Hand in Hand!«, auf: direkteaktion.org, 17. Jan. 2018 
(online hier). Sie sehen nur eine generalisierte»Kreativität«, die unterdrückt wird, nicht 
aber, dass in den unterschiedlichen Vorstellungen dieser Kreativität ein destruktives 
Potential liegt. Ganz abgesehen davon, dass solche Modelle auch Legitimationskonflikte 
auslösen können. Wo z.B. Nachbarschaftsräte den Stadtteil umgestalten, weil sie sich qua 
ihrer basisdemokratischen Funktionsweise dazu berufen sehen, mag es eine Mehrheit von 
Betroffenen geben, welche die Entscheidungen dort gar nicht getroffen sehen möchte. Sie 
können daher auch als anmaßende Selbstermächtigung empfunden werden - und so die Distanz 
zwischen AktivistInnen und Bevölkerung noch vergrößern.

Tom Wetzel hat bereits dargelegt, dass eine Organisation, die besonders 
ressourcenaufwendig funktioniert, keine Arbeiterorganisation sein kann.[46]Diese 
Feststellung folgt ganz logisch aus einem praktischen Materialismus, wie er im zweiten 
Teil der Serie dargelegt wurde. Setzt man nämlich die Implikationen von 
Organisationspraxen ins Verhältnis zur materiellen Realität, dann ist leider 
festzustellen, dass der Horizontalismus des Gegenwartssyndikalismus die unteren Klassen 
strukturell auf Distanz hält. Denn insgesamt können diese kein Interesse daran haben, ihre 
knappen Ressourcen in eine Struktur zu investieren, die mehr Aufwand als Nutzen 
erzeugt.[47]Es sollte daher nicht verwundern, dass die alten syndikalistischen 
Organisationen, die noch Massen interessierten, weniger horizontal funktionierten und 
durchaus Verantwortung vertikal delegierten.[48]An solchen Beziehungsweisen kann man 
sicherlich kritisieren, dass sie zu einer Entmächtigung der Basis führen können. Aber in 
der Basisdemokratie ist, so paradox das klingt, diese Entmächtigung schon von vornerein 
eingebaut. Repräsentation garantiert eben allen Mitgliedern erstmal ein gleiches 
Mindestmaß an Stimmgewicht, das nicht vom Ressourceneinsatz abhängt. Horizontalismus 
hingegen bedeutet für die Mitglieder von Beginn an ungleiche Stimmgewichte, abhängig 
davon, wieviel Mitsprache sie sich leisten können.[49]
Asymmetrische Basis: Der Ressourcenwettbewerb im Horizontalismus

Es ist hier klar zu unterscheiden zwischen einer Machtasymmetrie, die zwischen 
FunktionsträgerInnen und ›einfachen‹ Mitgliedern besteht, und einer Machtasymmetrie 
zwischen jenen Mitgliedern selbst. Ersteres delegiert formale Macht in einer 
kontrollierten Weise aus einer Basis von absolut Gleichen heraus: bei zyklischen Wahlen 
von VertreterInnen hat jedes Mitglied das gleiche Stimmgewicht. Letzteres bedeutet eine 
Basis von Ungleichen, die sich die Macht zwar formal teilen, in der aber die jeweiligen 
Anteile an dieser Macht immer relativ sind: bei seriellen Abstimmungen summiert sich das 
Stimmgewicht durch die Teilnahme - und zählt umso mehr desto weniger andere Mitglieder 
teilnehmen. Durch diese Relativität findet implizit immer ein politischer 
Ressourcenwettbewerb statt, insofern die Richtung der Organisation davon abhängt, welche 
TrägerInnen von Standpunkten am häufigsten zu den Versammlungen mobilisiert werden. Im 
Endeffekt läuft das auf eine ständige Mobilisierung heraus, weil diejenigen im 
summarischen Stimmgewicht einbüßen, die hier und da keine Präsenz zeigen.

