(de) FAU, direkte aktion: HAMBACHER FORST - Ein Klima des wachsenden gegenseitigen Unverständnisses? -- Betrieb & Gesellschaft Von: Samuel Paideia
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Mo Jan 7 07:57:31 CET 2019
Das Verhältnis der Menschheit zur Natur hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten enorm
verändert, insbesondere aufgrund des Fordismus und der Massenproduktion. Die Ausbeutung
der Natur erreicht einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt und an dem ernsthafte
Konsequenzen für das Leben der Menschen auftreten. ---- Das kapitalistische System in dem
wir uns befinden, ist nicht nur in der Lage unsere Umwelt auf drastische und schnelle
Weise zu verändern, sondern macht uns gleichzeitig immer abhängiger von sich und daher
sind wir anfälliger für die immer breiteren und launischeren Schwankungen. Im Grunde
bezieht sich das gegenwärtige Konzept der natürlichen Umwelt (in den westlichen Ländern)
auf einen utilitaristischen Begriff, der die Natur an die Grenzen der Ausbeutung durch den
Menschen bringt, ohne deren Folgen zu berücksichtigen.
Daher ist zu erwarten, dass jede Änderungsentscheidung von den wirtschaftlichen und auch
monetären Vor- und Nachteilen der Wende abhängt. Es ist im Grunde ein Ausbalancieren, bei
welchem die Auswirkungen auf das Leben in unseren Gesellschaften abgewägt werden. Die
Auswirkungen des kapitalistischen Produktionssystems treten kurz-, mittel- und langfristig
auf. Die erste Auswirkung entsteht im Bereich der Arbeit, da ohne Arbeit die Miete nicht
gezahlt werden kann und auch keine Kleidung und kein Essen gekauft werden können.
UNMITTELBARE UND ABSTRAKTE FOLGEN DES KAPITALISTISCHEN PRODUKTIONSSYSTEMS
Aber das ultimative Problem im Kapitalismus ist nicht die Arbeit, sondern das Geld, oder,
besser gesagt, der Geldmangel. Dieser wird von einem Mangel der bezahlten Arbeit
abgeleitet. Der Geldmangel, als Maß des Druckes, den das Kapital ausübt, ergibt sich sehr
schnell und konkret. Es dauert nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre (wenn man
Arbeitslosengeld bekommt), um in eine verzweifelte Situation zu geraten. Jede*r kann die
Unmittelbarkeit der tragischen Folgen deutlich sehen und spüren. Die auf den Klimawandel
bezogenen Umweltauswirkungen sind abstrakter und es können Jahrzehnte vergehen, ehe das
gleiche Gefühl der unmittelbaren Verzweiflung auftritt, wie in der Situation des Geldmangels.
So könnten, auf eine vereinfachte Weise, die Konflikte zwischen der Umweltbewegung und den
Beschäftigten, egal ob sie einer Gewerkschaft angehören oder nicht und auch die zwischen
den Einwohnern erklärt werden. Die Gemeinden befänden sich aufgrund ihrer größeren
Interessenvielfalt auf halbem Weg zwischen der Umweltbewegung und den Gewerkschaften. Dies
ist nichts Neues, da in der alten Arbeiterbewegung dieser Widerspruch zwischen kurz- und
langfristigen Zielen schon sehr umstritten war. Arbeitnehmer*innen mögen ein gewisses
Umweltbewusstsein haben, aber sie werden nicht bereit sein, sich und ihre Familien auf dem
abstrakten Altar des Planetenguts zu opfern und noch weniger innerhalb einer sozialen
Struktur, in der sie kaum Entscheidungsfähigkeiten haben, insbesondere aufgrund der tiefen
Einpflanzung einer Konkurrenzkultur und des unsolidarischen Individualismus. Andererseits
scheint der autoritäre und liberale Sektor der Umweltbewegung kein ausreichendes Interesse
daran zu zeigen, sie vor dem Opfer für ein "größeres" Gut zu retten.
