(de) FDA-IFA, Gai Dào #100 - Landauers Nachleben: Medialität statt MärtyrertumVon: Eva von Redecker

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Mi Apr 17 08:04:54 CEST 2019


"[D]a es also nicht damit getan ist, das Ohr ans Zeitentelefon zu halten, in der 
gespannten Erwartung, jeden Moment die Stimme zu vernehmen: ‚Hier Revolution! Wer dort?‘, 
haben wir, die ihr Geschick freiwillig an das des Proletariats gekettet haben, auch etwas 
anderes zu tun, als ewig nur bereit zu sein und abzuwarten."1 ---- Dass Landauer, als 
Denker der jederzeit möglichen, aus den Zwischenräumen zu entwickelnden Revolution, gegen 
das Abwarten wettert, ist nicht weiter verwunderlich. Die zitierte Äußerung birgt jedoch 
durchaus eine Überraschung, wenn wir ihr den Kontext beisteuern. Sie stammt aus einem 
Artikel, in dem Landauer 1898 eine Vortragsreihe ankündigt, die er an der von ihm 
mitgegründeten "Neuen freien Volksbühne" in Berlin zu halten gedachte. Das Thema des 
Zyklus sollte die Geschichte der deutschen Literatur darstellen.

Soll das also die Antwort sein, falls die kommende Revolution
"Was hast Du für mich getan?" fragte: "Über das Nibelun-
genlied, Gryphius und Klopstock gesprochen."? Landauer
war professioneller Vortragsredner und sprach neben expli-
zit politischen Themen immer wieder über literarische
Fragen. Darin drückt sich neben ökonomischen Opportu-
nitätserwägungen unmittelbar Landauers spezifisches Revo-
lutionsdenken aus. Wenn er im "Berliner Frauenclub von
1900" über "Himmlische und irdische Liebe in der Dichtung
Goethes und der Romantiker" referiert, wenn er 1916 die
Arbeit an seiner zweibändigen Shakespeare-Studie der Zu-
sammenarbeit mit pazifistischen Oppositionspolitikern vor-
zieht und wenn er es am 11.04.1919 in einem Brief an seine
Töchter als "richtige[n]Schmerz" beschreibt, statt in die
Matthäuspassion in eine Sitzung der revolutionären Räte-
versammlung gehen zu müssen, dann spricht sich darin
nicht die privatistische Scheu eines bürgerlichen Gelehrten
vor dem schmutzigen Handwerk der Revolution aus, son-
dern ein bestürzendes Vertrauen in die Wirk- und Spreng-
kraft von Geistesgütern.
So lange es weder den in Gemeinschaft verwirklichten
"Geist" im Landauer'schen Sinne noch auch nur seine ideal-
typischen Keimzellen in Form von Siedlungen gibt, so lange
also die freiheitsverbürgenden Denkmuster nicht praktisch
erprobt, erweitert, verfestigt werden können, bleibt als ihre
einzige Spur das geschriebene und gesprochene Wort.

Dieses zu entdecken, aufzuspüren und zu übersetzen, auszu-
legen und zu verbreiten war, was Landauer als den Kern
seiner Arbeit für die Revolution ansah. Wie Gert
Mattenklott herausgestellt hat, war es Landauer in seinem
Schaffen keineswegs um Selbstverwirklichung in Autor-
schaft gegangen, sondern um eine Bescheidung im hochge-
achteten Medialen, um die Vermittlung eines Dialogs
zwischen dem Stoff und dem Publikum.2 Landauer ist viel-
mehr der Übersetzer als der sich in genialische - und
einsame - Höhen emporschwingende romantische Dichter.
Teils in Zusammenarbeit mit seiner Frau Hedwig Lachmann
übersetzte er O. Wilde, B. Shaw und W. Whitman, P.
Kropotkin und L. Tolstoi, Meister Eckhart, R. Tagore und
Briefe aus der französischen Revolution.