Wer das Interesse hat, dass die Organisation einem bestimmten Kurs oder Stil folgt (und 
sei es nur der bestehende), ist gezwungen, das immer wieder mit aktiver Teilnahme zu 
vertreten bzw. verteidigen. Denn weil es - im Gegensatz zu repräsentativen Strukturen, die 
mit zyklischen Wahlen Kurs und Stil für eine bestimmte Periode festlegen - keine Atempause 
für Richtungsfragen gibt, ergibt sich die Richtung aus der Summe der vielen 
Einzelentscheidungen. Obendrauf gibt es dann auch noch ein verschärftes Konfliktpotential, 
da solche Entscheidungen - vgl. Anm. 45 - nicht etwa über Wahlen abstrahiert werden, 
sondern durch ihre Unmittelbarkeit viel stärker die konkreten Personen in den Fokus von 
Entscheidungskritik rücken. Und diese Konflikte einzudämmen, ist wiederum besonders 
zeitaufwendig, weil in der horizontalen Verfasstheit die Dynamiken ungefiltert und unter 
Einbezug vieler aufeinandertreffen. Für Menschen mit wenig Ressourcen ist dieses Gemisch 
(relativ geringes Stimmgewicht + hoher Mobilisierungszwang + personalisierte Konflikte + 
zeitaufwendige Klärungsprozesse) geradezu toxisch.

Repräsentation wirkt daher in erster Linie inklusiv und setzt die Basis in eine 
symmetrische Beziehung; auf dieser horizontalen Breite bauen sich dann exklusivere 
Kompetenzebenen vertikal auf. Dagegen wirkt Basisdemokratie in erster Linie exklusiv und 
schafft vertikale Asymmetrien bereits in der Basis; horizontal ist sie nur insofern, als 
dass dann ein erlesener Kreis in der Breite aller Fragen mitsprechen kann. Im 
Gegenwartssyndikalismus wird letztere Asymmetrie jedoch kaum problematisiert. Aufgrund des 
autoritätsfeindlichen bias werden nur die möglichen Probleme zwischen Basis und 
FunktionärInnen wahrgenommen. Positive Aspekte der Repräsentation werden ebenso 
ausgeblendet wie die Probleme des Horizontalismus. Dadurch wird nicht nur eine 
Mikropolitik aufrechterhalten, die inkompatibel mit den Klassenrealitäten ist; auch werden 
die Interessen der ressourcenschwachen Mitglieder, um die es ganz wesentlich bei 
syndikalistischer Klassenpolitik gehen sollte, wenig bis gar nicht in der Willensbildung 
und Organisationsentwicklung abgebildet.[50]Wenn sich der Syndikalismus also nicht durch 
solche klassistische Mechanismen ad absurdum führen will, muss er Repräsentation 
beinhalten. Nur wenn Mitglieder RepräsentantInnen wählen können, von denen sie ihre 
Interessen vertreten sehen, ist es möglich, die für Transformationspolitik nötigen Massen 
einzubinden.

In Konsequenz erfordert dieser Sachzwang weitere Prinzipien heraus. Das Prinzip der 
Ehrenamtlichkeit etwa verhindert ebenso, dass Verantwortung in einer Weise delegiert wird, 
die ressourcenschwache Menschen nicht übervorteilt. Denn es dreht die klassistische 
Schraube nur weiter, wenn Funktionen nur von denen übernommen werden, die sich das leisten 
können.[51]Nicht nur schließt es viele Mitglieder davon aus, selbst Verantwortung zu 
übernehmen, letztlich haben sie sogar keine andere Wahl, als sich von denen stellvertreten 
zu lassen, die ihre Lebensrealität nicht verstehen.[52]Lösen lässt sich das auch 
keineswegs damit, Aufgaben auf vielen Schultern zu verteilen und das Personal häufig zu 
rotieren, wie es in anarchistischen Kreisen beliebt ist. Zum einen schafft es weiteren 
Koordinations- und Beratungsaufwand, der den Entscheidungskorpus zeitaufwendiger macht; 
zum anderen macht das die Organisation insgesamt ineffektiver, da die Aufgabenerfüllung 
starken Kompetenzschwankungen und Diskontinuitäten unterliegt.[53]Eine Organisation aber, 
die ineffektiv ist und enorme Mengen Zeit allein für ihre Aufrechterhaltung frisst, ist 
für die unteren Klassen doppelt uninteressant. Insofern ist Professionalisierung 
tatsächlich ein mikropolitischer Schlüssel für breite Inklusion - und damit Bedingung 
einer Mesopolitik, welche die unteren Klassen entlang ihrer Interessen effektiv mobilisiert.

