(de) bielefeld.fau: [Geschichte der Bewegung] DenkMal über Anarchismus nach!

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Mi Jul 17 09:17:17 CEST 2019


Aufruf zur Mitarbeit an dem Projekt "Geschichte der Bakuninhütte" ---- Die Geschichte der 
anarcho-syndikalistischen Bewegung, insbesondere der Bakuninhütte bei Meiningen, soll 
offen erforscht und verbreitet werden - auch von dir! ---- Als vor 100 Jahren die 
Wirtschaft kriegsbedingt am Boden lag und der Staat weder Willens noch in der Lage war, 
für das Wohl der Menschen zu sorgen, waren viele dazu gezwungen, sich selbst zu helfen. Um 
der Not zu entkommen, kam es vielerorts zu Hamsterfahrten und Plünderungen, besonders in 
den Großstädten. Das Ideenspektrum der damals noch jungen anarchistisch-syndikalistischen 
Bewegung entwickelte sozialverträglichere, kollektivistisch-genossenschaftliche 
Alternativen zur Überwindung der vielfältigen Probleme der Bevölkerung. Kollektive Ansätze 
wie Suppenküchen in den Städten und genossenschaftliches Wirtschaften auf dem Land 
entsprangen der grundsätzlichen Überzeugung, dass solidarisches Handeln zielführender sei 
als eigennützige, individualistische Orientierungen.

Als im südthüringischen Meiningen 1919 kriegsmüde Arbeiter*innen eine 
anarcho-syndikalistische Ortsgruppe gründeten, wollte niemand Geschichte machen, sondern 
ganz alltägliche Probleme mit emanzipatorischen Ansätzen lösen. Mit kollektiven Kräften 
gelang es, ein Stück Land zu erwerben und fünf Jahre lang zur Selbstversorgung zu 
bewirtschaften. Anschließend begannen die lokalen Aktivist*innen mit Hilfe überregionaler 
Unterstützung ein "Ferien- und Schulungsheim der anarcho-syndikalistischen Bewegung" zu 
errichten. In mehreren Ausbaustufen entstand ein stattliches Stein- und Fachwerkhaus, 
umgeben von einer parkähnlichen Anlage. Als lokales Ausflugsziel und überregionaler 
Veranstaltungsort machte sich die Bakuninhütte einen bis heute erhalten gebliebenen Namen 
als Beispiel für eine antiautoritäre politische Praxis, bis die Nationalsozialisten auch 
dieser Oase der Freiheit den Garaus machten.

Nach dem Ende der DDR meldeten viele politische und private Initiativen Interesse an der 
Nachnutzung des Hauses an. 2006 gelang es schließlich dem Geschichts- und "Wanderverein 
Bakuninhütte e. V." das Grundstück zu erwerben, der sich seitdem für den Erhalt und die 
Wiederbelebung des Gebäudes wie auch des dazugehörigen Geländes engagiert. Auf dem 
Vereinsgrundstück und im angrenzenden Ort Meiningen fanden und finden vielfältige 
Aktivitäten, wie Wanderungen, Vorträge, Seminare und auch schon eine Fachtagung statt. 
Neben der Renovierung und der Wiedernutzbarmachung des Gebäudes und des dazugehörigen 
Grundstücks stehen vor allem die Erforschung und Veröffentlichung der Geschichte des Ortes 
im Vordergrund. Nach mehrjähriger Arbeit konnte das Gebäude im Jahre 2015 als 
Kulturdenkmal eingetragen werden. Aktuell geht es deshalb darum, diesen in Deutschland 
einzigartigen Ort in seiner Bedeutung (neu) zu entdecken: sowohl auf historischer, lokaler 
und überregionaler Ebene, als auch für die aktuelle Entwicklung hin zu einem 
basisdemokratischen Lernort in Thüringen.

Alle Interessierten sind daher dazu aufgerufen, im Rahmen einer Forschungswoche im 
September gemeinsam die Geschichte(n) des Ortes zu sammeln und ggf. auch öffentlich zu 
machen. Die Grundlagen hierfür bietet die historische Sammlung im Vereinsarchiv der 
Bakuninhütte. Einige Originalquellen wie das Gästebuch, die Bibliothek und mehrere Dutzend 
historische Fotografien haben die Nazis und den real existierenden Sozialismus überlebt. 
Durch akribische Recherchearbeit gelang es dem Verein über Nachfahren der damaligen 
Benutzer*innen an einige Originale zu kommen, diese Quellen zu archivieren und zum Teil 
aufzuarbeiten. Daraus hervorgegangen sind bereits zwei Ausstellungen, diverse 
Veröffentlichungen und zwei universitäre Abschlussarbeiten: Eine hat damit begonnen, das 
historische Gästebuch auszuwerten - erste Ergebnisse stehen demnächst online zur 
Verfügung; die zweite Arbeit beschäftigt sich aus Perspektive des Denkmalschutzes 
eingehend mit der Bakuninhütte.