Aber auch wenn er als Interpret sprach und Hölderlin,
Shakespeare oder Goethe behandelte, ging es im Kern
immer um eine Übertragung, um die Freilegung dessen, was
ihm zukunftsweisend erschien. Mit für einen Philologen
schockierender Unverfrorenheit und doch in achtungsvoller
Geste schreibt er im Vorwort zu seiner Übertragung Meister
Eckharts ins Hochdeutsche: "Mit der Freiheit, die Liebe und
Verehrung gibt, habe ich in dieser Ausgabe der Mystischen
Schriften Meister Eckharts alles weggelassen, was uns
nichts sagt. Meister Eckhart ist zu gut für historische
Würdigung; er muß als Lebendiger auferstehen." 3
Während Landauer in seinen kühnen, aber sehr sensiblen
Interpretationshypothesen neues Licht auf scheinbar Altbe-
kanntes zu werfen im Stande war - etwa in seiner Lektüre
von Goethes' Individualismus als protoanarchistisch -
setzte er durchaus auch neue Grenzen. Als Kultur-
beauftragter der ersten Münchner Räterepublik unterwarf er
umgehend die "Münchner Neuesten Nachrichten" der Zen-
sur.4
Landauers Begriff vom "Geist", ohne den sein Revolu-
tionsdenken kaum zu fassen ist, lässt sich wiederum selbst
nur verstehen, wenn man ihn mit seiner ‚utopischen Her-
meneutik‘ zusammenzieht. Landauer sucht unter dem
Begriff des Geistes stets nach Formen von Bestimmung, die
befreiend und nicht freiheitsberaubend wirken könnten.
Und er bestand darauf, dass man bereits im Hier und Jetzt
fündig werden könne, nicht nur in geistiger Utopie sondern
in jedweder Lektüre. Schon in der vom jungen Landauer
verfassten Himmelheber-Novelle ist die entscheidende Pha-
se, in der sich die Figur Judith aus ihrem Umfeld eman-
zipiert, eine der Lektüre: "So begann jetzt für sie die Zeit,
die fast jeder ursprüngliche Mensch einmal durchmacht, wo
sie aus jeder Blume einen Saft zog, der gerade für sie berei-
tet war, wo sie in jedem Buche, das sie in die Hand nahm,
das ausgesprochen fand, was in ihr lag und nach einer Form
rang." 5
Diese Hermeneutik ist weit davon entfernt, Literatur zum
einzigen ‚Bildungsfaktor‘ oder primären Einfluss auf eine
Person zu idealisieren. Gerade alle anderen sozialen Deter-
minationen zugestehend - "die Nessusgewänder dieser Frat-
zengesellschaft", wie Landauer es zusammenfasste - wird
indes auch Büchern eine gewisse Wirksamkeit unterstellt -
und den ‚richtigen‘ Büchern eine, die den neuen Geist ver-
mittelt.
Angesichts dieser Überlegungen lässt sich langsam ein
besseres Verständnis dafür gewinnen, inwiefern Landauers
vielschichtige Tätigkeit sich auf die Utopie einer gewan-
delten Gesellschaft bezieht. In breit angelegter schriftsteller-
ischer, rednerischer und übersetzerischer Tätigkeit zielte
sein Wirken darauf ab, Bruchstücke und Mosaiksteine des
"Geistes" zusammenzutragen, zu pflanzen und zu kulti-
vieren. Dies geschah sowohl auf der im Geistigen verblei-
benden Ebene, wenn er einem Publikum aus Berliner
Bürgerinnen Goethe als "Politiker der Freiheit" vorstellte,
als auch in der ausdrücklichen Anstiftung zu revolutionärer
Tat im Rahmen des "Sozialistischen Bundes" und zu grün-
dender Siedlungen. Die Doppelgesichtigkeit des geduldigen
Geistesarbeiter bleibt bestehen. Immer trieb Landauer ein
Rest revolutionärer Ungeduld um, hoffte er gleichzeitig den
wahnhaft beschleunigten Umsturz herbei und verwahrte
sich ihm gegenüber doch in immer neuer Skepsis.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass sowohl die
Konzipierung seines Einsatzes in der Münchner Revolution
als "Widerspruch" zu seinem sonstigen Wirken als auch die
Rede von einer "Probe" seiner Theorie verfehlt sind.6 Mit
Eisner, auf dessen Bitte hin Landauer sich im November
1918 ins revolutionäre München begibt, hatte Landauer
schon zuvor ein gemeinsames Projekt verbunden: Die bei-
den planten die Herausgabe einer Reihe, die unter dem Titel
"Weltweg des Geistes" alle revolutionären und pazifis-
tischen Werke der Weltliteratur vereinen sollte.7 Es scheint
nur konsequent, dass Landauer dann, sobald die Ereignisse
ins Rollen gekommen waren, sich doch in die erste Reihe
stellte, um hier den "Wahn", so weit nur möglich, lenken zu
helfen. Die Erfolgsaussichten beurteilte er nichtsdestotrotz
skeptisch.8 An einen in einer Siedlung lebenden Bekannten
schrieb er am 17.03.1919, drei Wochen vor der Ausrufung
der Münchner Räterepublik:
"Was ich zurzeit noch versuche, ist weniger leicht zu verste-
hen und gewiß nicht nach den äußeren Erscheinungen zu
