(de) bielefeld fau:[Grundsätzliches]10 Gründe, warum wir weniger arbeiten sollten,Veröffentlicht am 31. August 2019 von faubielefeld13
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Fr Sep 6 08:12:35 CEST 2019
Um Gründe für eine radikale Veränderung der Arbeitsumstände zu finden, müssen wir nicht
zwangsläufig Marx vor- und rückwärts rezitieren können*. Nein, ein einfacher Blick auf das
eigene Leben und die Bedürfnisse und Fähigkeiten kann schon für ein Umdenken ausreichen.
Einen tollen Text das zu unterstreichen, gefunden bei der 4-STUNDEN-LIGA, präsentieren wir
euch hiermit gerne! ---- Achja, ein guter Ort die Arbeits- und Lebensverhältnisse zum
Besseren zu wenden, ist eure freundliche Basisgewerkschaft aus der Nachbarschaft ----
*schaden kann das vielleicht aber auch nicht?!? ---- "Eigentlich hatte ich nie besonders
klare Ziele im Leben. Weder berühmt werden, noch Familie, kein großes Haus und auch nicht
Weltfrieden (Also nix gegen Weltfrieden, aber wir kennen ja die Lage). Dann fing ich an,
Vollzeit zu arbeiten. Über die Jahre für verschiedene Arbeitgeber, mit verschiedenen
Aufgaben, in verschiedenen Teams. Ich merkte: egal, unter welchen Umständen, so richtig
doll ist es nie. Es macht mir keine Freude, den Großteil meiner Wachzeit mit Leuten zu
verbringen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Mich Hierarchien unterzuordnen, die mir
idiotisch erscheinen. Aufgaben zu übernehmen, die mir angetragen werden. Deadlines
einzuhalten, die eigentlich egal sind, so wie eben viele Dinge in vielen Jobs egal sind -
dazu brauchen wir nicht mal nur an meine Branche, die Werbung, denken. Natürlich stimmen
mich aber finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit einigermaßen zufrieden, deswegen ist
"Dann werd' doch Hartz4-Empfängerin" kein realistischer Vorschlag. Aus dem Wissen, was ich
nicht will, wurde immerhin ein Wissen darüber, was ich eigentlich will. Nämlich 20 Stunden
pro Woche arbeiten, statt 40 oder 50. Bei vollem Lohnausgleich. Wenn Digitalisierung und
Automatisierung so geil sind, wie alle sagen, sollte das in naher Zukunft drin sein. Eine
20-Stundenwoche lohnt sich aus ganz verschiedenen Gründen, z.B.
Weil bestimmte Jobs an Attraktivität gewinnen würden
Perfektes Beispiel: Gesundheitsbranche. In den letzten Jahren habe ich öfter (angehende)
Krankenpfleger, Altenpfleger oder Ärzte kennengelernt. Die Tendenz bei allen: auch wenn
sie gerne mit ihren Patienten arbeiten, lassen die Arbeitsbedingungen sie an ihrer
Berufswahl zweifeln. Soweit, dass sie den Beruf wechseln. Denn ihre Erfahrungen
entsprechen dem Ruf der Branche: lange Arbeitszeiten, Dauerstress, hohe körperliche
Belastung. Aber wie würde es aussehen, wenn sich diese Belastung auf wenige Stunden pro
Tag oder wenige Tage pro Woche verringern würde? Und das bei gleicher Bezahlung. Natürlich
müsste aufgrund kürzerer Arbeitszeiten fehlendes medizinisches Personal kompensiert
werden. Aber ist das so abwegig, wenn es a) vielleicht mehr Menschen in diesen Bereich
zieht und b) Menschen, die es gerne möchten, erleichtert, kranke oder alte Angehörige
zuhause zu pflegen?
2. Weil es für eine bessere Arbeitsteilung sorgt
Aus Pragmatismus landen nach wie vor viele Paare in der klassischen Rollenverteilung: sie
nimmt den Großteil der Elternzeit, er arbeitet weiter Vollzeit. Weil sie sowieso zu Hause
ist, macht sie mehr im Haushalt. Dafür verdient er besser und kann an seiner Karriere
arbeiten. Sie wiederum hat bei einer Trennung oder im Alter schlechtere Karten usw.. Wenn
alle nur noch halbtags arbeiten würden, ließe sich die Arbeitsteilung in der Familie
fairer organisieren. Zum Beispiel, in dem sie vormittags Kinder und Haushalt übernimmt und
nachmittags der Lohnarbeit nachgeht und er eben andersherum. Oder beide arbeiten
vormittags, lassen die Kinder fremdbetreuen und kümmern sich nachmittags gemeinsam und in
Ruhe um Haushalt und Familie. Auch für Alleinerziehende wäre die Situation zwischen Beruf,
Kindererziehung, Haushalt einfacher zu schaffen, wäre ein Achtstundentag nicht die Norm
und alles darunter prekär.
