(de) FAU, direkte aktion: SKIZZE EINES KONSTRUKTIVEN SOZIALISMUS (TEIL 1)
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Do Sep 6 08:50:20 CEST 2018
Syndikalistische Transformationspolitik: Die Vermittlung zwischen Realität und Utopie
Hintergrund Von: Holger Marcks ---- Wenn die Krise auch nicht viel Gutes gebracht hat, so
doch zumindest, dass in der Linken ein Umdenken begann. Bereits 2009 wurde in der Direkten
Aktion festgestellt, dass Klassen- und Transformationspolitiken wieder im Kommen
sind.[1]Und da beide Ansätze - insbesondere im Verbund - schon immer Kernbestände des
Syndikalismus waren, konnte angenommen werden, dass dieser fruchtbare Anregungen für eine
Erneuerung der Linken zu bieten hat. Heute, fast zehn Jahre später, lässt sich tatsächlich
ein kleines Revival des Syndikalismus feststellen. Wie der Historiker Marcel van der
Linden letztes Jahr in einem Interview mit dem Neuen Deutschland feststelle, setzen
Gewerkschaften basisdemokratischen Typs derzeit neue, wenn auch»vorsichtige«Akzente im
allgemeinen Niedergang der Arbeiterbewegung.[2]Die FAU selbst hat im letzten Jahrzehnt
ihre Mitgliederzahl verdreifacht, und insbesondere in Berlin hat sie sich zu einer
florierenden und medial viel beachteten Basisgewerkschaft entwickelt. Mit ihren rund 500
Mitgliedern knüpft die FAU Berlin sogar an den Mitgliederstand der lokalen FAUD zum Ende
der Weimarer Republik an. Sie stellt damit die größte lokale Basisstruktur in Deutschland
und zählt mehr aktive Mitglieder als andere außerparlamentarische Organisationen der
Hauptstadtlinken.[3]Auch anderswo im Lande gedeihen syndikalistische Organisationen, so
etwa mit der Frankfurter Hochschulgewerkschaft unter_bau oder der Gefangenengewerkschaft
GG/BO.
Gleichzeitig sind Transformations- und Klassenpolitiken zu regelrechten Trendthemen der
Linken avanciert. Dies allerdings, ohne dass groß auf den Syndikalismus Bezug genommen
würde. Das ist schon ironisch. Denn der allgemeine Tenor der Debatte handelt nicht einfach
von einer Aufwertung von Klassenfragen, sondern singt auch ein Loblied auf ›horizontale‹
Organisationsformen, die eine ›präfigurative Politik‹ fundieren sollen; als ›Keimformen‹
einer künftigen Gesellschaft sollen sie neue soziale ›Beziehungsweisen‹ etablieren, mit
denen sich die kapitalistischen Strukturen jenseits des Staates aufheben lassen.[4]Nanu,
mag sich da die geschichts- und begriffsfeste Linke denken. Ist das nicht der Choral des
Syndikalismus? Richtig, genau das sind die Merkmale, die diesen von Anbeginn definierten
und von anderen Sozialismen abgrenzten. Die Linke vollzieht daher per definitionem eine
Wende zum Syndikalismus, ohne diesen explizit zu machen. Wie sich diese vertuschte
Syndikalisierung erklären lässt, ist gewiss eine diskutable Frage. Sicher ist jedenfalls,
dass die Entkopplung dieser Ideen vom Syndikalismus zu Problemen in der
Strategieentwicklung führt. Denn durch das Trugbild, es handele sich hierbei um einen
neuen Ansatz oder gar ein marxistisches Update, wird der Blick auf die Erfahrungen jener
Bewegung verstellt, die diesen Ansatz in verschiedenen Kontexten und Varianten bereits
praktiziert hat. Praxiserfahrungen sind aber das Herzstück jeder guten Theoriebildung.
Es wundert daher nicht, dass jene Debatten oft kryptisch oder abstrakt bleiben. Ihnen
fehlt das praktische Wissen, wie Selbstorganisation in verschiedenen Formen und
Zusammenhängen funktioniert, einschließlich ihrer Schwierigkeiten und Widersprüche.
Entsprechend gibt es ein großes Problem mit der Konkretwerdung. Selbst die pointierteren
Vorschläge bleiben nicht mehr als Wunschdenken, da sie keine Wege aufzeigen, die momentan
resonanzfähig wären oder Nachhaltigkeit versprechen. Eine syndikalistisch informierte
Perspektive könnte da Abhilfe schaffen. Denn wo findet man mehr Wissen über die Probleme
transformatorischer Basisorganisierung, wenn nicht in der Bewegung, die das seit 150
Jahren praktiziert und theoretisiert? Eine solche Nutzbarmachung soll mit dieser
Artikelserie erfolgen. Zu Beginn steht dabei eine Erörterung syndikalistischer
Transformationspolitik und ihres Verhältnisses zu aktuellen Debatten. Der zweite Teil
stellt dann erste Bausteine eines sozialistischen Neuaufbaus vor, während der dritte Teil
grundlegende Techniken erläutert, die der Aufbau solcher Organisationen verlangt. Im
Finale werden schließlich weitere Bausteine angedacht und eine Konföderation sozialer
Reorganisation in Aussicht gestellt. Auf diese Weise soll eine zeitgemäße Skizze dessen
entstehen, was Rudolf Rocker einst als»konstruktiven Sozialismus«bezeichnete: eine
aufbauende Sozialtechnik, die strategisch zwischen Realität und Utopie vermitteln kann.