beurteilen. Solange noch ein Fünkchen Hoffnung glimmt,
gebe ich die Arbeit nicht auf, im öffentlichen Leben die
Grundlagen für das Leben in wahrer Gemeinschaft zu legen
und mich nicht auf das Leben der Freiwilligkeit zurück-
zuziehen, sondern von der Not der Müssenden aus zu
helfen. Aber irgendwie werden alle Wege zu dem führen,
wovon ich ausgehe und was Sie gewählt haben: zur
Einsamkeit der Gesellten. / Sobald es geht, komme ich zu
Ihnen." 9
Seine offizielle Funktion als Kulturbeauftragter - es war die
"Umbildung der Seelen"10 bei der zu helfen ihn der bereits
im Februar ermordete Eisner gebeten hatte - dauerte keine
Woche. Am 13.04. wird die Erste Räterepublik durch einen
gegenrevolutionären Putsch gestürzt und tags darauf von
der zweiten, kommunistische Räterepublik, ersetzt. Ihr Füh-
rer Eugen Leviné weist das Angebot zur Mitarbeit, das
Landauer trotz großer Vorbehalte geäußert hatte, zurück.
Landauer fällt nicht in den Wogen der Revolution. Er lebt
zurückgezogen bei der Witwe Eisners, als er durch Denun-
ziation aufgespürt, von Regierungstruppen verhaftet und
nach Stadelheim verschleppt wird. Seinen "teuren Tod"11 als
märtyrerhafte Krönung und Erfüllung von Landauers Leben
zu deuten,12 erscheint mir nicht nur ungewollt zynische
hagiographische Beflissenheit, sondern auch ein Missver-
ständnis des eigentlich Landauer'schen Revolutionspro-
jektes zu verraten. "Es ist ein Jammer", kommentierte er
derartiges Pathos einmal selbst, "wenn Menschen statt eines
großen Lebens ein großes Ende finden." 13
Verwiesen auf die Rezeption seiner Schriften, soll zum
Abschluss noch auf ein marginales, aber womöglich viel-
versprechendes Desiderat Landauer'schen Denkens einge-
gangen werden. Wenn das Konzept des Geistes trotz allen
Bemühens um Konkretisierung doch etwas ungreifbar
bleibt, so scheint sich mir darin eine gewisse Blindheit
Landauers für die tatsächliche kommunikative Füllung von
Intersubjektivität abzuzeichnen. Landauer selbst beklagte
einmal: "[D]ie Welt ist so taub, daß ich verstummen
möchte." 14
Der Geist wird vielleicht auf eine Weise als zu stumm, als
immer noch zu monolithisch in den Individuen ruhend
vorgestellt - und darum entsteht die Notwendigkeit, in ihm
eine gewisse Homogenität zu phantasieren, deren Risiko zu
wahnhaftem Umschlag Landauer sehr wohl gewahrte. Hier
entsteht eine Lücke, die sich schließen ließe, wenn man
nicht erst auf den Inhalt des Geistes setzte, sondern bereits
auf seine kommunikative Form. Angenommen, dass Freiheit
und Gemeinsamkeit weniger in übereinstimmender Ent-
schlossenheit als in verhandelnder Bereitschaft angelegt
wären, - wäre Geist bereits realisiert, wo sich die Möglich-
keit zu einem hierarchiefreien Diskurs auftut.
Landauer selbst gibt in einem kleinen verblüffenden Text,
der eigentlich nur als zeitgebundene Glosse "Die Botschaft
der Titanic" bespricht, einen überraschenden Wink genau in
diese Richtung. Von all den naheliegenden Dingen, die
einem modernitätsskeptischen Anarchisten angesichts des
Untergangs der Titanic hätten einfallen können, verweist
Landauer voller Begeisterung ausgerechnet auf die hoch-
moderne Funktechnik, dank derer der Hilferuf - "die
Botschaft" - der Titanic direkt an die ganze Welt gerichtet
werden konnte. "Geist" besteht plötzlich in Kommunika-
tionstechnologie:
"Die Botschaft der ‚Titanic‘ ist nur eines von den vielen
Zeichen, daß die Menschheit wird. Sie ist nicht, wahrlich
nicht; aber sie ist leibhaftig im Werden. Von nichts können
wir mit so großer Wahrscheinlichkeit, mit solcher Sicherheit
sagen, daß das etwas ist, was unserer Zeit vorbehalten ist
und was nie vorher gewesen ist, wie von der Menschheit als
Wirklichkeit der Beziehung und Zusammengehörigkeit. Die
Menschheit, die Zusammenfassung der Völker des Erden-
rundes, ist von der Technik als Wirklichkeit geschaffen wor-
den, so wie sie Jesus von Nazareth für unseren Geist als
Forderung geschaffen hat." 15
Was aussteht, nach wie vor, wäre die vollkommene Verwir-
klichung der Menschheit als bezogen und zusammen-
gehörig. Landauer kann uns lehren, alle medialen Vorstufen
zu würdigen, ohne einem passiven Technologieglauben zu
verfallen. Dass das Telefon erfunden wurde, heißt nicht,
dass die Revolution bereits am Apparat ist und auch ein
distribuiertes, weltumspanndes Kommunikationsnetz ist
lediglich ein Beginn, der erst noch anzueignen und mit
Geist zu füllen wäre.

