(de) die plattform: Syndikalismus oder Plattformismus? Syndikalismus UND Plattformismus! - eine Entgegnung

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Di Jul 30 08:40:49 CEST 2019


Kritik ist ein Geschenk. Üblicherweise ist aber gerade dieses spezielle Präsent ein wenig 
lieblos verpackt, weswegen es dann auch so ungern entgegengenommen wird. Auch eine neuere, 
ziemlich polemische Auseinandersetzung mit unserem Text "Über die Bedingungen, unter denen 
wir kämpfen" fällt in diese Kategorie: die Broschüre "Syndikalismus oder Plattformismus", 
bei Syndikat-A (https://www.syndikat-a.de) erschienen als Auskopplung der Zeitschrift 
Tsveyfl - dissensorientierte Zeitschrift. ---- Beim Autor Frederik Fuß ist eine heftige 
Bitterkeit angesichts des Zustands der anarchistischen Bewegung zu erkennen. Schon der 
Begriff "Bewegung" ist ihm zuviel des Guten. Dieser Frust hat durchaus relevante Gründe - 
bezüglich der dahingehenden Kritik in unserem Text scheint Konsens zu bestehen. Wir 
zweifeln nur leicht daran, dass er auf diese Weise Erfolg damit haben wird auch etwas an 
ihnen zu drehen.

Was uns angeht, sind wir trotzdem dankbar für den Input. Wir brauchen keine Harmonie und 
keinen (organisationsübergreifenden) Konsens in allen Fragen. Was kümmert uns schon die 
Verpackung... ist geschenkt.

Sehen wir darüber hinweg, finden sich durchaus einige bedenkenswerte Punkte, die dabei 
helfen können unsere Positionen inhaltlich besser zu beschreiben. Wie der Autor ja auch 
selbst anmerkt, war es nie unser Anspruch mit diesem ersten Text eine umfassende 
Welterklärung zu liefern - sondern eine Diskussionsgrundlage.

Mit Recht wird also auf einige Leerstellen in unserem Text hingewiesen: Etwa die bisher 
nicht ausformulierte Positionierung zum Antisemitismus - der nicht nur in Bezug zum 
Rechtsruck Erwähnung finden sollte. Solche Leerstellen gibt es im Text sogar noch einige 
mehr, die in Fuß Kritik nicht erwähnt werden. Das ist uns auch bewusst. Wir werden auch 
noch zu anderen, im Text zu kurz kommenden oder nicht erwähnten Unterdrückungs- und 
Herrschaftsverhältnissen klar Position beziehen.

Wie der gelungene Absatz über die Stärken des Plattformismus unterstreicht»ermöglicht der 
kollektive Prozess der Aushandlung der Begriffe den Einzelnen erst, die eigenen Gedanken 
und Vorstellung von und über die Welt in eine fruchtbare Beziehung zu denen anderer zu 
setzen, Dissens kann ausgetragen werden und muss nicht ... unterdrückt werden.«Diesen 
Prozess haben wir bereits mit Erfolg begonnen, wie sowohl die Vielzahl positiver aber auch 
die negativen Reaktionen auf unseren Text zeigen.

Unterstellungen wie die, wir würden Kapitalismus oder Patriarchat als rein interpersonelle 
Herrschaftsverhältnisse begreifen, zeigen uns zumindest, dass wir diese Punkte und 
Zusammenhänge nochmal sorgfältiger und klarer formulieren sowie ausbauen müssen. Mit etwas 
Wohlwollen wäre eine andere Sichtweise aber durchaus auch aus unserem Text ableitbar 
gewesen: Mit den Sätzen»Im Zentrum der kapitalistischen Funktionsweise stehen also nicht 
die Bedürfnisse der Menschen, sondern das Erzielen von (möglichst hohem) Profit und 
Kapitalverwertung«und»Das Patriarchat ist das weltweit vorherrschende System der 
Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen«sollte klar werden, dass es uns nicht um verkürzte 
und personalisierte Herrschaftsverhältnisse geht.

