(de) FDA-IFA, Gai Dào #100 - Chronologie zu Leben und Werk Gustav Landauers Von: Siegbert Wolf

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Sa Apr 20 10:30:00 CEST 2019


1870 Am 7. April als dritter Sohn jüdischer, allerdings nicht religiöser Eltern in der 
großherzoglich-badischen Residenzstadt Karlsruhe geboren: Hermann Landauer (1837-1900), 
Kaufmann, seit 1865 Inhaber eines Schuhgeschäftes in Karlsruhe, Rosa (genannt Röse) 
Landauer, geb. Neuburger (1845-1932). Zwei Brüder: Friedrich Salomon (1866-1901), Dr. 
jur., 1894 Amtsrichter in Philippsburg, 1895 Amtsrichter und seit 1899 Landgerichtsrat in 
Mannheim; Felix (1867-1939), Kaufmann, übernimmt das väterliche Geschäft. ---- der 
Berliner "Jungen", eine innerparteiliche Oppositionsgruppe der Sozialdemokratie. 
Bekanntschaft mit dem Nationalökonomen Benedict Friedlaender (1866-1908), ein Anhänger 
Eugen Dührings (1833-1921) und Mitarbeiter des "Sozialist". Mitbegründer der "Neuen Freien 
Volksbühne" und bis 1917 in deren künstlerischen Ausschuss tätig. Offizieller Abbruch des 
Studiums aus finanziellen Gründen und, "mangels sittlicher Befähigung", Ausschluss von 
allen 1888-1892 Nach einer klassisch-humanistischen Schulaus-
bildung am Realgymnasium (bis 1886) und dem Groß-
herzoglichen Gymnasium (1886-1888) in Karlsruhe Studium
der Fächer Germanistik, Anglistik, Philosophie und Kunst-
geschichte in Heidelberg, Straßburg und Berlin: u.a. bei
Kuno Fischer (1824-1907), Wilhelm Braune (1850-1926),
Wilhelm Ihne (1821-1902), Karl Knies (1821-1898), Erich
Schmidt (1853-1913) und Heymann Steinthal (1823-1899).
Lernt Ende 1889 in Berlin den Sprachphilosophen, Schrift-
steller, Theaterkritiker und späteren Freund Fritz Mauthner
(1849-1923) kennen.
1890 Im Januar erscheint in der von Fritz Mauthner her-
ausgegebenen Zeitschrift "Deutschland. Wochenschrift für
Kunst, Literatur, Wissenschaft und soziales Leben"
Landauers erster, zweiteiliger Artikel "Über epische und
dramatische Kunst".
1891 Landauer bewegt sich im literarisch-politischen Um-
feld des Friedrichshagener Dichterkreises, dem damaligen
Künstler- und Intellektuellenzentrum, von dem wesentliche
kulturelle und politische Impulse ausgehen. Engagement in
studentischen Literatur- und Philosophiezirkeln. Mitglied
der im Jahr zuvor gegründeten "Freien Volksbühne", Berlin.
Im Herbst erste politische Aktivitäten in einer sozialis-
tischen Berliner Studentengruppe, für die er ein Manifest
anlässlich des Internationalen Sozialistischen Studenten-
kongresses in Brüssel (Dezember) verfasst. Finanziell greift
ihm sein Cousin Hugo Landauer (1868-1933), Unternehmer
und zugleich libertär gesinnt, viele Jahre lang unter die
Arme. Ende 1891 erscheint Landauers Novelle "Ein Knaben-
leben".