Warum geteilte Arbeit nicht gleich weniger Arbeit ist

Bei den Versuchen, die Überforderung der Organisation durch weitere Dezentralisierung zu 
beheben, handelt es sich um eine Lösung erster Ordnung (vgl. Anm. 40), wie sie für die 
neoanarchistische Logik typisch ist: Sind Aufgaben aber einer gewissen Größe nicht mehr zu 
bewältigen - und das setzt bei ultrahorizontalen Gruppen schon im Übergang von der 
Kleinst- zur Kleingruppe ein -, wird intuitiv vorgeschlagen, die Gruppe aufzuteilen, 
Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen und/oder diese noch stärker rotieren zu 
lassen. Diese streng mathematische Sichtweise lässt aber grundlegende Mechanismen sozialer 
Interaktion außer Acht und verschärft letztlich die Ressourcenprobleme.

Denn durch jeden weiteren Grad der Dezentralisierung erhöht sich auch der 
Koordinationsaufwand (sowohl zwischen den Mandatierten als auch zwischen den 
Organisationseinheiten), so wie auch die Basis mehr Aufwand im Besetzen, Kontrollieren, 
Entlasten, Abwählen und Neubesetzen von Aufgaben zu erbringen hat. Zugleich müssen immer 
mehr Aufgaben an Menschen übertragen werden, welche nicht hinreichend kompetent dafür 
sind, während die durch Überforderung oder Rotation geschaffene höhere Frequentierung 
dafür sorgt, dass mehr Zeit für Einarbeitung und Übergabe aufgebracht werden muss, als 
kontinuierlich an einer Sache gearbeitet werden kann.

Fatal ist diese Herangehensweise vor allem auch deshalb, weil sie auf kleinster Ebene den 
Anschein machen mag, das Problem gelöst zu haben, den Druck aber auf die höheren Ebenen 
der Föderation verlagert. Denn da steigt durch die Fragmentierung nicht nur der 
Koordinationsaufwand bei zugleich knapperen Ressourcen für die Mandatsbesetzung, sondern 
wird auch die gemeinsame Entscheidungsfindung so weit verkompliziert, dass kaum mehr 
Handlungsfähigkeit gegeben ist. Letztlich wird damit dann auch die utopische Vision 
unglaubwürdig, da das Modell nicht vermitteln kann, breitere gesellschaftliche Kreise 
entscheidungs- und handlungsfähig integrieren zu können.