Wenn große Gewerkschaften auf reformistische Wege setzen, bleiben auch die großen grünen
Institutionen (Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Greenpeace, BUND, WWF, usw.) in ihrer
reformistischen und liberalen Sicht innerhalb des Prozesses der nachhaltigen Ausbeutung
nicht zurück. Im besten Fall glauben sie immer noch, dass der Kapitalismus gegenüber der
Umwelt "humaner" und respektvoller gestaltet oder reformiert werden kann. Sie haben noch
nicht erkannt, dass das politische Erdbeben, das Europa zu bereisen beginnt und das den
Ausstieg aus dem Sozialstaat und das Wetten auf restriktivere Wirtschaftsmodelle
beinhaltet, autoritäre oder totalitäre politische Maßnahmen erfordert.
NEW AGE ODER GRÜNER MALTHUSIANISMUS?
Diese reformistische Sicht auf die Umwelt, manchmal sogar New Age genannt, ist in der Tat
leicht integrierbar, nicht nur durch die Fähigkeit, sich als Ausrede für ein neues
malthusianisches Modell zu zeigen. Im schlimmsten Fall wäre dieser grüne Malthusianismus
die Verteidigung des sozialen Status quo und würde die Versuche zur Verteilung des
Reichtums auf der Grundlage eines "es ist nicht genug für alle da" oder eines "wir sind zu
viele" verhindern und entschuldigen. Weiterhin kann so die Anti-Immigranten-Stimmung mit
einem "hier passen wir nicht alle" bevorzugt werden. Es würde Klassizismus und Rassismus
mit einem "die Armen/Ausländer haben zu viele Kinder" äußern und es würde die
Autogestión[1]auf der Suche nach einem technokratischen "die Experten werden das Chaos
verwalten" verwerfen. Die Umwelt ist ein weiteres Produkt, das gekauft und verkauft,
privatisiert und exklusiv gemacht wird. Es wird für die Auserwählten, die Besten, die
Elite zurück behalten.
Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass sich hinter dem Aufstieg des
Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert eine mächtige naturalistische Ideologie versteckt
hat, die auf dem Sozialdarwinismus und der Ökologie von Ernst Haeckel (1834-1919) beruhte,
der wiederum von Thomas Malthus (1766-1834) stark beeinflusst wurde. Auch bei der Gründung
des bekannten Club of Rome im Jahr 1972 kann der Einfluss des Malthusianismus beobachtet
werden.[2].
Tatsächlich halten sich rechtsextreme Tier- und Umweltschutzgruppen[3]an diese reaktionäre
Linie: Der Mensch ist eine Pest, lebt auf Kosten der Natur, ist ein dekadentes Wesen,
Solidarität existiert nicht, gegenseitige Hilfe ist eine Illusion, die Starken werden
durch Konkurrenz ausgewählt, das ist die geistige und natürliche Ordnung der Dinge.
Glücklicherweise können wir Kropotkin[4]noch lesen, um bestimmten Argumenten entgegenzuwirken.
VERFEHLTE DEBATTEN - DAS BEISPIEL HAMBACHER FORST
Alle diese Elemente lassen sich mehr oder weniger im Kampf um den Hambacher Forst
beobachten. Ein kleiner tausendjähriger Wald nahe der Stadt Düren, der seit sieben Jahren
von Aktivist*innen besetzt worden ist und von dem großen internationalen Konzern RWE mit
Zustimmung der Parteien und Gewerkschaften gerodet werden soll. Der Umweltaktivismus zeigt
hier eine Stärke wie selten in den letzten Jahren. Er führt die Fähigkeit zur
Mobilisierung und zum Widerstand vor, aber er zeigt gleichermaßen auch die Unfähigkeit
dazu, sich über sich selbst hinaus zu erweitern, vielleicht aus dem Mangel einer
strategischen Sichtweise heraus. Ich werde mich sorgfältiger ausdrücken, um diesen Schluss
zu begründen.