1892 Im Februar Mitgliedschaft im Jahr zuvor gegründeten
"Verein Unabhängiger Sozialisten", ein Zusammenschluss
der Berliner "Jungen", eine innerparteiliche Oppositions-
gruppe der Sozialdemokratie. Bekanntschaft mit dem Natio-
nalökonomen Benedict Friedlaender (1866-1908), ein An-
hänger Eugen Dührings (1833-1921) und Mitarbeiter des
"Sozialist". Mitbegründer der "Neuen Freien Volksbühne"
und bis 1917 in deren künstlerischen Ausschuss tätig. Offi-
zieller Abbruch des Studiums aus finanziellen Gründen
und, "mangels sittlicher Befähigung", Ausschluss von allen
Abb. 18 Landauer 1892
preußischen Universitäten. Im Dezember Eheschließung
mit der Schneiderin Margarethe (Grete) Leuschner (1872-
1908), die er bei der konstituierenden Sitzung der "Neuen
Freien Volksbühne" im Oktober 1892 kennengelernt hat, in
Zürich gegen den Willen der Eltern - in Deutschland rechts-
kräftige Eheschließung im Oktober 1894. Zwei Töchter:

Charlotte Clara (1894-1927) und Marianne, genannt Annie
(1896-1898). Austritt aus der israelitischen Religionsgemein-
schaft.
1893 Im Februar Eintritt in das Herausgeberkollektiv des
"Sozialist", publizistisches Organ der "Jungen", das sich im
Sommer nach Flügelkämpfen zwischen Marxisten und
Anarchisten unter maßgeblicher Einflussnahme Gustav
Landauers den Libertären zurechnet und sich im Untertitel
"Organ aller Revolutionäre" nennt. Teilnahme an den 1.Mai-
Feiern in London, wo er die Einführung des 1. Mai als
Feiertag fordert. Im August Delegierter der Berliner Anar-
chistInnen sowie der Metallarbeiter Berlins auf dem Inter-
nationalen Sozialistenkongress in Zürich (06.-12.08.).
Nachdem Ausschluss sämtlicher libertärer Mandatare dort,
spricht sich Landauer auf deren "Internationalen Kongress
der revolutionären Sozialisten und Anarchisten" (10.-13.08.)
im "Restaurant zum Plattengarten" (Plattenstraße) für den
allgemeinen Generalstreik aus. Veröffentlichung seines von
Friedrich Nietzsche (1844-1900) beeinflussten belletris-
tischen Werkes "Der Todesprediger". Ab Herbst wegen Auf-
forderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt und
Aufreizung durch die Presse mehrmonatiger Freiheitsentzug
(Herbst 1894 Haftentlassung). Verfasst während dieser Zeit
die Novellen "Arnold Himmelheber" und "Lebendig tot".
Nach der Haftentlassung Aufenthalt in Bregenz/Österreich
(16.10.1894-05.01.1895).
1895 Im Januar Erscheinen des Aufsatzes "Der Anarchis-
mus in Deutschland", im gleichen Monat Einstellen des
"Sozialist" infolge staatlicher Repression sowie mangelnder
Finanzmittel. Im März scheitert der Versuch, in Freiburg i.
Br. ein Medizinstudium aufzunehmen, an seinem politi-
schen Vorleben. Im Frühjahr Mitbegründer der Berliner
Arbeiterkonsumgenossenschaft "Befreiung", die alle
rdingsbereits nach wenigen Jahren aufgrund unzureichender
Resonanz auseinanderfällt. Im Mai Erscheinen der Broschü-
re "Ein Weg zur Befreiung der Arbeiter-Klasse", in dem
erdie Notwendigkeit der Gründung von Konsumgenossen-
schaften für die ArbeiterInnen betont. Ab Mai erneutermeh
rmonatiger Aufenthalt in Bregenz. August: Wiederer-
scheinen des bis Dezember 1899 bestehenden "Sozialist" als"
Neue Folge" mit dem Untertitel "Organ für Anarchismus -
Sozialismus", herausgegeben von Gustav Landauer, Wilhelm
Spohr (1868-1959) und Albert Weidner (1871-1946).