Der Aussage, Geschlecht sei nicht sozial (also gesellschaftlich) konstruiert, sondern es 
sei»vielmehr .. ein gesellschaftlicher Prozess, der Geschlecht erzeugt und durchsetzt«, 
stehen wir dann doch etwas rätselnd gegenüber. Aber natürlich gibt es auch materielle 
Grundlagen und emotionale, institutionelle und körperliche Einflüsse bezüglich 
"ideologischer Zurichtung«, keine Frage. Wir haben den Eindruck, diese in unserem Text 
auch zumindest teilweise durchaus anzusprechen. Aber auch hier gilt, das geht alles sicher 
noch klarer.

Es gibt auch bestätigende Passagen - etwa die Kritik an manchen gegenwärtigen (wenn auch 
von Fuß überzeichneten) Entwicklungen in der FAU, auf die unser Text in der Tat Antworten 
liefert: Etwa der Bezug auf einen klaren, anarchistischen Standpunkt bei der alltäglichen 
Gewerkschaftsarbeit oder der Vorschlag einer überregionalen Awareness-Struktur.

Dazu muss auch gesagt werden: Nicht wenige von uns sind in der FAU organisiert und 
beteiligen sich dort auch an internen Diskursen. Wir sehen unseren Ansatz und den des 
Anarchosyndikalismus nicht als Gegensätze sondern als gegenseitige Ergänzung und 
natürliche Geschwister.

Diese Einschätzung führt uns auch dazu die Variante des Plattformismus abzulehnen, die 
Frederik Fuß vertritt. Der daraus resultierende Vorwurf an uns ist ja der, wir seien nicht 
plattformistisch genug, bzw. synthethische Anarchist*innen im Plattformkostüm. Sie 
beinhaltet, auf Passagen der historischen Plattform von 1926 aufbauend, einen 
Alleinvertretungsanspruch und den Versuch eine Definitionsmacht über die anarchistische 
Bewegung zu erlangen. Das halten wir aus guten Gründen, die in unserem Text nachzulesen 
sind, weder für umsetzbar noch für wünschenswert. Ähnlich halten es auch viele 
gegenwärtige, plattformistische Organisationen, die ebenfalls keine "anarchistische 
Monokultur" durchsetzen wollen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir - wie Fuß unterstellt 
- einen synthetischen Organisationsansatz haben. Unsere Organisation begründet sich auf 
der Einheit von Theorie&Praxis, Zielen&Strategien. Dies gilt für alle Mitgliedsgruppen und 
Mitglieder der plattform. Dieser Organisationsansatz sowie eine vielfältige, durchdachte 
und gesellschaftlich wirksame anarchistische Bewegung schließen sich nicht aus.

Daher widersprechen wir auch entschieden seinem Vorschlag, in die FAU zu gehen, um zu 
versuchen, sie zu einer Organisation nach plattformistischen Grundsätzen umzubauen. Ebenso 
wie wir der Einschätzung widersprechen,»mit der FAU ist bereits eine Organisation in 
Deutschland vorhanden, die einige Anforderung der Idee des Plattformismus erfüllt«. Die 
FAU hat mit ihren "Prinzipien und Grundlagen" von 2015 zwar eine sehr allgemein und kurz 
gehaltene theoretische Grundlage. Allerdings gibt es bei den einzelnen FAU-Syndikaten 
weder ein einheitliches Verständnis praktischer Aktivität, noch ein gemeinsames 
Verständnis von Strategien, um ihre Ziele zu erreichen (lässt man den Generalstreik mal 
außen vor).

Die FAU als anarchosyndikalistische Gewerkschaft hat einen klaren und richtigen 
gegenwärtigen Schwerpunkt im syndikalistischen Arbeitskampf auf anarchistischer Grundlage 
- der von Fuß geforderte strikte Anarchosyndikalismus der FAU (unter Berücksichtigung 
ihrer aktuellen Möglichkeiten) wird unserer Meinung nach erfüllt. Wir als 
plattformistische Ideenorganisation müssen uns nicht hauptsächlich auf Arbeitskämpfe 
beziehen, sondern können uns auch bei anderen gesellschaftlichen Kämpfen der 
lohnabhäniggen Klasse einbringen - kontinuierlich und als Hauptschwerpunkt unserer 
Organisation. Wir haben somit in der gegenwärtigen Situation einen breiter gefassten 
politischen Spielraum.