Seit sieben Jahren und vor allem seit der letzten Ankündigung der Räumung der Besetzung im
Hambacher Forst haben die Aktivistengruppen eine große Organisationsfähigkeit unter Beweis
gestellt. Sie haben unterschiedliche Maßnahmen des Widerstands durchgesetzt, ihren
Forderungen Gehör zu verschaffen und eine öffentliche Debatte zu eröffnen. Sicher
bewundernswert. Dies führte dazu, dass das wahre Gesicht gewisser Typen[5]offensichtlich
enttarnt wurde, die Fassaden nicht mehr erhalten werden konnten.
Es zeigte sich auch, dass die Gewerkschaften nicht in der Lage waren, ihre Gemeinden vor
Umweltzerstörung zu schützen und ihre eigenen Klasseninteressen zu verteidigen. Denn ohne
Umweltaktivismus gäbe es heute weder eine Debatte über die Vor- und Nachteile der
Kohleindustrie in der Region, noch eine Diskussion über einen unentrinnbaren
Produktionswandel. Die Unbeweglichkeit dieser Gewerkschaften und die mangelnde
Selbstkritik angesichts eines Abgrunds vor ihren Augen sind sicherlich kurzsichtig[6]und
gefährlich[7]. Darüber hinaus werden die IG BCE-Mitglieder von RWE[8], anderen großen
Unternehmen[9], der Regierung[10]und ihren eigenen Spitzen[11]beeinflusst, anstatt zu
versuchen, die Kontrolle über ihre Arbeit und ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Auf
diese Weise könnten sie einen Wandel fördern, der geschehen wird, ihren Interessen
entsprechend, und dagegen kämpfen, Geiseln eines großen Unternehmens wie RWE zu werden.
Ein bestimmter Sektor des Umweltschutzbewegung konnte eine autonome Strömung schaffen,
die, aufgrund ihrer Fähigkeit den Konflikt am Leben zu erhalten und nicht Teil des
politischen Spiels des Parlaments zu werden, das politische Element unter Druck setzen
könnte, ohne seine Forderungen zu delegieren. Und das trotz des großen Einsatzes[12]des
Staates und des Konzerns, um den Protest zu beenden, hunderten Gefangenen, Angeklagten,
Verletzten und sogar einen Toten[13].
Der Aktivismus im Hambacher Forst hat wirksam dazu beigetragen, die falsche Konsensdebatte
des Parlaments zu verschärfen, in der die verschiedenen Fraktionen oberflächlich
diskutieren, ohne an die Wurzel des Problems zu gehen, sprich, die Macht- und
Wirtschaftsstruktur.
STRATEGISCHE NEUORIENTIERUNG DES AKTIVISMUS?
Und genau dort verfehlte auch der Aktivismus das konkrete Lesen und Analysieren des
Kontextes im Kampf gegen dieses Produktionssystem, innerhalb der Kräfte, die hinter der
parlamentarischen Fassade zum Vorschein kommen und in den von der Wirtschaftsstruktur
geführten sozialen Beziehungen, auf denen die Kohleförderung sitzt. Er folgt einer
unvollständigen Strategie.
RWE und die Regierung andererseits haben eine sehr klare Strategie, da sie noch nicht
einmal eine Einigung über die Zukunft des Sektors erzielen wollten. Sie wollten der
Kohlekommission einfach nur ihre Interessen aufzwingen, deshalb entschieden sie sich für
Druck und Sabotage[14],[15]. Da der Aktivismus nicht mit Polizeigewalt gestoppt werden
konnte, werden Gemeinden und Aktivismus gegeneinander ausgespielt, um den Widerstand zu
schwächen. Da der Polizei-Einsatz Sympathien hervorrief, wie die Demo am 06.10.2018 mit
ca. 50.000 Teilnehmer*innen zeigte, entschied sich die NRW-Regierung dafür, zu anderen
Taktiken überzugehen: Diffamierung, Spaltung und innere Konfrontation.
