(de) Das Ajour Magazin hat ein spannendes Interview mit dem (Griechenland) anarchistischen Kollektiv Rouvikonas geführt, lest mal rein:

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Mo Nov 4 08:28:12 CET 2019


https://www.ajour-mag.ch/rouvikonas/ --- Mit Farbbeuteln ins Herz der Arbeiter*innenklasse 
- Rouvikonas und die Lage in Griechenland ---- 31 October 2019 ---- Farbanschläge verüben 
sie am helllichten Tag, korrupte Ärzte konfrontieren sie mit der Live-Kamera und in 
Botschaften und Firmenbüros dringen sie massenhaft ein. Dabei stehen sie mit Namen und oft 
auch mit Gesicht zu ihren Taten. Die Mitglieder des griechischen anarchistischen 
Kollektivs Rouvikonas (dt. Rubikon) erhalten für ihre Aktionen viel Beifall. Die neue 
Regierung der liberal-konservativen Nea Dimokratia (ND) hat die Gruppe deswegen ganz 
besonders im Visier. Wir haben die Rouvikonas-Anarchist*innen in Athen getroffen und mit 
dem Gründungsmitglied und langjährigen Militanten Spiros Daperolas über Robin Hood, das 
Spektakel und die neue Rechtsregierung gesprochen.

Von Leon Feiss und Nico Nussbaum

Rouvikonas hat sich 2013 formiert, zu einem Zeitpunkt also, als die grossen 
Massenbewegungen gegen die Austerität (Sparpolitik) ihren Höhepunkt bereits überschritten 
haben. Was war die Motivation hinter eurem Gründungsprozess?

Die Anti-Austeritätsbewegung starb mit dem Aufstieg Syrizas - sie starb wegen Syriza. Als 
wir begannen als Gruppe zu arbeiten, waren die Massenbewegungen bereits am 
Auseinanderfallen. Wir suchten nach Wegen, die Flamme der sozialen Kämpfe weiterbrennen zu 
lassen. Viele von uns waren seit Jahren in der anarchistischen Bewegung aktiv. Wir wollten 
aber etwas anderes machen als das, was damals schon existierte.

Was wolltet ihr anders machen?

Aus unserer Sicht handelt die anarchistische Bewegung in Griechenland oft elitär. Wir 
entschieden uns für eine Praxis, die näher an die sozialen Problemen und näher an die 
Kämpfen der Arbeiter*innenklasse geht. Dies hat uns viel Stärke und Rückhalt gegeben. Wir 
haben mit Aktionen angefangen. Die theoretischen Diskussionen kamen später.

Mit zahlreichen direkten Aktion ist es Rouvikonas gelungen, viel Aufmerksamkeit zu 
generieren. Nicht nur in Griechenland, sondern international. Ihr habt zahlreiche 
Farbangriffe auf Botschaften durchgeführt, Scheiben von Konzernen eingeschlagen und seid 
in Büros staatlicher Institutionen eingedrungen, um Missetäter*innen mit einer Kamera zur 
Rede zu stellen. Kannst du uns mehr über die dahinter stehenden Konzepte erzählen? Wie 
wählt ihr Ziele aus?

Unsere erste Entscheidung war es, solche Probleme zu behandeln, die sehr offensichtlich 
sind. Wir wollten das Spektrum erweitern, in das Anarchist*innen für gewöhnlich involviert 
sind. Wir verhalten uns zu Themen, die mit Arbeitskämpfen und Klassenkämpfen zu tun haben, 
zu staatlichen Korruptionsfällen, generell zu sozialen Problemen, wo immer wir sie 
antreffen. Gleichzeitig versuchen wir unsere politischen Ansichten und Taten möglichst 
verständlich zu halten. Wir wollen nicht elitär sein. Weder in der Art wie wir sprechen 
oder schreiben, noch in der Art wie wir handeln.

Auch im Verhältnis zu den Medien geht ihr neue Wege. Was unterscheidet euch von der 
bisherigen Praxis der anarchistischen Bewegung in Griechenland?

Wir benutzen die medialen Möglichkeiten zu unserem Vorteil. Von unseren Aktionen 
produzieren wir Videomaterial, das wir über die sozialen Medien verbreiten - und wir 
machen das organisiert und geplant.
Zudem haben wir ein bewusstes Verhältnis zu den Mainstream-Medien. Die anarchistische 
Bewegung in Griechenland lehnt normalerweise jegliche Verbindungen zu den Medien ab. Auch 
wir kooperieren in keiner Weise mit den griechischen Medien, aber wir versuchen ihre 
Funktionsweise zu nutzen. Die Videos unserer Aktionen fanden auf den sozialen Medien 
derart grosse Verbreitung, dass die Mainstream-Medien gezwungen waren, darüber zu berichten.