Um wieder auf Fuß Argumentation zurück zu kommen: Der Plattformismus hat sich nunmal seit 
seinem Gründungspapier vor bald 100 Jahren weiterentwickelt. Im Rückgriff auf seine 
lateinamerikanische Ausprägung, den Especifismo, müssen wir Fuß noch weiter enttäuschen: 
Wir wollen ja nicht nur mit Syndikalist*innen und synthetischen Anarchist*innen auf der 
praktischen Ebene zusammenarbeiten. Wir wollen rein in die Kräfteverhältnisse und sozialen 
Kämpfe - sprich: Wir werden, wo immer uns das strategisch gegeben erscheint, freudig mit 
Menschen zusammenarbeiten, die sich nicht mal als Anarchist*innen verstehen. Wer aus einem 
Anspruch plattformistischer Überlegenheit heraus allein schon in praktischer Kooperation 
die Synthese auf dem nächsten Level sieht, wird daran wohl ver-tsweyfl-n müssen. Wir 
dagegen sehen darin einen sinnigen Weg des Anarchismus aus Subkultur und Szene zurück in 
die politische Bedeutsamkeit zu holen.

Natürlich würde es uns freuen, wenn sich FAU oder auch FdA in Zukunft manche unserer 
Ansätze zu eigen machen würden. Aber wenn das einmal passiert, dann auf der Basis der 
Freiwilligkeit, der Einsicht in ihre Richtigkeit und nicht durch inneranarchistische 
Konfrontation und Verdrängung. Diese Strategie würde, selbst wenn sie erfolgsversprechend 
wäre - was sie absolut nicht ist - nur die Bewegung als Ganzes schwächen und entzweien.

Wir sind aber angetreten die anarchistische Bewegung zu stärken. Damit wir uns dafür 
entsprechend unserem aus Plattformismus und Especifismo abgeleiteten Ansatz effektiv 
aufstellen können, brauchen wir eine eigene Organisation. Das gilt auch für die - niemals 
ganz abgeschlossene - Entwicklung einer konsistenten, theoretischen Grundlage, einer 
verbindlichen Struktur, die eben nicht beliebig ist, und einer effektiven Praxis. "Fight 
where you stand" ist dafür sicher ein wichtiger Grundsatz - nicht nur bezogen auf 
Arbeits-, sondern auch auf Mietenkämpfe, sozialrevolutionäre Wendungen von 
Identitätspolitiken oder Ökologie - aber nicht der einzige. Eine veränderte Wahrnehmung 
des Anarchismus muss auch nicht vor allem in einer "Szene" durchgesetzt werden, sondern in 
der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Ob das gelingen kann, wird sich in der Praxis 
erweisen sowie in deren Vermittlung.

Auch anderen Argumenten müssen wir Absagen erteilen.

Etwa die aus der Luft gegriffene Vermutung unsere Auffassung vom Nationalsozialismus sei 
an die verkürzte Faschismustheorie des Stalinisten Dimitroff angelehnt, nach der der 
Faschismus quasi nur eine Marionette bzw. besonders "konsequente" Ausprägung" des 
Finanzkapitals darstellt.
Auch hier müssen wir vielleicht noch einmal etwas klarstellen. Wenn wir davon sprechen, 
dass "der Faschismus als Ausweg des Kapitals in zugespitzten Krisenzeiten" dienen kann, 
heißt das nicht platt "hinter dem Faschismus steht das Kapital". Stattdessen bezeichnet 
dies den einfachen Fakt, dass Faschismus und Kapital in der Vergangenheit immer wieder 
gute Bündnispartner abgegeben haben und die nationalistisch wie kapitalistisch geprägte 
Konkurrenzgesellschaft leider gute Vorraussetzung für das Abrutschen in die faschistische 
Barbarei bietet. Das gilt auch für den aktuellen Rechtsruck, etwa für die Förderung der 
AfD durch Fraktionen aus der Wirtschaft.