Die Erfahrung des Kampfes in anderen Bergbauregionen beweist uns, dass nur eine starke und
vereinigte Gemeinschaft solchen Unternehmensmonstern und den Staaten, die sie verteidigen,
entgegenstehen kann. Und sogar in diesen Fällen ist der Puls der Auseinandersetzung sehr
hart und ausdauernd[16],[17]. Normalerweise besteht die erste Strategie des Unternehmens
darin, den Zusammenhalt des Blockes aus der Umweltschutz-, Einwohner- und Arbeiterbewegung
zu brechen, so wie sie versuchen Streiks zu brechen, oder die Beschäftigten aufzuteilen.
Dies setzen sie durch die Förderungen entgegengesetzter Interessen durch, oder durch den
Gegensatz verschiedener Gruppierungen in der Gewerkschaft oder durch versteckte
Unterdrückung mit öffentlichen oder privaten Truppen.
RWE fördert aber gerade die entgegengesetzten Interessen. Der Sozialpakt der Region zeigte
sich vor allem am 24.10.2018 in der Mobilisierung von ca. 30.000 Menschen deutlich
zugunsten von RWE und zugunsten der Sicherung von Arbeitsplätzen und in einer Ablehnung
der Strategie, die den Aktivist*innen unterstellt wurde. Die meisten Beteiligten waren
Arbeiter*innen und Nachbarn*innen, die von Unsicherheit geprägt waren.
Wenn dabei der Glaube entsteht, dass diese Menschen manipulierbare Zombies mit
unbegründeten Ängste sind, dann wird vergessen, was Politiker*innen für eine Handvoll
Stimmen angesichts der bevorstehenden Wahlen opfern können und was für eine tatsächliche
Macht ein Unternehmen wie RWE auf dem Territorium und auf die Menschen, die dort leben,
ausüben kann. Anders gesagt, der Arbeitsmarkt und seine Machtverhältnisse wurden
unterschätzt, wenn nicht komplett ignoriert. Eine Macht, die auf der Abhängigkeit durch
Enteignung beruht. Diese Abhängigkeit ist nicht zufällig und, ohne andere vorhandene
ideologische Elemente ignorieren zu wollen, die grundlegende Triebkraft dieser Demo.
BESCHÄFTIGUNGSVERHÄLTNISSE ALS ENTWICKLUNGSMERKMALE
Ein Blick auf bestimmte Daten, die sich aus den aktuellen Arbeitsbeziehungen ergeben, kann
uns helfen, das Problem teilweise zu erklären. Die Arbeitslosenquote (einschließlich der
Quote der Unterbeschäftigten[18]) in den an die Mine angrenzenden Gebieten[19]variiert
etwa zwischen 7% und 10%[20]. Die Stille Reserve[21]und die Teilzeitquote[22]sind in der
Statistik nicht berücksichtigt.
Und dies obwohl sie ausschlaggebende Faktoren für diese Entwicklung sind, die in den
letzten Jahren in Deutschland ständig zugenommen haben und die auf eine größere
Schwierigkeit hindeuten, einen Arbeitsplatz zu finden, der menschenwürdige
Lebensbedingungen ermöglicht. Es wird geschätzt, dass die Zahl der geleisteten
Arbeitsstunden pro Jahr seit 1991 um 12,9%[23]zurückgegangen ist (hätten stattdessen die
Arbeitsstunden zugenommen, hätte dies die Arbeitslosenquote erhöht) und dass die Zahl der
Personen mit einer "atypischen Beschäftigung"[24]seit dem Jahr 2003 in diesen Regionen
ununterbrochen gewachsen ist. Laut dem WSI ist die folgende Zunahme zu verzeichnen: im
Rhein-Kreis Neuss von 28,6% auf 36,8%; in der Stadtregion Aachen von 35,3% auf 44,4%; im
Kreis Düren von 35,3% auf 46,9%; und im Rhein-Erft-Kreis von 31,7% auf 41%. Dabei üben
Frauen den größten Teil der gesamten "atypischen Beschäftigung" aus, der zwischen 67,9%
und 75,9% liegt.
