(de) anarcho syndikalismus: Chile: Nicht wie Marx, eher wie Bakunin

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Di Dez 17 08:18:46 CET 2019


Wie die französische Basisgewerkschaft CNT-IAA Anfang Dezember 2019 mitgeteilt hat, gibt es Neuigkeiten von der Anarchistischen Gruppe 
Germinal aus der chilenischen Provinzhauptstadt Concepción. Folgenen Brief haben sie in Englisch übersetzt und veröffentlicht: ---- Liebe 
Genoss*innen, ---- [nach einem Monat krasser Kämpfe] ist hier in Concepción noch niemand von unseren Mitstreiter*innen in Polizeigewahrsam 
oder im Gefängnis, obwohl es in den ersten Wochen des Kampfes einige Verletzte durch Gummigeschosse gab. ---- Bei uns konnte eine starke, 
dauerhafte Präsenz auf den Straßen und auch in den Nachbarschaften, wo selbstbestimmte Versammlungen organisiert und gut besucht wurden. 
Dabei war die Art der Organisierung sehr interessant, auf sehr anarchistische Weise. Bis zum heutigen 03. Dezember war es möglich eine 
starke Auseinandersetzung zu führen ohne nachzugeben, und zwar überall gleichermaßen: in Santiago, Valparaiso, Iquique, Tocopilla, Puerto 
Montt - man kann sagen fast im ganzen Land.

Ich sende dir einen Text, den wir am Anfang des Volksaufstands verfasst haben und der immer noch höchst aktuell ist. Vor allem heute, da die 
Regierung hervorgehoben hat, dass ihre Feinde, welche für die Brände und Plünderungen verantwortlich seien und die nun die Straße übernommen 
haben, die Anarchist*innen seien. Und daher soll eine Unterdrückungskampagne gegen Gruppen und Einzelpersonen gestartet werden.

Grupo Anarquista Germinal (Concepción/Chile, 04.12.2019)
+++
Chile: "Ich weiß nur, das ist nicht Marx. Es ist eher Bakunin"[1]
Jetzt ist die Zeit der nachbarschaftlichen und gleichberechtigten Organisationen und Kollektive. Die Regierung hat nicht verstanden, dass 
dies ein Kampf ist, der schon lange begonnen hat, bevor die Demokratie zurückkehrte.[2]Denn es ist ein Kampf, in dem wir alle uns erhoben 
haben: Kleinbäuer*innen (pobladores), Studierende, Arbeiter*innen, erwerbslose Eltern, Kinder und Jugendliche, die alle eine neue Verfassung 
anstreben, die jeden miteinbezieht.[3]

Doch letztendlich haben wir eine Verfassung bekommen, die auf der Ebene der politischen Parteien abgeschlossen wird, welche niemand anderen 
miteinbeziehen als sich selbst. Darüber hinaus haben sie gesetzliche Abkommen getroffen, die ihnen nützen und damit auch dem großartigen 
Schicksal des Landes. Bereits Ende der 1980er, dass dies eine Parteidiktatur ist, denn der einzige Weg der anerkannt und erlaubt ist, um 
Stellvertretung auszuüben bzw. ein*e Stellvertreter*in zu sein, ist durch die politischen Parteien.

In den 1990ern wurde eine neue Art der Zusammenkunft und des Handelns entwickelt, welche die autoritäre und ausschließende Struktur der 
traditionellen Organisationen in Frage gestellt hatte. Jedoch mit den Praktiken aus den 1980ern wurden Organisationen aufgebaut, die ganz 
langsam vom Autoritarismus[4]und von einer verlogenen Führerschaft durchzogen und übernommen wurden (was nicht bedeuten soll, dass es eine 
"ehrliche" Führerschaft gibt oder dass sie besser wäre).

Dennoch gibt es noch Organisationen, deren Ziel weiterhin eine inklusive Verfassung ist. Und eben diese haben auch bewusst keine 
Anführer*innen oder Stellvertreter*innen und schaffen es die gesamte Gesellschaft mit einzubeziehen, die langsam ihre Stärke und ihre 
Solidarität im Kampf entdeckt.

Diese Auseinandersetzungen der letzten vier Wochen haben es ermöglicht, auf eine aktive und alarmierende Weise die dringenden Forderungen 
aufzuzeigen. Die haben jedoch nichts mit der Einführung von 30 Dollar teuren U-Bahn-Tickets zu tun, sondern viel mehr mit den Plünderungen, 
bei denen die gestohlenen Waren an die Bevölkerung zurückgegeben wurden. Oder mit den ausgetrockneten Flüssen, wegen denen viele Leute ihre 
Tiere nicht tränken oder ihr Getreide nicht gießen können, während ein einziger "Herr" (señor) viele Hektar Land sehr gut bewässern kann.