AUSSCHLUSS DURCH EINSCHLUSS: DAS EPISTEMISCHE VERSAGEN DES HORIZONTALISMUS
Gerade eine klassenpolitische Transformationsorganisation steht und fällt mit ihrer 
Effektivität. Davon hängt nicht zuletzt auch die Glaubwürdigkeit der utopischen 
Perspektive ab, muss diese doch auch vermitteln, komplexe Probleme bewältigen zu können. 
Dabei versteht es sich von selbst, dass Vertikalisierung und Professionalisierung auch 
akute Risiken beinhalten. Aber erstens können diese durchaus eingehegt werden, etwa durch 
Konzepte des Föderalismus und der Autonomie oder spezifische Mechanismen von Input, 
Kontrolle und Gewaltenteilung.[54]Und zweitens stehen dem ja der chronische Klassismus von 
Horizontalität und Ehrenamtlichkeit gegenüber. Es ist daher falsch, Emanzipation und 
Effektivität als Antagonismen zu verstehen, die sich gegenseitig beschneiden. Vielmehr ist 
eine Emanzipation der unteren Klassen ohne Effektivität nicht möglich. Eine Organisation, 
die Instrument zur Gewinnung von mehr Ressourcen sein soll, kann ihre Nützlichkeit nicht 
glaubhaft machen, wenn sie in erster Linie Ressourcen verbrennt. Was etwa die FAU an 
Verbesserungen zu gewinnen vermag, steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den sie 
erzeugt. Ihre Ökonomie, in der - zugespitzt gesagt - ein Dutzend Leute im Einsatz sind, um 
eine Glühbirne auszuwechseln, stellt eine herbe Verlustrechnung dar, die auf Dauer nur 
besonders opferbereite AktivistInnen zu binden vermag.[55]
Die Kontextabhängigkeit von Vertikalisierung und Professionalisierung

Die neoanarchistische Kritik an vertikalen und professionellen Strukturen beruht im 
Wesentlich auf einem unzulässigen Vergleich. Denn sie nimmt zentralistische Organisationen 
mit ganz spezifischen Arbeitsweisen und Programmatiken, wie etwa den DGB oder (autoritäre) 
Parteien, als Beispiel, um die Gefahren solcher Strukturen zu belegen. Die Wirkungsweise 
von Organisationen zu qualifizieren, erfordert aber eine holistische Betrachtung, welche 
das Zusammenspiel der Organisationselemente als Ganzes in den Blick nimmt. Immerhin hängt 
in jedem sozialen System die Funktion eines bestimmten Elements von seiner kontextualen 
Einbettung ab.

Die Kritik müsste sich daher an einem vergleichbaren Kontext orientieren, etwa den 
früheren syndikalistischen Organisationen. Und da lässt sich nicht gerade sagen, dass die 
vertikalen und professionellen Elemente immer zu einer autoritären Degeneration oder 
reformistischen Korruption der Organisation geführt hätten. Vielmehr zeigt die Geschichte, 
dass in einem von Föderalismus und Autonomie geprägten Kontext vielfältige Mechanismen 
möglich sind, mit denen sich Probleme der Vertikalisierung und Professionalisierung 
einhegen oder gar vermeiden lassen. Im DGB-Kontext werden diese Mechanismen aber ebenso 
wenig praktiziert wie in gewöhnlichen Parteien. Und auch der Gegenwartssyndikalismus ist 
weit davon entfernt, sie für sich nutzbar zu machen, wenn er über die Feinheiten 
vertikaler oder professioneller Strukturen aufgrund von pauschalen, falschen und 
ahistorischen Urteilen gar nicht erst nachdenken will.

Auf kurze Sicht lässt sich die Lebenslüge des Gegenwartssyndikalismus, er könne mehr 
erkämpfen als die viel gescholtene»Stellvertreterpolitik«, übertünchen, indem Einzelne 
außergewöhnlich viel Einsatz erbringen. Auf mittlere Sicht erstickt dieser Raubbau an 
Ressourcen aber die Handlungs- und Entwicklungsfähigkeit. Denn ein Funktionärsapparat 
ermöglicht nicht nur Routinen, mit denen vermieden wird, dass in jedem Problemfall vieles 
aufs Neue geklärt werden muss.[56]Er kann auch die nötigen Kapazitäten freisetzen, um 
Probleme der Organisationspraxis zu evaluieren und Reformen zu implementieren. Ansonsten 
führen Wachstumsschübe, die eine Anpassung der Organisation verlangen, zu Reformstau und 
letztlich Krisen, die nicht lösbar sind. Denn deren Lösung setzt eben Strukturen voraus, 
in denen das relevante Wissen zielgerichtet allokalisiert wird. In Strukturen, wie sie 
etwa die FAU pflegt, sind aber erfahrene AktivistInnen - die potentiellen Träger solchen 
Wissens - ständig damit beschäftigt, Minimalstandards einer fluktuierenden Mitgliedschaft 
nahezubringen und Neumitglieder für Aufgaben anzulernen.[57]Statt also wichtige Aufgaben 
zu erledigen und die Organisation weiterzuentwickeln, müssen sie all ihre Kapazitäten 
darauf verwenden, Grundlagen zu vermitteln und Rückentwicklungen zu verhindern. Und umso 
breiter der Horizont der Basis wird, desto größer wird der dafür nötige Aufwand.