1896 Zu Beginn des Jahres maßgebliche Beteiligung amBerliner 
KonfektionsarbeiterInnenstreik. Anfang März Mit-
begründer der "Freien anarchistisch-sozialistischen Vereini-
gung" in Berlin. Im Sommer Delegierter des Internationalen
Sozialistenkongresses in London (27.07.-01.08.), auf dem die
AnarchistInnen endgültig aus der Zweiten Internationale
verbannt werden. Auf dem nachfolgenden Sonderkongress
der Ausgeschlossenen hält Gustav Landauer am 30. Juli eine
denkwürdige Rede, in der er Kleinbauern und Landarbei-
terInnen zur Gründung von Genossenschaften auffordert.
Flugschrift: "Von Zürich bis London".
1897 Als Reaktion auf den sich abzeichnenden Niedergang
des "Sozialist", Niederlegung der dortigen Redaktions-
tätigkeit, schreibt aber auch weiterhin regelmäßig für das
Blatt. Verstärkte Hinwendung zu literarischen und philoso-
phischen Themen. Gemeinsam mit Moritz von Egidy (1847-
1898) und Wilhelm Spohr (1868-1959) nimmt Gustav
Landauer Anfang März an einer öffentlichen Kundgebung
gegen die "Justizgreuel von Barcelona" teil und protestiert
gegen Schauprozesse und Folterungen von spanischen
Anarchisten. Im September Umzug vom Arbeitervorort
Pankow nach Friedrichshagen. Anfang November 1897
Vortragsreise zu Protestversammlungen gegen die ‚Inquisi-
tion' in Spanien (Frankfurt am Main, Mainz, Stuttgart,
Freiburg i. Br. u. Basel).
1898 Von März bis Juni zahlreiche Vorträge über deutsche
Literaturgeschichte in Berlin. 14. August: Tod seiner zweiten
Tochter Marianne infolge einer Gehirnhautenzündung und
Beisetzung am 17. August auf dem Friedrichshagener Fried-
hof.
1898/99 Vergebliches Engagement für den 1884 wegen -
nicht eindeutig erwiesenen - Mordes an seiner Frau zu
lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilten Friseur und Gast-
wirt Albert Ziethen (1844-1903). Broschüre: "Der Fall
Ziethen. Ein Appell an die öffentliche Meinung". Dies führt
im Frühjahr 1899 zu einem gegen Landauer eröffneten
Gerichtsverfahren und zu sechsmonatiger Haftstrafe wegen
verleumderischer Beleidigung. Haftverbüßung vom 18.08.1899
bis zum 26.02.1900 in der Strafanstalt Tegel. Während dieser
Zeit Erarbeitung der Novelle "Lebendig tot", Mitwirkung an
den sprachkritischen Studien "Beiträge zu einer Kritik der
Sprache" seines Freundes Fritz Mauthner, Übersetzung eini-
ger Predigten des spätmittelalterlichen Mystikers Meister
Eckhart (1260-1328) sowie Octave Mirbeaus Sozialdrama
"Les mauvais bergers" ("Die schlechten Hirten") (1897), das
am 10. Februar 1900 von der "Neuen Freien Volksbühne" in
der Übersetzung Landauers aufgeführt wird. Lernt am 28.
Februar 1899 die Lyrikerin und Übersetzerin Hedwig
Lachmann (1865-1918) während einer Lesung mit Richard
Dehmel (1863-1920) in der Berliner Kunstgalerie Keller und
Reiner kennen.
1900 Im Februar Haftentlassung. Engagement in der
"Neuen Gemeinschaft", der um die Realisierung von länd-
lichen Siedlungsprojekten bemühten Brüder Heinrich (1855-
1906) und Julius (1859-1930) Hart; trifft dort auf Erich
Mühsam (1878-1934), Else Lasker-Schüler (1869-1945), Julius

Bab (1880-1955) und Martin Buber (1878-1965), sein späterer
literarischer Nachlassverwalter. Im Juni hält er vor der
"Neuen Gemeinschaft" in Friedrichshagen seinen program-
matischen Vortrag "Durch Absonderung zur Gemeinschaft".
