(de) anarkismo.net: Zweite Mitteilung der Federación Anarqusita Santiago (Chile) Übersetzung: Pedro Celso (die plattform)
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Di Okt 29 08:01:31 CET 2019
Angesichts der sozialen Explosion in der chilenischen Region erklärt die anarchistische
Föderation Santiago: ---- 1) Die Risse des neoliberalen Modells vergrößern sich stetig,
die Situation hat alle Eingrenzungsversuche der Regierung überschritten und sich in der
ganzen Region ausgebreitet. Nicht nur in den Straßen von Santiago wird protestiert,
sondern in allen Gebieten der chilenischen Region haben die Menschen sich erhoben und den
Kampf organisiert. Obwohl alles gegen uns steht, wächst der Wille unserer Klasse von Tag
zu Tag und wir sind immer zahlreicher in diesem historischen Moment. Die Ausgangssperre
wird überall in der Region kontinuierlich herausgefordert, mit massiven Demonstrationen
der Unzufriedenheit setzen die Menschen ihren würdigen Kampf fort.
2) Die Antwort der Regierung bestand darin, die grausame Repression zu verstärken, so dass
mehr als zehntausend Soldaten durch unsere Stadtteile und Straßen laufen, um den Terror
des Staates zu entfesseln. Mit der Intention das Volk zu einzuschüchtern, werden Panzer
und Kampfhubschrauber durch die Straßen und in den Himmel geschickt. Dieser Einsatz von
Bullen, ratis1 und Milizen hat die kämpfenden Menschen schwer getroffen. Bereits jetzt
gibt es mehr als 1700 Inhaftierte, mehr als 250 Schwerverletzte, mehr als 15 Tote, bei
denen der Staat seine Verantwortung und seinen Namen verstecken will; Hunderte von
Verschwundenen, eine steigende Anzahl von Gefolterten und immer mehr Fälle von politisch
motivierter sexueller Gewalt. Alle diese Schikanen und Morde liegen in der direkten
Verantwortung des Staates und insbesondere der Regierung, die ihren Schergen freien Lauf
ließ und die dann keine Sekunde zögerten, um auf die unterdrückte Klasse zu schießen.
3) Uns ist es besonders wichtig, die kämpfenden Völker auf die Kommunikationsstrategie
aufmerksam zu machen, welche die Regierung gemeinsam mit der bürgerlichen Presse
entwickelte. Ihr Ziel ist die Ablenkung vom sozialen Konflikt, indem sie die Idee
etabliert, dass es sich um einen reinen Sicherheitskonflikt handeln würde, bei dem es
primär um die Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung mittels eines großen
Sozialpaketes ist und nicht etwa um die Rückgabe der Rechte an das Volk. Im Fernsehen
erscheinen stundenlang tendenziöse Bilder und komplizenhafte Meinungen, sowie Aufrufe der
Regierung an einen nationalistischen Geist zur Bewältigung der Krise. Die bürgerlichen
Medien und die Regierung behandeln dies alles wie eine Naturkatastrophe, aber wir wissen,
dass dies die Katastrophe des Kapitalismus und des Patriarchats ist und wir kämpfen dafür,
uns von ihm und all seine Stützen zu befreien. Zum Schluss betonen wir, dass die Aufrufe
zum Tragen des Trikots der chilenischen Fußballnationalmannschaft und die Schaffung eines
nationalistischen Geistes dieselbe Strategie sind, welche vor einigen Jahren von der
extremen Rechten in Brasilien benutzt wurde, um massive soziale Unzufriedenheit als
politisches Sprungbrett zu benutzten, um an die Macht zu gelangen. Wir rufen dazu auf,
diese Situation klar darzustellen und nicht den Faschismus zu stärken.
4) Wir lehnen den Opportunismus der politischen Parteien ab, welche nun behaupten, sie
würden die Völker im Kampf vertreten. Ihr vertretet aber nur eure ärmlichen Interessen und
versucht Machtpositionen zu erreichen, indem ihr das vergossene Blut der unterdrückten
Klasse als opportunistische und parasitäre Strategie benutzt. Ihr habt keinen Platz in
unseren Stadtteilen, in unseren Versammlungen und Demonstrationen, ihr habt keinen Platz
in der neuen Welt, die wir erschaffen, sondern ihr repräsentiert alles, was wir ins Loch
der Geschichte werfen.