Diese Daten zeigen deutlich, dass die Veränderungen im Kohle-Abbau auch bedeutende soziale
Auswirkungen auf die Region haben werden. Die Debatten werden sich daher darum drehen, wie
diese Auswirkungen verteilt sind und wer diese aufteilt. Das Fehlen eines neuen
Sozialpakts über das "Wer und Wie" dieser Auswirkungen, zusammen mit den
Missverständnissen und dem gegenseitigem Misstrauen der Akteur*innen hat zu einer
zunehmenden Polarisierung zwischen Umwelt-, Nachbarschafts- und
Arbeiter*innenorganisationen geführt. Hinzu kommt noch die bereits bekannten Dualität von
Stadt-Dorf und Heimwelt-Fremdwelt, die in bestimmten Situationen schon aufgetaucht ist, in
denen die lokale Bevölkerung die Aktivist*innen aus den umliegenden Städten als eine Art
von Eindringlingen zu sehen beginnt.
POLARISIERUNG DER AKTEUR*INNEN
Diese Polarisierung gegen die Umweltbewegung, die sich sowohl in der Oktober-Demo als auch
in anderen vorangegangenen[25],[26],[27]und nachfolgenden[28],[29],[30]Ereignissen gezeigt
hat, hatte einen Mangel an einer neuen strategischen Sicht der Umweltaktivist*innen zur
Folge. Eine Sicht, die wenn sie weder anarchistisch noch autonom ist, wenigstens
basis-demokratisch sein kann, in dem die Stimmen von Arbeiter*innen und Nachbar*innen die
Grundlage des Wandels werden. Eine gewaltsame Eskalation des Konflikts würde zu einer
Isolation des Kampfes durch seine Kriminalisierung[31],[32],[33]führen und fast jede
Einflussmöglichkeit beenden. Es fehlte pädagogische Arbeit mit den Arbeiter*innen und
Bewohner*innen der betroffenen Gemeinden und den Gewerkschaften. Bisher fehlte eine
systematische politische Bildung und die Bewusstseinsarbeit. Die Ursache war nicht der
Mangel an Aktivität. Der Aktivismus hat hart und intensiv zur Verteidigung des Hambacher
Forstes beigetragen. Tatsächlich gab es seit 2012 rund 700-800[34]Veranstaltungen,
Aktivitäten, Aktionen usw.. Die große Mehrheit hat sich jedoch an der Mobilisierung des
rein aktivistischen Sektors beteiligt, was wichtig, aber nicht das Wichtigste ist und auch
nicht das Grundsätzliche. Deshalb fanden die meisten dieser Aktivität in den üblichen
Bereichen des politischen Aktivismus statt. Fast alle Infoveranstaltungen wurden in
deutschen Großstädten (meistens in Köln) und sogar in Nachbarländern organisiert. Im
Grunde sind sie die Blasen des ideologischen Komforts. Darin schließt sich die wirklich
soziale Debatte enorm ab.
Dies erklärt, woher der Aktivismus im Hambacher Forst kommt, denn dieser ist meist
städtisch. Die Maßnahmen, die auf die Herstellung von Kontakten zu der betroffenen
Arbeiter- und Nachbarschaftsorganisationen abzielen, sind jedoch sehr gering, es sind etwa
20, von denen die große Mehrheit auf die Vorführung von Filmen und Dokumentationen
beschränkt ist. Die wenigen Ereignisse, deren Ziel es war, die Probleme der lokalen
Bevölkerung[35]anzugehen, können an einer Hand abgezählt werden. Veranstaltungen mit Fokus
auf Arbeiter*innen und Gewerkschaften waren fast nicht vorhanden und wenn, sind sie zu
spät[36]gekommen.