THE SHORT GAME: ALTER WEIN IN NEUER KLASSENPOLITIK
Zu Beginn der Krise 2007/08 konnte man meinen, das revolutionäre Morgenrot stehe bevor. So
ekstatisch waren die Abgesänge auf den Kapitalismus in der Linken. Die Direkte Aktion
gehörte damals zu den Spaßbremsen und sah in der Krise»eher eine Chance für die Reaktion«.
Eine Linke, die sich nicht durch beharrliche Klassenpolitik eine soziale Basis erarbeitet
habe, könne nur zusehen,»wie die Geschichte einen dunklen Weg nimmt«.[5]Nach einer Weile
trat tatsächlich Ernüchterung ein, die mahnenden Stimmen, dass soziale Fragen wieder
ernsthafter behandelt werden müssten, wurden lauter. Spätestens mit dem flächendeckenden
Aufstieg der Neuen Rechten erhielten dann auch Positionen Auftrieb, die eine
grundsätzliche Revision linker Praxen und Organisationsformen forderten. Denn mit Didier
Eribon als Kronzeugen hielt der Verdacht Einzug, dass die Linke durch ihre abstoßende und
exklusive Verfassung selbst den autoritären Rollback begünstige, zumindest ihm nichts
entgegenzusetzen habe.[6]Diese Entwicklung gipfelte schließlich in einer Debatte um»Neue
Klassenpolitik«, wie sie von Sebastian Friedrich in der Analyse & Kritik getauft
wurde.[7]Mit ihr scheint nun auch bei der aktionistischen Linken die triviale Erkenntnis
angekommen zu sein, dass die Verhältnisse nicht durch exklusive Interventionsgruppen ins
Wanken kommen, sondern es dafür einer Basis in den unteren Klassen bedarf.
Seitdem haben Vorschläge für linke Erneuerung Konjunktur. Und um es vorwegzunehmen: Man
merkt ihnen an, dass die Linke strategisches Denken lange vernachlässigt und kaum
Organisationserfahrungen gesammelt hat. Nicht nur mangelt es an dem anthropologischen
Feingefühl, das für einen»realistischen Radikalismus«von Nöten wäre.[8]Auch fehlt, wie es
Loren Balhorn im Ada Magazin als linke Schwäche ausmacht, ein Verständnis,»wie Phase 1 und
Phase 3 zusammenhängen«, also die Transformation zwischen heute und übermorgen zu
vollziehen ist.[9]So sind die Vorschläge zwar konkret, aber beziehungslos, ambitioniert,
aber substanzlos. Nehmen wir etwa das Plädoyer von Kollektiv
Bremen,»Stadtteilgewerkschaften«aufzubauen.[10]Mit diesem (irreführenden) Ansatz will man
Anlaufpunkte im Kiez bieten, um zu allen möglichen sozialen Problemen aktiv werden zu
können. Genau das also, was fast alle linken Gruppen ohnehin anbieten. Im Prinzip kehrt
man damit das Mantra, man müsse ›an konkreten Problemen ansetzen‹, nur stärker nach außen.
Und gewiss wird man mit so einem Reframing auch offener sein als mit der sehr
ideologischen Profilierung von Affinitätsgruppen, deren exklusive Funktionsweise bleibt
aber erhalten. Denn dass es auch elaborierter Organisationsstrukturen bedarf, um aufnahme-
und entwicklungsfähig zu sein, dazu findet man keinerlei Überlegungen.
Ähnlich verhält es sich mit dem von Torsten Bewernitz vorgebrachten Vorschlag, die Workers
Centers aus den USA zu importieren.[11]Das klingt verlockend, zumal diese Zentren an die
Arbeiterbörsen des alten Syndikalismus erinnern, in denen betriebsübergreifende
Arbeitersolidarität organisiert wurde. Allerdings entstand beides tatsächlich aus einer
Bewegung von ArbeiterInnen. Genau diese soziale Basis fehlt dem Vorschlag aber, der mit
solchen Zentren ja ArbeiterInnen erstmal erreichen will. Entsprechend erklärt sie
Bewernitz denn auch zu Sammelpunkten der lokalen Linken, die irgendwas mit Klassenpolitik
am Hut hat. Dabei listet er so manche studentisch geprägte Gruppe auf, die über das
Mantra, man müsse halt ›praktisch werden‹, nicht wirklich hinauskommt. Die Zentren wären
so nur eine Ansammlung linker AktivistInnen in neuem Gewand. Dasselbe gilt für den
Vorschlag des Lower Class Magazins, einen»Kongress der Kommunen«zu etablieren.[12]Auch
hier besteht das ›Innovative‹ darin, eine Liste von Kollektiven zu benennen, die sich
darüber koordinieren könnten, darunter einige linke Gruppen, die wohl gerne in die
klassenpolitische Praxis kommen würden. Hier zeigt sich also nicht mehr als das Mantra,
man müsse halt»eine gemeinsame Praxis entwickeln«, wie es etwas einfallslos die
Gruppe»Proletarische Autonomie«einfordert, die jenen Kongress gutheißt.[13]
All diese Vorschläge bieten im Grunde keine neuen Ansätze. Mit ihnen wird so getan, als
müssten bestehende Formen der Linken nur neu verpackt werden. Dass deren Isolation etwas
mit genau jenen Formen zu tun haben könnte, bleibt missachtet. Und so laufen diese
mathematisch gedachten Vorschläge nicht auf eine erneuerte Grundlage hinaus, sondern auf
eine Summierung der bestehenden Unzulänglichkeiten. Weil sie keinerlei schöpferische
Ansätze für die strategische Verschiebung von Verhältnissen enthalten, bleibt»Phase 2«eine
Leerstelle. Generell gibt es nur wenige Vorschläge, die diese konkret auszuleuchten
versuchen, wie etwa der aus der FAU Dresden. Mit Nachbarschaftsräten, über die die
Selbstverwaltungsstrukturen eines Stadtteils ein kommunalistisches Gebilde ergeben sollen,
liegt ein Konzept vor, das eine transformatorische Perspektive aufmacht.[14]Allerdings ist
diese Strategie beziehungslos, da sie wiederum»Phase 1«überspringt: die Herstellung einer
sozialen Basis. Die Räte wären also nur eine Ansammlung linker AktivistInnen, die Zeit für
experimentelle Lebensformen haben. Und wahrscheinlich würde man, indem man den zweiten
Schritt vor dem ersten geht, noch die Distanz zum sozialen Umfeld vergrößern. Denn als
kleine Minderheit die Reorganisation einer Nachbarschaft zu beanspruchen, würde zurecht
als anmaßend, wenn nicht sogar illegitim wahrgenommen werden.