1901 Rückzug aus der "Neuen Gemeinschaft", die ihmletztlich
doch nicht auf eine wirkliche Gemeinschaft ange-
legt erscheint. Im September, zusammen mit Hedwig
Lachmann, Reise über Belgien nach England. Sie wohnen in
London und Bromley (Kent) und übersetzen Schriften von
Oscar Wilde und Rabindranath Tagore. Kontakte zu dem in
Bromley lebenden katalanischen Anarchisten Fernando
Tárrida del Mármol (1861-1915), zu Peter Kropotkin (1842-
1921), zum "Herodot der Anarchie" und Bakunin-
Biographen Max Nettlau (1865-1944) sowie zu Rudolf
Rocker (1873-1958). Teile von Kropotkins Werk übersetzt
Gustav Landauer in den folgenden Jahren. Mit seinem
Artikel "Anarchische Gedanken über den Anarchismus"
grenzt er sich unzweideutig von der terroristischen Taktik
der "Propaganda der Tat" ab.
1902 Im Sommer Rückkehr nach Berlin-Hermsdorf. Über-
setzertätigkeit (Oscar Wilde, Walt Whitman, Rabindranath
Tagore, Peter Kropotkin) und Veröffentlichung von Zeit-
schriftenartikeln über Literatur und Theater.
1903 Kontakt zur im Vorjahr gegründeten "Deutschen Gar-
tenstadt-Gesellschaft" unter dem Vorsitzenden Bernhard
Kampffmeyer (1867-1942). Scheidung von seiner ersten Frau
Margarethe Leuschner. Im Mai Eheschließung mit Hedwig
Lachmann. Zwei Töchter: Gudula Susanne (1902-1946) und
Brigitte Claudia (1906-1985), Mutter des bekannten US-
amerikanischen Filmregisseurs Mike Nichols (1931-2014).
Publikationen: "Skepsis und Mystik. Versuche im Anschluss
an Mauthners Sprachkritik" und "Macht und Mächte"(Novellen).
1904-1906 Mitarbeiter und Teilhaber in Karl Schnabels"
Axel Juncker's Buchhandlung" in Berlin, Potsdamerstraße.
Betreibt intensive literarische und historische Studien.
Nimmt regen Anteil an den Chassidismus-Forschungenseines
Freundes Martin Buber.
1905/06 Kontakt mit dem Philosophen Constantin Brunner
(d.i. Leo Wertheimer, 1862-1937) und Beschäftigung mitdessen
Werk "Die Lehre von den Geistigen und vom Volke",
das 1908, bearbeitet von Gustav Landauer, im Verlag Karl
Schnabel erscheint.
1907 Veröffentlichungen: "Volk und Land. Dreißig sozialis-
tische Thesen" sowie in Bubers Reihe "Die Gesellschaft" bei
Rütten & Loening die geschichtsphilosophische Mono-
graphie "Die Revolution".

1908 Gründung des "Sozialistischen Bundes" (SB) und Pro-
klamation der "Zwölf Artikel des Sozialistischen Bundes"
(im Juni). Im Sommer Vortragsreise nach Süddeutschland
und in die Schweiz. Dort lernt er die Anarchistin und
Gewerkschafterin Margarethe Faas-Hardegger (Pseudonym:
Mark Harda, 1882-1963) kennen und lieben. Mit ihr zusam-
men entwickelt er den Plan, den "Sozialist" als Organ des
"Sozialistischen Bundes" wieder herauszugeben.
Abb. 19 Ca. 1910
1909 Im Januar Erscheinen des "Sozialist" als Organ des
"Sozialistischen Bundes" (der so genannte "dritte Sozialist").
Im August Informationsveranstaltungen für den SB in
Westdeutschland.
1910 Frühjahr: Vortragsreise nach Süddeutschland. Beginn
seiner Mitarbeit als Theaterkritiker am "Berliner-Börsen-
Courier".
