(de) FDA-IFA, Gai Dào #100: Gustav Landauers - unmittelbare Nachwirkung Von: Erik Natter

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So Apr 14 08:42:47 CEST 2019


Für viele Weggefährt*innen war Gustav Landauers Tod ein tiefer persönlicher Einschnitt. 
Sie konnten der gehässigen Propaganda gegen die Räterepublik und insbesondere gegen 
Landauer nicht glauben, schien er ihnen in den langen Jahren ihrer Freundschaften doch 
stets vom Ziel einer gerechten Gesellschaft durchdrungen.1 Die nach seinem Tod 
erschienenen Nachrufe beeinflussten das nun entstehende Charakterbild Landauers in den 
politisch-kulturellen Debatten. ---- Ausführlich würdigten Martin Buber und Margarete 
Susman den Ermordeten in der Doppelnummer 18/19 der Zeitschrift "Masken" des Düsseldorfer 
Schauspielhauses. ---- Insbesondere schätzten sie Landauers publizistisches Schaffen und 
seinen lebenslangen Kampf für eine neue Gesellschaft hoch ein. Demgegenüber erschien ihnen 
sein Engagement für die Räterepublik fragwürdig. Für Buber war das Wirken Landauers in der 
Revolution "eine Verfehlung gegen die Vernunft"2. So hätte sein tragischer
Tod ein Leben vollendet, das sich nach alttestamentarischer
Interpretation beschreiben ließ: "Gustav Landauer hat als
ein Prophet der kommenden Menschengemeinschaft gelebt
und ist als ihr Blutzeuge gefallen." 3 Dennoch schloss Buber
seinen Beitrag mit einer Vision, die auch eine neutesta-
mentarische Deutung bot: "In einer Kirche in Brecia sah ich
ein Wandbild, dessen ganze Fläche von Gekreuzigten
bedeckt war. Das Feld der Kreuze dehnte sich bis an den
Horizont, und an allen hingen Männer mannigfachen
Wuchses und Angesichts. Da schien mir, dieses sei die
wahre Gestalt Jesu Christi. An einem der Kreuze sehe ich
Gustav Landauer." 4 Margarete Susman verglich Landauer
ebenso mit dem christlichen Erlöser: "Revolutionär sein, das
heißt die Menschen lieben bis zum letzten Opfer, sie lieben
jenseits von Glauben oder Unglauben an sie; denn die
Menschen lieben, das heißt sie erlösen zu wollen.
Revolutionär sein, dass heißt das tun, was Gustav Landauer
getan hat: sein lebendiges, glühendes, kostbares Herz, sein
ganzes Selbst einsetzen in eine niedere, schlechte Wirklich-
keit.[...]Es ist schwer und mehr als das: es ist trostlos,
diesen Hass zu verstehen." 5
Von Erich Dombrowski erschien schon am 22. Mai unter
dem Pseudonym Johannes Fischart in der "Weltbühne" ein
literarisches Porträt Landauers als Folge 62 der renom-
mierten Reihe "Politiker und Publizisten". Für ihn war
Landauer neben Ernst Toller der einzige ernsthafte Reprä-
sentant der Räterepublik "unter all diesen verstiegenen
Theoretikern, Wirrköpfen und Machtscharlatanen", die
getrieben von den Umständen "an der harten Alltagswirk-
lichkeit zerschellten".6
Bereits am 25. Mai fand in der vollbesetzten Berliner
Volksbühne eine würdige Gedächtnisfeier statt. Der bekann-
te Dramatiker Julius Bab hielt eine längere Rede auf
Landauer, in der er dessen umfangreiches Werk erläuterte:
Die Triebkraft seines Schaffens sei das Ziel der sozialen
Revolution in Kultur, Philosophie und Politik gewesen,
verbunden durch ein tiefes Gefühl von der "Heiligkeit des
Lebens"7. Das ungerechte Wirtschaftssystem unter dem
Schutz des Staates sollte durch neue Bindungen und einen
solidarischen Umgang miteinander ersetzt werden. Vielen
Zuhörer*innen mag zum ersten Mal bewusst geworden
sein, welch vielseitiges Werk Landauer hinterließ, schließ-
lich wirkte er in unterschiedlichen Gruppen, die kaum
Berührungspunkte miteinander hatten: In der anarchisti-
schen Bewegung, als Vortragender im Rahmen der Volks-
bühne, als Autor von Theaterkritiken, als politischer Publi-
zist und nicht zuletzt zusammen mit seiner Frau Hedwig
Lachmann als Übersetzer bedeutender literarischer Werke.
Am 1. Juni 1919 folgte die Gedächtnisfeier der Freien
Vereinigung deutscher Gewerkschaften, der Vorläuferin der
FAUD, in der vollbesetzten Berliner Stadthalle.8 Justizrat
Viktor Fränkl stellte Landauer erstmals in eine Reihe mit
Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner und Leo
Jogiches, den "gestürzten Führenden, die das Adelsbanner
den Geknechteten vorantrugen".9 Für Rudolf Rocker war die
Ermordung Landauers "von allen das grausigste Verbre-
chen, weil dieser Mann bis zur letzten Minute das System
der brutalen Gewalt in jeder Form bekämpfte und stets als
Künder eines höheren Menschentums aufgetreten ist". Die
Gewaltexzesse seien Ausdruck der großen Angst der sozial-
demokratischen Regierung vor dem Sozialismus und ihre
letzte Karte die brutale Gewalt, weshalb sie das eigene Volk
einer neu entstandenen Militärdiktatur der Freikorps auslie-
ferte.10
Pierre Ramus sah in Landauer eine "der ruhmvollsten
Gestalten der deutschen Arbeiterbewegung und des Anar-
chismus". Er wies zusammen mit dessen Neffen Walter
Landauer auf die Gewaltlosigkeit hin, die Landauer eigen
gewesen sei.11 Dieser Sichtweise trat Erich Mühsam entge-
gen, der den Ermordeten für einen "echten Revolutionär"
erklärte und fortan gegen die einseitige Deutung Landauers
als gut meinender Literat und leidender Märtyrer auftrat:
"Man möchte ihm den Charakter des konsequenten Kämp-
fers nehmen und seinen starken, unerschrockenen, tatberei-
ten Geist in einer süßlichen Brühe von bürgerlich-ethischer
Allerweltsliebe aufweichen." 12