Was hier als Einschluss und Aktivierung gedacht ist, hat letztlich den gegenteiligen 
Effekt. Zum einen sind ad-hoc angelernte Mitglieder häufig überfordert mit wichtigen 
Aufgaben, was nicht nur bei ihnen zu Frustration und Rückzug führen kann, sondern auch bei 
Mitgliedern, die Kontinuität und Effektivität erwarten.[58]Zum anderen müssen erfahrene 
Mitglieder dadurch immer wieder Lücken stopfen, was im Kontext eines autoritätsfeindlichen 
Klimas jenen Aktivposten zusätzliche Rechtfertigungsbemühungen abverlangt.[59]In dieser 
Mühle werden letztlich auch die erfahrenen Mitglieder aufgerieben, nicht zuletzt deshalb, 
weil sie in der Regel älter sind, also häufig mehr berufliche und/oder familiäre 
Verpflichtungen haben, die diesen Einsatz nicht auf Dauer leistbar machen. Im Endeffekt 
hat dies denn auch fatale Konsequenzen für die soziale Zusammensetzung einer Organisation. 
Denn dieses Organisationsmodell, das sich nur durch die Selbstaufopferung von 
AktivistInnen einigermaßen stabil halten kann, ist vornehmlich kompatibel mit Sozialtypen, 
die entweder noch nicht so sehr in beruflichen und familiären Verpflichtungen sind oder 
Lebensentwürfen folgen, die sich solchen Verpflichtungen weitestgehend entziehen.[60]Es 
liegt auf der Hand, dass sich so die Reihen des Gegenwartssyndikalismus - trotz aller 
Arbeiterrhetorik - vor allem aus studentischen und subkulturellen Linken füllen.[61]
Die Gewerkschaft als Feigenblatt individueller Selbstfindung

Im neoanarchistischen Denken gilt es als hoher Wert, ja fast schon als Essenz von 
Emanzipation, dass Menschen Aufgaben übernehmen und persönlich daran reifen können. Damit 
wird letztlich sogar begründet, dass Aufgaben häufig rotieren sollen und 
Kompetenzanforderungen erstmal nicht so wichtig seien. Während dieser Fetisch 
individueller Selbstentfaltung in Kleinstgruppen ohne nennenswerte Praxis noch 
sozialverträglich funktionieren mag, haut das in Zusammenhängen mit gewachsener 
Verantwortung (z.B. hohes Finanzaufkommen, juristische Risiken, Arbeitskämpfe, wo es um 
Existenzen geht usw.) bei Weitem nicht hin. Vielmehr existieren hier notwendigerweise hohe 
Anforderungen an die Aufgaben als auch ein sozialer Druck, diese hinreichend zu erfüllen. 
Wo Leuten solche Aufgaben anvertraut werden, denen sie nicht gewachsen sind, reifen sie 
nicht, sondern werden verheizt. Und zugleich fördert es die Frustration bei denen, die 
etwa viel Lebenszeit in den Aufbau von etwas gesteckt haben, das durch eine schlechte 
Mandatsausführung zurückgeworfen oder gar zunichtegemacht wird, so wie auch Mitglieder, 
die für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen eine belastbare Organisation benötigen, 
die nicht ständig wie ein Kartenhaus zusammensackt, davon verprellt werden.