1910/11 Veröffentlicht im "Sozialist" die von ihm über-
setzte, klassische Schrift "Von der freiwilligen Knechtschaft"
des französischen Renaissance-Humanisten Étienne de La
Boétie (1530-1563).
1911 Hält am 22. Januar auf der Tolstoi-Feier der "Neuen
Freien Volksbühne" im "Neuen Volkstheater", Berlin, die
Gedächtnisrede. Erscheinen seines Hauptwerkes "Aufruf
zum Sozialismus". Ab Mai: Vorträge zum Thema Französische

Revolution. Am 19. September Vortrag in Berlin vor 700
BesucherInnen über Krieg, Antimilitarismus und einen
freien Arbeitertag. Gründung eines Ausschusses für die
Einberufung des freien Arbeitertages. Eine von ihm verfasste
Abb. 20 Werbepostkarte Boekers Festsäle
Flugschrift, "Die Abschaffung des Krieges durch die Selbst-
bestimmung des Volkes. Fragen an die deutschen Arbeiter",
die, in einer Auflage von 100.000 Exemplaren gedruckt,
noch vor ihrer Verbreitung Anfang Dezember fast voll-
ständig von der Polizei beschlagnahmt wird, führt zu einem
über ein Jahr andauernden Gerichtsverfahren. Landauer
selbst bleibt unbehelligt, weil die Flugschrift nicht unter
seinem Namen erscheint, und veröffentlicht die Flugschrift
als Artikel im "Sozialist" vom 1. Oktober 1912.
1912 Hält am 7. Februar in der "Zionistischen Ortsgruppe
West-Berlin" einen Vortrag über "Judentum und Sozialis-
mus".
1913 In dem vom Jüdischen Studentenverein "Bar Kochba"
in Prag herausgegebenen Sammelband "Vom Judentum"
veröffentlicht Gustav Landauer den programmatischen Bei-
trag "Sind das Ketzergedanken?". Im Dezember Mitbe-gründer einer "Vereinigung zur 
Vorbereitung von Siedlung-
en" des "Sozialistischen Bundes" in Wittenberg.
1913/14 Niedergang des "Sozialistischen Bundes".

1914 Im Juni Konstituierung des übernationalen "Forte-Kreises", der sich allerdings bei 
Kriegsbeginn (1. August)aufgrund nationalistischer Äußerungen einiger deutscherMitglieder 
auflöst. Im Gegensatz zu vielen FreundInnenund Bekannten - Martin Buber, Fritz und 
HedwigMauthner, anfänglich auch Erich Mühsam - lehnen diekonsequenten Antimilitaristen 
Hedwig Lachmann undGustav Landauer jegliches ‚Völkermorden' grundsätzlich
ab.

1915 Als der Verleger, Redakteur und Setzer des "Sozialist",
Max "Malte" Müller (geb. 1887), im März zum Kriegsdienst
einberufen wird, führt dies zum Einstellen des "Sozialist".
Die letzte veröffentlichte Ausgabe datiert vom 15. März.
Am 24. April Vortrag in Zürich: "Vom Sinn deutschen
Geistes, dargetan an den Dichtungen Carl Spittelers" und
am 28. April in Bern über "Das Amt der Schweiz an der
Menschheit". Lernt in Zürich die religiösen Sozialisten
Leonhard Ragaz (1869-1945) und Jean Daniel Matthieu
(1874-1921) kennen. Im Mai Musterung und dauerhaft für
"untauglich befunden." (LBr II, S. 44). Mitwirkung am
pazifistischen, anti-annexionistischen "Bund Neues Vater-
land" (BNV) sowie in dem jugendbewegten "Aufbruch"-
Kreis um den Medizinstudenten Ernst Joël (1893-1929), der
von Juli bis Oktober d. J. die Zeitschrift "Der Aufbruch"
herausgibt und in der Gustav Landauer wiederholt publi-
ziert. Erste Kontakte zum Düsseldorfer Schauspielhaus.