5) Wir rufen dazu auf, mobilisiert zu bleiben, den Kampf in den Gebieten und den Straßen
fortzusetzen. Es ist besonders notwendig, dass sich territoriale Versammlungen erheben, in
denen wir selbstverwaltete Prozesse aus einer klassenbewussten, ökologischen und
depatriarchalen Perspektive vorausweisend gestalten. Die Selbstorganisation der
Unterdrückten bietet so die Antwort und Lösung, sowohl auf die drängendsten Probleme, wie
auch auf jene mit längerer Reichweite. Wir müssen damit beginnen, eine organisierte
Gemeinschaft und territoriale Kontrolle hervorzubringen, welche uns ermöglicht in der
völligen Emanzipation voranzuschreiten, die unsere oberste Priorität sein sollte und nicht
etwa institutionelle Auswege wie eine verfassungsgebende Versammlung oder irgendetwas
anderes, das die bürgerliche Demokratie am Leben hält.
6) Abschließend ist es notwendig, gemeinsam und ausgehend von den kämpfenden Sektoren
einen Rahmen von Forderungen zu generieren, der die Diversität der Körper, Völker und
Territorien und ihrer Problematiken repräsentiert. Aus diesem Grund ist es äußerst
wichtig, in der Untergrabung der Säulen dieses bestehenden Modells voranzukommen, wofür es
notwendig ist den Codigo de Agua2 abzuschaffen und dem privaten Rentenfonds AFP3 ein Ende
zu setzen, sowie andererseits die unmittelbaren Lebensbedingungen unserer Klasse zu
verbessern und die tägliche Arbeitszeit zu senken, das Transportsystem zu
vergesellschaften, den Mindestlohn anzuheben, Unterverträge zu beenden, ein Recht auf eine
würdige Wohnstätte, freie Abtreibung, würdige Gesundheit, Erlass aller Bildungsschulden
(CAE, Fondo Solidario), Senkung der Preise der Grundversorgung (Wasser, Licht und Gas) und
der Baustopp aller extraktiven Projekte. Gleichzeitig muss die legislative Agenda der
Bourgeoisie gestoppt werden, welche den Neoliberalismus stützt. Deshalb fordern wir die
Abwendung von TPP-11, dem Gesetz der sozialen Integration, dem Gesetz der Gletscher, der
Kontrolle jugendlicher Identität, der Reform der Renten, der Steuerreform und des Projekts
der Wasserstraßen, im selben Sinne ist es unerlässlich, die Aula Seguara, das
Anti-Terrorismus-Gesetz, das Statut zur jugendlichen Arbeit, das Migrationsgesetz, das
Gesetz zum Kupfer, das Arbeits-Gesetzbuch und das Steuersystem abzuschaffen.4 Abschließend
die Befreiung aller politischen Gefangenen; die Aufhebung des Ausnahmezustands und der
Ausgangssperre; das Herausziehen aller Milizen und Bullen aus den Straßen, ein Ende der
politisch motivierten sexuellen Gewalt und die Vernichtung des Gesetzes zur inneren
Sicherheit des Staates. All dies gilt es mittels eines Generalstreiks und der konstanten
Mobilisierung in den Straßen voranzutreiben.
Weg mit den Milizen von der Straße!
Generalstreik!
Lasst den Anarchismus Wurzeln schlagen!
Schafft eine organisierte Gemeinschaft!
Es lebe der Kampf der Völker!
1 ‘Ratis' ist ein Ausdruck für Bullen der chilenischen Kriminalpolizei.
2 Unter der Militärdiktatur wurde 1981 der Codigo de Agua erlassen, welcher Wasserrechte
einführte. D.h. aufgrund dieses Gesetzes sind Gewässer in Chile privatisiert und die
Rechte an ihrer Nutzung müssen erworben werden.
3 "Administradoras de fondos de pensiones de Chile", womit private Rentenfonds gemeint
sind. Unter der Militärdiktatur wurde 1980 die Altersvorsorge vom Umlageverfahren auf das
Kapitaldeckungsverfahren umgestellt.
4 Hierbei handelt es sich um eine freie Übersetzung der im Originaltext genannten Gesetze.
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https://www.anarkismo.net/article/31627
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