Dass die Linke ein Problem hat, an der Substanz zu arbeiten, die eine
Transformationspolitik voraussetzt, hat viel damit zu tun, dass sie Klassenfragen zwar
theoretisieren kann, ihr für die Praxis aber die nötige Empathie fehlt. Immerhin ist sie
seit Jahrzehnten eine vorwiegend jugendkulturelle Veranstaltung bildungsbürgerlicher
Abkömmlinge, die in Nischen überlebt und kaum praktischen Bezug zur Masse hat. Dieser gap
lässt sich nicht einfach mit klassenpolitischen Postulaten überwinden, sondern erfordert
aufrichtige Hingabe. Was das genau meint, lässt sich mit einer Analogie erklären, die der
afro-amerikanische Aktivist Ahjamu Umi gezogen hat, als er die US-Linke für ihre
Antifa-Arbeit kritisierte.[15]Mit ihrem kurzsichtigen Aktionismus sei sie anscheinend
nicht wirklich interessiert daran, das Problem des Rechtsrucks zu lösen, was nämlich
bedeuten würde, durch harte Arbeit das Vertrauen der Massen zu gewinnen. Die AktivistInnen
seien wie Kerle, die Frauen schnell an die Wäsche, aber keine tiefere Beziehung zu ihnen
aufbauen wollten. Die (ungewöhnliche) Analogie lässt sich gut auf das Feld der
Klassenpolitik übertragen. Viele Linke handeln sozusagen wie Pick-Up-Artists, die ohne
Umwege das Arbeitersubjekt erobern möchten. Und wie bei den Pseudo-Casanovas klappt das
natürlich selten und man stößt eher ab - und trotzdem redet man ständig über das
›Aufreißen‹, weil man sich in der Szene profilieren will.
Tatsächlich hat die Linke seit 1968 ihre Praxis hyperideologisiert, war mehr daran
interessiert, wie ihre Ideen in Szeneohren klingen als an den Menschen. Das spiegelt sich
in ihren praxistheoretischen Diskursen wider, die zumeist meta- und makroanalytisch
fundiert sind, also über ›große‹ Problem räsonieren. ›Kleinen‹ Problemen begegnet man mit
Verachtung; sie sind für linke Profilierung, die vermeintlich ums Ganze geht, ungeeignet.
In mikro- und mesoanalytischen Fragen - etwa wie Organizing und Ideenvermittlung
funktionieren oder wie man Organisationen effizient und dynamisch konstituiert - verhält
sich die Linke daher ignorant. Sie neigt so zu einer»Selbstverständlichmachung«von
Organisationspraxen,[16]die nicht anschluss- und leistungsfähig sind. In Erwartung, dass
sich eine Bewegung ›organisch‹ entwickele, verkennt sie, wie sich durch gut konstruierte
Organisationen und passgenaue Taktiken Handlungsspielräume umgestalten lassen. Sie hat so
eine nur sehr grobe, weil zu kategorische Praxistheorie, der das Feingefühl für Prozesse
abgeht. Langfristige Strategien und damit Erfolge sind so nicht möglich. Wie ein Laie im
Schach räumt sie kurzsichtig die Bauern ab, um im Gegenzug ihre besten Figuren zu
verlieren. Sie spielt das short game, dem der Weitblick für das Ganze fehlt. Ein solcher
würde sich eben nicht einfach auf die ›großen‹ Prozesse richten, sondern beachten, wie die
vielen ›kleinen‹ zusammenspielen.
VERTUSCHTE SYNDIKALISIERUNG: DIE TRAGIK DER TRANSFORMATIONSSTUDIEN
Ob dieses kategorischen, unterbestimmten Denkens über Prozesse gesellschaftlicher
Veränderung scheint es begrüßenswert, dass nun eine vertiefende ›Transformationsforschung‹
im Entstehen ist. Beispielhaft hierfür seien Simon Sutterlütti und Stefan Meretz genannt,
die neuerdings für einen Ansatz werben, der nicht auf die Abschaffung des Kapitalismus
abzielt, etwa durch die Eroberung der staatlich-politischen Macht, sondern auf eine
Revolution der sozialen Beziehungen.[17]Im Mittelpunkt stehen dabei soziale Räume
innerhalb der kapitalistischen Gegenwart, in denen die inklusive Logik utopischer
Gesellschaftsformen schon enthalten sind. Diese»Keimformen«könnten als Grundlage einer
neuen Gesellschaft dienen und den»Kapitalismus aufheben«. Damit ist wortwörtlich der Kern
der syndikalistischen Praxistheorie umschrieben, und insofern könnte man nun gespannt
sein, wie die Autoren diese weiter ausdifferenzieren. Doch statt an genau diese
anzuknüpfen, erklären die Autoren die Keimformtheorie - wumm! - zu ihrer»eigenen«.[18]Auch
ihr Verlag betont, dass es sich um»neue Theorieansätze«handele.[19]Auf diese Weise werden
einfach mal 150 Jahre Keimformtheorie und -praxis beseitigt. Für eine Theoriebildung, die
behauptet, mit Bestehendem nicht einfach brechen, sondern neue Beziehungen da heraus
entwickeln zu wollen, verheißt das nichts Gutes.
