(de) FDA-IFA, Gai Dao #102 - Kapitalistische Lebenswelten Von: Ralf Burnicki (FAU Bielefeld)

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Mi Jul 31 06:53:40 CEST 2019


Rede am 1. Mai 2019 auf dem Rathausplatz in Bünde (Herford) ---- Was hat der Erste Mai, 
der Tag der Arbeit und der Arbeitskämpfe, mit der Geschichte der menschlichen Zivilisation 
zu tun? Ich denke, der Erste Mai sollte uns angesichts dieser langen Entwicklung der 
Menschheitsgeschichte deutlich vor Augen führen, wo wir als Mitglieder einer 
kapitalistischen Arbeitsgesellschaft stehen. ---- Für den Philosophen Aristoteles, der 384 
bis 322 v. Chr. lebte, war Arbeit ein Übel, das genaue Gegenteil von Muße und 
Selbstbestimmung. Wahrhaft freie Menschen sollten ihm zufolge gar nicht arbeiten, sondern 
sich den geistigen und kreativen Dingen zuwenden. Unfreie Menschen arbeiteten, für freie 
Menschen war der Begriff der "Tätigkeit" reserviert. Aristoteles‘ politische Philosophie 
unterteilt die Gesellschaft in denkend Planende und Ausführende, wobei die Planenden zur 
Herrschaft auserkoren seien, - so, als
könnten die Ausführenden weder denken noch pla-
nen. Die Ausführenden benötigten laut Aristoteles
  deshalb der Herrschaft1, und diese Elite würde durch
  die Arbeitenden (Bäuer*innen, Handwerker*innen
  und Sklav*innen) mitversorgt. Aristoteles' Sichtweise
  unterteilt Menschen letztlich in nutznießerische Herr-
  schende und Benutzte, die ihr Leben mit Arbeit ver-
  bringen, um der Elite Gutes zu tun: eine klassische
  Form sozialer Ungleichheit.

  Seit Aristoteles sind über 2300 Jahre vergangen, und
  wo stehen wir heute? Noch immer scheinen wir als
  Lohnabhängige genötigt, zwischen 35 und 40 Stunden
  pro Woche dafür zu arbeiten, dass wir den Lebensun-
  terhalt sichern. 2300 Jahre Menschheitsentwicklung
und Ökonomiegeschichte, Technisierung und Entwick-
lung der Produktivkraft haben nicht dazu geführt,
dass die Arbeitenden zur Muße gefunden haben. Ein

Großteil der Bevölkerung verbringt ihr Leben in der
  Arbeitswelt, in Fabriken, Büros und Dienstleistungs-
gewerben, als wäre die Idee der Arbeit ein Naturge-
  setz. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für
Jahr bildet die Arbeit den Mittelpunkt des Daseins,
  und den Profit tragen Unternehmer*innen, Konzerne
  und Aktiengesellschaften davon. Käme der Erlös ihrer
  Arbeitskraft den Menschen voll zugute, müssten sie
  weit weniger arbeiten als jetzt und hätten auch mehr
  davon, hätten die Chance auf Muße und freie Kreati-
  vität.

  Doch nach wie vor scheinen wir als Lohnabhängige
  von ideologischen Einflüssen geprägt, die uns vorma-
  chen, wir bräuchten ein "Oben", etwas, das uns diri-
  giert, und so halten wir dieses "Oben" mit unserer
  Arbeitszeit am Leben, als seien wir unfähig zur Selbst-
  organisation. Wir, aufgewachsen in modernen Zeiten,
  erleben vollautomatisierte Produktionsabläufe und
  die enormen technischen Möglichkeiten, die ausrei-
chen, alle mit allem Nötigen zu versorgen. Und den-
  noch überlassen wir die Versorgung der Bevölkerung
  und die Hoffnung aufs Allgemeinwohl den egoisti-
  schen Interessen und der Profitmaximierung von Un-
  ternehmer*innen, Investor*innen und Konzernen.2

  Es kann angesichts mehrtausendjähriger Entwick-
  lungsgeschichte der Gesellschaften nicht wahr sein
  und nicht angehen, dass Menschen noch immer den
Hauptteil ihres Lebens mit Arbeit verbringen sollen -
  und als Entschädigung dafür dann so sinnvolle Pro-
  dukte kaufen dürfen wie T-Shirts mit Markennamen
  großer Sportartikelhersteller, Schönheitscremes oder
  Uhren, die dazu verhelfen, pünktlich am Arbeitsplatz
zu sein.3

  Was aber ist die Alternative? Im Gegensatz zu Aristo-
  teles, der den Ausführenden (in heutiger Sprache: den
  Lohnabhängigen ) das Denkvermögen absprach, kön-
  nen wir denken und konnten es schon immer, denn
  Denken ist Teil des Menschseins. Denken wir also,
  denken wir kritisch, und denken wir über alternative
  Konzepte zum Kapitalismus nach, bei denen es nicht
  um Profit für wenige, sondern um das Wohl für alle
  geht. Gründen wir Organisationen ohne Hierarchien
  und schaffen wir Selbstverwaltung in allen Belangen,
bei der die Betroffenen die Entscheidungen fällen auf
der Grundlage sozialer Gleichheit, freier Kooperation
  und Solidarität mit anderen - in der Ökonomie, in der
  Bildung, in der Politik. Lassen wir uns das Leben nicht
  länger nehmen. Beginnen wir eine herrschaftsfreie
  Welt, von unten für unten und im Hier und Jetzt.

  Endnoten

1 Aristoteles, Politik. Schriften zur Staatstheorie, 1252a,
  Stuttgart 2007, S.76.
  2 Egoismus und Allgemeinwohl aber schließen sich aus, es
  sei denn man glaubt an unsichtbar wirkende magische
  Kräfte. So ist es keine überraschende Erfahrung, dass in
  Konzernen ein Mehr an Profit zu Entlassungen führen kann,
  weil dies den Interessen der Kapitalist*innen dient.
  3 und die dann womöglich aus noch schlimmeren
  Arbeitsverhältnissen stammen in anderen Teilen der Welt
  (wo der hiesige Kapitalismus seinen Anteil hat).


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de