Obwohl einige lokale Nachbarschaftssektoren ihre Unterstützung zeigen, ist das
Unverständnis zwischen ihnen und den Arbeiter*innenorganisationen vor Ort zu groß, so dass
es zum aktuellen Zeitpunkt unmöglich ist, Maßnahmen zwischen Arbeiter*innen und
Umweltschützer*innen zu koordinieren. Auf diese Weise kann dem Diskurs der Medien, der
Parteien und der Gewerkschaftsführung nichts entgegengesetzt werden.
Es ist nicht so, dass eine solche pädagogische Arbeit sehr einfach wäre oder die Lösung
für alle Probleme gewesen wäre, sondern dass dieser Ideenkampf au?erhalb der
Aktivistenkreisen nicht einmal ernsthaft in Betracht gezogen wurde. Wie ist es möglich,
dass nach sieben Jahren Aktivismus in der Region, auf diesen Weg nicht nachdrücklich
gesetzt wurde?
WEGE ZU EINER PÄDAGOGISCHEN KULTUR
Der Mangel an pädagogischen Konzepten ist noch weniger nachvollziehbar, da es zusätzlich
gewisse Sympathien in der Bevölkerung für den Kampf gegen RWE gibt und lokale
Organisationen (Umweltschutz- und Nachbarschaftsorganisationen), welche als Katalysatoren
für einen möglichen Dialog hätten dienen können, schon vorhanden sind. Es ist aber auch
nicht so, dass diese lokalen Organisationen intensiver daran gearbeitet hätten, die
politische Bildung und die Bewusstseinsarbeit voranzutreiben, als es die Aktivist*innen
taten, da nur einige von den Dutzenden von Veranstaltungen, die von ihnen durchgeführt
wurden, sich auf offene Diskussionen konzentrierten.
Tatsächlich waren nur wenige Aktivitäten der Initiative "Buirer für Buir"[37]oder des
BUND-Kreisverbandes Düren auf ein öffentliches Gespräch mit den
Nachbarn*innen[38]ausgerichtet und hatten sogar ein paar mal Vertreter der betroffenen
Gewerkschaften[39]dabei. Das ist eindeutig unzureichend, da die in solchen Debatten
vorhandenen Perspektiven innerhalb des bereits vereinbarten liberalen Rahmens diskutiert
werden. Das heißt, Diskussionen über den Wandel von oben mit wenig oder keiner wirklichen
Beteiligung von unten. Es geht nicht darum, mit der Gewerkschaftsführung zu diskutieren.
Die Parteien sind auch nicht die Strukturen, die das Problem wirklich lösen können. Warum
haben also die Aktivisten nicht diese lokale Unterstützung gegen RWE intensiver genutzt,
um diese Debatten außerhalb ihrer Komfortzonen zu fördern, zu gestalten, an ihnen
teilzunehmen und ihre Argumentation jenseits von Liberalismus und Sozialdemokratie
offenzulegen?
Dies ist einfach ein Mangel an einer Kultur der Pädagogik und der Bewusstseinsarbeit, und
dies scheint eher das Ergebnis einer übermäßigen Kultur der Avantgarde und einer Vorliebe
für den gemütlichen Isolationismus zu sein, der meiner Meinung nach keine Zukunft hat.
Darüber hinaus ist dies verwurzelt in einer intellektuellen Umweltethik mit leichten
Anflügen von Klassismus in ihren sektiererischsten Formen[40].