Im Endeffekt zeigt sich hier eine weitere Facette des infantilen Antiautoritarismus, die 
den Zweck des Syndikalismus ad absurdum führt: Damit sich ein paar wenige Menschen, denen 
es an sozialer Einbindung und Verantwortungserfahrung mangelt, ausprobieren können, muss 
die gesamte Organisation Defizite in Kauf nehmen, die eine effektive Organisierung und die 
Durchsetzung von subalternen Interessen verunmöglichen. Tatsächlich drängt sich der 
Eindruck auf, dass dieses Modell nur für einen sehr speziellen Sozialtypus einen Nutzen 
hat: sozial isolierte Menschen, die mangels beruflicher und familiärer Verpflichtungen, 
aber auch Qualifikationen ein Bedürfnis haben, sich in Aufgaben auszuprobieren. Gerade für 
ältere Menschen, die beruflich und familiär im Leben stehen und dabei natürlich stets 
Verantwortung nehmen, muss es als Hohn wirken, dass sie als Experimentiermasse in einer 
Art Sozialtherapie für postadoleszente Subjekte herhalten sollen. Vgl. dazu auch Anm. 55.

Gerade dieses Problem ist nicht zu unterschätzen, weil es die epistemische Krise, die der 
mangelnden Allokation von Kompetenz und Erfahrung entspringt, noch weiter verschärft. Es 
ist ohnehin ein Widerspruch des Gegenwartssyndikalismus, dass er vorgibt, dynamisch und 
progressiv zu sein, aber Entscheidungen von einem Schwarm treffen lässt, in dem nur eine 
kleine Minderheit aktiv zu gestalten bereit ist.[62]Und selbst wenn versucht wird, ein 
wenig Verantwortung zu delegieren, macht es das selten besser. Denn viele der Aufgaben, 
die sich einer Transformationsorganisation stellen, sind einfach zu komplex, als dass der 
Durchschnitt der zufälligen Versammlungskonstellationen kompetent bewerten könnte, wer 
kompetent für ihre Erledigung wäre.[63]Von lernfähigen Organisationen, wie sie Pouget 
einst als»Schule der Revolution«einforderte, ist der Gegenwartssyndikalismus weiter 
entfernt als der klassische Syndikalismus, dessen strukturelle, strategische und 
programmatische Ausrichtung durchaus von führenden Köpfen geprägt wurde.[64]In der 
genannten sozialen Zusammensetzung kommt noch hinzu, dass mit der Entwicklungsunfähigkeit 
ein Zustand konserviert wird, der besonders inkompatibel mit der breiten Masse ist. Denn 
dank ihr sind es vor allem Szenenormen, welche die Wahrnehmung falscher und richtiger 
Beziehungsweisen ordnen.

Das epistemische Versagen spiegelt sich daher auch in einer politischen Kultur, die sich 
gegen die eigentlichen Zielgruppen richtet. Deutlich wird das an der linken 
Identitätspolitik, die auch im Gegenwartssyndikalismus Einfluss hat. Darunter kann ein 
normativer Modus verstanden werden, in dem politische Wahrheiten qua Identität definiert 
werden.[65]Zentral ist dabei die Standpunkt-Theorie, wonach der Blickwinkel einer 
deprivilegierten über den einer privilegierten Gruppe zu stellen ist.[66]Für sich genommen 
ist diese Norm sinnvoll, in Verbindung mit anderen Normen der Szenelinken wirkt sie aber 
toxisch. Zum einen werden durch das Paradigma, dass das Persönliche politisch sei, 
individuelle Verhaltensweisen zu Machtfragen aufgeblasen, die durch eine Hierarchie von 
Identitäten zu entscheiden sei.[67]Zum anderen sorgt die»Politik der ersten Person«dafür, 
dass dabei das Empfinden von Individuen, die mit einer deprivilegierten Gruppe 
identifiziert werden, als definitionsmächtig gilt.[68]Wenn aber die standpunkttheoretische 
Annahme stimmt, dass privilegierte Positionen blinde Flecken in der Wahrnehmung von 
Machtverhältnissen erzeugen, dann muss eine so komponierte Identitätspolitik in der Linken 
klassistisch ausfallen. Denn wo der Kontext vor allem von Abkömmlingen des 
Bildungsbürgertums bevölkert ist, werden kulturelle Konflikte zwangsläufig zuungunsten der 
proletarischen Identitäten entschieden.[69]
Der doppelte Strohmann: Die Verwirrung um Identitätspolitik