1 Gustav Landauer: Vortragszyklus zur Geschichte der
deutschen Literatur. In: Ders.: Zeit und Geist. Kultur-
kritische Schriften 1890-1919. Hg. von Rolf Kauffeldt und
Michael Matzigkeit. Grafrath 1997, S. 64-68, hier S. 65.
2 Gert Mattenklott: Gustav Landauer. Ein Portrait. In:
Gustav Landauer. Dichter, Ketzer, Außenseiter. Essays und
Reden zu Literatur, Philosophie, Judentum. Werkausgabe,
hg. von Hanna Delf und Gert Mattenklott. Band 3, hg. von
Hanna Delf. Berlin 1997, S. VII-XXII, hier S. IX.
3 Gustav Landauer: Vorwort. In: Meister Eckharts Mystische
Schriften. In unsere Sprache übertragen von Gustav
Landauer. Berlin 1903, S. 5-10, hier S. 5.
4 Vgl. Michael Seligmann: Aufstand der Räte. Die erste
bayerische Räterepublik vom 7. April 1919. Grafenau-
Döffingen 1989, S. 353.
5 Gustav Landauer: Arnold Himmelheber. In: Ders.: Macht
und Mächte. Novellen. Köln 1923, S.1-80, hier S.32.
6 In dieser Weise diskutiert z. B. Ulrich Linse das Ende
Landauers. Vgl.: Ders.: Gustav Landauer: Der Revolutionäre
Geist. In: Gustav Landauer und die Revolutionszeit
1918/1919. Die politischen Reden, Schriften, Erlasse und
Briefe Landauers aus der November-Revolution 1918/1919.
Hg. von Ulrich Linse. West-Berlin 1974, S. 9-37, hier S. 11ff.
7 Vgl. Christoph Knüppel: Einleitung. In: "Sei tapfer und
wachse dich aus." Gustav Landauer im Dialog mit Erich
Mühsam. Briefe und Aufsätze (Schriften der Erich-
Mühsam-Gesellschaft. Heft 24). Hg. von Christoph Knüppel.
Lübeck 2004, S. 5-15, hier S.10.
8 Der Tochter Gudula schreibt er kurz vor seiner Abreise
nach München: "So stehen wir vor der größten Wandlung,
ohne daß die meisten innerlich bereit und gewandelt sind."
Brief an Gudula Landauer vom 13.11.1918. In: Gustav
Landauer. Sein Lebensgang in Briefen. 2 Bde. Hg. von
Martin Buber und Ina Britschgi-Schimmer. Frankfurt a. M.
1929, Bd. 2, S. 295.
9 Brief an Friedrich Bauermeister vom 17.3.1919. In:
Landauer. Sein Lebensgang (s. oben), S. 395.
10 Lebensgang (s. oben), S. 296.
11 Diese Wendung entlehne ich Ilse Aichinger, die sie auf
das Ende der Geschwister Scholl bezog: "Weil das äußere
Bild aber ganz anders geworden ist[...], verharmlost[...]
und dem Schein nach erfreulich, erheiternd, verschwindet
die Heiterkeit aus den Herzen, die eigentliche Heiterkeit, die
den teuren Tod einschließt. Ein beliebiger Tod und ein
beliebiges Leben werden eingehandelt. Wir müssen auf der
Hut sein." Dies.: Vorbemerkung. In: Inge Scholl: Die Weiße
Rose. Frankfurt a. M. 1997, S.7.
12 So z.B. Ruth Link-Salinger: Gustav Landauer. Philosopher
of Utopia. Idianapolis 1977, S.87f.
13 Landauer: Himmelheber (s. oben), S.63
14 Brief an Ludwig Berndl vom 14.3.1919. In: Lebensgang (s.
oben), S. 394.
15 Gustav Landauer: Die Botschaft der "Titanic". In: Ders.:
Der werdende Mensch. Aufsätze über Leben und Schrift-
tum. Potsdam 1921, S.100-106, hier S. 105.


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