Wenn der Aktivismus und die Umweltbewegung allgemein in Firmen, Betrieben und Gemeinden
pädagogisch tätig sein möchten, ist es notwendig, dass sie in den Arbeitskämpfen
mitwirken. Sie müssen wissen, wie sie funktionieren und wie sie gewonnen werden können. Es
darf nicht vergessen werden, dass der Wandel eines Wirtschaftssektors zu Arbeitskonflikten
führen wird, die sich aus der neuen wirtschaftlichen und nicht nur monetären Umverteilung
ergeben. Solche Umverteilungen bringen zwangsläufig einen politischen und sozialen
Konflikt hervor. Das mangelnde Interesse des Umweltaktivismus an Arbeitskämpfen zeitigt
seine Folgen im Hambacher Forst in seiner ganzen Härte. Genau das ist es, was der Kampf im
Hambacher Forst auf den Tisch bringt: Umweltprobleme, die die möglichen Sozial- und
Arbeitsbedingungen beanspruchen. Am Ende geht es darum, die sozialen Beziehungen zu
ändern, die ein von der Natur und den Menschen zerstörerisches Produktionssystem zum Wohle
einiger weniger aufrechterhalten. Wenn die RWE-Beschäftigten weder in Parteien noch in
ihre Gewerkschaftsführung vertrauen, warum sollten sie dies stattdessen gegenüber grünen
Institutionen tun, die sich innerhalb des gleichen liberalen wirtschaftlichen Rahmens bewegen?
Es ist traurig zu sehen, dass a priori natürlich Verbündete gespalten und sogar
miteinander konfrontiert sind. Sicherlich haben sie kurzfristig gemeinsame Ziele. Zum
einen ist den Beschäftigten bewusst, dass die Kohleindustrie nicht langfristig dauern wird
und sie eher früher als später mit einer wirtschaftlichen Umstrukturierung (Entlassungen)
des Unternehmens konfrontiert werden, wenn RWE nicht die gewünschte Rentabilität erzielt.
Es wäre naiv eine anständige Behandlung von RWE zu erwarten. Die Beschäftigten sind für
RWE nur Zahlen.
Daher ist die Diskussion nicht so sehr, ob dieser Wandel stattfinden wird, sondern wann
und wie er abläuft und wer ihn leiten wird. Auf der anderen Seite sind nicht wenige
Bewohner*innen (viele auch Beschäftigte) sich der Nachteile der Kohleindustrie bewusst:
Auswirkungen auf ihre Häuser (Schäden, Erdbewegungen, Abwertung ihrer Häuser und
Wohnungen), Auswirkungen auf ihre Umgebung (Landschaft, Wasser, Luft, etc.), Reduzierung
von Anbaugebieten, usw. Dem widerspricht natürlich das Geld, das von RWE in die Gemeinden
fließt, die Abhängigkeit der Gemeinschaft und Gesellschaft vom Konzern. Wie kann die
Region von RWE unabhängig werden? Und wie könnte der Aktivismus den Gemeinden in ihrer
Unabhängigkeit helfen, so dass sich ihre Ziele überschneiden und sich nicht widersprechen?
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, einer Zeit mächtiger und kämpfender
Gewerkschaften, wurde eine einfache, aber genaue Pädagogik aufgestellt, die sich in drei
Fragen zusammenfassen lässt, denen sich die Arbeiter*innen stellen sollten:
Wie arbeiten wir? (in Bezug auf die Arbeitsbedingungen - Arbeitsstunden,
Arbeitssicherheit, usw.)
Für wen arbeiten wir? (in Bezug darauf, wer von unserer Arbeit profitiert - wie viel Geld
fliesst und wohin, usw.)
Was machen wir? (in Bezug darauf, welche Waren oder Dienstleistungen wir produzieren, wie
nützlich diese sind, warum wir diese und keine anderen herstellen, was für Folgen sie
haben, usw.)
Wenn diese Fragen in den Gewerkschaften selbst nicht mehr gestellt werden, sollten sie
vielleicht von außen gestellt und zu einer aufrichtigen Reflexion aufgefordert werden.