Es ist in der Linken Mode geworden, unter Identitätspolitik den Einsatz für die Interessen 
von minoritären Gruppen - oder besser gesagt: subalternen Gruppen (Frauen etwa sind ja 
keine Minderheit) - zu verstehen. Das ist ideengeschichtlich nicht nur schlecht 
informiert, sondern hat ein regelrechtes Chaos im Diskurs über»Neue 
Klassenpolitik«angerichtet, weil sie die Frage, für wen Politik gemacht wird, mit der 
Frage gleichsetzt, wie Politik gemacht wird. Denn grundsätzlich sind etwa Feminismus und 
Anti-Rassismus (aber auch Klassenpolitik) keine Identitätspolitik, sondern (subalterne) 
Interessenpolitik. Und natürlich hat jede Form von Politik auch immer mit Identität zu 
tun, weswegen Identitätspolitik sich nicht einfach darüber definiert, das Identität im 
Spiel ist. Vielmehr ging es bei der (linken) Identitätspolitik stets darum, dass die 
Zugehörigkeit zu einer deprivilegierten Gruppe bzw. die Identifikation mit dieser ein 
zentrales Kriterium epistemischer Autorität im politischen Diskurs ist.

Deutlich wird das an ihrer Formierungsphase, als die US-amerikanische Neue Linke - das 
Epizentrum linker Identitätspolitik - die bedingungslose Unterstützung von nationalen 
Befreiungsbewegungen als Devise ausgegeben hatte und alle, die sich ihren Postulaten nicht 
unterordnen, als»objektiv reaktionär«qualifizierte. Es geht also um einen epistemischen 
Modus von Politik, in dem der kategorische Imperativ über subjektgebundene 
Definitionsmacht gebildet wird. Insofern stehen Identitätspolitik und Klassenpolitik 
grundsätzlich nicht im Widerspruch, da auch Klassenpolitik in diesem Modus operieren kann. 
Allerdings ist gerade eine identitätspolitische Klassenpolitik - d.h. eine Politik, die 
Angehörige einer bestimmten Klasse zu epistemischen Autoritäten macht - in der Linken 
nicht sonderlich angesagt. Der Vorstellung, dass ArbeiterInnen allein aufgrund ihrer 
deprivilegierten Lage das politisch Richtige zu definieren vermögen, steht sie ja durchaus 
skeptisch gegenüber. Zurecht gilt das vielen als eine zu simplifizierende Epistemologie, 
da die Welt zu komplex und die Identitätsgruppe zu heterogen ist, als dass sich ihr eine 
Art Leitbewusstsein zuschreiben ließe.

