(de) FAU, direkte aktion: "ZU TRÄNEN GERÜHRT VON SO VIEL SOLIDARITÄT" - Ein Interview mit Sandra Von: FEM*FAU-Redaktion

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Di Apr 9 08:44:20 CEST 2019


Ein Interview mit Sandra (32), zweifache Mutter und Gefangenen-Gewerkschafterin. ---- In 
der Frauen-Justizvollzugsanstalt (JVA) Chemnitz besteht seit Ende 2016 eine Sektion der 
Gefangenen-Gewerkschaft (GG/BO). Die inhaftierten Gewerkschafterinnen werden von der 
Solidaritätsgruppe Jena der GG/BO unterstützt. Diese hat anlässlich des Frauen*kampftags 
2017 und 2018 Demonstrationen mit jeweils ca. 250 Unterstützer*innen zur JVA Chemnitz 
organisiert. ---- DA: Du bist derzeit in der JVA Chemnitz inhaftiert und kämpfst darum, 
dass deine Haftunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankung (Agoraphobie[1]mit 
Panikstörung, Traumatisierung u.a.) anerkannt wird und du damit deine Haft unterbrechen 
und eine Therapie machen kannst. Wie bist du überhaupt in diese Situation geraten?

S: Aufgrund meiner Traumatisierungen (sexueller Missbrauch, Eingesperrtsein) habe ich eine 
Agoraphobie entwickelt und um diese nicht spüren zu müssen, bin ich kaufsüchtig geworden. 
Angefangen habe ich mit 12 Jahren und irgendwann geriet alles außer Kontrolle. Aufgrund 
dessen habe ich Betrugsstraftaten begangen, die ich heute bereue. Und deshalb kam ich in 
Haft. Ich bin wahrlich nicht stolz darauf, aber ich bin krank. Das soll keineswegs eine 
Entschuldigung sein! Aber ich möchte gesund werden, um ein normales Leben führen zu können 
und um nie wieder Straftaten zu begehen.

DA: Du bringst dich seit einigen Monaten in die Gefangenen-Gewerkschaft ein. Wie bist du 
dazu gekommen und was machst du in dem Rahmen?

S: Ich bin durch die Demo im März darauf aufmerksam geworden und fand es klasse, dass es 
draußen Menschen gibt, die uns nicht als Monster sehen. Ich versuche, Hilfe zu schaffen 
für psychisch Kranke in Haft; versuche, Statistiken zu erstellen in dem Zusammenhang und 
die Gesellschaft, JVA's und Justizministerien darauf aufmerksam zu machen. Aber auch 
andere Bereiche, wie die mangelhafte medizinische Betreuung etc., muss mehr beachtet werden.

DA: In der JVA Chemnitz landen viele Frauen, die schon vorher schlimme Dinge durchlebt 
haben. Was ist dein Eindruck: Was hat sie in diese Situation gebracht? Welche Rolle 
spielen die Männer und der Staat dabei?

S: Oh, das sind viele Gründe. Mangelnde Liebe und Akzeptanz in der eigenen Familie. Aber 
auch viel Gewalt, sexueller Missbrauch durch Männer. Viele Frauen sind dadurch drogen- 
oder alkoholabhängig geworden oder wurden selbst zum Täter.

DA: Was möchtest du den Frauen und Männern mitgeben, die am 8. März 2019 für die Sache der 
Frauen auf die Straße gehen?

S: Ein großes Dankeschön, dass sie es machen! Denn in unserer Gesellschaft ist das nicht 
selbstverständlich. Viele von uns sind zu Tränen gerührt von so viel Solidarität, gerade 
wenn sie von den eigenen Liebenden im Stich gelassen werden aufgrund der Haft und Menschen 
wie ihr für uns da seid. Mich hat es letztes Jahr zu Tränen gerührt. Danke!

In Deutschland sind 58.692 Personen inhaftiert, davon 3.502 Frauen (Stand 31.03.2018).
In Chemnitz sind über 250 Frauen inhaftiert.

Weitere Informationen unter: www.ggbo.de

Gestern wurde die Zelle der Gefangenengewerkschafterin Sandra durchsucht und Materialien 
beschlagnahmt, mehr dazu hier.
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Der Beitrag stammt aus der Zeitung zum 8. März, die von der fem*fau, einer feministischen 
AG in der FAU, herausgegeben wurde. Die Zeitung ist kostenlos erhältlich bei den lokalen 
FAU-Gewerkschaften und online hier.

Titelbild © Anarchist Black Cross Dresden, März 201

https://direkteaktion.org/zu-traenen-geruehrt-von-so-viel-solidaritaet/


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