Was aber treibt Sutterlütti und Meretz dazu, den syndikalistischen Kernbestand derart
arglos zu usurpieren? Dass jemand, der sich Revolutionstheorien widmet, nicht im Bilde
sein soll, dass die Keimformtheorie (auch»Embryo-Theorie«genannt) den Ausgangspunkt langer
Kontroversen in der Arbeiterbewegung darstellt,[20]ist eigentlich kaum zu glauben. Vor
allem, wenn man bedenkt, dass die vorgebrachten Schlagwörter nichts anderes als eine
Paraphrasierung der syndikalistischen Leitidee sind, dass ›die neue Gesellschaft in der
Schale der alten aufzubauen‹ sei. Der mildeste Vorwurf wäre wohl noch, dass die Autoren
von Ideengeschichte wenig Ahnung haben und sich von anderen Usurpatoren haben anstiften
lassen. Für jemanden, der beansprucht, den historischen Widerspruch zwischen Reform und
Revolution zu lösen, ist das zwar nicht rühmlich, aber es wäre zumindest erklärbar. Denn
zuletzt gab es eine Reihe marxistischer Theoretiker, welche die Verwirrung der Ideen
vorbereitet haben, darunter Erik Olin Wright, der von den Autoren als maßgebliche
Inspirationsquelle genannt wird. In Reale Utopien entwarf dieser 2010 eine
egalitär-sozialistische Transformationsperspektive, die sich wie eine Bilanz
syndikalistischer Debatten liest.[21]Nur, dass der Syndikalismus keine Erwähnung findet -
allenfalls ein paar»Intuitionen des zeitgenössischen Anarchismus«finden beiläufig
Würdigung.[22]
Bei Wright werden wir jedenfalls schlauer, wie es zu der Vertuschung kommt. So bestimmt er
drei Transformationselemente, die bisher nebeneinander bestanden hätten und von ihm zu
einer Gesamtperspektive austariert werden: den revolutionären Bruch, den Aufbau von
Freiraum und die reformerische Symbiose - wobei er den Anarchismus auf die
Freiraumstrategie reduziert. In diesem Modell, das auch von Sutterlütti und Meretz
angeführt wird, steckt ein grundlegender Fehler: Zwar ist es richtig, dass sich der
Neo-Anarchismus ab 1968 vorwiegend auf Freiräume beschränkte, doch der klassische
Massenanarchismus, insbesondere in Form des Syndikalismus, dem noch heute die größten
anarchistischen Organisationen zuzurechnen sind, hatte immer schon alle drei Elemente
zusammengedacht.[23]Ebenso falsch ist auch Wrights Behauptung, seine Sozialismuskonzeption
sei nicht mit Anarchismus zu verwechseln, weil sie Spielregeln und
Koordinationsmechanismen vorsehe, während AnarchistInnen sich vorstellten, dass sich eine
neue Ordnung rein spontan errichte und erhalte.[24]Auch das ist nur eine Vorstellung des
recht vulgären Neo-Anarchismus. Gerade der Syndikalismus ging stets von einem geordneten
Übergang zu einer dezentralen Planwirtschaft in einem föderalen Gemeinwesen aus. Je nach
Staatsdefinition lässt sich das sogar als Form staatlicher Ordnung bezeichnen.[25]
Wrights Modell basiert also auf Differenzbestimmungen sozialistischer Traditionen, die
wenig mit den tatsächlichen historischen Erscheinungen zu tun haben. Insbesondere der
Anarchismus scheint nur als verstümmelte Karikatur auf, während seine bedeutendste
Variante, der Syndikalismus, ganz ausgeblendet wird. Eine ähnliche Unkenntnis ließ sich
schon bei Antonio Negri und Michael Hardt beobachten. Noch bevor John Holloway es 2002 zur
neuen marxistischen Devise erklärte, dass die Welt zu verändern sei,»ohne die Macht zu
übernehmen«,[26]legten sie 2000 mit Empire das Fundament für eine Perspektive
transformatorischer Gegenmacht, bei der sie sich aus dem Baukasten des Syndikalismus
bedienten.[27]Wie Wright fühlten auch sie sich genötigt festzustellen, dass ihr Entwurf
zwar dem Anarchismus zum Verwechseln ähnlichsehe, er aber keiner sei, weil sie»vom
Standpunkt einer Materialität aus argumentieren«.[28]Das ist, um es deutlich zu sagen,
blanker Unfug. Die Spaltung zwischen Marxismus und Anarchismus vollzog sich ja gerade
anhand der strategischen Frage, ob die politische Macht zu erobern oder eine soziale
Revolution von unten zu machen sei. Die AnarchistInnen der Ersten Internationale waren
dabei ebenso wie die folgenden SyndikalistInnen Freunde des Materialismus, wollten diesen
aber auch durch eine Institutionen- und Kulturkritik ergänzt wissen.[29]
Diese Erweiterung haben viele MarxistInnen seit 1968 dann auch vollzogen - und, da sich
daraus ein anderer analytischer Blick ergibt, indessen auch dieselben strategischen
Konsequenzen gezogen. Eigentlich handelt es sich damit gar nicht mehr um Marxismus. Übrig
ist nur noch eine gespaltene, fragile Identität: Man bildet sich eine theoretische
Besonderheit ein, die aus einer speziellen (und damit grundsätzlich bornierten) Variante
von Materialismus resultieren soll, geknüpft an die Fetischisierung eines Denkers, der die
Ausrichtung der heutigen ›MarxistInnen‹ selbst unversöhnlich bekämpft hatte.[30]Bei dieser
Feststellung geht es keineswegs um einen ideologischen Putzfimmel, sondern um die
Probleme, die folgen, wenn Begriffe, die immer auch Realität schneiden, nicht konsistent
gehandhabt werden. So werden ja gerade durch jene krude Identität - das zeigen Wright,
Negri und Hardt mit ihrer Anarchismus-Abgrenzung -, unnötige Trennlinien gezogen, die eine
linke Konvergenz trotz erheblicher Überschneidungen erschweren. Und zugleich verengt es
die Potentiale der Theoriebildung. So ist der neue ›Marxismus‹ durch die Vertuschung
seines syndikalistischen Gehalts zur Farce gezwungen, um mit Marx selbst zu sprechen. Denn
wo er die Kontinuität der Ideen nicht herstellt, wird der Blick auf theoretische
Erkenntnisse aus der Geschichte verstellt, deren Herstellung nun mühselig wiederholt wird.