3. Weil es Menschen in den Arbeitsmarkt integriert, die es sonst nicht so leicht haben
Ein Vorurteil über Gendermainstreaming ist, dass es nur Frauen nützt. Stimmt so nicht.
Ziel ist es, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die sich nicht mehr an einem gesunden,
zeitlich flexiblen Mann als Status quo orientieren. Sondern solche, die neben Müttern und
Alleinerziehenden beispielsweise auch Menschen mit chronischen Krankheiten, Behinderungen
oder eben ältere Arbeitnehmer berücksichtigen. Also auch chronisch kranke oder ältere
Männer, die vielleicht noch arbeiten wollen, aber für die 40 Wochenstunden zu viel sind.
Ist mir bewusst, dass dieses Argument schwierig ist, weil alle weniger arbeiten sollen und
manche dann plötzlich doch mehr. Aber es sollte kein Muss sein, sondern, wie gesagt, eine
Möglichkeit für Menschen, die dies gerne möchten. Auch die Arbeitslosenquote würde sich
verringern, wenn auf Aufgaben, die vorher einer gemacht hat, plötzlich zwei Arbeitnehmer
kommen.
4. Weil es das Zusammenleben verbessert
Fairerweise das Gegenargument zuerst: Ja, über den Beruf lernen wir Menschen kennen, mit
einigen von ihnen freunden wir uns an. Für die Entstehung dieser Freundschaften braucht es
aber keine 40-Stundenwoche. Die wiederum wirkt sich störend auf soziale Beziehungen aus,
weil oft die Zeit fehlt, sie zu pflegen - speziell, wenn Freunde in einer anderen Stadt
wohnen, Familie oder sonstige Verpflichtungen haben. Aber auch die Übersättigung an
Sozialkontakten durch die Arbeit macht sich bei einigen Menschen (also mir) bemerkbar.
Stellenausschreibungen als Leuchtturmwärter oder Schäfer sind selten, daher arbeiten die
meisten von uns mit Menschen zusammen. Und wer kennt das nicht, dass sie/er abends
heimkommt und als Ansprechpartner nur noch Netflix will? Im worst case sitzen wir pro
Woche 40 bis 50 Stunden mit denselben Menschen in einem Raum. Das ist ein ziemlich
unnatürliches Setting, welches regelmäßig zu Verdruss führt. Schon die selbstgewählten
Freunde sind in diesem Umfang schwer zu ertragen, mit mehr oder weniger willkürlich
zugeordneten Kollegen wird's nicht besser.
5. Weil wir mehr Zeit für ehrenamtliche Aufgaben haben
Auch hier wieder die Kritik zum Einstieg: Warum etwas für lau machen, wenn es Arbeit ist
und sich bezahlen ließe? Aber seien wir mal realistisch, selbst wenn wir in einer
Planwirtschaft leben würden, gäbe es immer Arbeiten, die keine hohe Priorität genießen und
entsprechend gering oder gar nicht entlohnt werden. Weniger Wochenarbeitszeit hat den
Vorteil, dass wir uns selbst Aufgaben suchen können, die wir für wichtig halten,
unabhängig ihrer ökonomischen Relevanz. Stadtgarten anlegen, Flüchtlingshilfe oder ab und
an der achtzigjährigen Nachbarin den Abwasch machen - mit 20 Stunden Wochenarbeitszeit
wäre sowas regelmäßig und stressfrei möglich.
6. Weil es die Demokratie stärken kann
Eine Demokratie lebt davon, dass wir uns einbringen. Und "einbringen" heißt im Idealfall
mehr, als abzustimmen. Es heißt, dass wir uns mit aktuellen Themen auseinandersetzen,
vielleicht auch mal ein Buch übers Gesundheitswesen oder über alternative Energien lesen,
statt nur Überschriften. Dass wir Parteien, Gewerkschaften oder Interessengruppen
beitreten und die Versammlungen und Veranstaltungen dort regelmäßig besuchen. Vor allem
auf lokalpolitischer Ebene ist es zwar üblich, Vollzeit zu arbeiten und gleichzeitig im
Ortsbeirat zu sitzen. Aber auch hier stellt sich natürlich wieder die Frage, wer es sich
zeitlich leisten kann und zu welchem Preis.