1916 Hält vor dem "Berliner Frauenclub von 1900" meh-
rere Vortragszyklen über Literatur. Hält am 18. Mai anläss-
lich der Eröffnung des von Siegfried Lehmann (1892-1958)
Abb. 21 Gedenktafel in der Max-Beer-Str. 5 in Berlin
geleiteten Jüdischen Volksheimes Berlin den Festvortrag
über "Judentum und Sozialismus". Leitet dort einen Kursus
über Sozialismus. Im Sommer gemeinsam mit Hedwig
Lachmann Unterzeichnung eines Aufrufs zur Bildung einer
für einen Verständigungsfrieden eintretenden "Zentralstelle
Völkerrecht". Gustav Landauer ist Mitverfasser des Grün-
dungsaufrufs der in Frankfurt am Main von Vertretern der
"Deutschen Friedensgesellschaft" und des "Bundes Neues
Vaterland" konstituierten "Zentralstelle Völkerrecht" und
Vorsitzender von deren Ortsgruppe Groß-Berlin. Lite-
rarische Vorträge über William Shakespeare, Friedrich
Hölderlin, Johann Wolfgang von Goethe und Georg Kaiser.
Dezember: Brief an den amerikanischen Präsidenten
Thomas Woodrow Wilson (1856-1924) mit Vorschlägen einer
neuen Friedensordnung.

1917 Mai: Umzug der Familie Landauer von Hermsdorf
bei Berlin nach Krumbach/Schwaben. Hält am 23. Sep-
tember in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden einen
Vortrag über den "Dichter und sein Amt" sowie am 15.
Oktober anlässlich der Uraufführung des Dramas "Gas" am
Frankfurter Neuen Theater eine Ansprache über den
Expressionisten Georg Kaiser (1878-1945).
1918 21. Februar: plötzlicher Tod Hedwig Lachmanns
(Lungenentzündung) und Beerdigung auf dem jüdischen
Friedhof in Krumbach. In Krumbach erinnert heute der
"Hedwig-Lachmann-Weg" an die Künstlerin. Im Herbst
Angebot einer hauptamtlichen Dramaturgenstelle am Düs-
seldorfer Schauspielhaus von Louise Dumont (1862-1932)
und Gustav Lindemann (1872-1960). Herausgeber der dorti-
gen Theaterzeitschrift "Masken". Die Revolutionsereignisse
vereiteln eine Übersiedlung nach Düsseldorf.
7. November: Beginn der Revolution in München. Seit Mitte
November beteiligt sich Gustav Landauer auf die Bitte des
neuen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-
1919) hin an der "Bewusstseinsrevolution". Mitglied im
"Revolutionären Arbeiterrat", der treibenden linksradikalen
Kraft der bayerischen Revolution bis zum April 1919, des
Münchner "Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrates" sowie im
"Provisorischen Nationalrat Bayerns", das seit dem 8.
November bis zur Eröffnung des aus allgemeinen, gleichen,
direkten und geheimen Wahlen hervorgegangenen, verfas-
sunggebenden Landtags im Februar 1919 formal als Vor-
parlament fungiert. Wirbt unablässig für das Rätesystem.
1919
  Januar: Erscheinen der zweibändigen Ausgabe
"Briefe aus der Französischen Revolution". 12. Januar:
Bayerische Landtagswahlen: Landauer erhält als parteiloser
Kandidat auf der USPD-Liste in seinem Wahlkreis Krum-
bach nur wenige Stimmen. Die USPD unter Eisner ist der
deutliche Wahlverlierer. Am 21. Februar, dem Tag der
geplanten Konstituierung des bayerischen Landtags, Ermor-
dung Eisners. Landauer hält auf dem Münchner Ostfriedhof
die Gedächtnisansprache während der Trauerfeier. Als
Reaktion auf die Ermordung Eisners stellt Landauer am 23.