Nehmen wir etwa Bini Adamczaks Beziehungsweise Revolution, das zurzeit viel Lob erhält,
weil es linke Revolutionstheorie erneuere.[31]Die marxistische Autorin kommt darin zu der
Vermutung, dass die Linke»immer schon ... in einer spezifischen Fixierung auf das
übermächtige Gegenüber«gefangen gewesen sei, was sie dazu verleitet habe, Revolution vor
allem negativ als Destruktion der bürgerlichen Gesellschaft zu denken.[32]Sie plädiert nun
dafür,»Revolution primär als Transformation, mehr noch als Konstruktion
aufzufassen«,[33]womit gemeint ist, an der Wirklichkeit zu arbeiten, die der
revolutionären Möglichkeit im Wege steht. Genauer: Durch den Aufbau neuer Beziehungsweisen
soll der Utopie Vorschub geleistet werden. Auch das kann nur als neue Lesart von
Revolution erscheinen, wenn man die Kartographierung revolutionärer Theorie und Praxis
vorwiegend auf den marxistischen Literaturkanon stützt. Im Syndikalismus war das
jedenfalls stets Usus. Karl Korsch stellte nicht umsonst 1912 fest, dass der Marxismus nur
die»negative«Seite des Sozialismus (Abschaffung des Kapitalismus) benannt habe;
die»positive«Seite erblickte er u.a. im Syndikalismus mit seinem konstruktiven
Revolutionsmodell.[34]Für eine Wiederbelebung revolutionärer Praxis, erklärte der
Ex-Marxist schließlich 1950, sei es nötig, mit der Überhöhung marxistischer Theorie zu
brechen - und auf andere Wege des Sozialismus zu setzen.[35]
THE LONG GAME: 150 JAHRE REALUTOPISCHE KEIMFORMTHEORIEN
Das scheint indes zu geschehen, wenn auch nicht nominell - was zugleich eine Erklärung
dafür sein mag, warum es so lange dauerte: Die Identität vieler Linker erschwerte es, sich
direkt auf nicht-marxistische Traditionen zu beziehen. Dafür bedurfte es mancher»backdoor
moves«, die eine schrittweise Konvergenz ermöglichen.[36]Transformativ wirkte dabei etwa
der Zapatismus, der anarchistische Grundsätze inkorporierte und sie Anfang der 2000er
Jahre in der Linken salonfähiger machte,[37]oder neuerdings der Demokratische
Konföderalismus, mit dem anarchistische Ideen des Kommunalismus auf den kurdischen Kontext
übertragen wurden, die über die Kurdistan-Solidarität auch in die westliche Linke
eindrangen.[38]Aber auch die Solidarische Ökonomie mag dazu beigetragen haben. Angeregt
insbesondere von Beispielen in Lateinamerika, wo die Organisationspraxen der
Arbeiterbewegung stets einen syndikalistischen Gehalt hatten, schwappte so auch deren
impliziter Charakter über.[39]Auch neuere Begriffssetzungen tragen zur Vernebelung
originär anarchistischer Ansätze bei, wie etwa»Horizontalismus«, womit eine
basisdemokratische Praxis der»Alltagsrevolutionen«beschrieben wird,[40]oder der Begriff
der»präfigurativen Politik«, der Ansätze meint, welche die Gesellschaft der Zukunft in den
Praxen der Gegenwart vorwegnehmen: Keimformpolitik eben, also Syndikalismus.[41]
Allerdings lässt sich die Vertuschung des Syndikalismus nicht allein auf eine»marxistische
Geschichtslosigkeit«zurückführen, wie sie Philippe Kellermann richtigerweise
feststellt.[42]Es gibt weitere Verschleierungsmechanismen in der Linken, die eine
Konsistenz der Ideen erschweren.[43]So lässt sich feststellen, dass viele Positionen, mit
denen die Direkte Aktion vor zehn Jahren so gut wie alleine dastand, heute gängig in
linken Magazinen sind. Die Ideen des Syndikalismus sind also diffundiert, wie man in der
Normenforschung sagt; und solche Diffusion vollzieht sich eben häufig mittelbar, durch
sogenannte»broker«, die zwischen den Kontexten stehen und Ideen weiterreichen.[44]Ihre
Ursprünge werden so verschleiert, wobei dies auch durch Zustände im
Gegenwartssyndikalismus verstärkt wird, der sich, einer Marotte des Neo-Anarchismus
folgend, sehr anonym gibt und allergisch darauf reagiert, wenn sich Gesichter und Köpfe
der Bewegung exponieren. Mit dieser Variante des»Bilderverbots«bringt er kaum Personen
hervor,[45]die mit seinen Ideen identifizierbar wären. Zugleich - und hier trifft das
verbliebene Abgrenzungsmerkmal der marxistischen Identität tatsächlich zu - waren
AnarchistInnen und SyndikalistInnen in den letzten Jahrzehnten nicht sonderlich auffällig
in theoretischen Diskursen. Ihre Geschichte und Theorie kennen sie selbst nur in
Bruchstücken, während Weiterentwicklungen selten sind.