Siedlungskontroverse

Eine der gravierendsten Folgen des Ersten Weltkrieges war
die ungenügende Versorgungslage. Bereits 1919 begann eine
heftige Kontroverse um den Wert sozialistischer Siedlungen
in der anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Presse.
Während sich die Geschäftskommission der FAUD ablehn-
end verhielt, propagierte die Düsseldorfer "Schöpfung"
offensiv den Siedlungsgedanken, dem sich auch die Födera-
tion kommunistischer Anarchisten anschloss. Im "Freien
Arbeiter", der Landauer zu dessen Lebzeiten ablehnend
gegenüber gestanden hatte, erschien nun eine Folge von
vier längeren Auszügen aus seinem "Aufruf zum Sozialis-
mus" (1911).13 Als die Siedlung "Freie Erde" in den
"Hildener Banden" bei Düsseldorf aus einer Landbesetzung
entstand, schrieb die "Schöpfung": "Der Geist Gustav
Landauers lebt".14 25 Familien aus dem Umkreis der FAUD
verwirklichten mit einfachen Mitteln unter tatkräftiger Mit-
hilfe vieler Sympathisant*innen das Projekt. Die Finanzen
wurden durch Spenden, Siedler*innenfeste und kulturelle
Veranstaltungen aufgebracht.15 Zahlreiche frühe Siedlungs-
und Kommuneprojekte bezogen sich mehr oder weniger auf
Landauer, dessen Schriften in der Folgezeit neue Auflagen
erlebten. Selbst Heinrich Vogeler, der Gründer des "Barken-
hofs", bekannte sich als Landauer-Schüler.16 Pierre Ramus
betrachtete die Siedlungen als eine deutliche Erweiterung
des anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Wir-
kungsfeldes. Gerade Landauer habe als einer der Wenigen
darauf hingewiesen, dass die Bewegung nicht bei der Pro-
pagierung der sozialen Revolution und des Generalstreiks
stehen bleiben dürfe.17