Griechisches Gesundheitssystem: Die Anarchisten zwingen korrupte Ärzte, keine «fakelaki» 
mehr anzunehmen.

Wir versuchen ihre Logiken für uns zu nutzen. Auch wenn sie gegen uns hetzen und versuchen 
Ängste zu schüren. Letztlich machte das unsere Gruppe noch bekannter und unsere Aktionen 
sind mittlerweile auf Titelseiten und in grossen TV-Nachrichtensendungen gelandet. Diese 
Medienpräsenz hat anarchistische Ideen und Taten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich 
gemacht.

Teile der anarchistischen Bewegung kritisieren, dass eure Praxis einen Spektakel-Charakter 
hat und alle nicht-Beteiligten in eine passive Zuschauerrolle zwingt. Was meint ihr dazu?

Diese Kritik hat eine gewisse Berechtigung. Die Gefahr besteht, ein Robin-Hood-Bild zu 
produzieren: Die gute Bande, die den Armen hilft und dafür Applaus erntet. Wir leben in 
einer Gesellschaft, in der Menschen nach Stellvertretern für ihr Handeln suchen. Aber wir 
stimmen nicht mit Guy Debords Analyse der «Gesellschaft des Spektakels» überein, wir sind 
keine Situationist*innen. Wir denken, dass spektakuläre Aktionen sehr nützlich sein 
können. Unsere Aktionen sind eine Art von Propaganda, mit der wir unsere Positionen 
verbreiten. Die bisherige Unfähigkeit der Bewegung, eine grössere Reichweite zu erlangen, 
müssen wir überwinden. Wir wollen eine breite gesellschaftliche Basis erreichen.
Ausserdem: Die Genoss*innen, die das Spektakel kritisieren, übersehen was jenseits davon 
passiert. Das Meiste, was Rouvikonas macht, passiert abseits der Kameras: Etwa unsere 
antifaschistische Praxis oder unsere Beteiligung an der anarchistischen Föderation.
Wenn wir auf die vergangenen Jahre zurückblicken, sehen wir, dass diese Praxis uns und der 
Bewegung viel geholfen hat. Die Menschen in der griechischen Gesellschaft haben durch 
diese Aktionen Anarchist*innen auf eine Art und Weise gesehen, wie nie zuvor: wir sind 
verständlicher, näher an der sozialen Realität.

Mit eurer Taktik von direkten Aktionen, zu denen ihr öffentlich steht, setzt ihr euch auch 
Repression aus. Mit welcher Art von Repression habt ihr es zu tun und wie begegnet ihr dem?

Wir spielen immer hart an der Kante. Das ist unsere Taktik. Auch wenn unsere Mitglieder 
zum Teil früher an revolutionären Aktionen mit einem hohen Militanzniveau beteiligt waren 
und viele im Gefängnis waren, haben wir uns heute für etwas anderes entschieden. 
Rouvikonas macht normalerweise Aktionen im Rahmen von Straftaten «zweiten Grades», welche 
die Grenze zu Delikten «dritten Grades» knapp nicht überschreiten. Denn das ist die Grenze 
zwischen Geldstrafen und Gefängnisstrafen. Straftaten zweiten Grades, wozu 
Sachbeschädigungen wie Farbangriffe und Scheibenbrüche gehören, führen kaum zu 
Gefängnisstrafen.

Flugblatt-Randale! Auch bei 20 Minuten ist man empört. Februar 2019.

Wir haben uns ausserdem dazu entschieden, Namen und Gesichter zu zeigen. Viele unserer 
Leute gehen sehr offen mit ihrer Mitgliedschaft bei Rouvikonas um. Das war eine politische 
Entscheidung, weil uns das für die Bevölkerung fassbarer macht. Wir denken, dass uns das 
in unserer Beziehung zu den Menschen geholfen hat. Wir sind normale Leute, mit Namen, Jobs 
und einem normalen Leben.

Seit Juli 2019 ist nun die neue Rechtsregierung von Mitsotakis im Amt und die hat euch, 
den Besetzungen und ganz Exarchia den Krieg erklärt. Wie schätzt du die aktuelle Lage ein?