Umso ärgerlicher ist die historische Diskontinuität, die durch neuere
Transformationstheorien geschaffen wurde. Dann dadurch, dass sie eine»Beziehung der
Beziehungslosigkeit«zum Syndikalismus einnehmen,[46]entsteht eine Entfremdung von dessen
Erfahrungskanon, die gleich zweifach nicht konstruktiv ist. Zum einen kommen so die
durchaus guten Erwägungen keiner Aktualisierung des Syndikalismus zugute, die durchaus
erforderlich wäre. Zum anderen lässt diese Neuerfindung des Rades praktisches Wissen über
Kontexte und Effekte transformatorischer Politik außer Acht. Dadurch tappen die Theorien
nicht nur im Dunkeln bei Fragen, die eigentlich schon erhellt wurden, sondern laufen auch
Gefahr, Fehler des Syndikalismus zu wiederholen. Sutterlütti und Meretz etwa liefern zwar
ein soziologisches Erklärungsmodell, wie alternative Strukturen bestehende Institutionen
der Gesellschaft ablösen können, wie dies konkret, also strategisch zu füllen wäre, können
sie jedoch mangels empirischer Erfahrung nicht beantworten, bleiben somit abstrakt.
Aufgrund desselben Mangels schießt auch Wright, der fast schon ein Programm der
Transformation vorlegt, nur ins Blaue. Hardt und Negri wiederum bewegen sich, wie auch -
in geringerem Maße - Adamczak, oft im Bereich des Kryptischen, indem sie die Debatte mit
akademischen Begriffen und Denkübungen anreichern, ohne etwas Konkretes beizusteuern.
All diesen Theoretisierungen hätte eine konstruktive Beziehungsweise zu syndikalistischer
Theorie und Praxis gutgetan. Damit würde es ein besseres Bewusstsein über Probleme und
Grenzen der Transformation geben, die, auch wenn sie softer als Umsturzabsichten
daherkommt, heftige Reaktionen hervorrufen kann, mit denen strategisch umgegangen werden
muss. Auch würde damit klar sein, dass gerade Keimformansätze, wenn sie der komplexen
Aufgabe sozialer Reorganisation gerecht werden sollen, viel Expertise über
Organisationsstrukturen und institutionelle Logiken erfordern. Und das fängt schon dabei
an, wie sich emanzipatorische Strukturen gegen autoritäre Kooptation oder Degeneration
schützen lassen. Genau damit hatte der Syndikalismus von Beginn an Erfahrungen machen
müssen. Immerhin hat er seinen Ursprung in der Ersten Internationale (1864-1877), in der
sich verschiedene Arbeiterassoziationen (Gewerkschaften) eine föderale Struktur gegeben
haben, in der die Initiative bei der Basis lag. Diese Konstitution versuchte der
Generalrat um Karl Marx zu beseitigen und stattdessen ein zentralistisches Parteienmodell
zu verordnen. Im Zuge dieses Putsches von oben wandte sich fast die komplette
Internationale von Marx ab, um den Föderalismus wiederherzustellen. Dennoch war durch die
Spaltung der Niedergang der Internationale eingeleitet.[47]
Es ist diese Erfahrung, die zu einer anti-autoritären Sensibilisierung in der
Arbeiterbewegung führte, über die sich der Anarchismus im Kontrast zum Marxismus
ausdifferenzierte. Dies mündete ab den 1890ern in der Ausformulierung des
syndikalistischen Ansatzes. Er stützte sich auf die ›natürliche‹ Organisationsform der
Arbeiterklasse, nämlich Gewerkschaften, und war insofern»das Resultat einer langen Praxis,
die durch die Verhältnisse geschaffen wurde«.[48]Anders als der Marxismus nahm er sie in
ihrer Funktion als»eigentliche Arbeiterbewegung«, wie Friedrich Engels einst die
ökonomischen Kampforganisationen der Arbeiterklasse nannte, ernst. Als autonome»Partei der
Arbeit«sollten sie eine parteipolitische Strategie zur staatlichen Machteroberung
überflüssig machen und zur Schule der Revolution gemacht werden.[49]Das bedeutete,»an der
Veränderung der Mentalitäten, der Gesellschaftsformen und der wirtschaftlichen
Beziehungen«zu arbeiten,[50]also das, was Adamczak als»Abtragen«der Realität bezeichnet,
die der Utopie im Wege steht.[51]Damit war der Syndikalismus grundsätzlich materialistisch
geerdet, betonte aber auch ein voluntaristisches Moment. Es galt, aus den materiellen
Gegebenheiten heraus zu agieren, diese aber auch strategisch zu verändern. Wenn die
materielle Basis einer Gesellschaft ihren Überbau prägt, so musste eben die Basis
transformiert werden.[52]
Den SyndikalistInnen griff also der»äußerliche Ansatz«des Marxismus zu kurz.[53]Sie
wollten in die Tiefe der materiellen Basis vorstoßen und das long game spielen. Und diese
Langzeitstrategie lief auf die bakunistische Position hinaus, dass der Kapitalismus durch
einen»universellen Zusammenschluss freier landwirtschaftlicher und industrieller
Vereinigungen«aufgehoben werden soll, der auch die administrativen Funktionen des Staates
übernimmt.[54]Verknüpft wurde dieses Ziel mit dem Gedanken der ›Propaganda der Tat‹, der
ursprünglich - bevor das Konzept terroristisch interpretiert wurde - davon handelte, die
Menschen den Sozialismus durch Praxisbeispiele»sehen, fühlen, berühren zu lassen«.[55]Über
diese illustrative Funktion hinaus sollten soziale Selbstorganisationen die Grundlage
einer neuen Gesellschaft bieten. Getreu der Embryo-Theorie, dass die Ziele stets in den
Mitteln enthalten sein müssen - neulinks ›präfigurative Politik‹ genannt -, sollte genau
das erfolgen, was Wright als neues Programm ausgibt: der Aufbau und die Ausweitung
horizontaler Räume, also»realer Utopien«, innerhalb kapitalistischer Wirtschaften. Genau
dieses keimformtheoretische Programm wurde in der Internationale bereits 1869 auf dem
Baseler Kongress diskutiert und von den SyndikalistInnen wieder aufgegriffen und ins Werk
gesetzt.[56]Der Marxismus bekämpfte dies von Anfang an.