Diese essentialisierende und anti-aufklärerische Wissenslogik wendet die Linke in Bezug 
auf Feminismus und Anti-Rassismus aber begeistert an. Das ist der Kern der Kritik an 
Identitätspolitik, die sich zunächst nur unbeholfen artikulierte, bevor sie zunehmend ihre 
Sprache fand. Allerdings trifft diese Sprache auf eine Semantik, an der sie abprallen 
muss. Denn jetzt, wo Identitätspolitik mit subalterner Interessenpolitik gleichgesetzt 
ist, wird unter nomineller Kritik an Identitätspolitik eine Relativierung von subalternen 
Interessen verstanden, wo doch ein Modus kritisiert wird, der mit Feminismus und 
Anti-Rassismus keineswegs in Eins zu setzen ist. Für die einen ist z.B. 
›identitätspolitischer Feminismus‹ ein Pleonasmus wie ›weißer Schimmel‹, für die anderen 
eine fragwürdige Verbindung wie ›illiberale Demokratie‹. Diese Indifferenz im Diskurs 
über»Neue Klassenpolitik«führt einerseits zu einem Unverständnis über den Sinn der Debatte 
(warum sollten Klassenpolitik, Feminismus und Anti-Rassismus denn nicht zusammengehen!?) 
und andererseits zu einem Unverstandensein (will man denn nicht verstehen, wie irrational 
und regressiv Identitätspolitik ist!?).

Damit ist eine Verwirrung perfekt, die durch ein Strohmann-Argument genuiner 
IdentitätspolitikerInnen in Gang gesetzt wurde, dem viele Linke auf den Leim gingen 
(exemplarisch Bini Adamczak im Interview mit Raul Zelik, online hier). Denn als die Kritik 
am Modus der Identitätspolitik Form annahm, bezichtigten sie diese, Kritik an Feminismus 
und Anti-Rassismus selbst zu sein, ganz nach dem identitätspolitischen Credo: wer meine 
Definitionsmacht nicht anerkennt, richtet sich gegen meine Gruppe! Im Ergebnis dieses 
effektiven Gerüchts muss sich die Kritik an der Identitätspolitik selbst des Vorwurfs 
erwehren, einen Strohmann der Identitätspolitik zu zeichnen, da diese (also subalterne 
Interessenpolitik) doch viel facettenreicher sei, als es die Kritik nahelege.

Immerhin sind Diskriminierungslagen so komplex, dass oft unklar ist, wer in der 
Privilegienkumulation die Nase vorne hat.[70]Und wie eine Gemengelage interpretiert wird, 
ist eben standpunktabhängig, so dass vor allem Deprivilegierte gehört werden, die 
Privilegien des tonangebenden Milieus teilen.[71]Dass das im linken Kontext ein 
bildungsbürgerliches ist, zeigt sich etwa in der dominanten Lesart des Feminismus, die 
linke Mikropolitik besonders prägt. Dieser gilt es nämlich als frauenfreundlich, 
Verhaltensfragen viel Raum zu geben und besonders autoritätsfeindlich zu 
arbeiten.[72]Gerade solche Praxen steigern aber den Aufwand enorm, so dass sie eher für 
privilegierte Frauen von Interesse sind. Denn wenn generell für die unteren Klassen gilt, 
dass ressourcenaufwendige Praxen nicht mit ihrer Realität kompatibel sind, dann fällt dies 
umso mehr bei deren weiblichen Angehörigen ins Gewicht, die durchschnittlich noch weniger 
Zeit haben.[73]Was also einschließend auf ein privilegiertes Segment der deprivilegierten 
Gruppe»Frau«wirkt, schließt die Breite der unteren Klassen - einschließlich ihrer Frauen - 
aus.[74]Womit erneut eine Zusammensetzung reproduziert wird, welche die mikropolitischen 
Normen bekräftigt und mesopolitische Ziele unterläuft. Auch damit wird der Teufelskreis 
aus sozialer Exklusivität und epistemischem Versagen angekurbelt, der dem linken 
Horizontalismus immanent ist.

Im abschließenden Teil wird diskutiert, welche programmatischen Konsequenzen aus den 
mikropolitischen Erfahrungen zu ziehen sind und wie sich das auf die utopische Vision 
auswirkt.

https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-3/


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