Um die aktuelle Situation zu verstehen, müssen wir auf die Zeit des Aufstiegs von Syriza 
zurückblicken. Die Anti-Austeritätsbewegung war damals sehr stark, es war eine Periode 
intensiver sozialer Kämpfe. Die antagonistischen Kräfte sind aber daran gescheitert, eine 
Strategie zu finden. Die Lösung, die Syriza anbot, schien deshalb alternativlos. Syriza 
übernahm und kanalisierte die Anti-Austeritäsbewegung. Das ist die historische Rolle der 
Sozialdemokratie. Sie übernehmen die Führung in den Perioden sozialer Kämpfe, übernehmen 
die Staatsmacht und befrieden die Kämpfe.
Syriza kam mit dem Versprechen an die Macht, das Spar-Diktat der EU zu brechen - und sie 
haben genau das Gegenteil getan. Die darauffolgende Enttäuschung führte zu einer starken 
Demobilisierung. Davon hat die Rechte profitiert. Sie ist nun wieder an der Macht. Das ist 
der Tango der bürgerlichen Demokratie. Natürlich haben die Sozialdemokratie und die Rechte 
politische Differenzen, aber in historischer Perspektive bedingen sie sich gegenseitig.

Es gibt viele Menschen, deren Glauben ans politische System nachhaltig zerstört wurde. Und 
es gibt auch viele Menschen, die von den neoliberalen Angriffen der neuen Regierung 
betroffen sind. Diese hat nämlich begonnen, die verbliebenen sozialen Sicherheiten 
anzugreifen. Diese Leute wollen wir erreichen.

In gewisser Hinsicht, und das mag seltsam klingen, sind wir auch froh über den 
Regierungswechsel. Syriza und die Sozialdemokratie haben auch unterdrückt, aber auf eine 
subtilere Art. So sind unter Syriza mehr Besetzungen geräumt worden, als unter der 
vorherigen rechten Regierung. Sie haben das aber nicht öffentlich beworben. Die Nea 
Dimokratia hingegen bewirbt öffentlich eine Law-and-Order-Politik, um damit konservative 
und rechte Stimmen zu gewinnen. Tatsächlich ist die rechtsextreme Partei Goldene 
Morgenröte bei den Wahlen kollabiert. Ihre Wähler sind zur Nea Dimokratia übergelaufen.

Die No Pasaran-Demo vom 14. September 2019.

Die ersten staatlichen Angriffe auf Exarchia wurden von der antagonistischen Bewegung 
stark beantwortet. Wir haben am 14. September eine grosse «No Pasaran»-Demonstration 
erlebt. Zu einer klar anarchistischen Demo kamen 5000 bis 7000 Menschen. Das hat uns 
positiv überrascht. Noch vor drei Monaten schaffte es die Bewegung gerade einmal, tausend 
Leute auf die Strasse zu bringen.
Wir denken, dass nun die erste Welle der Angriffe vorbei ist. Die Kombination von grossen 
Mobilisierungen und verschiedenen legalen und illegalen Aktionen brachte die Regierung 
dazu, diese erste Welle des Angriffs zu stoppen. Aber es wird sicherlich eine zweite Runde 
geben.

Was bleibt heute noch übrig von den selbstorganisierten Strukturen aus der Periode vor Syriza?

Während des Kampfzyklus' ab 2008 sind die Menschen zwar massenhaft auf die Strasse 
gegangen, aber es wurden zu wenige kontinuierliche Strukturen aufgebaut. Gewiss gab es 
auch eine Organisierung an der Basis: Die Versammlungen auf den Plätzen oder in der 
Nachbarschaft. Mit dem Rückgang der Proteste, sind aber auch diese Strukturen weitgehend 
verschwunden. Der Kollaps der Bewegung hat es Syriza ermöglicht, diese zu übernehmen. Ein 
grosser Fehler der antagonistischen Bewegung war, zu stark auf die direkte Konfrontation 
mit dem Staat zu fokussieren.

Es braucht unbedingt eine Wiederbelebung der Nachbarschaftsversammlungen. Diese 
selbstorganisierten Strukturen an der Basis sind unserer Ansicht nach jene, die eine 
revolutionäre Veränderung anstossen und tragen sollten. Wir denken nicht, dass eine Partei 
die Revolution macht. Auch Rouvikonas ist nicht die Lösung, denn diese liegt allein in der 
Selbstorganisierung der Gesellschaft.
Diese Organe der Selbstverwaltung versuchen wir in unserer Propaganda zu bewerben. In fast 
jedem unserer Communiqués nach Aktionen betonen wir die Notwendigkeit dieser 
Selbstorganisierung. Darüber hinaus sind wir auch selber Teil solcher Prozesse.

Kannst du einige Beispiele von Basisstrukturen nennen, an denen ihr euch beteiligt?