Einer Reflexion, aus der die Umweltbewegung klüger werden würde und gestärkt hervortreten
könnte. Tatsächlich wissen die Beschäftigten am besten, wie ihr Sektor funktioniert. Wie
kann ein solcher Wandel erfolgen, damit normale Menschen nicht zu Opfern werden? Sind
erneuerbare Energien selbst eine Alternative zum kapitalistischen Produktivismus? Wenn es
den Gewerkschaften immer noch an Umweltbewusstsein mangelt, fehlt es den
Umweltschutzorganisationen dann nicht auch an sozialem Bewusstsein? Es wird keinen
ökologischen Wandel geben, wenn es keinen sozialen Wandel gibt und umgekehrt, weil sie nur
zusammen gedacht werden können. Und sie müssen Hand in Hand gehen.
DER BRUCH EINER STÜTZE IST DER BRUCH DES WIDERSTANDES SELBST
Es ist sehr wahrscheinlich, dass RWE diese Situation ausnutzt, um den Konflikt eskalieren
zu lassen. Wie schon gesagt, RWE wird mit einer Umstrukturierung des Unternehmens drohen,
um seinen Aktiengewinn zu erhalten, und Druck auf den Aktivismus und die
Umweltschutzbewegung auszuüben. Ebenso ist es nicht töricht zu glauben, dass der mögliche
Gewinnrückgang bei Protestaktionen oder sogar durch die frühere Schließung der Aktivität
durch Subventionen oder finanzielle Unterstützung durch Steuern oder durch die Gewährung
einer privilegierten Position in der sogenannte Energiewende stattfinden wird. Die
Regierung in NRW, egal welche Fraktion an der Macht ist, wird das gewährleisten. Der
gewählte Euphemismus dafür wird keine Rolle spielen. RWE und der Staat könnten auf ein
noch schmutzigeres Spiel wetten, die Polizei zu einem gro?en Teil vor Ort abziehen und
Auseinandersetzungen zwischen den Aktivismus und den Gewerkschaften provozieren. Den Docht
zwischen dem einen und dem anderen anzuzünden, scheint plausibler als noch vor einigen
Monaten. Der Aktivismus und die Umweltschutzorganisationen können diesen Kampf alleine
nicht gewinnen, sie brauchen die Unterstützung der Arbeiter- und
Nachbarschaftsorganisationen. Der Bruch einer der drei Stützen von Aktivist*innen,
Arbeiter*innen und Nachbar*innen, ist der Bruch des Widerstands selbst.
Sind wir nicht alle diese Stützen gleichzeitig? Wenn sich die Polarisierung verkapselt,
ist es wahrscheinlich, dass die Basis von konservativen und rechten Parteien in der Region
kurzfristig zunehmen wird[41]. Aus einer von-unten-nach-oben Perspektive scheint es nicht
vernünftig zu sein, den legalistischen Weg zu wählen, der hauptsächlich von grünen
Institutionen und Parteien durchgeführt wird, da sowohl der legalistische Weg als auch die
grünen Institutionen und Parteien aller Couleur am Ende eine von-oben-nach-unten
Perspektive verfolgen.
Aber auch eine autonome "externe" Aktion außerhalb der Gesellschaft, die sich nicht als
Teil dessen fühlt, scheint keine vernünftige Option zu sein. Ob die Umweltschutzbewegung
den Kohleabbau im Hambacher Frost kurzfristig stoppen kann oder nicht, wenn es keine
Kultur der Pädagogik und der Bewusstseinsarbeit gibt, muss man vor der Realität einer
Niederlage sehen: einer stärkeren Distanzierung der Forderungen der befreienden
Umweltschutzbewegung gegenüber den Forderungen der Arbeitswelt und der Gemeinden. Was
mittel- und langfristig nicht belanglos ist, denn dies hat die Öffnung eines Raumes für
Öko-Konservatismus, oder sogar für Öko-Faschismus, zur Folge und wird den Übergang zu
einer gerechteren und freien Gesellschaft noch schwieriger machen.
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