Diese Vorarbeiten sollen aber nur die Grundlage der Erforschung der Geschichte dieses 
Ortes darstellen. Das dem Ort innewohnende Potential für eine anarchistische 
Bewegungsgeschichte soll mit einem emanzipatorischen, möglichst hierarchiefreien Projekt 
erforscht werden. Im Sinne einer "Geschichte von unten" sollen möglichst viele Quellen, 
Stimmen, Perspektiven und Ideen mit einbezogen werden. Schließlich ist es unser Ziel, die 
Geschichte des Ortes (mit Fokus auf die anarchistische Nutzungsphase bis 1933) umfassend 
zu erforschen.

Mit diesem Aufruf wollen wir möglichst viele Interessierte, egal ob Anarchos oder 
Historiker*innen (der neuesten Geschichte), ob Soziolog*innen oder Philosoph*innen, 
(historische und zeitgeschichtliche) Archäolog*innen oder Geograph*innen, alles zusammen 
oder auch nichts davon, für dieses Projekt begeistern. Egal mit welchem Anspruch, wer Lust 
darauf hat, diese vergessene Episode der libertären Bewegung gemeinsam mit vielen anderen 
Menschen an einem schönen Ort wieder ans Tageslicht und ins eigene und öffentliche 
Bewusstsein zu rufen, soll sich angesprochen fühlen.

Die Erforschung der Geschichte dieses lange übersehenen Denkmals der 
anarcho-syndikalistischen Bewegung in Deutschland soll dabei nicht nur als 
wissenschaftliche, sondern ebenso als politische Angelegenheit verstanden werden. Ziel ist 
es, nicht ausschließlich irgendwelche wissenschaftlichen Papers zu produzieren, sondern 
vor allem wollen wir hierarchiekritische Methoden der Wissensproduktion gemeinschaftlich 
entwickeln und einüben.

Der Ausspruch, dass die Geschichte immer von den Herrschenden geschrieben wird, ist 
mittlerweile zur Floskel verkommen. Es obliegt kritischen Individuen diesen Zustand 
aufzuheben und die Geschichten von Unterdrückung, Widerstand und Verfolgung nicht zu 
vergessen und zu einer Fußnote der Geschichtsschreibung verkommen zu lassen. Dafür ist es 
unerlässlich, sich einerseits den wenig beachteten Teilen der Geschichte zu widmen, 
andererseits auch die verwendeten Fragestellungen, Methoden und Konzepte kritisch zu 
hinterfragen und hegemoniale Machtverhältnisse nicht zu reproduzieren. Emanzipatorische 
Bewegungen und widerständige Aktionen von Gruppen und Individuen sind wesentlicher Teil 
der Geschichte und lassen sich in allen Epochen nachweisen. Für das Selbstverständnis 
heutiger Aktivist*innen ist die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ein wichtiger 
Bestandteil der Bewusstseinsbildung. Dabei gilt es nicht in blinder Nostalgie zu schwärmen 
oder eigene Mythen zu (re)produzieren, sondern mit einem kritischen Blick aus dem 
Vergangenen zu lernen, um mit mehr Selbstbewusstsein gestärkter in aktuelle politische 
Auseinandersetzungen gehen zu können.

Deswegen rufen wir dazu auf vom 01.09. bis zum 08.09.2019 gemeinsam an der Bakuninhütte 
Ideen zu sammeln, wie dieses Projekt angegangen werden kann. Es geht um kollektives 
Brainstorming für das Ausloten gemeinsamer Ziele und um die Einführung in hierfür 
relevante Themen. Im Idealfall entstehen hieraus Vorbereitungen und Pläne für spätere 
Aktivitäten.

Vorläufige Konzeption/Ideensammlung für die Woche:

Inputreferat zur Bakuninhütte und zum Anarcho-Syndikalismus in Deutschland

Inputreferat zur "Geschichte von Unten"

Begehung eines Erich-Mühsam-Gedenkweges

Herausarbeiten von Biografien, die mit der Hütte in Verbindung standen

Exkursion zu geschichtsträchtigen Orten der Umgebung

Zeit am Lagerfeuer und in der Hängematte etc.

u.v.m.!

Workshops zu

Wie können anarchistische Forschungsansätze (Geschichte, Archäologie, Geographie usw.) 
aussehen?

Zeitgeschichtlicher Archäologie

Beispiele zu Forschungen an Orten des Widerstands (z.B. https://www.du.edu/ludlow/cfarch.html)

Was wollen wir von euch?

Könnt ihr euch vorstellen in der Organisation und Planung mitzuarbeiten?

Habt ihr Interesse in der KW 36 (1.9. bis 8.9 oder auch einzelne Tage!!!) euch zu 
beteiligen? Was könntet ihr euch vorstellen einzubringen, habt ihr spezielle Kenntnisse 
(absolut nicht Voraussetzung), oder hättet ihr einfach Lust eine Woche auf einem schönen 
Grundstück zu verbringen und mit interessierten Menschen rumzuhängen?

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bei: geschichtederbakuninhuette at lists.riseup.net

Habt ihr Anregungen/Ideen/Fragen? -> schreibt uns!

Verbreitet den Aufruf an geeignete Kanäle!

Für Anmeldungen, Kritik und Fragen schreibt uns an!

Mit herrschaftskritischen Grüßen

AG Geschichte der Bakuninhütte

http://bielefeld.fau.org/2019/07/13/geschichte-der-bewegung-denkmal-ueber-anarchismus-nach/#more-3989


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