In der Gastronomie und in den Motorradlieferdiensten gibt es starke anarchistisch 
beeinflusste Gewerkschaften. Aber es sind wenige Sektoren. Momentan findet ein 
Generalstreik nur dann statt, wenn er von den grossen Gewerkschaften beschlossen wird, 
welche von den reformistischen Parteien kontrolliert werden. Diese Gewerkschaften sind 
komplett gescheitert, etwas gegen die Austeritätspolitik zu tun. Sie haben alles verraten. 
Trotzdem kann es derzeit keinen Generalstreik ohne diese Gewerkschaften geben. Bis zu dem 
Zeitpunkt an dem die Basis-Gewerkschaften fähig sind, einen Generalstreik auszurufen - und 
sei es nur für einen Tag - sind wir abhängig von diesen Gewerkschaftsbürokratien.

Zu den Quartiersversammlungen: Einige von ihnen existieren noch in den Vororten Athens. 
Aber sie haben an Stärke verloren. Natürlich gibt es die Besetzungen der Bewegung und 
viele migrantische Besetzungen. Aber es bleibt alles sehr marginal. Das, was an 
Selbstverwaltungsstrukturen übrig geblieben ist, wird meistens von politischen 
Aktivist*innen am Leben erhalten.
Wir haben auch als Gruppe eigene Strukturen. Beispielsweise haben wir hier, in unserem 
Zentrum «Vox» eine medizinische Versorgung aufgebaut. So versuchen wir, die Lücken des 
griechischen Gesundheitssystems zu schliessen.
Es gibt verschiedene Initiativen, aber wir sind noch weit davon entfernt, eine reale 
Stärke an der Basis der Gesellschaft zu haben.

Mitsotakis hatte ja in seinem Wahlkampf die Zerschlagung von Rouvikonas versprochen. Spürt 
ihr bereits eine Verschärfung der Repression mit der neuen Regierung?

Wir haben fast täglich Scherereien mit dem Staat. Gerade gestern hatte ich den 
Geheimdienst vor meinem Haus. Sie haben mich angehalten und mir Dinge über mein 
Privatleben erzählt, die sie eigentlich nicht wissen sollten.
Die wirkliche Gefahr ist aber, dass der Staat versuchen wird, uns als eine terroristische 
Organisation einzustufen. Aber in einem bürgerlichen Rechtsstaat ist es schwierig, eine 
Gruppe, welche Flyer herumwirft und ab und zu mal eine Scheibe zerbricht, als 
Terror-Gruppe zu deklarieren. Das ist der Widerspruch, in dem sich der Staat befindet. Er 
hat bisher keine klare Strategie, uns im Rahmen des Rechtsstaates zu bekämpfen. Der Staat 
hätte selbstverständlich die Kapazitäten, uns umgehend zu zerschlagen. Sie könnten uns 
morgen alle verhaften, aber das würde das demokratische Gewand des Staates zerstören.
Wir verfügen zudem über viel Rückhalt in der Bevölkerung, wir haben viele 
Unterstützer*innen. Würde der Staat unsere Gruppe frontal angreifen, hätte das eine grosse 
Welle der Solidarität zur Folge.
Zudem darf nicht vergessen werden, dass die anarchistische Bewegung in Griechenland über 
eine Erfahrung mit der Ausübung von Gegengewalt verfügt. Wie der Staat seine Repression 
verstärken kann, so kann auch die anarchistische Bewegung ihr Militanz-Niveau steigern. Es 
ist ein Spiel, in dem jede Seite das Kräfteverhältnis einschätzt und ihre Möglichkeiten 
auslotet.

Viele eurer Aktionen beziehen sich auf Kämpfe an anderen Orten auf der Welt. Ihr 
bezeichnet euch auch selbst als Internationalist*innen. Nun erlebt die anarchistische 
Bewegung in Griechenland einen starken Angriff des Staates. Wie können Militante in 
Westeuropa ihre Solidarität mit euch ausdrücken?

Wir haben in den letzten Jahren viel internationale Solidarität gegeben und erhalten. 
Natürlich sind wir Internationalist*innen und versuchen dies auch in unserer Praxis 
auszudrücken. Nun brauchen wir viel Solidarität aus dem Ausland. Dies kann verschieden 
ausgedrückt werden. Natürlich brauchen wir finanzielle Unterstützung - vor allem zur 
Deckung unserer Gerichtskosten. Was es ebenfalls braucht, ist Druck auf die griechische 
Regierung von aussen. Griechenland ist sehr abhängig von der Tourismus-Industrie und damit 
auch von einem guten Ruf. Und ausserdem: Botschaften gibt es überall.

Noch mehr zu Rouvikonas erfahren? Hier ihr erstes Interview (spanisch/griechisch) mit 
einem TV-Sender.
https://www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=5QqFrGmNQUQ


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