Februar einen Antrag an den Zentralrat der bayerischen
Räte, der akademischen Gegenrevolution durch Festnahmen
entgegenzuwirken.
Am 7. April Proklamation der ersten, anarchistischen Räte-
republik in Bayern. Landauer wird Volksbeauftragter für
Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft und Künste
(kurz: Kultusminister) (zusammen mit Ernst Toller, Erich
Mühsam, Otto Neurath, Silvio Gesell, Oskar Maria Graf, Ret
Marut/B. Traven u.a.); am 13. April durch einen gegen-
revolutionären Putsch niedergeschlagen. Am nächsten Tag
Ausrufung der zweiten, kommunistischen Räterepublik, von
der sich Landauer schließlich deutlich distanziert. Gemein-
sam mit Fidelis (d.i. Felix Boenheim, 1890-1960),

Kulturbeauftragter der zweiten Münchener Räterepublik
und damit Nachfolger Landauers, arbeitet er ein Kultur-
programm aus, das allerdings von den Kommunisten
abgelehnt wird. Beim Einmarsch gegenrevolutionärer
Regierungstruppen nach einer Denunziation am 1. Mai im
Münchner Vorort Großhadern verhaftet und tags darauf im
Münchner Zentralgefängnis Stadelheim brutal ermordet -
seine Mörder werden nie bestraft.
Seiner ältesten Tochter Charlotte gelingt es, die Leiche des
Vaters und seinen beschlagnahmten schriftlichen Nachlass
freizubekommen; er wird exhumiert und nach der letzt-
willigen Verfügung Landauers kremiert. Seine sterblichen
Überreste werden zunächst in der Schwabinger Urnenhalle
aufbewahrt.
1923 Seit 1922 bemühen sich anarchistische/anarchosyndi-
kalistische Kreise intensiv darum, ein Denkmal für Gustav
Landauer auf dem Münchner Waldfriedhof aufzustellen.
Am 02.05.1923 wird dort seine Asche in einen viereckigen,
1,5 Meter hohen Betonsockel eingelassen. Die Inschrift
lautet: "Hier ruht Gustav Landauer." Die Finanzierung
erfolgt durch Spendensammlungen der anarchosyndikalis-
tischen "Freien Arbeiter Union Deutschlands" (FAUD).
1925 Fertigstellung des Gustav Landauer-Denkmals: Aus
dem Sockel ragt eine hohe Säule in Naturstein. Die Inschrift
des Denkmals, ein Zitat aus Landauers Hauptwerk "Aufruf
zum Sozialismus" (1911), lautet: "Jetzt gilt es noch Opfer
anderer Art zu bringen, nicht heroische, sondern stille
unscheinbare Opfer, um für das rechte Leben ein Beispiel zu
geben." Und darunter: "1870 * Gustav Landauer + 1919".
1933 Unmittelbar nach ihrer Machtübernahme zerstören
die Nationalsozialisten das Denkmal. Die Urne wird der
Jüdischen Gemeinde München übergeben und ist während
der NS-Zeit anonym in der ,Selbstmörder-Ecke‘ des Neuen
Israelitischen Friedhofs an einer Mauer untergebracht. 1946
veranlasst die Tochter Gudula Landauer die Wiederher-
stellung der Grabstätte ihres Vaters. Heute besteht für
Gustav Landauer und Kurt Eisner ein gemeinsames Grab
auf dem Neuen Israelitischen Friedhof - der Grabstein ist
ein Teil des früheren Obelisken.
Die von Peter Kühn (Flemlingen) und Dr. Siegbert Wolf
(Frankfurt/Main) Anfang 2015 initiierten Bemühungen zur
Wiedererrichtung des Grabmals für Gustav Landauer
führen am 29. Juni 2017 zur feierlichen Einweihung des
Gustav Landauer-Denkmals auf dem Münchner Waldfriedhof.


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