DAS EI DES KOLUMBUS: INTERESSENORGANISATIONEN ALS ZUGANGSVEHIKEL
Tatsächlich gelang es dem Syndikalismus, der in vielen Ländern dominierend in der
Arbeiterbewegung war, bevor diese nach der Russischen Revolution von 1917 eine autoritäre
Wende vollzog, vielerorts revolutionäre Bewegungen aufzubauen. Allerdings hatte dabei das
Element des revolutionären Bruchs immer noch ein starkes Gewicht, wie auch der
syndikalistische fiktive Roman Wie wir die Revolution machten zeigt.[57]Trotz aller
Keimformpraxis konnte man sich die Transformation ohne ein»letztes Gefecht«, etwa einen
aufständischen Generalstreik, nicht vorstellen.[58]Zum Teil war das berechtigt. Denn mit
dem Wachsen der Gegenmacht mobilisierte das verunsicherte Bürgertum in der Regel auch
schon vor einem Aufstand zur gewaltsamen Reaktion. In jedem Falle konnten sich die
SyndikalistInnen in der direkten Konfrontation mit dieser nie durchsetzen.[59]Diese
Erfahrung veranlasste TheoretikerInnen der Bewegung in den 1920ern zu Überlegungen, wie
der Weg vom syndikalistischen Organismus zur neuen Gesellschaft auch ohne aufständisches
Moment beschritten werden könnte. In der FAUD führte man daher eine Debatte
über»konstruktiven Sozialismus«,[60]die zu einer weiteren Konkretisierung der
Keimformtheorie führte. Dabei wurden umfassende soziale Gegeninstitutionen angedacht, mit
denen ein geordneter Übergang zum Sozialismus möglich wäre.[61]
Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 in Deutschland und der Niederlage der
SyndikalistInnen im Spanischen Bürgerkrieg 1939 riss diese Theoriebildung dann ab. Es wäre
Aufgabe heutiger Transformationstheorien, genau hieran wieder anzuknüpfen. Dabei wäre
insbesondere zu eruieren, wie eine allgemeine Verunsicherung und Probleme des Aufstands zu
vermeiden sind, ohne in Wirkungslosigkeit oder Systemintegration zu enden. Es ginge also
um die richtige Gewichtung der Wrightschen Elemente. Albert Camus hatte bereits 1951
dargelegt, dass es das Werk des Syndikalismus sei, das richtige»Maß«zu
finden.[62]Grundsätzlich sei dieser, dem er das»mittelmeerische Denken«zuordnet, dazu mehr
in der Lage als der Marxismus, der mit seiner»deutschen Ideologie«dazu neige, die Utopie
mit Gewalt in die Wirklichkeit zu drängen. Bei der menschlichen Emanzipation habe man sich
aber nicht an abstrakten Notwendigkeiten, sondern immer konkreten Möglichkeiten zu
orientieren.[63]Im selben Sinne sprach Alexander Schapiro davor schon von einer»bewussten
Rebellion«, bei der es situativ darum ginge, das revolutionäre Programm»permanent zu
maximalisieren und das Endziel der ›integralen‹ Emanzipation nie zu beschränken«.[64]Und
Rudolf Rocker verwies ohnehin häufig darauf, dass die Gelegenheiten einer Zeit und die
jeweils anstehenden Aufgaben richtig identifiziert werden müssten.[65]
All das sind Ausdrucksweisen der Pougetschen Maxime, dass revolutionäre Arbeit zu machen
ist,»ohne die Gegenwart der Zukunft oder die Zukunft der Gegenwart zu opfern«.[66]Es geht
gewissermaßen um ein revolutionäres Taktgefühl, bei dem situativ zwischen Realität und
Utopie vermittelt wird. Genau in dieser strategischen Frage, die zuallererst immer die
angemessenen Organisationsformen betrifft, stehen die neuen Transformationstheorien auf
dem Schlauch. Sutterlütti und Meretz etwa bekennen selbst, dass sie unschlüssig sind, was
die Keimformen einer neuen Gesellschaft sein sollen, sind sich aber immerhin sicher, dass
dies nicht aus der Vernetzung bestehender Nischenprojekte erfolgen kann.[67]Auch Hardt
weiß in einem arranca!-Interview kaum etwas Konkretes zu dieser Frage zu sagen, stellt
aber zumindest klar, dass etwa die in der Linken gefeierten Platzbesetzungen Anfang der
2010er Jahre viel zu spontan und unmittelbar seien, um nützlich für den konstituierenden
Prozess zur Reorganisationen einer komplexen Gesellschaft zu sein. Ein solcher erfordere
nun mal,»dass im großen Stil neue und dauerhafte soziale Beziehungen und Institutionen
geschaffen werden«.[68]Wenn er das auch nicht konkret zu füllen vermag, so teilt er damit
die Imagination des Syndikalismus, dem die spontaneistischen und unterkomplexen Illusionen
etwa des Neo-Anarchismus ebenso fremd sind.