7. Weil es nachhaltig ist
Wer arbeitet, verbraucht Ressourcen. Angefangen vom Arbeitsweg, Strom für Rechner oder
Maschinen, Druckerzeugnisse ("Ich weiß nicht, wie ich vier Power-Point-Slides auf ein
Blatt kriege...") bis hin zu den hergestellten Waren. Weniger Arbeiten soll nicht
zwangsläufig mit weniger konsumieren einhergehen, sinnvoll wäre es aber trotzdem. Dass
Ressourcen, aus denen wir Produkte herstellen, auf diesem Planeten nicht unendlich
vorhanden sind, ist keine Breaking News. Wenn wir also weniger arbeiten und dabei weniger
Handys herstellen, sind am Ende auch weniger Handys im Umlauf. In der gewonnenen Zeit
können wir uns dafür aber auch mal daran machen, die bereits vorhandenen Geräte zu
reparieren, statt zu entsorgen. Ganz platt gesagt. Als Bonus noch die paraphrasierte
Anmerkung eines Freundes: wenn wir mehr Zeit haben, die wir mit schönen Erfahrungen und
korrekten Menschen verbringen können, dann sinkt die Lust zu konsumieren (Klingt erstmal
hippiesk, kann ich aber aus eigener Erfahrung bestätigen. Ein kluges Gespräch, eine
exzessive Party, aufregender Sex machen mich länger glücklich als drei neue Shirts und ein
Bauch voll Sushi.).
8. Weil es gesund ist
Ob Burnout im Büro oder Bandscheibe auf dem Bauernhof: Arbeit kann ganz verschiedene
Krankheiten, vorzeitige körperliche Verschleißerscheinungen und Verletzungen mit sich
bringen. Weniger Arbeit reduziert die einseitige Belastung, die zu gesundheitlichen
Problemen führt. Und: es nimmt ihr auch den sozialen Stellenwert, der dazu führt, dass
sich Menschen minderwertig fühlen oder Depressionen entwickeln, weil sie arbeitslos oder
arbeitsunfähig sind. Mit vier Stunden pro Tag macht Arbeit nur noch einen kleinen Teil des
Lebens aus, neben sozialen Kontakten, Familie, Ehrenamt, Politik, Sport, kreativer
Selbstverwirklichung usw. - alles Dinge, über die sich ein Mensch genauso gut
identifizieren kann wie über seinen Job.
9. Weil es schlechte Jobs reduziert
Weniger Arbeitszeit für den Einzelnen gleich mehr Jobs um notwendige Aufgaben zu erfüllen
gleich mehr Auswahl. Wer unter shitty Bedingungen mit langweiligen Aufgaben, fiesen Chefs
und mobbenden Kollegen betraut ist, findet schneller eine bessere Option. Arbeitgeber sind
dazu gezwungen, ihre Unternehmen möglichst attraktiv zu gestalten, um für Arbeitnehmer
attraktiv zu sein und zu bleiben. Vielleicht wird es bei einem Mangel an qualifiziertem
Personal auch spannend, mehr in Aus- und Weiterbildung zu investieren, um weniger
qualifizierte Arbeitnehmer einstellen und entwickeln zu können.
10. Weil sich "nichts müssen" ziemlich gut anfühlt
Mein persönliches Hauptargument. Den größten Teil meiner eigenen Unzufriedenheit mit der
Vollzeitbeschäftigung besteht in der Einengung, die sie mit sich bringt. Bei 7-8 Stunden
Schlaf pro Nacht, 9 Stunden im Büro (Mittagspause lässt sich kaum als Freizeit bewerten)
und einer Stunde Fahrt pro Tag bleiben mir sechs Stunden, die ich nach meinen persönlichen
Vorlieben gestalten kann (Hausarbeit, Körperpflege, Nahrungsaufnahme inbegriffen). Sofern
ich dann noch die nötige Energie und Aufmerksamkeit habe, um wirklich Dinge zu tun, die
mir Freude bereiten. Ziemlich wenig, wenn ich bedenke, dass ich nicht so viele Leben habe.
Wie gut fühlen sich dagegen Wochenenden und Urlaubstage an, an denen das "Muss"
kleingeschrieben wird. Davon hätte ich gerne mehr.
http://bielefeld.fau.org/2019/08/31/grundsaetzliches-10-gruende-warum-wir-weniger-arbeiten-sollten/
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