Um das erkennen zu können müssen nicht unterschiedliche Phänomene in eins gesetzt werden. 
Auch wenn es uns um Faschismus allgemein ging: Die praktischen Bemühungen von 
Nationalsozialist*innen einer "negative Aufhebung des Kapitalverhältnisses" waren im 
Vergleich zum Ausmaß ihrer praktischen Kollaboration mit Kapitalfraktionen großteils 
ideologischer Natur. Das große Gewicht auf völkisch-rassistische und eliminatorisch 
antisemitische Inhalte ist in der Tat ein wichtiges Distinktionsmerkmal des 
Nationalsozialismus im Vergleich zu vielen kapitalistischen Akteur*innen, und auch anderen 
faschistischen Bewegungen. Doch auch wenn kapitalistische Interessen im 
Nationalsozialismus teilweise und vor allem gegen Ende zugunsten unmittelbarerer 
Herrschafts- und Gewaltverhältnisse frustriert wurden, hatte auch das völkische Element 
historisch die Funktion Klassenantagonismen zu befrieden, abzuschwächen und sie aufzuheben 
und nicht ihre Ursache. Der Nationalsozialismus entfesselte den Klassenkampf von oben, 
ersetzte teilweise die Lohnarbeit wieder durch offene Sklaverei, nicht zu vergessen die 
barbarische, absolut entmenschlichende Zwangsarbeit in den Arbeits- und 
Konzentrationslagern, welche bis heute deutschen Unternehmen in der Weltmarktkonkurrenz 
den nötigen Vorteil bringt.

Genausowenig reduzieren wir keineswegs alle Migrant*innen auf Muslim*innen - es bleibt 
aber wichtig festzustellen, dass letztere für Teile der heutigen Rechten zu einem primären 
Feindbild geworden sind, die wiederum diese Reduktion durchaus vornimmt. Nicht nur auf 
Grund von "Neid und Bewunderung", wie Fuß behauptet, sondern vor allem auch auf der 
Grundlage von antimuslimischem Rassismus, "Barbarendiskursen" und einem Selbstverständnis 
als Gatekeeper einer christlich-abendländischen Hegemonie.

Dass rassistische Einstellungen in der Gesellschaft mit stärkerem Kontakt zu den Menschen, 
auf die sie sich beziehen, statistisch gesehen abnehmen, ist ganz gut belegt, ebenso wie 
strukturelle Unterschiede in urbanen und ländlichen Räumen. Von dem unterstellten 
Automatismus war bei uns ja auch keine Rede. Den Anreiz uns mit "Identitätsdiffusion" als 
Grundlage rechter Einstellungen auseinander zu setzen, nehmen wir aber gerne auf.

Schade ist auch, dass Fuß uns vorwirft nicht konkret genug zu sein, etwa beim 
Anarchismusbegriff nur Plattitüden abzusondern, selbst aber oft in einer Wolke aus 
ebensolchen herumhantiert - nur mehr von akademischem Jargon geprägt. Das macht aber die 
fehlende Konkretisierungen der Kritik nicht wett. Dabei wäre es für uns gerade spannend 
gewesen zu erfahren, was genau er da noch vermisst oder vorschlägt. Anstatt selbst 
Antworten zu formulieren, verbleibt er leider oft in der reinen Negativität - was legitim 
ist, aber eben auch deutlich unspannender.

Im Gegensatz zum Autor halten wir die anarchistische Bewegung nicht für irrelevant. Sonst 
würden wir uns auch kaum in dem Maß in sie einbringen wollen. Im Gegenteil: Spätestens 
nach dem Niedergang des Realsozialismus sind einige anarchistische Inhalte in linken 
Basisbewegungen hegemonial geworden. Genauso greift in den sozialen Bewegungen zunehmend 
die Einsicht, dass sich Unterdrückungsverhältnisse gegenseitig stützen und intersektionell 
verwoben sind - der Anarchismus mit seiner erklärten Gegnerschaft nicht zu einer, sondern 
zu allen Formen der Herrschaft, bietet hier eine theoretische Grundlage an, auf der 
verschiedenste soziale Bewegungen zusammenfinden könnten. Leider hat es der organisierte 
Anarchismus aufgrund der von uns aufgezeigten Schwächen bisher nicht geschafft dieses 
große Potential zu nutzen. Wie haben "die plattform" gegründet um dies zu ändern.

Trotz alledem nochmal - danke für die 32-seitige Broschüre - die unter anderem auch auf 
unseren Text Bezug nimmt. Wir haben sie teils durchaus mit großem Gewinn gelesen und 
freuen uns auch sehr darüber, dass wir die Diskussion um anarchistische Organisierung 
weiter befeuern konnten.

https://www.dieplattform.org/2019/07/25/syndikalismus-oder-plattformismus-syndikalismus-und-plattformismus-eine-entgegnung


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