Wachsende Anerkennung

Am 21. September 1922 erschien in der "Schöpfung" der
Aufruf der Münchner Syndikalist*innen und Anarchist*in-
nen für eine Spendensammlung zugunsten eines würdigen
Grabdenkmals für Landauer auf dem Münchner Waldfried-
hof. Die Errichtung wurde kontrovers diskutiert. So traten
der "Freie Arbeiter" und ein Teil der Syndikalist*innen dafür
ein, eher die Werke Landauers neu aufzulegen, als einen
Erinnerungsort zu schaffen. Erst im November erschien im
"Syndikalist" ein Artikel von August Kettenbach, der für
Spenden warb. Eine Zwischenbilanz im Juni 1923 ergab,
dass von den eingegangen 550.000 Inflationsmark allein
531.000 von der Münchner FAUD und immerhin 13.000 von
Metallarbeiter*innen aus Dortmund stammten. Der Rest
verteilte sich über alle anderen Orte.18 Ende Mai 1925
konnte das imposante Denkmal fertiggestellt werden. Die
geplante Einweihungsfeier wurde verboten. Seither war es
Tradition, jährlich am Todestag vor dem Denkmal einen
Kranz niederzulegen.
Langsam wuchs die Wertschätzung Landauers in Berlin.
Impulse für das Gedenken gingen von der Jugendbewegung
aus. Ende 1923 benannte sich bereits eine Gruppe der
syndikalistischen deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) nach
Landauer. Zum fünften Todestag hielt Rudolf Rocker am 2.
Mai 1924 die Gedenkrede auf der Gedächtnisfeier der SDAJ,
der sich weitere Feiern der FAUD in den Folgejahren
anschlossen. Im "Mitteilungsblatt der Arbeitsbörse Groß-
Berlin" der FAUD forderte der Autor A. K. eine stärkere
Beteiligung an der politischen Arbeit und nannte die
Vorbilder: "Die Titanengestalten P. Kropotkin, E. Reclus, R.
Bakunin, E. H. Schmidt, L. Tolstoi, Gustav Landauer usw.
sind unsere großen Wegweiser." 19 1929 gaben Ina Britschgi-
Schimmer und Martin Buber zum zehnjährigen Todestag
die umfangreiche Sammlung "Gustav Landauer. Sein
Lebensgang in Briefen" heraus. Der Ausgabe folgte eine
Flut positiver Besprechungen, die von Artur Streiters drei-
teiliger Artikelserie im "Syndikalist" über die linksliberale
bürgerliche Presse bis hin zu einer Würdigung im
"Vorwärts" durch Hans Hartmann und Walter Fabian
reichte.20 Nun war die Bedeutung Landauers als zentrale
Persönlichkeit der jüngst vergangenen kulturellen und poli-
tischen Entwicklungen bei einem breiten Publikum
etabliert. Ein Jahr später würdigte gar der preußische
Kultusminister Adolf Grimme seine Verdienste für die
Volksbühne anlässlich ihres vierzigjährigen Bestehens.21 Die
wachsende öffentliche Wertschätzung Landauers endete
abrupt mit der Machtübertragung an die NSDAP 1933.
Heute, 100 Jahre nach seinem Tod, gilt es wiederum, die
Bedeutung Landauers der breiten Öffentlichkeit darzulegen.
Wenn dies gelingt, werden wir der Einschätzung Artur
Streiters folgen können: "Gibt es nicht Lehrer der Mensch-
heit, die uns Vorbilder und Beispiele sind, Freunde, nicht
anmaßende Autoritäten? Es gibt Menschen, an denen
gerade wir in vorderster Front Kämpfenden uns immer
wieder aufrichten können - ein solcher war Gustav
Landauer, auch er zutiefst verwurzelt in den Ideen unseres
freiheitlichen Sozialismus, der den Appell an die eigenen
Kräfte des Menschen und die unmittelbare Verwirklichung
auf seine Fahnen geschrieben hat." 22