Ebenso wie diese Flüsse, deren Strom zurückgekehrt ist, strömt auch die Bevölkerung als ein Ganzes, durch die Sozial- und 
Basisorganisationen, abseits von den Parteien, welche seit vielen Jahrzehnten ihre Kämpfe gelenkt haben. Die Menschen haben erste Schritte 
auf dem Weg der Selbstbestimmung gemacht, sind aktiv geworden und sprechen für sich selbst. Ihr Ziel sind grundlegende Veränderungen und 
dadurch wird das Modell des radikalen Kapitalismus in Frage gestellt.

Als Anarchist*innen sehen wir, dass diese Protestkundgebungen es geschafft haben, eine grundsätzliche Verschiebung der gesellschaftlichen 
Kämpfe hervorzubringen. Daraus hat sich ein Aufstand entwickelt, der die wirtschaftlichen Symbole angegriffen hat, die für die Unterstützung 
dieses Systems stehen. Dieses befindet sich nicht in der Krise, sondern im Niedergang. Denn genauso, wie die Liberalen den Sozialismus in 
Venezuela als ein System bezeichnen, das keine Antworten mehr hat, so verhält es sich mit dem chilenischen Liberalismus, der auch nicht mehr 
antwortet, denn er ist auf einer ideologischen Vorstellung gebaut, die durch Waffen erzwungen wird und von der Überschuldung der Einzelnen 
aufrechterhalten wird.

Die Menschen in ihren gleichberechtigten Organisationen und Bezugsgruppen haben es geschafft auf den Straßen zu bleiben angesichts und trotz 
der bewaffneten Armeen. Und anstatt, daß es weniger Demonstrationen gibt, haben diese noch zugenommen und mehr Leute haben sich aus Protest 
gegen die Polizeigewalt angeschlossen.

Wir denken, dass es gleichzeitig zu der Aufrechterhaltung der Barrikaden und innerstädtischen Proteste wichtig ist, im Aktivismus weiter zu 
gehen und wirkliche Basisversammlungen zu organisieren. Damit diese das Vorgehen besprechen und durch Diskussionen die Richtung der Kämpfe 
vorgeben, gemeinsam mit den Gebieten, die von der Unterdrückung und der Macht des Staates befreit wurden.[5]

Es gibt auch einen Entwurf für ein Grundeinkommen in Chile, mit dem wir vorangehen auf dem Weg zum neuen Aufbau der Gesellschaft: durch mehr 
Solidarität, mehr Aktionen und mehr Kämpfe.

Der Kampf geht weiter bis alle Politiker*innen weg sind: Alle müssen gehen!
Organisiert euch, um zu kämpfen, nicht um zu führen!

Grupo Anarquista Germinal (Concepción/Chile)

Quelle: http://blog.cnt-ait.info/post/2019/12/04/CHILE-GERMINAL-en

Anmerkungen:

1) Michael Bakunin (1814-1876), anti-autoritärer Anarchist und Mitbegründer der Ersten Internationale; Karl Marx (1818-1883), autoritärer 
Kommunist und Mitbegründer der Ersten Internationale.

2) Seit dem Putsch am 11. September 1973 gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende herrschte General Augusto Pinochet als 
Diktator bis zur Präsidentenwahl von 1990, blieb aber Oberbefehlshaber des Heeres bis zu seiner Verhaftung 1998 in London.

3) Die diktatorische Verfassung von 1980 wurde zwar 1989 leicht geändert, aber bis ihrer Reform von 2005 gab es keine grundsätzliche 
Einschränkung der zentralen Macht des Militärs bzw. des Nationalen Sicherheitsrats (COSENA). Am 10.11.2019 kündigte der Innenminister Blumel 
angesichts von Massenprotesten die Ausarbeitung einer neuen Verfassung an.

4) undemokratische, pragmatisch-reaktionäre Herrschaftsform mit begrenzter Vielfalt und unklarer Weltanschauung, aber fehlender 
Massenmobilisierung

5) Die Mapuche als größte Gruppe von Ureinwohner*innen des südamerikanischen Landes, kämpfen seit Jahrhunderten für selbstverwaltete Gebiete 
und politische Anerkennung, vor allem aber gegen Rassismus, Vertreibung und Naturzerstörung.

Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_in_Chile_2019

Mehr zum Thema:
Chile: Solidarität mit dem Protest der Arbeiter*klasse

https://anarchosyndikalismus.blackblogs.org/2019/12/13/chile-nicht-wie-marx-eher-wie-bakunin


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