Womöglich ist es die fragile marxistische Identität, die davon abhält, das Ei des Kolumbus
anzufassen. Gerade, wenn es darum geht, den Kapitalismus von unten zu»erodieren«, wie es
Wright nennt, dann sind sozio-ökonomische Interessen- und Selbstverwaltungsstrukturen noch
immer die naheliegendsten Organisationsformen. Wäre das aber ausgesprochen, wäre man auch
nominell im syndikalistischen Lager angekommen. Und zugleich müsste man damit von dem
marxistischen Dogma von der Gewerkschaftseinheit Abstand nehmen und alternative
Gewerkschaften befürworten. Denn dass die etablierten Gewerkschaften mit ihren
hierarchischen Zentralapparaten als Keimformen einer egalitär-sozialistischen Gesellschaft
dienen könnten, würde wohl kaum jemand behaupten. In Konsequenz müssten dann auch der Rede
von der»Konstruktion«Taten folgen, könnte nicht weiter auf die fromme Hoffnung gebaut
werden, dass eine Transformationsbewegung unmittelbar»organisch«entstünde. Denn natürlich
geht es zwar um einen sozio-ökonomischen Organismus, der mit dem echten Leben harmoniert,
doch ein solcher muss mittelbar von fähigen AktivistInnen durchdacht und aufgebaut werden
- samt Regeln und Verfahren, die eine komplexe soziale Ordnung erfordert. Auch die
problematischen Seiten menschlichen Lebens müssen eben antizipiert und berücksichtigt
werden.[69]
Gewerkschaften sind dafür die geeignete Entwicklungsstätte, denn sie stellen ein
besonderes»Zugangsvehikel«zur Realität dar.[70]Weil sie an den konkreten Interessen von
Menschen ansetzen, sind sie ideologisch nicht so voraussetzungsreich und damit über eine
enge politische Affinität hinaus attraktiv. Und zugleich können sie Grundlage einer
dauerhaften sozialen Mobilisierung sein, die nicht so verweht wie eine
Politgruppe.[71]Genau deswegen stützt sich der Syndikalismus auf die»konkreteste
Wirklichkeit«, wie Camus sagt, und versucht, ihre lebenden Zellen in seine Strategie
einzubinden.[72]Wie wirksam das sein kann, zeigt sich daran, dass der Anarchismus immer
dort Massen erreichen konnte, wo er auf die Gewerkschaftsform setzte.[73]Und dieses
Vehikel kann durchaus revolutionäre Fahrt aufnehmen. Grundgedanke des Syndikalismus war es
schon immer, noch bevor Negri und Hardt dies als ihre Theorie verkauften, die alltägliche
Rebellion, die in sozialen Konflikten aufscheint, in einer Weise zu institutionalisieren,
mit der sie ausgeweitet statt eingehegt wird. Entscheidend sind demnach weniger die Kämpfe
an sich, sondern die Beziehungsweisen, die in ihrem Kontext geformt werden. Voraussetzung
dafür ist, wie Schapiro einst darlegte, die Wechselwirkung zwischen alltäglichen
Interessenkämpfen und der Entwicklung von Strukturen sozialer Reorganisation in den
Mittelpunkt des Denkens zu stellen.[74]
Eine solche aufbauende Sozialtechnik sucht in den Verhältnissen Momente, die sich neu
verknüpfen und zu einer Alternative transzendieren lassen. Dabei wäre es falsch, den
Syndikalismus nur auf die Arbeitersphäre reduzieren. Entgegen des Vorurteils, er sei
unzulänglich, weil er nur auf Betriebe fokussiere, schloss er in seiner Hochphase durchaus
kommunalistische Strukturen ein, etwa Mieter- und Erwerbslosenhilfe,
Konsumgenossenschaften sowie Bildungs- und Kulturvereine. Insofern deutete er ein
umfassendes Modell sozialer Reorganisation an. Es wäre Aufgabe, dieses Modell nun
deutlicher auszuprägen. Dabei könnte gerade eine Kombination verschiedener Interessen- und
Selbstverwaltungsstrukturen den Unterbau für eine Gegengesellschaft bieten, deren sozialen
Beziehungen die staatlichen und kapitalistischen Strukturen überschreiben. Derartige
Transformationspolitik wäre eine glaubwürdige Vision für die Linke in einer Zeit, wo
revolutionärer Eifer als destruktiv oder blauäugig gilt, zugleich aber die Unzufriedenheit
mit Reformpolitik omnipräsent ist. Und es wäre eine Möglichkeit für die isolierte Linke,
wieder Anschluss zu finden. Denn es bedarf heute erstmal wieder grundlegender Bemühungen
im sozialen Handgemenge, damit sie ihre Glaubwürdigkeit zurückerhält. In diesem Sinne
beginnt die Transformation der Gesellschaft mit der Transformation der Linken selbst.
Im zweiten Teil der Artikelreihe werden dann erste Bausteine eines gegengesellschaftlichen
Unterbaus vorgestellt, die in der gegenwärtigen Lage resonanzfähig wären.
https://direkteaktion.org/skizze-eines-konstruktiven-sozialismus-teil-1/
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