1 Vgl. etwa Julius Bab: Gustav Landauer. Gedächtnisrede
gehalten in der Volksbühne zu Berlin am 25. Mai 1919.
Berlin 1919, S. 15.
2 Martin Buber: Landauer und die Revolution. In: Masken.
Halbmonatsschrift des Düsseldorfer Schauspielhauses. Heft
18/19, Düsseldorf im Juni 1919, S. 283.
3 Ebenda S. 291.
4 Ebenda.
5 Margarete Susman: Gustav Landauer. In: Masken. Halb-
monatsschrift des Düsseldorfer Schauspielhauses. Heft
18/19, Düsseldorf im Juni 1919, S. 295.
6 Johannes Fischart: Politiker und Publizisten LXII. Gustav
Landauer. In: Weltbühne Nr. 22 vom 22.5.1919, S. 586-593.
7 Julius Bab, vgl. Anm. 1.
8 Heute bekannt als "Altes Stadthaus". Einst bot die reprä-
sentative Festhalle ca. 1.400 Plätze.
9 Zum Gedächtnis Gustav Landauers. Ansprache gehalten
von Viktor Fraenkl am 1. Juni 1919 in der Berliner
Stadthalle. In: Der Syndikalist Nr. 26 vom 7.6.1919.
10 Rudolf Rocker: Gustav Landauer. In: Der freie Arbeiter
Nr. 4 vom Mai 1919, S. 2-6.
11 Pierre Ramus: Gustav Landauer. In: Erkenntnis und Be-
freiung Nr. 12 vom 15.-31. Mai 1919; Walter Landauer:
Gustav Landauer und die bayerische Revolution. In:
Erkenntnis und Befreiung Nr. 48 vom 26.-31. Oktober 1919.
12 Erich Mühsam: Gustav Landauer und die bayerische
Revolution. In: Der freie Arbeiter Nr. 36 (September 1920).
13 In den Ausgaben 26-30 vom Juli 1920 (ohne Erscheinungs-
datum).
14 Der Siedlungsgedanke marschiert. In: Die Schöpfung Nr.
12 vom 28.7.1921.
15 Siedlerfest auf freier Erde. In: Die Schöpfung Nr. 21 vom
9.8.1921 und die Ankündigung der Düsseldorfer freien
Volksbühne. In: Die Schöpfung Nr. 30 vom 19.8.1921.
16 Schulreformer Heinich Vogeler zur Arbeitsschule. In:
Leipziger Volkszeitung vom 16.12.1921.
17 Pierre Ramus: Praktische Wirklichkeit des Syndikalismus.
In: Die Schöpfung Nr. 50 vom 12.9.1921.
18 Das Porto für einen Brief betrug im Juni 1923 100 Mark.
Vgl. Deutsche Inflation 1914 bis 1923. In: wikipedia.de.
19 A. K.: Ans Werk, an die Arbeit! In: Mitteilungen der
Arbeitsbörse Groß-Berlin, Nr. 20 vom 17.05.1924.
20 Beilage zum Vorwärts Nr. 202 vom 01.05.1929.
21 Der Abend. Spätausgabe des Vorwärts vom 22.9.1930.
22 Artur Streiter: Gustav Landauers Vermächtnis. In: Der
Syndikalist Nr. 17 vom 27.4.1929.


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