(de) FAU, direkte aktion: WENIGER VOLLZEIT FÜR ALLE --Für die kollektive Arbeitszeitverkürzung. Ein Aufruf.

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Di Jul 16 05:37:37 CEST 2019


Betrieb & Gesellschaft Von: FAU Stuttgart - 10. Juli 2019 ---- Die Kämpfe der 
Arbeiterklasse um die Einführung des 8-Stunden-Tags Ende des 19. Jh. werden als ein 
wesentlicher Faktor für die Entstehung des 1. Mai als internationaler Arbeiterkampftag 
gesehen. Auch heute, mehr als 100 Jahre später, kommen Auseinandersetzungen um Arbeitszeit 
in gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen eine große Bedeutung zu. Diese sind, wie 
auch Kämpfe um Lohn, Ausdruck des Interessenwiderspruchs zwischen der Klasse der 
Lohnabhängigen und der Klasse der Kapitalisten. Für Lohnabhängige ermöglicht eine 
Verringerung der Arbeitszeit (bei vollem Lohnausgleich) eine generelle Steigerung der 
Lebensqualität.
Von Unternehmerseite aus besteht prinzipiell kein Interesse an kürzeren Arbeitszeiten, 
denn Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohn- und Personalausgleich verringern das Angebot 
an billigen Arbeitskräften und damit auch die Macht der Unternehmen, Arbeitsbedingungen 
diktieren zu können. An dieser Logik hat sich bis heute nichts geändert. Es überrascht 
daher nicht wirklich, dass es in den letzten Jahren immer wieder Forderungen von 
Arbeitgeberseite gab, Regelungen und Mindeststandards zur Arbeitszeit zum Nachteil der 
Arbeiter*innen aufzuweichen. Die von Unternehmerseite oft beschworene Flexibilisierung 
dient vor allem dazu, unternehmerische Risiken auf die Arbeiter*innen abzuwälzen, ohne 
mehr Personal (fest) anstellen zu müssen. Dies äußert sich für die Arbeiter*innen durch 
Mehrarbeit bei Auftragsspitzen, oder analog, eben keine Arbeit bei fehlenden Aufträgen. 
Entsprechend gab es in letzter Zeit einige medial viel beachtete Versuche von 
Arbeitgeberseite, diese Forderungen mit Hilfe der Politik in die Tat umzusetzen.

Ein Fall, der vielen noch in Erinnerung sein dürfte, war das sogenannte loi El Khomri in 
Frankreich, mit dem die tägliche Arbeitszeit auf 12 Stunden und die wöchentliche auf 60 
Stunden ausgeweitet werden sollte. Die französische Bevölkerung reagierte auf diesen 
massiven Angriff mit Massenprotesten und teilweise mit Streiks, konnte das Gesetz jedoch 
nicht verhindern.

Noch weiter geht der Vorstoß der Bosse in Österreich, wo durch ein neues Arbeitszeitgesetz 
die 60 Stunden Woche legalisiert wurde. Trotz Beteuerungen von Seiten der rechten 
Regierung, dass dies im Einzelfall rein auf Freiwilligkeit der Arbeitnehmer*innen beruhe, 
gab es bereits kurz nach der Einführung erste Missbrauchsfälle. Eine derartige Offensive 
von Arbeitgeberseite blieb in Deutschland bisher aus. Es wird eher subtil daran 
gearbeitet, die Obergrenze für die Wochenarbeitszeit aufzuweichen. Exemplarisch dafür ist 
das sogenannte Pforzheimer Abkommen (2004). Dieses erlaubt es Unternehmen mit 
"Innovationsbedarf", unter bestimmten Voraussetzungen tariflich festgelegte Standards 
temporär auszuhebeln, um "Investitionen zu ermöglichen", wobei als Gegenleistung von 
Seiten der Unternehmer Arbeitsplätze "gesichert" werden.

Insgesamt wurden seit Abschluss der Pforzheimer Vereinbarung allein bis Ende 2006 in der 
Metall- und Elektroindustrie 850 abweichende Tarifvereinbarungen abgeschlossen. (grob 10 
Prozent Abweichungsquote in der Metallindustrie). Eine der mit Abstand am häufigsten 
durchgesetzten Abweichungen stellen dabei längere Arbeitszeiten dar. De facto wurde die 
bis dahin (in Westdeutschland) in der Metallindustrie geltende 35-Stunden Woche 
grundlegend aufgeweicht.

All diese Beispiele haben eines gemeinsam: Es handelt sich um Angriffe der Unternehmer auf 
die Interessen der Lohnabhängigen. Und wo bleibt ihre Antwort? Tatsächlich machte 2018 ein 
Tarifabschluss der IG Metall Schlagzeilen, mit dem (unter bestimmten Bedingungen) ein 
Recht auf eine Reduzierung der Arbeitszeit eingeführt wurde. Diese "Einführung der 
28-Stunden Woche" wurde auch international - teils mit euphorischen Reaktionen - wahrgenommen.

Hierzulande, insbesondere innerhalb der Gewerkschaftslinken, gab es auch kritische 
Stimmen. Denn bei genauerem Hinschauen merkt man, dass das Ergebnis - bei allen durchaus 
positiven Aspekten - nicht unbedingt für alle "Mehr Geld und mehr Zeit zum Leben" 
bedeutet, sondern dass es sich im Kern um ein individuelles Recht auf befristete Teilzeit 
handelt. Die Arbeitszeitreduzierung erfolgt nämlich zum Großteil ohne Lohnausgleich. 
Lediglich Personen, die in Schicht arbeiten oder Leute, die sich um kleine Kinder oder 
Familienangehörige kümmern, bekommen einen finanziellen Ausgleich. Zudem findet das ganze 
ohne Personalausgleich statt. Die Reduzierung der Arbeitszeit Einzelner ist daran 
gekoppelt, dass ein bestimmter Anteil der Kolleg*innen (in manchen Fällen 50%) mehr als 35 
Stunden arbeitet. Genauso wenig wird das gesamte Arbeitsvolumen reduziert, es wird 
lediglich anders verteilt. Anstatt kollektive Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und 
Personalausgleich zu fordern, stehen sich nun also individuelle Interessen der 
Arbeitnehmer*innen gegenüber.

Was können wir also tun? Als kämpferische Gewerkschafter*innen müssen wir endlich wieder 
in die Offensive gehen und reale Arbeitszeitverkürzungen fordern, d.h. kollektiv und bei 
vollem Lohn- und Personalausgleich. Die Arbeiter*innen haben damit mehr Zeit für Bildung, 
Organisierung oder politische Arbeit, was entsprechend auch Kapazitäten für 
gewerkschaftliche Kämpfe freisetzt. Zudem verbessert sich die Verhandlungsposition der 
Arbeitnehmer*innen, denn eine Arbeitszeitverkürzung kann das Angebot an Arbeitskräften 
mindern und damit die Verhandlungsmacht der Lohnabhängigen stärken.

Wir sollten dabei nicht auf bessere Gesetze durch politische Parteien hoffen, denn wie die 
oben genannten Beispiele zeigen, entscheiden diese viel zu oft im Sinne der 
Unternehmensinteressen, anstatt derer der Arbeiter*innen. Stattdessen sollten wir den 
gewerkschaftlichen Kampf in den Mittelpunkt stellen. Nur wenn wir gemeinsam und 
organisiert unsere Interessen gegenüber den Unternehmen vertreten, können wir dauerhafte 
Verbesserungen für alle erkämpfen.

https://direkteaktion.org/weniger-vollzeit-fuer-alle/


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